Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Paul Gauguin
Gauguins postimpressionistisches Werk beeinflusste stark die Nabis und den Symbolismus; er war Mitbegründer des Synthetismus und wurde zu einem Wegbereiter des …
Inhalt5 Abschnitte
Bedeutung und künstlerisches Profil
Eugène Henri Paul Gauguin (* 7. Juni 1848 in Paris; † 8. Mai 1903 in Atuona auf Hiva Oa, Französisch-Polynesien) war ein einflussreicher französischer Maler, Grafiker, Keramiker und Holzschnitzer. Besonders bekannt wurde er durch seine farbintensiven Gemälde aus der Südsee. Sein postimpressionistisches Werk beeinflusste die Künstlergruppe Nabis und den Symbolismus. Als Mitbegründer des Synthetismus und Wegbereiter des Expressionismus spielte er eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der modernen europäischen Malerei.
Gauguin löste sich vom Ziel, die sichtbare Wirklichkeit möglichst genau nachzuahmen. Seine Bilder sollten Gefühle und Gedanken ausdrücken. Der Synthetismus verbindet dafür Beobachtungen der Natur mit persönlichen Empfindungen und einer vereinfachten, bewusst gestalteten Bildkomposition. Gauguin griff zugleich Anregungen aus europäischen Kunstwerken sowie aus alten und außereuropäischen Kulturen auf. Seine Suche nach einer vermeintlich einfachen und ursprünglichen Lebensweise prägte sowohl seine Motive als auch sein Selbstbild als „Wilder“.
Lebensweg und Hinwendung zur Kunst
Gauguin verbrachte einen Teil seiner frühen Kindheit in Peru und kehrte nach Ausbruch eines Bürgerkriegs 1853 mit seiner Familie nach Frankreich zurück. Mit 17 Jahren ging er zur Handelsmarine, wechselte später zur Kriegsmarine und bereiste unter anderem Südamerika und Indien. 1871 beendete er seine Seemannslaufbahn. Ab 1872 arbeitete er erfolgreich bei einer Bank und als Börsenmakler. 1873 heiratete er die Dänin Mette-Sophie Gad; das Paar hatte fünf Kinder.
Durch seinen Vormund und Kunstsammler Gustave Arosa lernte Gauguin Werke von Eugène Delacroix, Gustave Courbet und Camille Corot kennen. Er nahm Malunterricht und arbeitete zunächst in seiner Freizeit. 1876 wurde sein Landschaftsgemälde Sous-bois à Viroflay im Pariser Salon gezeigt. Ab 1879 nahm er an mehreren Impressionisten-Ausstellungen teil, malte unter Anleitung Camille Pissarros im Freien und begegnete Künstlern wie Edgar Degas, Pierre-Auguste Renoir und Édouard Manet.
Nach einem Börsenkrach verlor Gauguin 1882 seine Stelle und beschloss, ausschließlich als Maler zu arbeiten. Dieser Schritt führte zu dauernden Geldproblemen und belastete seine Familie. Nach Aufenthalten in Rouen und Kopenhagen trennte er sich räumlich von Frau und Kindern und führte fortan ein unstetes Leben.
1886 arbeitete Gauguin in Pont-Aven in der Bretagne, einem Treffpunkt von Künstlern. Gemeinsam mit Émile Bernard entwickelte er dort später den Synthetismus. 1887 reiste er mit Charles Laval nach Panama und Martinique, weil er ein einfaches Leben in den Tropen suchte. In Panama musste er beim Bau des Panamakanals arbeiten; auf Martinique erkrankte er an Ruhr und Malaria. Künstlerisch war die Reise dennoch bedeutend: Er brachte mehr als zwanzig Gemälde nach Frankreich zurück. Von Oktober bis Dezember 1888 lebte und arbeitete er mit Vincent van Gogh in Arles. Das konfliktreiche Zusammenleben endete nach dem nicht vollständig geklärten Vorfall, bei dem van Gogh sich nach einem Streit ein Stück seines Ohres abschnitt.
