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Internalisierung (Sozialwissenschaften)

In der Politikwissenschaft wird als Internalisierung die Eingliederung von Werten und Normen in ein System bezeichnet. In der Psychoanalyse werden als …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Werte, Sozialisation und gesellschaftliche Integration
  3. 3. Solidarität und kritische Distanz
  4. 4. Aktuelle Forschung und gesellschaftlicher Konsens
  5. 5. Internalisierung als Grundlage des Verhaltens
  6. 6. Bindung, Modi und individuelle Verarbeitung

Begriff und Bedeutung

Internalisierung bezeichnet in den Sozialwissenschaften, besonders in der Soziologie, die Aneignung und Verinnerlichung gesellschaftlicher Werte, Sitten, Normen, Tugenden und sozialer Rollen im Rahmen von Sozialisation und Erziehung. Verinnerlicht werden beispielsweise Grußsitten, Vorstellungen körperlicher Reinlichkeit in der Öffentlichkeit, Regeln für den Blickkontakt mit Fremden in öffentlichen Verkehrsmitteln sowie rechtliche Normen. Zu den Werten zählen unter anderem Demokratie, freie Wahlen, Gerechtigkeit, Solidarität, freier Wettbewerb und die Unantastbarkeit des Eigentums.

Normen und Werte bilden in einer Gesellschaft teilweise ein heterogenes und widersprüchliches Konglomerat. Diese Widersprüche können die Internalisierung erschweren. In der Politikwissenschaft bedeutet Internalisierung die Eingliederung von Werten und Normen in ein System. In der Psychoanalyse bezeichnet der Begriff Prozesse, durch die das Subjekt reale oder phantasierte Interaktionen mit seiner Umwelt in innere Regulationen und Charakteristika umwandelt. Diese Vorgänge gelten als Gegenstück und Ergänzung der Externalisierung.

Werte, Sozialisation und gesellschaftliche Integration

Gesellschaftliche Werte dienen als Orientierung und erscheinen als äußere Leitlinien, an denen sich Individuen ausrichten müssen, wenn sie innerhalb einer Gesellschaft akzeptiert werden wollen. Werte und Normen stellen Ansprüche der Gesellschaft an das Individuum dar. Kulturelle Werte werden häufig als selbstverständlich und universal dargestellt. Ihre Analyse oder Infragestellung kann mit sozialer Ablehnung bestraft werden, etwa durch den Vorwurf des „fehlenden Stallgeruchs“. Die korrekte Befolgung von Werten und Normen wird dagegen belohnt, beispielsweise mit der Anerkennung „Das ist einer von uns“.

In der primären Sozialisation innerhalb der Familie lernt ein Individuum zunächst, Werte und Normen zu erkennen, emotional zu akzeptieren und danach zu handeln. In der sekundären Sozialisation wird eine gelungene Internalisierung dadurch erweitert, dass das Individuum einen reflektierenden Umgang mit diesen Regeln erlernt. Dazu gehört die Einsicht, dass der Geltungsbereich von Werten und Normen räumlich und zeitlich begrenzt sein kann. Außerdem können gesellschaftliche Ansprüche mit ethischen Grundsätzen kollidieren, die das Gewissen an das Individuum stellt.

Solidarität und kritische Distanz

Émile Durkheim (1858–1917) untersuchte, wie arbeitsteilig organisierte Individuen integriert werden können. Er erklärte diese Integration mit einer „solidarischen Kooperation“ und einem gemeinsamen Bewusstsein. Dieses umfasst nicht nur Werte und Normen, sondern auch Glaubensvorstellungen und Wissen über die Welt. Indem diese Vorstellungen verinnerlicht werden, entsteht eine Grundlage gesellschaftlicher Verbundenheit. Talcott Parsons prägte später das Wort „Internalisierung“ in seiner strukturfunktionalen Systemtheorie und bezeichnete damit denselben grundlegenden Zusammenhang: die Integration von Individuen durch die Verinnerlichung von Werten und Normen.

Jürgen Habermas betonte bereits in den 1960er Jahren, dass Internalisierung nicht nur das Erlernen bestehender Werte und Normen bedeutet. Da sich Werte und Normen verändern können, muss auch gelernt werden, reflexiv mit ihnen umzugehen. Im Sozialisationsprozess soll sich eine „reflektierende Urteilskraft“ entwickeln. Sie soll die Autonomie des Individuums innerhalb der Gesellschaft sichern und zugleich ermöglichen, gesellschaftliche Veränderungen zu berücksichtigen.

