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Politik (Aristoteles)
Die Politik (altgriechisch Πολιτικά Politiká „die politischen Dinge“) ist die wichtigste staatsphilosophische Schrift des Aristoteles.
Inhalt6 Abschnitte
Grundidee des Werks
Die Politik ist die wichtigste staatsphilosophische Schrift des Aristoteles. Das Werk ist in acht Bücher gegliedert und untersucht vor allem reale und gedachte Verfassungen. Es fragt, wie Staaten entstehen, wozu sie da sind, welche Staatsformen es gibt und welche Ordnung ein gutes Leben der Bürger ermöglicht.
Zentral sind vier Thesen: Der Mensch ist ein zoon politikon, also ein soziales, auf Gemeinschaft angelegtes und Gemeinschaft bildendes Lebewesen. Die Polis ist die vollkommene Gemeinschaft. Die Polis ist natürlich. Außerdem ist die Polis „von Natur aus früher als das Haus und die Individuen.“
Die acht Bücher behandeln unterschiedliche Schwerpunkte: Buch I erklärt Staatsentstehung, Anthropologie und Ökonomie. Buch II kritisiert bekannte Verfassungen, besonders Platons Politeia. Buch III behandelt Grundbegriffe wie Bürger und Verfassung sowie die erste Staatsformenlehre und die Monarchie. Buch IV untersucht Demokratie, Oligarchie, Aristokratie, Politie und Tyrannis. Buch V behandelt Wandel und Erhaltung von Verfassungen. Buch VI befasst sich nochmals mit Demokratie und Oligarchie. Buch VII und VIII beschreiben den besten Staat und die Erziehung seiner Bürger.
Mensch, Natur und Polis
Aristoteles nennt den Menschen ein zoon politikon. Damit meint er: Der Mensch verwirklicht seine Natur nur im Zusammenleben mit anderen. Im Unterschied zu den Tieren besitzt er Sprache und Vernunft. Dadurch kann er Vorstellungen von Recht und Unrecht bilden und mit anderen darüber sprechen. Wer von Natur aus, also nicht wegen Verbannung oder Schicksal, außerhalb des Staates lebt, sei nach Aristoteles „entweder ein Tier oder aber ein Gott“.
Hinter dieser Auffassung steht ein teleologischer Naturbegriff. „Teleologisch“ bedeutet: Etwas wird von seinem Ziel oder Zweck her verstanden. Aristoteles glaubt wie Platon, dass Ordnung nicht durch Zufall entsteht, aber auch nicht durch eine göttliche Intelligenz. Die Natur ist nach einem in sich stimmigen Plan aufgebaut. Ein Ding erfüllt sein Wesen, wenn es den in ihm enthaltenen Zweck verwirklicht und seine Funktion im Ganzen erfüllt.
Der Staat entsteht für Aristoteles aus kleineren Gemeinschaften: Familie und Verhältnis von Herr und Sklave, Hausgemeinschaft, Dorf und schließlich Polis. Die Polis ist die große Gemeinschaft, die das Ziel der Glückseligkeit erfüllt. Sie ermöglicht ein vollkommenes Leben und die vollendete Selbstgenügsamkeit, die Autarkie. Deshalb gilt sie Aristoteles als natürliche Einheit.
Nach David Keyt lassen sich drei Basis-Theoreme der Politik unterscheiden: Erstens existiert die Polis von Natur aus. Zweitens ist der Mensch ein politisches Tier, also ein geselliges Lebewesen, das sich durch Sprache und die Unterscheidung von gerecht und ungerecht von anderen Tieren unterscheidet. Drittens ist die Polis früher als der Einzelne. Diese Vorrangigkeit kann verschieden verstanden werden: als natürliche Vorrangigkeit, als höhere Entwicklungsstufe oder erkenntnistheoretisch, weil der Einzelne seine Bedeutung erst durch die Polis erhält.
Herrschaft und Staatsformen
Aristoteles unternimmt in der Politik eine systematische Analyse von Staatsformen. In der ersten Staatsformenlehre unterscheidet er sechs Grundtypen. Entscheidend sind zwei Fragen: Wie viele herrschen, und dienen sie dem Gemeinwohl oder ihrem Eigennutz?
Wenn einer zum Gemeinwohl herrscht, ist das Monarchie; wenn einer eigennützig herrscht, ist es Tyrannis. Wenn wenige zum Gemeinwohl herrschen, ist es Aristokratie; wenn wenige eigennützig herrschen, ist es Oligarchie. Wenn viele zum Gemeinwohl herrschen, ist es Politie; wenn viele eigennützig herrschen, nennt Aristoteles dies Demokratie.
Die „guten“ Verfassungen Monarchie, Aristokratie und Politie richten sich auf das Wohl der Allgemeinheit oder des Staates. Die „entarteten“ oder verfehlten Formen Tyrannis, Oligarchie und Demokratie dienen nur dem Wohl der Herrschenden. Aristoteles kritisiert besonders eine extreme Demokratie: Für ihn ist sie die Herrschaft der vielen Freien und Armen, die zulasten der Tüchtigen und Wohlhabenden geht. Da die Armen zahlreicher sind und in der Demokratie die Mehrheit entscheidet, sieht er die Gefahr einer Dominanz der Armen. Alle schlechten Staatsformen verfehlen nach Aristoteles den Zweck, das „vollkommene Leben“ in der Polis-Gemeinschaft zu ermöglichen.
Aristoteles geht außerdem davon aus, dass es von Natur aus Herrschendes und Beherrschtes gibt. Herrschend sei, wer vorausschauen kann. Freie Männer sollen je nach Regierungsform die Staatsangelegenheiten bestimmen. Freie Frauen und Kinder werden von Sklaven unterschieden.