Polynesien und letzte Lebensjahre
Im April 1891 reiste Gauguin erstmals nach Tahiti. Er hatte die Insel als ursprüngliches, glückliches und nahezu kostenloses Paradies idealisiert. Tatsächlich war Tahiti seit 1880 französische Kolonie und bereits stark durch Christianisierung, Handel und Kolonialherrschaft verändert. Gauguin zog von Papeete in das 40 km entfernte Dorf Mataiea und lebte dort mit der 13-jährigen Tahitianerin Téha'amana, auch Tehura genannt, die ihm häufig Modell stand. Seine zahlreichen tahitianischen Bilder zeigen weniger die damalige Wirklichkeit als eine von ihm erträumte exotische Welt.
Während dieses Aufenthalts begann er Noa Noa (Duft), eine Mischung aus Erlebtem und Erfundenem, mit der er dem europäischen Publikum seine Kunst erklären wollte. Das von ihm illustrierte Buch erschien 1897. Wegen Krankheit und Geldnot kehrte Gauguin im August 1893 nach Frankreich zurück. Seine 66 auf Tahiti entstandenen Gemälde wurden von Künstlern und Schriftstellern gelobt, beim breiteren Publikum jedoch überwiegend mit Unverständnis und Spott aufgenommen.
Im September 1895 ging Gauguin endgültig nach Polynesien zurück. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich durch eine nie ausgeheilte Beinverletzung, Syphilis, Herzbeschwerden und eine chronische Augenentzündung. Nach dem Tod seiner Tochter Aline und einem Herzanfall malte er 1897 innerhalb von vier Wochen das 139 × 375 cm große Werk Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?, das testamentarischen Charakter besitzt. Anschließend unternahm er einen Suizidversuch mit Arsen.
Aus Geldnot arbeitete Gauguin 1898 zeitweise als Zeichner beim Bauamt in Papeete. Er schrieb außerdem für Les Guèpes und gründete Le Sourire, um Kolonialbeamte und Missionare anzugreifen. Ein Vertrag mit dem Kunsthändler Ambroise Vollard verschaffte ihm ab 1900 erstmals ein bescheidenes regelmäßiges Einkommen aus seiner Kunst.
1901 zog Gauguin nach Atuona auf der Marquesas-Insel Hiva Oa. Dort setzte er sich für Interessen der einheimischen Bevölkerung ein, geriet aber wegen seines provozierenden Verhaltens erneut mit Kirche und Kolonialverwaltung in Konflikt. Wegen Verleumdung wurde er zu einer Haft- und Geldstrafe verurteilt. Bereits bettlägerig und mit Morphin gegen seine Schmerzen behandelt, starb er am 8. Mai 1903 im Alter von 54 Jahren. Er wurde in Atuona beigesetzt.
Malweise, Vorbilder und Themen
Gauguins frühe Werke orientieren sich am Impressionismus. Formen erscheinen darin verschwommen; viele kleine Pinselstriche aus reinen Farben verbinden sich erst aus einiger Entfernung optisch zu Mischfarben. Wie viele Impressionisten malte Gauguin vor allem Landschaften.
Nach seiner Karibikreise entwickelte er ab 1888 eine eigene Bildsprache, die Anfang 1891 weitgehend ausgebildet war. Sie wird als Nachimpressionismus, Synthetismus, Symbolismus oder Primitivismus bezeichnet. Gauguin vereinfachte Personen und Gegenstände und grenzte Farbflächen deutlich voneinander ab. Häufig verstärkte eine dunkle Umrisslinie die Formen; diese Technik heißt Cloisonismus. Er reduzierte Körperschatten, verzichtete meist auf Schlagschatten und beachtete die Regeln der Perspektive nicht streng. Dadurch wirken seine Bilder flächig und dekorativ.
