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Jacques Brel
Jacques Romain Georges Brel (; * 8. April 1929 in Schaerbeek/Schaarbeek, Belgien; † 9. Oktober 1978 in Bobigny, Frankreich) war ein belgischer Chansonnier …
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Überblick
Jacques Romain Georges Brel (* 8. April 1929 in Schaerbeek/Schaarbeek, Belgien; † 9. Oktober 1978 in Bobigny, Frankreich) war ein belgischer Chansonnier und Schauspieler. Als Chansonnier schrieb und sang er überwiegend eigene Lieder, meist auf Französisch. Gemeinsam mit Charles Trenet und Georges Brassens zählt er zu den bedeutendsten Künstlern des französischen Chansons.
Brels ungefähr 150 veröffentlichte Aufnahmen verbinden Liebeslieder, Tod, Kindheit und Alter mit scharfer Kritik an gesellschaftlicher Enge, Bourgeoisie und Nationalismus. Entscheidend für ihre Wirkung waren nicht nur Texte und Musik, sondern sein körperlicher, expressiver und dramatischer Vortrag. Besonders bekannte Chansons sind Ne me quitte pas, Amsterdam, Le Plat Pays, La chanson de Jacky, Orly und Le Moribond. Aus Le Moribond entstand in englischer Übertragung der internationale Hit Seasons in the Sun.
Werdegang und Rückzug
Brel wuchs in einer bürgerlichen, französischsprachigen Familie in Brüssel auf. Er empfand seine Kindheit später als einsam und langweilig. Nach Schwierigkeiten in der Schule arbeitete er ab 1947 in der Kartonagenfabrik der Familie. In der katholischen Jugendbewegung Franche Cordée sang er erstmals eigene Lieder zur Gitarre. 1950 heiratete er Thérèse „Miche“ Michielsen; sie bekamen drei Töchter: Chantal (1951–1999), France (* 1953) und Isabelle (* 1958).
1953 ging Brel nach Paris. Die erste Single La foire und Il y a verkaufte nur 200 Exemplare. In den folgenden Jahren trat er vor allem in kleinen Cabarets und auf Tourneen in Frankreich, Belgien und Nordafrika auf. Der Erfolg von Quand on n’a que l’amour im Jahr 1956 brachte Platz drei der französischen Hitparade und den Grand Prix du Disque der Akademie Charles Cros. Mit dem Arrangeur François Rauber, dem Pianisten Gérard Jouannest und dem Akkordeonisten Jean Corti entwickelte Brel seinen Stil weiter. 1959 gelang ihm endgültig der Durchbruch; er gab auf Tourneen bis zu 300 Konzerte jährlich. Seit 1962 dienten seine Texte auch als Unterrichtsmaterial in Schulen.
Obwohl Brel international erfolgreich war, beendete er seine Bühnenkarriere auf dem Höhepunkt: Sein letztes öffentliches Konzert gab er am 16. Mai 1967 in Roubaix. Danach übertrug er das Musical Man of La Mancha ins Französische und spielte Don Quijote. Von 1967 bis 1973 wirkte er in zehn Spielfilmen mit; Franz (1972) und Le Far-West (1973) realisierte er selbst als Regisseur und Autor. Nach dem Misserfolg von Le Far-West zog er sich weitgehend zurück.
Brel widmete sich der Fliegerei und dem Segeln. Nach einer Lungenkrebsdiagnose 1974 und einer Operation segelte er dennoch weiter. Im Juni 1976 ließ er sich mit Maddly Bamy in Atuona auf Hiva Oa, einer Insel der Marquesas, nieder. Für seine letzte Platte Les Marquises reiste er 1977 noch einmal nach Paris; vor der Auslieferung lagen eine Million Vorbestellungen vor. Er starb am 9. Oktober 1978 an Herzversagen und wurde auf Hiva Oa unweit des Grabes von Paul Gauguin beigesetzt.
