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Orhan Pamuk
Orhan Pamuk (* 7. Juni 1952 in Istanbul) ist ein türkischer Schriftsteller. Er gilt als einer der international bekanntesten Autoren seines Landes und wurde …
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Person und Bedeutung
Orhan Pamuk, geboren am 7. Juni 1952 in Istanbul, ist ein türkischer Schriftsteller und einer der international bekanntesten Autoren seines Landes. 2006 erhielt er als erster türkischer Schriftsteller den Nobelpreis für Literatur. Sein Werk umfasste 2021 elf Romane, ein autobiografisches Erinnerungsbuch und zahlreiche Essays; es wurde in 35 Sprachen übersetzt und in mehr als 100 Ländern veröffentlicht. Pamuk verbindet den modernen europäischen Roman mit Erzähltraditionen des Orients. Auch politisch nimmt er eine menschenrechtlich begründete Mittlerposition zwischen der Türkei und Europa ein.
Pamuk wuchs in einer wohlhabenden, westlich orientierten Istanbuler Familie auf. Nach dem englischsprachigen Robert College studierte er zunächst Architektur an der Technischen Universität Istanbul. Er brach das Studium ab, gab seinen ursprünglichen Wunsch, Maler zu werden, auf und entschied sich für das Schreiben. 1977 erwarb er an der Universität Istanbul einen Abschluss als Journalist.
1974 begann er seinen ersten Roman Cevdet und seine Söhne. Das Buch gewann 1979 den Romanwettbewerb des Verlagshauses Milliyet, erschien 1982 und erhielt 1983 den Orhan-Kemal-Literaturpreis. Während eines Aufenthalts in den USA von 1985 bis 1988 arbeitete Pamuk an Das schwarze Buch. Mit dessen Veröffentlichung 1990 gelang ihm der internationale Durchbruch. Bis auf diese Jahre lebte er ständig in Istanbul. Die Stadt ist nicht nur sein Wohnort, sondern Schauplatz, Erinnerungsraum und eines der wichtigsten Themen seines Werks.
Zentrale Themen und Erzählweise
Im Mittelpunkt vieler Werke steht die Identität der türkischen Gesellschaft zwischen Orient und Okzident, also zwischen östlich-islamischen beziehungsweise osmanisch-persischen Traditionen und westlich-europäischer Moderne. Pamuk stellt diese Bereiche nicht einfach als klare Gegensätze dar. Er untersucht ihre Konflikte, gegenseitigen Einflüsse und Vermischungen. Wiederkehrende Fragen betreffen Tradition und Fortschritt, Christentum und Islam, Nachahmung und Eigenständigkeit sowie die Möglichkeit, aus östlichen und westlichen Traditionen etwas Neues zu schaffen. Istanbul eignet sich dafür besonders, weil die rund 2000 Jahre alte Stadt an der Grenze beider Kulturräume liegt.
Pamuks Romane enthalten zahlreiche intertextuelle Bezüge, also Anspielungen auf andere Texte, Mythen und literarische Traditionen. Aus dem persischen Nationalepos Schāhnāme übernimmt er etwa die Geschichte von Rostam und Sohrab. In Rot ist mein Name wird außerdem die Liebe zwischen Chosrau und Schirin zum Leitmotiv. Westliche Bezüge reichen vom Ödipus-Mythos über Dante und Novalis bis zu Thomas Mann. Diese Verknüpfungen erinnern an verdrängte Vergangenheit und machen Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede der Kulturen sichtbar.
Viele Werke werden wegen ihrer komplexen Struktur der Postmoderne zugerechnet. Häufig wechseln die Erzählperspektiven, sodass verschiedene Figuren dasselbe Geschehen subjektiv schildern. In Rot ist mein Name sprechen elf Haupt- und Nebenfiguren; sogar ein Baum und ein ermordeter Maler erzählen. Andere Werke wie Schnee und Das neue Leben verwenden einen berichtenden Ich-Erzähler. Grenzen zwischen Wirklichkeit, Erinnerung, Text und Erfindung werden dabei bewusst unsicher.
