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Politische Sozialisation
Politische Sozialisation bezeichnet den Vorgang, bei dem Individuen Orientierungsmuster für gesellschaftsbezogene Fragestellungen erwerben.
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Definition und Bedeutung
Politische Sozialisation ist der Vorgang, bei dem Menschen Orientierungsmuster für gesellschaftliche und politische Fragen erwerben. Sie umfasst die bewusste und unbewusste Aneignung von Kenntnissen, Fähigkeiten, Einstellungen und Werten. Diese Übernahme und Verinnerlichung wird als Internalisierung bezeichnet. Politische Sozialisation ist eng mit politischer Kultur und politischer Bildung verbunden.
Allgemein bedeutet Sozialisation, dass Menschen im Laufe ihres Lebens lernen, welche Erwartungen eine Gesellschaft an sie richtet und wie sie diese erfüllen können. Sie erwerben Normen, Werte und Verhaltensweisen, die eine Gruppe oder Gesellschaft für wesentlich hält. Dieser Prozess verläuft wechselseitig: Die Gesellschaft prägt das Verhalten der Menschen, während die Menschen zugleich die Gesellschaft beeinflussen und aktiv an ihrer Entwicklung beteiligt sind.
Politische Sozialisation betrifft besonders die Grundeinstellungen und Verhaltensweisen, die mit der Rolle eines Menschen in einer bestimmten Nation und mit dem öffentlichen Leben zusammenhängen. Dazu gehört beispielsweise die Bereitschaft, an politischen Prozessen teilzunehmen.
Politisches Wissen und Beteiligung
Die Vermittlung politischen Wissens im Kindes- und Jugendalter bildet eine wichtige Grundlage dafür, dass Menschen später eine politische Meinung entwickeln und sich politisch beteiligen können. In einer Demokratie gehört dieses Wissen zum Kern politischer Sozialisation: Es soll Menschen befähigen, ihre Rolle als mündige Bürger wahrzunehmen, und trägt dadurch zur Legitimität des politischen Systems bei.
Zwischen Wissen, Interesse und subjektiver politischer Kompetenz besteht ein enger Zusammenhang. Subjektive politische Kompetenz bezeichnet die persönliche Einschätzung, Politik verstehen und durch die eigenen Fähigkeiten beeinflussen zu können. Je mehr politisches Wissen eine Person besitzt, desto größer sind in der Regel ihr politisches Interesse und ihr Kompetenzgefühl.
Dieser Zusammenhang wirkt auch in umgekehrter Richtung: Wer sich für Politik interessiert und den eigenen politischen Fähigkeiten vertraut, ist stärker motiviert, weiteres Wissen zu erwerben. Dadurch entsteht ein Kreislauf, in dem sich eine positive Entwicklung selbst verstärken kann. Umgekehrt können anfängliche Defizite eine Abwärtsspirale auslösen, wenn geringes Wissen zu wenig Interesse und einem schwachen Kompetenzgefühl führt und dadurch der weitere Wissenserwerb erschwert wird.
Forschungsbereiche und prägende Instanzen
Die Forschung zur politischen Sozialisation unterscheidet drei Bereiche: Instanzen, Prozesse und Inhalte. Instanzen sind Einrichtungen, Gruppen oder Akteure, die politische Sozialisation beeinflussen. Sie werden grob in drei Arten eingeteilt:
• Zu den primären Instanzen gehören die Familie und informelle Freundschaftsgruppen. • Sekundäre Instanzen sind beispielsweise Schule und Jugendarbeit. • Tertiäre Instanzen umfassen politische und gesellschaftliche Einrichtungen wie politische Parteien, Verbände und Kirchen.
Diese Einteilung bedeutet keine eindeutig belegte zeitliche oder hierarchische Reihenfolge. Die verschiedenen Instanzen wirken nicht unabhängig voneinander, sondern sind miteinander verflochten und beeinflussen sich gegenseitig.