Texte, Musik und Bühnenwirkung
Brel verfasste seine Texte selbst und registrierte bei der französischen Verwertungsgesellschaft SACEM in 25 Jahren 192 Liedtexte. Außerdem schrieb er sieben Chansons für andere Interpreten sowie Texte für zwei Musicals. Seine frühen Lieder sind eher idealistisch und lyrisch; spätere Lieder sind häufig dramatische Miniaturhandlungen, die für die Aufführung auf der Bühne angelegt sind. Sie schildern entweder die Entwicklung einer Situation, etwa in Madeleine, Jef oder Les bonbons, oder steigern menschliche Empfindungen, etwa in Ne me quitte pas, La Fanette und J’arrive.
Die Sprache ist französische Standardsprache mit umgangssprachlichen Formen. Typisch sind einfache poetische Bilder, Neologismen, also neu gebildete Wörter, Wortwiederholungen, Ellipsen, also unvollständige Sätze, und Satzumstellungen. Viele Texte bleiben bewusst mehrdeutig: In Ces gens-là etwa entsteht bei jedem Zuhörer ein eigenes Bild der beschriebenen Menschen. Wiederkehrende Symbole sind Wasser und Tiere. Fließendes, unbegrenztes Wasser hat eine positive Bedeutung; Tiermetaphern kennzeichnen meist negative menschliche Eigenschaften. Reisen und Veränderung sind überwiegend positiv, Stillstand und Warten dagegen problematisch.
Musikalisch arbeitete Brel mit Arrangeuren und Komponisten zusammen, weil er keine Noten lesen und keine Partituren ausarbeiten konnte. François Rauber und Gérard Jouannest prägten die Arrangements besonders stark. Brel sang als Bariton, also in einer mittleren männlichen Stimmlage, mit großem Tonumfang. Klavier und Akkordeon sind die wichtigsten Instrumente. Er verwendete auch bekannte Formen wie Walzer, Charleston, Tango und Samba, verfremdete sie aber oft: La valse à mille temps wird immer schneller, Clara steht im ungewöhnlichen 5/4-Takt. Musikalische Zitate dienten meist Ironie oder Parodie.
Seine Programme umfassten gewöhnlich 15 oder 16 Chansons ohne Moderation; Zugaben lehnte er grundsätzlich ab. Im schwarzen Anzug stand er meist an einem Standmikrofon und setzte Stimme, Mimik, Hände und Körper intensiv ein. Gestik und Überzeichnung machten die Lieder auch ohne Sprachkenntnisse auf der Gefühlsebene verständlich. Seine Chansons waren daher weniger beiläufige Unterhaltung als konzentrierte, dramatische Szenen.
Zentrale Themen und Gesellschaftskritik
Glaube, Liebe, Kindheit, Alter und Tod sind zentrale Themen. Brels frühe Chansons stehen unter dem Einfluss seiner katholischen Herkunft und betonen „Liebe, Glaube, Hoffnung“. Später bezeichnete er sich in Interviews als Atheisten; in den Liedern entwickelt sich seine Haltung in Richtung Agnostizismus, also der Auffassung, dass die Frage nach Gott nicht sicher beantwortbar ist. Im Mittelpunkt bleibt der Mensch. Daher wird Brel als Vertreter eines zeitgenössischen Humanismus verstanden: einer Sichtweise, die Würde, Verantwortung und Möglichkeiten des Menschen betont.
Liebe ist das häufigste Thema, erscheint aber oft als unerfüllt, verloren oder enttäuschend. Frühe Lieder idealisieren eine dauerhafte romantische Bindung. Spätere Texte sind pessimistischer und zeigen häufig zynische Frauen- und Männerfiguren; Kritiker warfen Brel deshalb Misogynie, also Frauenfeindlichkeit, vor. Andere Deutungen betonen, dass auch Männer negativ gezeichnet werden und die Schuld oft beide Geschlechter betrifft. Madeleine zeigt einen Mann, der vergeblich wartet, aber seine Hoffnung behält. Les bonbons parodiert eine aussichtslose Brautwerbung. La chanson des vieux amants beschreibt dagegen einen reifen, nüchternen Umgang eines lange zusammenlebenden Paares mit Liebe.
