Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Pius XII.
Er war der dritte Kardinalstaatssekretär nach 1655 und 1667, der zum Papst gewählt wurde, und der erste in Rom geborene Papst seit Clemens X. (1670–1676) …
Inhalt6 Abschnitte
Person, Ausbildung und diplomatischer Aufstieg
Pius XII., bürgerlich Eugenio Maria Giuseppe Giovanni Pacelli, wurde am 2. März 1876 in Rom geboren und starb am 9. Oktober 1958 in Castel Gandolfo. Vom 2. März 1939 bis zu seinem Tod war er der 260. Bischof von Rom, Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche und Staatsoberhaupt der Vatikanstadt.
Pacelli stammte aus einer eng mit dem Heiligen Stuhl verbundenen Juristen- und Beamtenfamilie. Nach Studien der Philosophie, katholischen Theologie und des kanonischen Rechts wurde er am 2. April 1899 zum Priester geweiht. Er promovierte 1901 zum Dr. theol. und 1902 zum Dr. iur. can. Gemeinsam mit Pietro Gasparri arbeitete er am 1917 approbierten Codex Iuris Canonici, dem ersten gesamtkirchlichen Gesetzbuch.
1917 wurde Pacelli päpstlicher Nuntius in München und Titularerzbischof von Sardes. Ein Nuntius ist der diplomatische Vertreter des Papstes. Während des Ersten Weltkriegs warb er erfolglos für eine päpstliche Friedensinitiative. Ab 1920 vertrat er den Vatikan in der gesamten Weimarer Republik. Den Nationalsozialismus bezeichnete er 1924 als die „vielleicht gefährlichste Häresie unserer Zeit“. Als Nuntius handelte er Konkordate – Verträge zwischen Staat und Kirche – mit Bayern und Preußen aus.
Pius XI. ernannte ihn 1929 zum Kardinal und am 7. Februar 1930 zum Kardinalstaatssekretär. Damit wurde Pacelli zum wichtigsten außenpolitischen Berater des Papstes. Er schloss Konkordate mit Baden, Österreich und 1933 mit dem nationalsozialistischen Deutschland. Das Reichskonkordat sollte die katholische Religionsausübung sichern und verpflichtete den Vatikan zur politischen Neutralität; zugleich verschaffte es Hitlers Regierung internationales Prestige. Das NS-Regime verletzte den Vertrag fortlaufend.
Nationalsozialismus, Konkordat und Judenverfolgung vor 1939
Pacelli überarbeitete die Enzyklika „Mit brennender Sorge“, die am 21. März 1937 in den katholischen Gemeinden Deutschlands verlesen wurde. Sie beklagte die Verstöße des NS-Regimes gegen das Reichskonkordat und wies Staats-, Rassen- und Volksvergötterung zurück, nannte aber weder den Nationalsozialismus noch konkrete Verbrechen ausdrücklich. Historiker beurteilen Pacellis Bearbeitung unterschiedlich: Sie gilt entweder als Verschärfung der lehramtlichen Kritik oder als vorsichtiger diplomatischer Kompromiss. Das NS-Regime antwortete mit Durchsuchungen, Verhaftungen, Enteignungen sowie der Schließung katholischer Einrichtungen.
Pacelli erhielt frühzeitig detaillierte Berichte über die Judenverfolgung. Seit 1933 baten ihn zahlreiche Personen um einen öffentlichen päpstlichen Protest. Nach den Akten sprach er das Thema mit Pius XI. jedoch fast nie an und ließ fast alle Bitten unbeantwortet. Den eindringlichen Brief der katholischen Philosophin Edith Stein legte er dem Papst vor, äußerte sich in seiner Antwort aber nicht zu ihrem Protestwunsch. Auch zu den Nürnberger Gesetzen und den Novemberpogromen von 1938 ist keine öffentliche oder interne Reaktion Pacellis belegt. Der Vatikan bemühte sich allerdings erfolglos, besonders getaufte Juden in außereuropäischen Ländern unterzubringen.
Pius XI. plante 1938 ein Lehrschreiben gegen Rassismus und Antisemitismus sowie eine Rede gegen die italienischen Rassengesetze. Pacelli wollte eine Konfrontation vermeiden, um Konkordate und Mussolinis mögliche Vermittlerrolle gegenüber Hitler nicht zu gefährden. Nach dem Tod Pius’ XI. am 10. Februar 1939 ließ er als Camerlengo die bereits gedruckten Exemplare der geplanten Rede vernichten, wie es zu seinen Amtsaufgaben gehörte.
