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Pieter Overd’hage
Overd' Hage, Pieter Doverdaghe, d'Overdage; * 1520 in Gent; † 4. Februar 1604 in Leiden) war ein spiritualistisch und humanistisch-irenisch gesinnter Theologe.
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Überblick
Pieter-Anastasius Pieterszoon Overd’hage de Zuttere (* 1520 in Gent; † 4. Februar 1604 in Leiden) war ein Theologe, Buchdrucker, Lehrer und reformierter Prädikant (Pfarrer). Er verwendete auch die Namen Petrus Anastasius Hyperphragmus Gandavensis und Pieter Pietersz. Overd’ Hage. Seine Haltung war spiritualistisch, humanistisch-irenisch und auf religiöse Verständigung gerichtet: Er stand den Mennoniten nahe, suchte aber bis ins hohe Alter eine feste Stelle in der Reformierten Kirche.
Bedeutsam ist Overd’hage vor allem als Vertreter religiöser Toleranz im 16. Jahrhundert. Er sprach sich dafür aus, dass auch Gruppen mit von der herrschenden Lehre abweichenden Auffassungen Glaubensfreiheit erhalten sollten. Der Genter Historiker und Dichter Paul Rogghé nannte ihn deshalb den „südniederländischen Apostel der Toleranz des 16. Jahrhunderts“.
Ausbildung, Flucht und Druckerei
Overd’hage stammte aus einer seit dem Mittelalter in Gent nachweisbaren Familie und erhielt wahrscheinlich bei Georg Cassander eine humanistische Ausbildung. 1536 immatrikulierte er sich in Löwen; um 1539/40 erlangte er den Grad eines Magister. Um 1551/52 floh er „wegen der Religion“ aus Gent und kam 1552 nach Wesel.
In Genf lernte er Johannes Calvin kennen. Am 27. Oktober 1553 erlebte er die Verbrennung Michel Servets als Augenzeuge. Er soll ein Exemplar von Servets Christianismi Restitutio aus dem Feuer gerettet und einen ausführlichen, später verschollenen Bericht, die Historia de morte Michaelis Serveti, verfasst haben. Die Hinrichtung erschütterte ihn noch Jahrzehnte später.
Spätestens ab 1555 betrieb er in Wesel eine Privatpresse. Der Stadtrat verlangte am 26. Juli 1555 eine Bürgschaft von 500 Goldgulden für den Fall unerlaubter Drucke. Overd’hage übernahm bald die Druckerei von Jodocus Lambrecht. Er druckte religiöse Schriften, teils anonym oder unter dem Pseudonym „Adrianus Bethsinnius“. Zu seinen wichtigen Veröffentlichungen gehört von 1563 Eyne korte unde eynvaldige underwisung. Darin setzte er sich für Glaubensfreiheit auch für als ungläubig oder abweichend betrachtete Gruppen ein. Er veröffentlichte außerdem den Nachlass des Mystikers Mathijs Wier.
Prädikant, Lehrer und Toleranzschriftsteller
Zwischen 1570 und 1574 war Overd’hage als Prädikant der niederländischen Flüchtlingsgemeinde und als Drucker in Emden tätig. Er übersetzte dort Briefe von Sebastian Franck ins Mittelniederländische. Seine Kritik an der Kindertaufe führte zu einem Konflikt mit dem wallonischen Pfarrer Johannes Polyander d. Ä. van den Kerckhoven. Nach einer Predigt in der Emder Großen Kirche am Sonntag nach Weihnachten 1573 erhob Polyander Ketzereivorwürfe. Im Januar 1574 wurden fünf Streitpunkte vorgelegt; Overd’hage antwortete mit 40 Artikeln gegen Polyander. Im Mai 1574 verließ er Emden und zog nach Rotterdam.
In Rotterdam erhielt er trotz eigener Bemühungen keine Predigerstelle. Der Magistrat unterstützte ihn, das reformierte Konsistorium verhinderte jedoch seine Bestallung. Die Synode zu Dordrecht erklärte ihn am 15. Juni 1574 für „suspect“; ihm wurde Nähe zu Täufern, „Schwarmgeistern“ und Libertinen vorgeworfen. Stattdessen führte er 1575/76 ein Lehrinstitut und eine Schule und veröffentlichte eine flämisch-französische Grammatik.