Bei der Untersuchung der Inhalte wird zwischen den Eingaben und den Ergebnissen politischer Sozialisation unterschieden. Befragungen liefern meist nur eine Momentaufnahme. Entwicklungen über längere Zeit lassen sich dagegen nur mit komplizierten Verfahren erfassen. Daher konzentriert sich die Inhaltsforschung häufig darauf, Daten verschiedener Zeitpunkte auf einer Zeitachse anzuordnen.
Ablauf und Beständigkeit
Die Kristallisationsthese nimmt an, dass frühkindliche Orientierungen, die vor allem in der Familie erworben wurden, dauerhaft wirksam bleiben. Sie prägen demnach spätere politische Meinungen, Werte und Handlungen. Für das Ergebnis politischer Sozialisation ist nicht nur wichtig, wann und von wem eine Einstellung übernommen wird, sondern auch, auf welche Weise dies geschieht. Deshalb spielen Erziehungsstile und Formen der Kommunikation eine wichtige Rolle.
Neuere Forschungsergebnisse scheinen zu bestätigen, dass früh erworbene allgemeine Einstellungen besonders beständig sein können. Dazu zählt etwa die grundsätzliche Bereitschaft, sich politisch zu beteiligen. Die Kristallisationsthese beschreibt somit, weshalb frühe Sozialisation langfristige Folgen haben kann, ohne dass politische Sozialisation auf die Kindheit oder allein auf die Familie beschränkt wäre.
Forschung und Entwicklung in Deutschland
Nach dem Zweiten Weltkrieg untersuchte die deutsche Forschung zunächst besonders die als „misslungen“ betrachtete politische Sozialisation jener Generationen, die den Nationalsozialismus ermöglicht oder nicht verhindert hatten. Sowohl die ältere, psychoanalytisch geprägte Autoritarismusforschung als auch neuere strukturalistische Ansätze aus den Vereinigten Staaten fragten nach den Ursachen der deutschen Katastrophe. Zugleich untersuchten sie die Möglichkeiten und Erfolge der demokratischen Entwicklung Westdeutschlands.
Studien zu Kindern und Jugendlichen beschäftigen sich vor allem mit ihrem politischen Wissen, ihren politischen Orientierungen und deren Entwicklung. Eine Befragung von Grundschulkindern zu Beginn und am Ende der ersten Klasse zeigte, dass insbesondere die familiäre Sozialisation, aber auch die Herkunft und der sozioökonomische Status des Wohnumfeldes die Entwicklung politischer Kenntnisse und Einstellungen beeinflussen. Zwar erhöhte die Schule während des ersten Schuljahres das allgemeine Niveau auf allen untersuchten Gebieten. Die bereits zu Schulbeginn erheblichen Unterschiede wurden jedoch nicht ausgeglichen, sondern verstärkten sich teilweise sogar.
Auch bei Jugendlichen hängen politisches Wissen, politisches Interesse und subjektives Kompetenzgefühl nicht nur vom Alter und von der Klassenstufe ab. Bereits früh zeigen sich Unterschiede nach Schultyp und Geschlecht. Diese als Sozialisationseffekte erklärten Unterschiede nahmen während der Schulzeit nicht ab, sondern eher zu.
Soziale Ungleichheit und politische Teilhabe
Die Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass günstige familiäre und soziale Bedingungen unter Kindern und Jugendlichen ungleich verteilt sind. Schule beseitigt diese soziale Ungleichheit offenbar nicht zuverlässig; sie kann sich dort sogar weiter vertiefen.
Für den Erfolg politischer Sozialisation in Deutschland spielen besonders die soziale Herkunft, das Geschlecht und der Migrationshintergrund eine entscheidende Rolle. Die Ausgangsbedingungen entsprechen daher nicht dem Anspruch auf Chancengleichheit. Weil politische Bildung die Voraussetzungen für politische und gesellschaftliche Beteiligung mitprägt, führen Unterschiede in der politischen Sozialisation zugleich zu ungleichen Chancen auf Teilhabe. Der Gleichheitsanspruch des Bildungssystems scheint nach diesen Befunden nicht erfüllt zu sein.