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Open Educational Resources
Als Open Educational Resources (englisch, kurz OER) werden freie Lern- und Lehrmaterialien bezeichnet, die unter einer offenen Lizenz wie etwa Creative …
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Kernidee und Definition
Open Educational Resources, kurz OER, sind freie Lern- und Lehrmaterialien. Sie werden unter einer offenen Lizenz veröffentlicht, zum Beispiel Creative Commons oder GNU General Public License, und können deshalb von Interessierten nachgenutzt werden. OER sind eine wichtige Grundlage von Open Education, also frei zugänglicher Bildung, und gehören auch zum Bereich Open Science.
Entscheidend sind die sogenannten 5R-Freiheiten. Sie beschreiben, welche Rechte Nutzerinnen und Nutzer an OER haben: Materialien behalten (retain), verwenden (reuse), verändern (revise), vermischen (remix) und weiterverbreiten (redistribute). Dadurch unterscheiden sich OER von Inhalten, die zwar kostenlos im Internet stehen, aber rechtlich kaum bearbeitet oder weitergegeben werden dürfen.
Der Begriff wurde erstmals beim UNESCO 2002 Forum on the Impact of Open Courseware for Higher Education in Developing Countries verwendet. Als OER können sowohl freie Lernmaterialien als auch freie Software verstanden werden. Nach Geser (2007) gehören dazu kostenloser Zugang zu Inhalten und Metadaten, weniger restriktive Lizenzen für Weiterverbreitung und Bearbeitung sowie offene Standards, offene Formate, Open-Source-Software und offene Schnittstellen. Die William and Flora Hewlett Foundation definiert OER als frei zugängliche Lehr-, Lern- und Forschungsressourcen, die gemeinfrei sind oder durch freie Lizenzen Verwendung und Veränderung erlauben. Dazu zählen vollständige Kurse, Kursmaterialien, Aufgaben, Lehrbücher, Videos, Anwendungsprogramme und weitere Werkzeuge, Materialien oder Techniken zur Unterstützung des Wissenserwerbs.
Entstehung und Entwicklung
OER stehen in einer Entwicklungslinie mit Open Source, Open Access und Open Education. Seit den 1960er und besonders den 1970er Jahren forderte die Open-Source-Bewegung die Offenlegung, Weitergabe und Untersuchung von Software-Quelltexten. Daraus entstanden unter anderem das GNU-Projekt und Anfang der 1990er Jahre Linux. In den 1990er Jahren setzte sich die Open-Access-Bewegung für offenen Zugang zu wissenschaftlicher Literatur ein, besonders wenn Forschung öffentlich finanziert wurde. 2001 startete Wikipedia als gemeinschaftlich erstellte Online-Enzyklopädie.
Ein wichtiger Vorläufer im akademischen Bereich war das MIT-OpenCourseWare-Projekt. Seit 2002 veröffentlicht das Massachusetts Institute of Technology Lehr- und Lerninhalte aus der Hochschullehre unter freier Lizenz online. Die UNESCO ließ dieses Angebot mit Blick auf Entwicklungsländer bewerten. Der Abschlussbericht prägte den Begriff Open Educational Resources und beschrieb vier Merkmale: freier Zugang mit Bearbeitungsmöglichkeit, Verteilung über Informations- und Kommunikationstechnologie, eine vielfältige Nutzergruppe und der Zweck, eine didaktische, nichtkommerzielle Ressource bereitzustellen.
Die OER-Bewegung erhielt politische Form durch die Cape Town Declaration von 2008. Sie rief Lehrende und Lernende zur Beteiligung auf und forderte Regierungen und Bildungseinrichtungen auf, freie Lernmittel zu nutzen. 2012 griff die UNESCO diese Ziele in der Pariser Erklärung auf. 2017 folgte beim zweiten OER-Weltkongress der OER-Aktionsplan von Ljubljana mit 41 Handlungsempfehlungen. In Deutschland verstärkte vor allem die Diskussion um den „Schultrojaner“ ab November 2011 das Interesse an freien Lehrmitteln. Später entstanden unter anderem OER-Camps, Whitepaper, Förderlinien des BMBF und seit 2016 die Informationsstelle OERinfo.