Auch die Farben mussten nicht dem natürlichen Aussehen entsprechen. In Tangsammlerinnen II von 1889 erscheinen beispielsweise der Strand rosa, das Meer türkis-grün und ein Hund gelb. Gauguin setzte besonders in seinen Südseebildern leuchtende Farben und Komplementärkontraste ein. Einzelne Flächen gestaltete er als Muster oder Ornamente, ging aber nie vollständig zur Abstraktion über.
Gauguin übernahm Bildideen aus unterschiedlichen Kulturen. Die Haltung der anbetenden Frauen in Ia Orana Maria (Gegrüßet seist Du, Maria) von 1891 geht auf Reliefs der Tempelanlage Borobudur auf Java zurück. Die im Profil aufgereihten Frauen in Der Markt von 1892 orientieren sich an altägyptischen Grabmalereien.
Seine bevorzugten Motive waren die ländliche Bretagne und später die Tropen. Städtische Themen malte er selten. Seine Südseebilder mit üppiger Pflanzenwelt und leicht bekleideten Menschen stellen keine genaue Wirklichkeit dar, sondern sein erträumtes Paradies. Daneben beschäftigte er sich mit Religion, Theosophie und Vorstellungen von tahitianischen Mythen. Werke wie Die Vision nach der Predigt oder Der Kampf Jakobs mit dem Engel (1888), Der Geist der Toten wacht (1892), Gottes Sohn (1896) und Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? (1897) verbinden religiöse, symbolische und existenzielle Fragen. In einigen Bildern verlegte er biblische Szenen in eine tropische Umgebung.
Grafik, Plastik und Nachwirkung
Neben Gemälden schuf Gauguin Holzschnitte, Lithografien, Radierungen und Monotypien. Seine experimentellen Drucke zielten ebenfalls auf eine einfache, archaisch wirkende Ausdrucksweise. Die Noa-Noa-Suite von 1893–1894 behandelt exotische Motive sowie Mythen und Spiritualität Tahitis. Durch überlagerte Druckstöcke und unterschiedliche Farbschichten entstanden zahlreiche Varianten, die oft den Charakter von Unikaten besitzen. Die auf Zinkplatten hergestellte Volpini-Suite von 1889 greift Eindrücke aus der Bretagne und Martinique auf. Monotypien wie Pape Moe von 1894 verbinden malerische und druckgrafische Verfahren.
Im Winter 1886/87 fertigte Gauguin in Paris Tonplastiken und Gefäße an, teilweise angeregt durch altamerikanische Kopfgefäße, die er aus seiner Kindheit in Peru kannte. In der Südsee schuf er Holzreliefs und Skulpturen. Dabei übernahm er Elemente der örtlichen Schnitzkunst; manche als „Götzen“ gestalteten Werke wirken wie magische Gegenstände.
Nach Gauguins Tod stieg das Interesse an seinem Werk stark. Die Nabis betrachteten ihn als Lehrer und übernahmen Synthetismus, Flächigkeit und dekorative Wirkung. Henri Matisse und andere Fauvisten orientierten sich an seinen leuchtenden Farben und dem Aufbau aus Farbflächen. Auch Paula Modersohn-Becker sowie die expressionistischen Gruppen Brücke und Blauer Reiter erhielten durch seine Formvereinfachung, seine subjektive Farbgebung und seine Beschäftigung mit außereuropäischer Kunst wichtige Anregungen. Deshalb wird Gauguin zusammen mit Vincent van Gogh und Paul Cézanne gelegentlich als einer der „Väter der Moderne“ bezeichnet.
Seine Werke gehören heute zu den teuer gehandelten Gemälden. Der Mann mit der Axt von 1891 wurde 2006 für 45,7 Millionen US-Dollar verkauft. Für Nafea faa ipoipo? von 1892 wurde 2015 ein Preis von rund 300 Millionen US-Dollar gemeldet; Preis und Käufer wurden jedoch weder bestätigt noch dementiert.