Autobiografische Erfahrungen spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Pamuk versteht den Roman als Möglichkeit, das eigene Leben als das eines anderen und das Leben anderer als das eigene zu erzählen. Einfühlung in den „Anderen“ soll Schriftsteller und Leser verändern und ihren Horizont erweitern. Zu seinen Vorbildern gehören Fjodor M. Dostojewski, Thomas Mann, Lew N. Tolstoi, William Faulkner, Virginia Woolf, Vladimir Nabokov und Marcel Proust sowie die türkischen Autoren Ahmet Hamdi Tanpınar und Oğuz Atay.
Wichtige Romane
Cevdet und seine Söhne schildert in drei Teilen die Entwicklung der Kaufmanns- und Fabrikantenfamilie Işıkçı von 1905 bis 1970. An mehreren Generationen zeigt der Roman den Wandel des türkischen Großbürgertums und Konflikte zwischen Familie, Geschäft, Selbstfindung, Moral, Tradition und Fortschritt. Das stille Haus spielt während sieben Tagen im Juli 1980, kurz vor dem Militärputsch. Fünf Erzähler aus drei Generationen legen die Geschichte einer gesellschaftlich gespaltenen Familie frei; das Zusammentreffen ihrer Nachkommen endet tragisch.
Die weiße Festung erzählt von einem jungen Venezianer, der im Osmanischen Reich versklavt wird. Sein Herr, ein Hodscha, sieht ihm auffallend ähnlich. In ihrer Herr-und-Knecht-Beziehung gleichen sich beide immer stärker an, sodass die zunächst eindeutige Trennung zwischen einem wissenschaftlich orientierten Westen und einem konservativen Osten zerfällt.
In Das schwarze Buch sucht der Anwalt Galip in Istanbul nach seiner verschwundenen Frau Rüya und deren Halbbruder Celâl, einem berühmten Kolumnisten. Galip deutet Celâls Texte auf der Suche nach Hinweisen und verliert dabei zunehmend seine eigene Identität. Schließlich nimmt er Celâls Platz ein und schreibt dessen Kolumnen weiter. Das neue Leben beginnt mit dem Satz: „Eines Tages las ich ein Buch, und mein ganzes Leben veränderte sich.“ Der Roman verbindet Liebe, Tod und eine geheimnisvolle Reise mit Anspielungen auf Dante und die deutsche Romantik.
Rot ist mein Name spielt 1591 im Osmanischen Reich. Eine geheime Buchproduktion im westlichen, „fränkischen“ Stil löst unter Miniaturmalern religiöse und künstlerische Konflikte sowie zwei Morde aus. Kara soll den Täter mithilfe von Stilanalysen finden und zugleich seine Jugendliebe Şeküre gewinnen. Die Kriminalhandlung wird durch elf wechselnde Stimmen, Märchen, Mythen und sprechende Bilder erweitert. Die zentrale Aussage „Der Westen wie der Osten, beide sind mein“ bündelt das Thema kultureller Verflechtung.
Schnee, 2002 auf Türkisch erschienen, führt den Dichter und Journalisten Ka nach Kars. Er untersucht Selbstmorde junger Frauen, die an der Universität zum Ablegen des Kopftuchs gezwungen wurden. Eine Theateraufführung geht in einen wirklichen Militärputsch über, während Schnee die Stadt von der Außenwelt abschneidet. Der Roman stellt Nationalisten, Säkularisten, Gläubige, Islamisten, Türken, Kurden, Polizei und Armee nebeneinander, ohne eine einfache politische Antwort zu geben.
Das Museum der Unschuld erzählt von Kemals unglücklicher Liebe zu Füsun zwischen 1975 und 1985. Kemal sammelt ihre Alltagsgegenstände und eröffnet daraus ein Museum. Diese Fremdheit in mir schildert anhand des Straßenverkäufers Mevlut ungefähr 50 Jahre Istanbuler Stadtgeschichte. Die rothaarige Frau verbindet eine moderne Handlung mit dem Ödipus-Mythos und der Sage von Rostam und Sohrab. Die Nächte der Pest erschien 2021 als Veba Geceleri und 2022 auf Deutsch.