Kindheit steht für Freiheit, Träume und das verlorene Paradies; als Bild dafür erscheint oft der „Far West“. Erwachsene, Krieg und gesellschaftliche Regeln bedrohen diesen Zustand. Alter bedeutet dagegen Verlust von Illusionen und Vergänglichkeit. Der Tod ist nach der Liebe das zweithäufigste Thema. Er kann als natürlicher Abschluss, als gefürchtete Trennung oder auch als Ruhe erscheinen. In Jojo bleibt die Freundschaft mit dem verstorbenen Freund Jojo Pasquier über dessen Tod hinaus wirksam.
Brel greift gesellschaftliche Anpassung, Passivität und die Einschränkung persönlicher Freiheit an. Seine Sympathie gilt Armen, Unterdrückten und Schwachen. Die Kritik richtet sich meist gegen Gruppen oder Haltungen, nicht gegen einzelne Personen. Die Bourgeoisie meint bei ihm nicht nur eine soziale Klasse, sondern Menschen, die Neugier und Spontaneität verloren haben und Stillstand akzeptieren. Familie, Schule und katholische Kirche erscheinen teils als Institutionen, die Freiheit begrenzen. Konkrete politische Lösungen bietet Brel nicht; seine Lieder sollen jedoch kritisches Denken anregen.
Sein Verhältnis zu Belgien war ambivalent. Er fühlte sich dort eingeengt, betonte in Frankreich aber seine belgische Herkunft. Seine Angriffe richteten sich besonders gegen „Flamingants“, flämische Nationalisten, nicht gegen alle „flamands“, also Bewohner Flanderns. Lieder wie Les flamands, La… la… la… und Les F… lösten in Belgien Skandale aus. Zugleich übertrug Brel Chansons ins Flämische, etwa Le Plat Pays als Mijn vlakke land. Das Lied Le Plat Pays bekräftigt trotz Kritik die Verbundenheit mit seinem „flachen Land“.
Film und Nachwirkung
Brels Filme greifen Motive seiner Chansons auf: enttäuschte Liebe, Kindheitsträume, Suche nach Freiheit und Tod. In Franz sucht der Protagonist Léon nach Liebe und wählt am Ende den Freitod. Le Far-West erzählt von Erwachsenen, die das Paradies ihrer Kindheit im Wilden Westen suchen; der Cowboy Jacques stirbt im Kugelhagel. Mein Onkel Benjamin blieb der bekannteste Film, in dem Brel als Schauspieler mitwirkte.
Brel gilt als führender Repräsentant des französischen Chansons und als einer der bekanntesten Belgier. Seine Alben verkauften sich auch im 21. Jahrhundert noch in einer Größenordnung von 250.000 Stück jährlich. Die Stadt Brüssel erklärte 2003, 25 Jahre nach seinem Tod, zum Brel-Jahr. 2005 erreichte er bei der wallonischen Wahl Le plus grand Belge Platz eins und bei De Grootste Belg Rang 7. Seit 2006 wird sein Werk von den Éditions Jacques Brel verwaltet.
Seine Chansons wurden vielfach übersetzt und neu interpretiert. Ne me quitte pas lag 1988 in den USA in 270 und in Japan in 38 Fassungen vor. Die Übertragungen gelten als schwierig, weil Text, Rhythmus, Musik und Bühneninszenierung eng mit Brels Vortrag verbunden sind. Wichtige deutschsprachige Interpreten sind Michael Heltau und Klaus Hoffmann. Terry Jacks machte 1974 mit Seasons in the Sun, einer Fassung von Le Moribond, einen Welthit.