Nutzen, Motive und Hindernisse
Befürworterinnen und Befürworter verbinden mit OER unterschiedliche Ziele. Dazu gehören die Begrenzung eines stark monopolistisch geprägten Buchmarktes, ein besserer Zugang zu global verfügbarem Wissen und die Hoffnung, Bildungsunterschiede zwischen Ländern auszugleichen. Besonders wenig entwickelte Länder sollen vom Zugang zu digitalen freien Lernmaterialien profitieren. Autorinnen und Autoren erhoffen sich außerdem größere Verbreitung ihrer Inhalte, mehr Reputation und mehr Rückmeldungen zur Verbesserung.
Wichtige Voraussetzungen sind breitbandiger Internetzugang, freie Formate und freie Lizenzen wie GPL, GFDL und Creative Commons. Auch soziale Faktoren spielen eine Rolle: Menschen müssen bereit sein, Wissen zu teilen, und Bildungseinrichtungen oder Politik können OER durch passende Strategien fördern. Für Hochschulen kann OER auch Werbung sein. Das MIT stellte seine OpenCourseWare frei ins Internet, nachdem eine Marktstudie ergeben hatte, dass die Inhalte nicht verkäuflich waren. Zugleich gaben 35 Prozent der befragten Studierenden an, sich unter dem Eindruck der OpenCourseWare für ein Studium am MIT entschieden zu haben.
Hürden sind fehlende Bekanntheit, schwer auffindbare Materialien, fehlende oder uneinheitliche Metadaten und mangelnde standardisierte Qualitätssicherung. Viele Materialien liegen auf Englisch vor; dadurch entstehen sprachliche und kulturelle Hürden, besonders weil es nur wenige OER-Ressourcen in deutscher Sprache gibt. Als größte Hürde nennt der Artikel die fehlende Bereitschaft, eigene Materialien zu teilen, sowie Angst vor Kontrollverlust und Kritik durch Kolleginnen und Kollegen. Zusätzlich erschweren unterschiedliche Lizenzmodelle und mangelnde Rechtskenntnisse die Nachnutzung.
Akteure und institutionelle Förderung
Wichtige Akteure der OER-Bewegung sind internationale Organisationen, Stiftungen, Bildungsinstitutionen und zivilgesellschaftliche Projekte. Einen Überblick bietet die OER World Map, ein von der OER-Community gepflegtes Verzeichnis. Auf supranationaler Ebene prägte die UNESCO den Begriff. Eine besonders wichtige Rolle spielt die William and Flora Hewlett Foundation, die bereits den Start von MIT OpenCourseWare mitfinanzierte und viele OER-Projekte unterstützt.
Auch Wikimedia-Projekte bestehen aus freien Inhalten und werden im Bildungswesen häufig genutzt. Das eigentliche OER-Projekt Wikiversity spielt jedoch laut Artikel keine herausragende Rolle. Die Free Software Foundation setzt sich für freie Software im Bildungsbereich ein. Viele große freie Projekte standen zunächst unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation, später wurden häufig Creative-Commons-Lizenzen praktischer.
Im deutschen Sprachraum nahm das Interesse an OER nach der Schultrojaner-Diskussion 2011–2012 deutlich zu. 2012 fand das erste OERCamp in Bremen statt, 2013 folgten der Online-Kurs COER13 und die OER-Konferenz von Wikimedia Deutschland. 2016 gab es in Berlin das OER-Festival mit der ersten Verleihung des OER-Award. Deutschland räumte 2011 in einer OECD-Befragung als einziges von 28 Ländern OER für die nahe Zukunft keine Priorität ein. Später änderte sich die Haltung teilweise: 2013 wurden OER in den Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD aufgenommen. 2022 veröffentlichte das BMBF eine OER-Strategie mit sechs Handlungsfeldern, darunter OER-Kompetenz pädagogischer Fachkräfte, Kooperationen von OER zu Open Educational Practices, technische Grundlagen, Forschung und die Zusammenführung von Initiativen.
International ist die Förderung in den USA besonders stark. Die US-Regierung beschloss 2011, in den folgenden vier Jahren 2 Mrd. $ in OER-Projekte zu investieren. Von 2002 bis 2010 unterstützten US-Universitäten und Organisationen OER-Initiativen mit über 110 Mio. $, davon mehr als 14 Mio. $ für das MIT. Weitere Förderer waren unter anderem die Shuttleworth Foundation sowie britische Organisationen wie JISC und HEFCE.