Papst im Zweiten Weltkrieg
Pacelli wurde am 2. März 1939 im dritten Wahlgang zum Papst gewählt und nahm den Namen Pius XII. an. Seine Versuche, den drohenden Krieg durch eine Fünfmächtekonferenz, diplomatische Vermittlung und Appelle zu verhindern, blieben erfolglos. Am 24. August 1939 erklärte er im Rundfunk: Mit dem Frieden sei nichts verloren, mit dem Krieg könne alles verloren werden. An seiner politischen Neutralität hielt er fest.
Während des Krieges vermied Pius XII. meist eindeutige Schuldzuweisungen und nannte keine Kriegspartei beim Namen. Seine Enzyklika „Summi pontificatus“ vom 20. Oktober 1939 verurteilte Staatsvergötzung und betonte die Gleichheit aller Menschen. Das Blutopfer der Polen nannte sie eine „erschütternde Anklage“ und verurteilte damit indirekt den deutschen Angriff und die Besetzung. Nach dem deutschen Angriff auf die Niederlande, Belgien und Luxemburg sandte er deren Monarchen Sympathietelegramme. Intern sprach er deutlich von deutschen Grausamkeiten in Polen.
Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 unterschied er zwischen einem Volk und seiner Regierung. Dadurch konnten die US-Bischöfe amerikanische Hilfen für die Sowjetunion unterstützen, obwohl die Kirche den Kommunismus ablehnte. Im Vatikan hoffte man, Deutschland und die Sowjetunion würden sich gegenseitig schwächen.
Als Bischof von Rom finanzierte Pius Lebensmittelhilfen, unterstützte Kriegsopfer und besuchte nach dem Bombenangriff vom 19. Juli 1943 den Stadtteil San Lorenzo. Im Mai 1944 trug er wesentlich dazu bei, dass Rom zur „offenen Stadt“ erklärt wurde. Nach dem Krieg ehrten ihn die Römer als „Defensor Urbis“, als Schirmherrn der Stadt.
Holocaust, Proteste und Hilfsmaßnahmen
Der Vatikan erhielt seit 1941 Meldungen über Deportationen und Massenmorde. Das Riegner-Telegramm von 1942 berichtete über ein geplantes Programm zur Vernichtung der Juden. Ältere Darstellungen betonten, der Heilige Stuhl habe keine sicher bestätigten Kenntnisse über das volle Ausmaß des Genozids besessen. Seit der Archivöffnung 2020 zeigen Dokumente jedoch, dass mehrere unabhängige Berichte vorlagen: Andrej Scheptyzkyj schrieb im August 1942 von 200.000 ermordeten Juden; ein Brief des Jesuiten Lothar König vom 14. Dezember 1942 nannte täglich bis zu 6000 Tote bei Rawa Russka und bestätigte Berichte über Auschwitz. Mitarbeiter des Staatssekretariats zweifelten manche Nachrichten aufgrund von Vorurteilen gegenüber Juden und östlichen Katholiken an. Umfang und Zeitpunkt des gesicherten Wissens bleiben Gegenstand der Forschung.
In seiner Weihnachtsansprache vom 24. Dezember 1942 sprach Pius von „Hunderttausenden“, die „bisweilen nur aufgrund ihrer Nationalität oder Rasse dem Tod oder fortschreitender Vernichtung preisgegeben“ seien. Er nannte weder Nationalsozialisten noch Juden ausdrücklich. Alliierte Diplomaten hielten dies für zu allgemein; der Papst glaubte dagegen, Polen, Juden und Geiseln klar erkennbar gemeint zu haben. Der nationalsozialistische Sicherheitsdienst verstand die Rede als Angriff und als Parteinahme für Juden.
Pius begründete seine Zurückhaltung mit der Gefahr, öffentliche Proteste könnten schärfere Verfolgungen auslösen und kirchliche Hilfe verhindern. Als Beispiel galten die Niederlande, wo nach einem bischöflichen Protest 1942 gezielt katholische Menschen jüdischer Herkunft deportiert wurden. Dem stand die Erfahrung des Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen gegenüber, dessen Predigten zur zumindest zeitweiligen Einstellung der Krankenmorde beitrugen. Pius ermutigte deutsche Bischöfe zu eigenständigem Eintreten für Verfolgte, protestierte selbst aber nicht ebenso deutlich.
