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Politische Theologie
... Christentum neu als revolutionäres Christentum verstehen. Befreiungstheologie. Bearbeiten. Die Befreiungstheologie ist eine Spielart der katholischen Theologie …
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Begriff und Grundformen
Politische Theologie bezeichnet theologisches oder politisches Denken, das untersucht, welche Bedeutung die Theologie für die Politik oder das Politische für die Theologie hat. Sie kann religiös begründete Staatsordnungen rechtfertigen, aber auch Herrschaft und Gesellschaft aus theologischer Sicht kritisieren. Deshalb gibt es vormoderne und moderne sowie politisch rechte und linke Ausprägungen. Im akademischen Bereich kann Politische Theologie sowohl als Teilgebiet der Praktischen Theologie als auch der Politischen Philosophie verstanden werden.
Eine Grundfrage lautet, ob theologische Inhalte politische Herrschaft legitimieren sollen oder ob Theologie vielmehr die Voraussetzungen, Ziele und Folgen politischer Ordnungen kritisch prüfen muss. Umstritten ist außerdem, ob Religion politische Orientierung geben darf und wie sich dies mit einer säkularen, also von kirchlichen Vorgaben unabhängigen Politik vereinbaren lässt.
Staatslegitimation und alte Politische Theologie
Eine frühe Form war Varros „theologia civilis“, die „bürgerliche Theologie“ zur Legitimation des römischen Kaiserkults. Varro unterschied sie von der „theologia mythica“, der mythischen Theologie, und der „theologia naturalis“, der natürlichen Theologie. Aus heutiger Sicht handelte es sich dabei eher um eine politische Nutzung von Mythologie beziehungsweise um einen „politischen Mythos“ nach Ernst Cassirer oder eine „politische Religion“ nach Eric Voegelin. Auch mittelalterliche und neuzeitliche Versuche dieser Art verwendeten theologische Inhalte meist zur Begründung politischen Verhaltens, ohne im engeren Sinn Theologie zu sein.
Den neuzeitlichen Begriff prägte der Staatsrechtler Carl Schmitt mit „Politische Theologie“ (1922/1970) und „Römischer Katholizismus und politische Form“ (1923). Er bezog theologiegeschichtliche Entwicklungen auf politische, staatliche und staatskirchenrechtliche Fragen und kritisierte die Weimarer Republik. Gemeinsam mit Hans Barion und Karl Eschweiler vertrat er eine Richtung, die sich später innerkirchlich gegen das als zu progressiv betrachtete II. Vatikanische Konzil wandte. Weitere rechtsgerichtete Beispiele waren die Action Française, die Deutschen Christen im Nationalsozialismus und Bestrebungen, das Staatskirchentum unter Franco als zukunftsweisend darzustellen.
Erik Peterson erklärte in den 1930er-Jahren die antike Politische Theologie durch das Christentum grundsätzlich für erledigt. Seine „Erledigungsthese“ richtete sich zugleich gegen spätere Wiederbelebungsversuche, einschließlich des Ansatzes von Carl Schmitt.
Offenbarung, Philosophie und Politik
Leo Strauss beschrieb im Vorwort zur deutschen Ausgabe von „Hobbes’ politische Wissenschaft“ (1936, deutsch 1965) zwei grundlegende Konflikte: den zwischen Philosophie und Offenbarung sowie den zwischen Philosophie und Politik. Die jüdische und christliche Offenbarung bildet für die Philosophie eine besondere Herausforderung. Wenn eine göttliche und damit absolute Wahrheit existiert, könnte die selbstständige menschliche Suche nach philosophischer oder politischer Wahrheit zweitrangig oder sinnlos erscheinen. Der Gegensatz von „Athen“ und „Jerusalem“ bezeichnet dabei den Unterschied zwischen einem selbstbestimmten philosophischen Leben ohne transzendente Autorität und einem Leben im Glauben an Offenbarung.
Zu Beginn der Neuzeit entstand zusätzlich ein Konflikt zwischen Philosophie und Politik. In Abgrenzung von scholastischer Dogmatik und religiösen Kriegen versuchten unter anderem Bodin, Machiavelli, Grotius, Hobbes, Pufendorf, Locke, Rousseau und Kant, Ethik, gerechte Gesellschaft und Menschenrechte aus Natur und Wesen des Menschen herzuleiten. Die Begründung von Ethik und Politik wurde dadurch säkular und autonom, auch wenn religiöse Elemente fortbestanden.
Strauss erkannte Religion pragmatische Bedeutung zu: Sie kann Menschen Orientierung geben und zur politischen Ordnung beitragen. Sie darf jedoch nicht nur als gesellschaftliche Funktion oder Projektion verstanden werden, sondern muss als eigenständig wahrgenommen werden. Zugleich ist Philosophie politisch potenziell subversiv, weil ihre radikale Frage nach dem richtigen Leben bestehende Lebensformen und Ordnungen infrage stellt. Politische Philosophie müsse deshalb auch ihre möglicherweise zersetzende Wirkung auf Religionen bedenken.
Neue, befreiende und kritische Ansätze
Romano Guardini suchte zwischen alter und neuer Politischer Theologie zu vermitteln. Seine erstmals 1925 veröffentlichte Gegensatzlehre unterscheidet echte Widersprüche von polaren Gegensätzen. Anders als in einer hegelianischen Dialektik, in der These und Antithese in einer Synthese aufgehoben werden, bleiben polare Gegensätze als lebendige Spannungseinheit bestehen. Sein personalistisch-dialogischer Ansatz wird als Politische Theologie des „Menschlich-Unerlässlichen im Neuen“ verstanden.