Istanbul und weitere Arbeiten
Istanbul – Erinnerung an eine Stadt erschien 2003 und ist Pamuks deutlichstes autobiografisches Werk. In 37 Kapiteln beschreibt er Kindheit und Jugend von der Mitte der 1950er Jahre bis etwa 1972, als er Architekturstudium und Malerei aufgab, um Schriftsteller zu werden. Persönliche Erinnerungen verbindet er mit westlichen Reiseberichten, türkischen Autoren, historischen Stadtansichten und Fotografien. Ein Schlüsselbegriff ist hüzün, eine tiefe gemeinsame Melancholie, die Pamuk als prägend für Istanbul und seine Bewohner versteht. Das Werk ähnelt am stärksten einem langen Essay, wird aber teilweise auch als Roman bezeichnet.
Ben Bir Ağacım von 2013 versammelt leicht verständliche Auszüge aus mehreren Romanen und kann besonders für jüngere Leser als Einführung in Pamuks Werk dienen. Seine Fotobücher Balkon von 2018 und Orange von 2020 zeigen den Bosporus beziehungsweise Stadtszenen aus dem Istanbul seiner Kindheit. Ausstellungen präsentierten Pamuk außerdem als Fotografen, Zeichner, Maler und Sammler. „Der Trost der Dinge“ zeigte 2023 und 2024 Assemblagen, Readymades und dreidimensionale Collagen, die in Zusammenarbeit mit dem Museum der Unschuld entstanden.
Politisches Engagement und Auszeichnungen
Pamuk setzt sich besonders für Meinungsfreiheit und Menschenrechte ein, versteht sich aber in erster Linie als Schriftsteller ohne festes politisches Programm. Er verurteilte die Fatwa gegen Salman Rushdie, unterstützte 1995 den angeklagten Autor Yaşar Kemal und kritisierte die türkische Kurdenpolitik. Später unterstützte er die Gezi-Park-Proteste von 2013 und protestierte nach dem gescheiterten Putsch von 2016 gegen willkürliche Verhaftungen von Journalisten und Intellektuellen.
Nach einem Interview vom 5. Februar 2005 wurde Pamuk von türkischen Nationalisten angefeindet. Er hatte erklärt, in der Türkei seien „dreißig Tausend Kurden“ und „eine Million Armenier“ getötet worden. Darauf folgten Beschimpfungen, Morddrohungen und ein Verfahren wegen „öffentlicher Herabsetzung des Türkentums“ nach Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuches. Das Verfahren wurde zunächst am 22. Januar 2006 eingestellt; nach seiner Wiederaufnahme musste Pamuk 6000 türkische Lira Schadenersatz an sechs Kläger zahlen. 2008 wurde bekannt, dass die nationalistische Untergrundorganisation Ergenekon mutmaßlich einen Anschlag auf ihn geplant hatte. 2021 wurde er wegen angeblicher Beleidigung Kemal Atatürks im Roman Die Nächte der Pest erneut angeklagt; Pamuk bestritt die Vorwürfe.
Gleichzeitig kritisiert Pamuk den Westen. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 forderte er, die Gefühle von Erniedrigung und Ausgeschlossenheit in ärmeren Teilen der Welt zu verstehen, statt Konflikte hauptsächlich militärisch lösen zu wollen. Er warb für den Beitritt der Türkei zur Europäischen Union und betonte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Säkularität und Frieden als europäische Grundideen. Während der Flüchtlingskrise 2015 verurteilte er Europas zunehmende Abschottung.
Zu seinen wichtigsten Ehrungen gehören der Independent Foreign Fiction Prize 1990, der Prix de la découverte européenne 1991, der International IMPAC Dublin Literary Award 2003 für Rot ist mein Name und der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2005. Am 12. Oktober 2006 gab die Schwedische Akademie bekannt, ihm den Nobelpreis für Literatur zuzuerkennen, weil er „auf der Suche nach der melancholischen Seele seiner Heimatstadt neue Sinnbilder für Streit und Verflechtung der Kulturen gefunden“ habe.