Aktuelle Forschung und gesellschaftlicher Konsens

Die Forschung untersucht, wie Internalisierung in Familie, Schule, Massenmedien und Beruf funktioniert. Dabei werden unterschiedliche Vermittlungsweisen von Werten und Normen berücksichtigt, ebenso Unterschiede zwischen sozialen Klassen und Schichten, zwischen Migranten verschiedener Herkunft sowie zwischen religiösen Glaubensrichtungen, etwa Christen, Muslimen und Juden. Die Ergebnisse sind abschließend noch nicht zu bewerten.

Trotz der Unterschiede zwischen den Individuen muss eine Gesellschaft ihre Mitglieder integrieren und einen möglichst allgemein geteilten Konsens erreichen. Als soziale Indikatoren eines abnehmenden Konsenses werden sinkende Wahlbeteiligung, zunehmende Kriminalität und Vandalismus genannt. Meinungsforschungsinstitute veröffentlichen regelmäßig Rangordnungen von Werten, die Bürgern wichtig erscheinen. Dazu gehören Kriminalitätsbekämpfung, Arbeitslosigkeit, Umwelt, Klimaschutz, Friedenssicherung und Bildung. Diese Rangordnungen zeigen zugleich, wie rasch sich gesellschaftliche Wertvorstellungen verändern können.

Internalisierung als Grundlage des Verhaltens

Die Aneignung von Werten, Normen und Regeln eines zwischenmenschlichen Beziehungsgefüges bildet eine wichtige Grundlage menschlichen Verhaltens und der Persönlichkeitsentwicklung. Nach einer erfolgreichen Internalisierung können daraus entstehende Verhaltensweisen automatisch ablaufen; sie sind dann innerlich „programmiert“. Äußerlich beobachtbarem Verhalten liegt damit ein innerpsychisch verankertes Programm zugrunde. Aus ursprünglich zwischenmenschlichen, interpersonellen Prozessen werden innerpsychische, intrapsychische Inhalte. Wenn diese Inhalte verfestigt sind, wirken sie später in Beziehungen mit anderen Menschen weiter und können an andere weitergegeben werden.

Internalisierung ist zwar unvermeidlich und notwendig, ihr Ergebnis ist aber nicht automatisch positiv. Entscheidend ist, was verinnerlicht wird, in welchem Zusammenhang die verinnerlichten Inhalte wirksam werden und ob sie bei Bedarf korrigierbar sind.

Bindung, Modi und individuelle Verarbeitung

Die Bindungstheorie geht von einem angeborenen und neurobiologisch verankerten menschlichen Bedürfnis nach enger emotionaler Bindung an andere Menschen aus. Unter günstigen Bedingungen mit frühen Bezugspersonen kann sich eine sichere Bindung entwickeln. Das Kind internalisiert Mutter und Vater dann als verlässliche, liebevolle und an seiner persönlichen Entfaltung orientierte Bezugspersonen. Es bildet innerpsychisch und auch neurobiologisch verankerte sichere „innere Arbeitsmodelle“ als Norm für die Interaktion mit sich selbst und anderen. Dadurch entstehen günstige biopsychosoziale Grundlagen für die Persönlichkeitsentwicklung.

Internalisierung findet jedoch auch unter ungünstigen Bedingungen statt. Sind frühe Beziehungen unsicher, unverlässlich, abweisend oder schädigend, können entsprechende unsichere oder desorientierte Bindungsstile entstehen. Verinnerlicht werden Arbeitsmodelle, mit denen vermeintlich am ehesten eine enge emotionale Bindung an die Bezugspersonen hergestellt werden kann. Auf diese Weise wird eine andere Norm zur Grundlage der Persönlichkeitsentwicklung.

In der psychologischen Fachliteratur werden Identifikation, Imitation, Internalisierung, Introjektion, Inkorporation und Ich-Identität als verschiedene Modi oder Niveaustufen der Internalisierung unterschieden. Die dahinterstehenden Inhalte lassen sich nicht immer leicht auseinanderhalten. Vollständige Internalisierung bedeutet, dass die betreffenden Inhalte zu einem festen, aber nicht deshalb unkorrigierbaren Bestandteil des Selbst geworden sind.

Verinnerlicht werden außerdem nicht nur objektive und „unformatierte“ Informationen. Auch vorgestellte, unbewusst subjektiv ergänzte Bedeutungen und Erwartungen können Bestandteil des inneren Programms werden. Unsicherheit im Pflegeverhalten einer Bezugsperson kann daher beispielsweise nicht nur als Unsicherheit, sondern zugleich als Abweisung internalisiert werden.

Lernvideos zu Internalisierung (Sozialwissenschaften)

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