Demokratie und Politie
In der zweiten Staatsformenlehre betrachtet Aristoteles demokratische Verfassungen genauer und empirischer. Dadurch fällt sein Urteil über Demokratie milder aus, außer bei ihrer extremen Form. Er nennt an einer Stelle fünf, an anderer Stelle vier Unterarten; zusammengenommen ergibt sich ein Bild von fünf Formen.
Die erste Form ist eigentlich die Politie: Arme und Reiche haben gleichen Anteil an der Regierung. Kein Teil hat Vorrang; beide gelten als ebenbürtig. Die zweite Form beruht auf Besitz, also auf einem Zensus. Wegen eines niedrigen Zensus hat die Mehrheit politische Rechte, aber Ämter werden eher wie in einer Oligarchie an Wohlhabende vergeben. In der dritten Form darf jeder mit einwandfreier einheimischer Abstammung teilnehmen, unabhängig von seinem Vermögen. In der vierten Form zählt der Bürgerstatus: Auch Arme, Besitzlose und Ausländer mit Bürgerrecht können an der Regierung teilnehmen. Die fünfte und extremste Form beteiligt alle freien Einwohner, also alle außer Sklaven.
Die ersten vier Formen regieren mit Gesetzen. Die fünfte Form gilt Aristoteles als ungesetzlich und willkürlich. Wo die Gesetze nicht entscheiden, treten Volksführer, griechisch Demagogen, auf. Aristoteles vergleicht diese extreme Demokratie mit einer Tyrannis, weil das Volk wie ein Alleinherrscher auftrete und nicht durch Gesetze gebunden sei.
Als beste Staatsform gilt Aristoteles letztlich die Politie. Unklar bleibt im Artikel, ob sie mit der gemäßigten Demokratie des ersten Typs identisch ist. Die Politie ist eine gemischte Verfassung aus Elementen der Oligarchie und der Demokratie: Von der Oligarchie übernimmt sie etwa die Wahl der Beamten, von der Demokratie die breite Teilnahme an der Volksversammlung ohne oder mit nur sehr niedrigem Zensus. Ihr Ziel ist eine gerechte Gleichheit der Staatsteile und das Allgemeinwohl, ohne einen Teil des Staates zu benachteiligen.
Hausgemeinschaft und Wirtschaft
Die Ökonomik bei Aristoteles ist keine Wirtschaftstheorie im modernen Sinn. Sie fragt nach der Rolle des Oikos, also der Hausgemeinschaft, in der Polis. Der Oikos ist „die Gemeinschaft des edlen Lebens in Häusern und Familien um eines vollkommenen und selbständigen Lebens willen.“ Die Polis ist die gesellschaftliche Einheit, die autark alle Lebensbedürfnisse decken kann; der konkrete Ort des Wirtschaftens ist aber die Hausgemeinschaft.
Die Hausgemeinschaft ist für Aristoteles durch natürliche Herrschaftsbeziehungen bestimmt. Damit rechtfertigt er die Unterordnung von Frauen und Kindern unter den Herrn des Oikos sowie die natürliche Existenz von Sklaven. Eigentum betrachtet er als legitimen und festen Bestandteil des praktischen Lebens. Für Privateigentum spricht nach ihm, dass Einzelne ihren Gütern mehr Fürsorge widmen als eine Gemeinschaft, dass klare Rechtsansprüche entstehen, weniger Streitigkeiten auftreten und die Wirtschaftlichkeit verbessert wird.
Wichtig ist Aristoteles ein rechtes Maß. Eine angemessene Besitzverteilung gehört zu einer guten Staatsform. Der mittlere Besitz gilt ihm als bester, weil Menschen in solchen Verhältnissen der Vernunft am leichtesten gehorchen. Einen grundsätzlichen Egalitarismus lehnt er aber ab: Gleichheit sei gerecht unter Ebenbürtigen, Ungleichheit unter Unebenbürtigen.
Geld ist in begrenzter Verwendung sinnvoll: Es dient im Tauschverkehr als Wertaufbewahrung, Zahlungsmittel und Maßstab für den Wert von Gütern. Es soll die Güterversorgung der Hausgemeinschaft und die Autarkie der Polis unterstützen. Wenn Geld aber selbst zum Zweck wird, entsteht Chrematistik, die Gelderwerbskunst. Dann geht es nicht mehr um Gebrauchswerte, sondern um das Anhäufen von Geld. Aristoteles hält dies für unvernünftig und unnatürlich. Auch Zins nennt er unnatürlich und „Hassenswertes, weil er aus dem Geld selbst den Erwerb zieht.“
Kritik und Bedeutung
Otfried Höffe hält Aristoteles’ politische Anthropologie grundsätzlich auch heute noch für überzeugend, aber nur im Grundsätzlichen. Er kritisiert, Aristoteles beschönige öffentliche Gewalten, weil er vor allem ihr Ordnungspotential sehe und ihren Herrschaftscharakter verkleinere. Außerdem fehle Aristoteles eine panhellenische Perspektive, obwohl es entsprechende Institutionen gegeben habe. Nach Höffe wäre eine umfassendere Einheit nötig, letztlich eine „globale[…], die gesamte Menschheit umfassende Einheit“.
Höffe misst der Lehre von den drei guten und drei schlechten Staatsformen große Bedeutung für das abendländische Staatsdenken zu. Andere Autoren bewerten einzelne historische Annahmen kritischer. Jochen Bleicken spricht den Kategorien als späteren gedanklichen Gebilden historischen Wert ab und verwirft die Vorstellung einer „radikalen“ Demokratie. Angela Pabst bestreitet ebenfalls die Existenz einer „gemäßigte[n] Demokratie“ der Archaik und eine Entwicklung einer Systemvariante aus der anderen.