Johann Baptist Metz entwickelte nach dem Zweiten Weltkrieg ausdrücklich eine „neue“ Politische Theologie gegen die alte Form. Sie knüpfte an den Katholischen Sozialismus an und verstand sich als „theologische Politische Theologie“. Unter dem Einfluss der Frankfurter Schule, besonders Walter Benjamins und Theodor W. Adornos, formulierte Metz sie als Theologie „nach Auschwitz“. Jürgen Moltmann entwickelte verwandte Überlegungen aus einer Theologie der Hoffnung. Helmut Peukert begründete eine kommunikative Politische Theologie in Auseinandersetzung mit Jürgen Habermas; Edmund Arens führte sie weiter. Jürgen Manemann verbindet die Debatte mit Cornel Wests prophetischem Pragmatismus. Sein Leitwort für eine christliche Politikethik ist „Empowerment“. Angesichts der ökologischen, klimatischen und demokratischen Krise solle sich das Christentum als revolutionäres Christentum verstehen. Hans Maier übertrug dagegen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil die Erledigungsthese auf die neue Politische Theologie um Metz.
Die in den 1960er-Jahren in Lateinamerika entstandene katholische Befreiungstheologie versteht sich als „Stimme der Armen“. Sie will zur Befreiung von Ausbeutung, Entrechtung und Unterdrückung beitragen und deutet die biblische Tradition aus der Lage sozial benachteiligter Menschen als Anstoß zu umfassender Gesellschaftskritik. Auf Grundlage eigener Analysen politischer und wirtschaftlicher Abhängigkeiten tritt sie für eine basisdemokratische und tendenziell sozialistische Gesellschaftsordnung ein. Daraus entstanden Konflikte mit der Kirchenhierarchie sowie mit oligarchischen und diktatorischen Regimen. Zahlreiche Befreiungstheologen wurden getötet; das bekannteste Opfer ist Óscar Romero, der 1980 ermordete Erzbischof von El Salvador.
Der deutsche Kritische Rationalismus um Hans Albert stellte sich in den 1970er-Jahren formal auf die Seite der Erledigungsthese, verwarf aus agnostischen bis atheistischen Gründen aber zugleich deren theologische Grundlage. Nach dieser Auffassung duldet die „Offene Gesellschaft“ keine religiöse Inspiration und kein religiöses Vorverständnis. Auch der Anspruch des Katholizismus und des Papsttums, „über der Politik“ zu stehen, wird zurückgewiesen. Hans Blumenberg vertrat eine ähnliche Position, gehörte aber nicht zum Kritischen Rationalismus.
Aufgaben und neuere Erweiterungen
Ernst-Wolfgang Böckenförde fragte nach dem Ort Politischer Theologie im modernen Staat. Sein sogenanntes Böckenförde-Diktum verweist auf Voraussetzungen des Staates, die dieser nicht selbst herstellen oder gewährleisten kann und die tatsächlich auch religiös geprägt sein können. Politische Theologie soll diese Voraussetzungen theologisch reflektieren und kritisieren. Theologische Inhalte dürfen dabei weder den bestehenden Zustand noch konservative oder progressive Revolutionen legitimieren.
Papst Benedikt XVI. forderte in seiner ersten Enzyklika, Nr. 26 ff., einen Dialog der christlichen Kirchen mit Politik und Gesellschaft zur Bearbeitung weltpolitischer Herausforderungen. Manche Theologen wollen Politische Theologie enger darauf begrenzen, dass Theologie als Wissenschaft ihre eigene Stellung in politischen Debatten selbstkritisch untersucht. Die praktische politische Wirkung soll demnach vor allem von nicht theologisch studierten Gläubigen in ihren jeweiligen Lebensbereichen ausgehen. Eine unmittelbare Übertragung theologischer Lehren in politische Forderungen steht unabhängig von ihrer linken oder rechten Ausrichtung unter dem Verdacht, Religion durch Politik zu ersetzen.
In der Ostkirche entwickelte Christos Yannaras 1976 nach dem Ende der griechischen Diktatur eine eigene Politische Theologie. Er nahm die neue Befreiungstheologie auf, wollte aber Abstand von der westlichen Einteilung in links und rechts gewinnen. Neuere orthodoxe Ansätze greifen zugleich auf Donoso Cortés und Carl Schmitt zurück, um die Lage der orthodoxen Kirche im europäischen Einigungsprozess zu klären. Dimitrios Kisoudis deutet den ostkirchlichen Begriff der Ikone als anthropologischen Gegensatz zu jedem Verfassungs-Nomismus, also zur einseitigen Bindung politischer Ordnung an abstrakte Normen. In der Ostkirche entsteht Politische Theologie häufig unmittelbar aus der Verbindung von Staats- und Kirchenvolk.
Neuere Deutungen verbinden Politische Theologie außerdem mit einer hermeneutischen Theorie des Rechts, also einer Theorie des rechtlichen Verstehens und Auslegens. Der chilenische Philosoph Hugo Herrera argumentiert, die bei Carl Schmitt zentrale Verbindung von Norm und Ausnahme könne nur aus der Perspektive einer grundlegenden Struktur des Verstehens angemessen erfasst werden.