Am 16. Oktober 1943 verhaftete die SS in Rom 1259 Menschen; 1023 wurden nach Auschwitz deportiert. Pius verlangte über Kardinal Luigi Maglione beim deutschen Botschafter ein Ende der Razzia und ließ über Pater Pankratius Pfeiffer bei deutschen Stellen intervenieren, veröffentlichte jedoch keinen Protest. 839 Deportierte wurden unmittelbar nach ihrer Ankunft in die Gaskammer geschickt; nur 15 Männer und eine Frau überlebten. Kurz darauf gewährte die Kirche untergetauchten Juden Asyl. Bis zur Befreiung Roms am 4. Juni 1944 versteckten sich in mindestens 150 Einrichtungen rund 4500 Juden. In der Forschung gilt weitgehend als anerkannt, dass die Asylorder von Pius persönlich ausging; vereinzelt wird dies wegen fehlender Dokumente bestritten. Diplomatische Eingaben stoppten 1943 zeitweise weitere Deportationen aus der Slowakei, während Hilfen und Kontakte im besetzten Polen stark eingeschränkt waren.
Lehramt, Nachkriegszeit und Tod
Pius XII. erließ 40 Enzykliken. „Mystici Corporis“ von 1943 behandelte das Wesen der Kirche, „Divino afflante Spiritu“ gab der historisch-kritischen Bibelwissenschaft mehr Spielraum, „Mediator Dei“ von 1947 erkannte die liturgische Bewegung an, und „Humani generis“ von 1950 verteidigte den Vorrang des päpstlichen Lehramts. Mit der Apostolischen Konstitution „Munificentissimus Deus“ erklärte er am 1. November 1950 die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel zum Dogma. Dabei gebrauchte ein Papst erstmals seit 1870 und bis heute zum einzigen Mal seine Unfehlbarkeit in einer Lehrfrage. 1944 erklärte Pius die christlich geprägte parlamentarische Demokratie gegenüber autoritären Systemen für vorzugswürdig. Ein Dekret von 1949 bedrohte Katholiken, die kommunistischen Parteien beitraten oder kommunistische Schriften verbreiteten, mit Exkommunikation.
Nach 1945 internationalisierte er das Kardinalskollegium und förderte eigenständige Kirchenhierarchien außerhalb Europas. Ob vatikanische Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher aus Einzelaktionen bestand oder organisiert war und wie viel Pius davon wusste, ist umstritten. In einer Ansprache von 1945 bekräftigte er das Recht von Frauen, am politischen und gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Seit 1954 war Pius schwer krank. Seine stark auf ihn zugeschnittene Amtsführung erschwerte zunehmend die Leitung der Kirche. Nach mehreren Schlaganfällen starb er am 9. Oktober 1958 im Alter von 82 Jahren. Er wurde in der Krypta des Petersdoms beigesetzt. Paul VI. eröffnete 1965 sein Seligsprechungsverfahren; Benedikt XVI. erkannte ihm am 19. Dezember 2009 den heroischen Tugendgrad zu. Für eine Seligsprechung fehlt noch der Nachweis einer Wunderheilung.
Historische Kontroverse und Quellenlage
Seit Rolf Hochhuths Drama „Der Stellvertreter“ von 1963 wird Pius’ Verhalten gegenüber dem Holocaust heftig diskutiert. Der zentrale Vorwurf lautet, er habe trotz seiner Informationen und zahlreicher Bitten nicht klar öffentlich protestiert. Weitere Kritik betrifft das Reichskonkordat, seine Neutralität, den Umgang mit den Deportationen in Rom, mögliche Fluchthilfe nach 1945 und den Gegensatz zwischen seiner scharfen Verurteilung des Kommunismus und seiner zurückhaltenden Sprache gegenüber dem Nationalsozialismus. Verteidiger betonen dagegen seine diplomatischen Interventionen, humanitären Hilfen und die Befürchtung, ein öffentlicher Protest könne die Lage der Verfolgten verschlimmern.
Die Forschung reicht deshalb von starker Kritik bis zur Darstellung Pius’ als Retter zahlreicher Juden. Viele ältere Zahlen zu geretteten Menschen beruhen allerdings auf indirekten Schätzungen. Neuere Arbeiten untersuchen besonders, was Pius wann wusste, welche Handlungsmöglichkeiten er besaß und ob seine Abwägung zwischen öffentlichem Protest und stiller Hilfe gerechtfertigt war.
Die Quellenlage verbesserte sich schrittweise: 1966 wurden Vatikanakten bis 1933, 2003 diejenigen bis 1939 und am 2. März 2020 die Archive zum Pontifikat Pius’ XII. für Forscher geöffnet. Seit Juni 2022 sind auch Bittbriefe verfolgter Juden online zugänglich. Die zuvor veröffentlichte vatikanische Dokumentenauswahl wurde wegen fehlender oder unvollständig verzeichneter Unterlagen kritisiert. Die neuen Quellen haben ältere Einschätzungen teilweise korrigiert, die grundlegende historische und moralische Bewertung von Pius’ öffentlichem Schweigen, seinen diplomatischen Maßnahmen und seinen Rettungsaktionen bleibt jedoch umstritten.