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Humangeographie
Klassische Teilgebiete · Bevölkerungsgeographie · Historische Geographie · Politische Geographie · Siedlungsgeographie · Sozialgeographie · Wirtschaftsgeographie.
Inhalt4 Abschnitte
Gegenstand und Bedeutung
Die Humangeographie, auch Anthropogeographie oder Kulturgeographie genannt, ist neben der physischen Geographie der zweite große Teilbereich der Allgemeinen Geographie. Sie untersucht das Verhältnis von Raum und Mensch, genauer die räumliche Organisation menschlichen Handelns.
Gegenstand sind alle menschlichen Tätigkeiten, die den Raum verändern, etwa Siedeln und Wirtschaften, oder durch räumliche Bedingungen beeinflusst werden, etwa Mobilität. Solche Tätigkeiten zeigen sich direkt oder indirekt in beobachtbaren Strukturen und Prozessen. Die Humangeographie untersucht daher die räumlichen Aspekte von Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft, ihre Vielfalt und ihren Wandel sowie Beziehungen, Abhängigkeiten und Unterschiede zwischen Regionen und Orten.
Dabei betrachtet sie die Wechselwirkungen zwischen natürlicher Umwelt, kultureller Gestaltung und individuellem Handeln. Als Begründer gelten Alexander von Humboldt, der die wechselseitigen Beziehungen zwischen Mensch und Natur erkannte, und Friedrich Ratzel mit seinem Werk Anthropogeographie. Typische Fachgebiete sind die Siedlungs-, Wirtschafts- und Sozialgeographie. Wegen der zunehmenden Globalisierung und ihrer globalen wie regionalen Folgen besitzt die Humangeographie besondere Bedeutung.
Klassische Teilgebiete
Zu den klassischen Teilgebieten gehören:
- Bevölkerungsgeographie und Historische Geographie
- Politische Geographie
- Siedlungsgeographie und Stadtgeographie
- Geographie ländlicher Räume beziehungsweise des ländlichen Raumes
- Sozialgeographie
- Wirtschaftsgeographie
- Geographie des primären Sektors, zum Beispiel Agrargeographie
- Geographie des sekundären Sektors, zum Beispiel Industriegeographie
- Geographie des tertiären Sektors, zum Beispiel Handelsgeographie und Tourismusgeographie
- Verkehrsgeographie
Die Sozialgeographie wird dabei nicht einheitlich eingeordnet. Umstritten ist, ob sie eine eigenständige Teildisziplin oder eine synthetisch-integrative Sichtweise der gesamten Humangeographie darstellt. Als Gegenstück zur physischen Geographie wird in diesem Zusammenhang die geographische Landschaftsökologie genannt.
Weitere Teilgebiete
Zu den weiteren Teilgebieten zählen Bildungsgeographie, Energiegeographie, geographische Entwicklungsforschung, Kulturgeographie beziehungsweise Neue Kulturgeographie, politische Ökologie, Raumforschung, Raumordnung und Raumplanung, Religionsgeographie, Wahrnehmungsgeographie sowie Zeitgeographie.
Diese Bereiche erweitern die Humangeographie um Untersuchungen zu Bildung, Energie, Entwicklung, kulturellen und politischen Umweltbeziehungen, räumlicher Planung, Religion, menschlicher Raumwahrnehmung und dem Verhältnis von Raum und Zeit.
Forschungsparadigmen
In der Geschichte der Humangeographie lassen sich vier wichtige Paradigmen unterscheiden, die teilweise nebeneinander bestanden. Die Darstellung des Artikels bezieht sich auf die Situation in Deutschland.
Das propädeutische Paradigma prägte die Zeit bis etwa 1900. Propädeutik bedeutet Vorwissenschaft. Im Mittelpunkt standen die Erfassung und Kartierung räumlicher Erscheinungen und Strukturen, besonders im Zusammenhang mit der Entdeckung der Welt und europäischen Forschungsreisen. Im 19. Jahrhundert etablierte sich die Geographie als Wissenschaft; unter anderem wurden Lehrstühle und Geographische Gesellschaften gegründet.
Das Natur- oder geodeterministische Paradigma entstand nach der wissenschaftlichen Etablierung der Geographie. Es wollte räumliche Strukturen erklären und führte Bevölkerungsentwicklung, Siedlungssysteme oder wirtschaftlichen Entwicklungsstand überwiegend auf natürliche Bedingungen zurück. Grundlage waren die aus der physischen Geographie bekannten Geofaktoren Klima, Wasser, Boden, Relief, geologischer Bau und Vegetation. So wurde beispielsweise der niedrige wirtschaftliche Entwicklungsstand tropischer Länder klimatisch begründet. Wladimir Peter Köppen erklärte 1931, tropische Völker seien faul, weil die Temperaturen zu hoch seien, um den ganzen Tag zu arbeiten. Der Geodeterminismus führte zu dramatischen Auswüchsen und lieferte eine wissenschaftliche Grundlage für die Blut-und-Boden-Ideologie des Nationalsozialismus. Trotz wachsender Kritik nach dem Zweiten Weltkrieg bestand dieses Paradigma bis 1969 fort.
Ab etwa 1945 entwickelte sich als Gegenpol der raumwissenschaftliche Ansatz. Die raumwissenschaftliche Anthropogeographie erklärte räumliche Strukturen mithilfe mathematischer Gesetze. Walter Christaller gilt als Vorreiter: Sein System der zentralen Orte erklärte 1933 die Verteilung, Größe und Anzahl verschiedener Siedlungen durch mathematische Beziehungen. 1969 setzte sich das Paradigma auf dem Deutschen Geographentag in Kiel durch, als die Abkehr vom Geodeterminismus gefordert und im Wesentlichen erreicht wurde.
Das handlungszentrierte Paradigma entstand als jüngerer Ansatz neben der raumwissenschaftlichen Geographie. Als bedeutender Theoretiker im deutschsprachigen Raum gilt Benno Werlen. Nach diesem Ansatz soll die Humangeographie nicht vor allem untersuchen, wie der Raum menschliche Tätigkeiten bestimmt, sondern wie menschliche Handlungen den Raum gestalten. Werlen bezeichnet dies als „Geographie-Machen“. Regionen sind demnach nicht naturgegeben: Wenn Wissenschaftler etwa Norddeutschland von anderen Gebieten abgrenzen, nehmen sie eine Regionalisierung vor. Auch Nichtwissenschaftler gestalten durch ihr alltägliches Handeln Räume. Der Kauf bestimmter Produkte kann in einer globalisierten Welt Betriebe in anderen Ländern fördern und dadurch wirtschaftliche und soziale Strukturen in anderen Regionen beeinflussen. Räumliche Muster gelten deshalb nicht als ausschließlich geodeterminiert, sondern als durch menschliches Handeln definiert.