Nach der Genter Pazifikation kehrte er 1577 in seine Geburtsstadt zurück. Dort unterrichtete er an der kurzlebigen Genter Hochschule beziehungsweise Lateinschule. Seine genaue Aufgabe ist nicht sicher; er erhielt 40 Pfund Grote Jahresgehalt. Besonders entschieden vertrat er religiöse Toleranz in Een saechtmoedige tsamensprekinge van Cephas ende Arnolbius (1581), das Wilhelm I. von Oranien gewidmet war. Wegen einer zur Zensur vorgelegten Emder Predigt wurde er von calvinistischen Pfarrern verhört und anschließend von der Genter Universität entfernt.
Verfolgung und letzte kirchliche Konflikte
Nach der Übergabe Gents an Alessandro Farnese 1584 musste Overd’hage erneut fliehen. 1585 wurde er bei Oudenaarde wegen einer von ihm gedruckten Schrift, Een cort vertooch ende vriendelycke vermaeninghe tot alle liefde des payes, von spanischen Behörden verhaftet und zum Tod verurteilt. Das Werk galt als anonymes „Famos-Libell“; Artikel 110 der Peinlichen Halsgerichtsordnung Karls V. von 1532 sah dafür die Todesstrafe vor. Overd’hage wurde jedoch freigelassen.
1586 immatrikulierte sich der damals 66-Jährige an der theologischen Fakultät in Leiden. Von September 1593 bis zum 31. Mai 1595 war er Pfarrer in Hoogmade und erhielt dafür 250 Gulden jährlich. Seine Berufung wurde angegriffen, weil er sich nicht von anderen Predigern prüfen lassen wollte. Er berief sich stattdessen auf die Auslegung der Confessio Belgica und des Heidelberger Katechismus durch Jeremias Bastinck und hielt den Baron Gerrit VII. van Poelgeest für zuständig.
Die Synode forderte ihn 1594 zur Rechtfertigung für Druck und Vertrieb eines Buches Mathijs Wiers auf. Overd’hage erklärte schriftlich, er verstehe dessen Aussagen nicht so, dass der Mensch sein natürliches Wesen verliere. Dennoch setzte ihn die Synode zu Gorinchem 1595 ab: Gründe waren die nicht rechtmäßig geprüfte Ausübung des Predigtamts, als „osiandrisch“ beanstandete Lehre und ein Vorwurf der Nähe zu Mennoniten. In Alphen aan den Rijn durfte er zeitweise predigen, wurde aber auch dort kirchlich beanstandet. Eine feste reformierte Pfarrstelle erreichte er bis zu seinem Tod nicht.
Letzte Jahre, Familie und Druckermarke
1598 wurde Overd’hage, 78 Jahre alt und Magister, erneut kostenlos in die Leidener Universitätsmatrikel aufgenommen. Der unitarische Sozinianer Andrzej Wojdowski erhielt 1598/99 von ihm ein Exemplar seiner Historia de morte Michaelis Serveti und verfasste dazu einen verschollenen Kommentar. Overd’hage nannte sich in Leiden auch „meester Pieter van de Middelwech“. Sein etwa zehnjähriger Sohn Abraham wurde am 17. April 1603 erschossen; Overd’hage starb ein halbes Jahr später.
Er war zunächst mit Josijntgen Pietersdochter verheiratet und hatte mit ihr unter anderem die Söhne Abel und David sowie die Tochter Sara. Um 1582 heiratete er Emerentia d’ Mets aus Oudenaarde. Aus dieser zweiten Ehe werden Lea, Amos und Abraham genannt. 1595 hatte das Paar sieben, teilweise noch sehr junge Kinder.
Seine Druckermarke zeigt ein Kornfeld mit dem gekreuzigten Christus und dem Wort „Veritas“ („Wahrheit“). Ein Schnitter wendet sich von einem durch eine Schlange umringelten Baum ab, der mit „Umbra“ („Finsternis“) bezeichnet ist. Das Kornfeld und der Baum stehen für neuen und alten Glauben. Das Spruchband „Sat quercus“ bedeutet hier „genug vom (altgläubigen) Baum“. Overd’hage übernahm und veränderte das Druckerzeichen von Jodocus Lambrecht.