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Dirck Mullem
ALTERNATIVNAMEN, de Raeff, Dirk; Mullem, Dierick; Mulm, Dierc ; KURZBESCHREIBUNG, Buchdrucker und Verleger in Wesel, Rotterdam und Vianen ; GEBURTSDATUM, vor 1550.
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Bedeutung und Überblick
Dirck Heynricxzoon de Raeff van Mullem, auch Dierick Mullem oder Dierc Mulm genannt, war ein Buchdrucker und Verleger. Er wurde vor 1550 am Niederrhein, möglicherweise in Mülheim an der Ruhr, geboren und starb um 1604 in Vianen. Seine Tätigkeit ist vor allem wichtig, weil er religiöse Schriften unterschiedlicher reformatorischer und nonkonformistischer Richtungen verbreitete. Er arbeitete bis etwa 1570 in Wesel, seit ungefähr 1573 und erneut ab 1587/89 in Rotterdam sowie von 1583 bis 1587 in Vianen.
Seine Familie stammte aus Mülheim, im örtlichen niederfränkischen Dialekt „Mölm“. In einem Rotterdamer Verhörprotokoll von 1583 gab Mullem als Herkunft „in den lande van Cleeff“ an. Damit kann der Landesteil Kleve oder allgemeiner das Gebiet der Vereinigten Herzogtümer Jülich-Kleve-Berg gemeint sein. Deshalb bleibt sein genauer Geburtsort unsicher. Sein Vater hieß Heinrich; der Beiname „de Raeff“ bedeutet „Rabe“.
Anfänge und Verbindungen nach Emden
1569 arbeitete Mullem als Drucker in Wesel. Dort trat er in die Offizin, also die Druckwerkstatt, von Pieter Overd’hage ein. Dieser hatte den Betrieb zuvor von Jodocus Lambrecht übernommen. Zu Mullems ersten bekannten Drucken gehörten Werke des Mystikers Mathijs Wier, der in Wesel gelebt hatte.
Mullem unterhielt später enge Verbindungen nach Emden. Er druckte dort veröffentlichte Werke nach und verwendete Druckermarken Emder Buchdrucker. Vermutlich folgte er seinem Mentor Pieter Overd’hage nach Emden und arbeitete zu Beginn der 1570er Jahre kurzzeitig in der Offizin Gailliart. Der reformierte Kirchenrat von Emden verdächtigte diesen Betrieb spiritualistischer, zwinglianischer oder täuferischer Neigungen. Mullems Kontakte bestanden auch später fort: Seine 1583/84 in Vianen gedruckte Ausgabe von David Joris’ „t’Wonderboeck“ ließ er durch einen Emder Kaufmann vertreiben.
Arbeit in Rotterdam und politische Verfolgung
Um 1570 wurde Mullems Sohn Jacob offenbar in Antwerpen geboren. Seit etwa 1573 war Mullem der erste dauerhaft in Rotterdam tätige Buchdrucker. Sein Programm umfasste unter anderem niederdeutsche Ausgaben der „Nachfolge Christi“ von Thomas von Kempen, des Neuen Testaments, der Bibel in „duyts“ von Jacob van Liesvelt beziehungsweise Nikolaes Biestkens dem Älteren und des Heidelberger Katechismus. Außerdem druckte er ein „Liedboeck“ des Hans de Ries sowie Werke von Pieter Overd’hage, Johannes Saliger und Noël de Berlaymont.
1583 geriet Mullem in die Verschwörung des Kupferstechers Cornelis de Hooghe. De Hooghe plante im Interesse Spaniens eine Konspiration gegen Wilhelm I. von Oranien und die Generalstaaten. Er wollte 4000 Exemplare der Schrift „Hoognoodig Advertissement“ drucken und 600 von ihm selbst als „Cornelis van Ostenrijk, bastaard van den Keiser Kaerle de Vijfde“ unterzeichnete Flugblätter an führende Vertreter aller Städte verteilen lassen. Dafür wurde er in ’s-Gravenhage als Landesverräter enthauptet und gevierteilt.
Mullem wurde in Rotterdam festgenommen und der Mitwirkung beschuldigt. Er hatte den Druck der aufrührerischen Schriften zwar abgelehnt und behauptete, deren Inhalt nicht gekannt zu haben. Er hatte jedoch den Magistrat nicht gewarnt. Auf die Frage nach anderen Druckorten verwies er auf den Tod des Druckers in Emden, womit wohl Willem Gailliart gemeint war, und bezweifelte, dass in Rees jemand den gefährlichen Auftrag annehmen würde. Trotz seiner Eingaben an die Generalstaaten und Wilhelm I. wurde Mullem wegen Mitwisserschaft für sechs Jahre aus Holland ausgewiesen.
Exil in Vianen
Von 1583 bis 1587 lebte und arbeitete Mullem im Exil in Vianen. Die Stadt lag nahe Utrecht in einer reichsfreien Herrschaft der Grafen von Brederode. Dort profilierte er sich besonders als Verleger religiöser Dissidenten, also von den herrschenden Glaubensrichtungen abweichender Autoren. Ihre Positionen waren mystisch-spiritualistisch, täuferisch beziehungsweise mennonitisch oder unitarisch geprägt. Zu ihnen gehörten Mathijs Wier, David Joris, Caspar Jansz. Coolhaes, Hermann Herbertsz. und Erasmus Johannis.
Ein wichtiges Beispiel ist die Neuauflage von David Joris’ „t’Wonderboeck“. Der Emder Kaufmann und Schiffer Hendrick Jacobsz. hatte sie 1582 bestellt und finanziert. Zur Tarnung versah Mullem diese und manche anderen Ausgaben mit der falschen Jahresangabe „1551“. Neben seiner Tätigkeit als Drucker und Verleger besaß er in Vianen eine Brauerei.
Rückkehr und letzte Jahre
1587/89 kehrte Mullem nach Rotterdam zurück. Seine Druckerei befand sich „opt steygher“ an der Hoogstraat beim Kornmarkt in einem Haus mit dem Namen „in den Engel“, das er am 24. Mai 1581 erworben hatte. Aus Vorsicht datierte er nun einige Drucke in seine Exilzeit in Vianen zurück.
Zu seinen letzten Veröffentlichungen gehörten ein Werk über die Kalenderreform von 1582, David Joris’ „Handt boecxken“, eine Liesvelt-Bibel von 1593, Gedichte verschiedener Autoren und Novellen von Johannes Balde. Um 1598/99 gab Mullem die Druckerei auf. 1603 übertrug er ein Haus am Steiger an seinen Sohn Daniel van Mulhem und kehrte nach Vianen zurück. Am 1. Juli 1604 ging der „roode Engel“ aus Daniels Besitz an den Buchverkäufer Gillis Pieters über. Mullem starb vermutlich um 1604 in Vianen.
Kennzeichen seiner Drucke
Druckermarken waren bildliche Zeichen, mit denen Drucker ihre Erzeugnisse kennzeichneten. Mullems wichtigste Marke zeigt in einem Oval eine von Dornenzweigen umgebene Lilie. Die umlaufende Devise lautet: „Gelijck een lelie onder de doornen • So is mijn Vriendinne onder de dochteren • Cant. 2“, auf Deutsch: „Wie eine Lilie unter Disteln • so ist meine Freundin unter den Töchtern • Hld. 2,2 EU“. Diese Marke wurde auch von Johann Gailliart in Emden benutzt, der sie von Nicolaes Biskens dem Älteren oder dessen Mitarbeiter Lenaert der Kinderen übernommen hatte.
In manchen Drucken verwendete Mullem außerdem die von Pieter Overd’hage beziehungsweise Jodocus Lambrecht stammende Marke „sat quercus“ oder griechisch „ἅλις δρυός, hális dryós“. Die Wendung bedeutet „genug von der Eiche“ und war hier im Sinne von „genug vom altgläubigen Baum“ gemeint. Mullem ersetzte die Darstellung eines Kruzifixes durch den Schriftzug „Die gecruyste Christus“. Zudem ergänzte er das von Lambrecht übernommene Motto „Cessent solita, dum meliora“ beziehungsweise französisch „Cesse le vieux, s’il apert mieux“ und niederländisch „Das oude sal wijcken, Als beter can blijcken“. Es bedeutet: „Das Gewohnte mag enden, sobald es Besseres gibt.“