Qualitätssicherung und Bewertung
Für OER gibt es bis heute keine einheitlichen Qualitätsstandards. Diskutiert werden mehrere Verfahren, die kombiniert werden können. Eine Möglichkeit ist offene Kommentierung durch Nutzerinnen und Nutzer, bei der Bewertungen und Kommentare sichtbar sind. Auch Downloadzahlen könnten angezeigt werden, gelten aber als weniger aussagekräftig. Eine zweite Möglichkeit ist ein Peer-Review-Prozess, also eine fachliche Begutachtung vor der Veröffentlichung; dieses Verfahren ist jedoch aufwendig. Eine dritte Möglichkeit ist die Nutzung des Namens einer Institution als Qualitätsgarantie. Dabei besteht aber die Gefahr, dass Universitäten oder staatliche Behörden durch Akkreditierung zu viel Macht über OER erhalten.
Das Projekt edulabs.de der Open Knowledge Foundation Deutschland entwickelte das edusprint-Konzept. Es wurde 2017 mit dem Sonder-Award „Qualität für OER“ ausgezeichnet. Ein edusprint ist ein kollaborativer und interdisziplinärer Prozess über ein bis zwei Tage, bei dem Fachleute freie Bildungsmaterialien erstellen, auswählen und bewerten. Die gesammelten Ressourcen wurden dezentral veröffentlicht und zentral verlinkt.
Die Bewertung der OER-Bewegung ist gemischt. Befürworter sehen in OER eine rechtlich einfachere Möglichkeit, Unterrichtsmaterialien auszutauschen, besonders vor dem Hintergrund der Debatte um den „Schultrojaner“ Ende 2011. Kritisiert wurde aber, dass OER oft nur Insellösungen schaffen, die vor allem in bereits interessierten Kreisen bekannt sind. Dadurch könnten sie bildungspolitische Ziele in wenig entwickelten Ländern nicht ausreichend erreichen. Eine weitere Kritik stellt die altruistischen Motive infrage und wirft der Bewegung teilweise „imperialistische“ Motive vor, weil Wissen möglicherweise nach wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Präferenzen hoch entwickelter Länder verbreitet werde.
Beispiele und Logo
Der Artikel nennt zahlreiche OER-Initiativen. In Deutschland stellt die Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet seit 1997 kostenlos Unterrichtsmaterialien bereit. Das ZUM-Wiki wird seit 2004 betrieben und steht seit 2008 unter CC-BY-SA. Lehrer-Online entstand 1998 zunächst als OER-Portal und bietet Unterrichtsmaterialien, Fortbildungen und Bildungsnachrichten. Serlo Education wurde 2010 gegründet und bietet kostenlose, werbefreie Materialien unter CC-BY-SA, etwa für Mathematik, Deutsch als Fremdsprache, Biologie, Chemie, Nachhaltigkeit und Informatik. Weitere Beispiele sind inf-schule.de, Schulbuch-O-Mat, segu, edutags, OpenLearnWare, OERinfo, ORCA.nrw, die Open Music Academy und MIKA-Do.
International nennt der Artikel unter anderem KlasCement in Belgien, Wikiwijs in den Niederlanden, NDLA in Norwegen, Flat World Knowledge, CK-12 und Lumen Learning in den USA sowie die Khan Academy und das Medienportal der Siemens Stiftung. CK-12 bietet seit 2007 Lernmaterialien unter CC-Lizenz an; im Mai 2014 waren laut eigenen Angaben über 15000 Inhalte für Mathematik und Naturwissenschaften im Altersbereich K-12 verfügbar. Das Medienportal der Siemens Stiftung ist seit 2015 ein OER-Portal für den MINT-Unterricht mit über 4.000 offenen Bildungsmedien in Deutsch, Englisch und Spanisch.
Das Global-OER-Logo wurde für den World Open Educational Resources Congress 2012 in der UNESCO-Zentrale in Paris entwickelt. Es soll Idee und Ziele von OER sichtbar machen. Der angedeutete Halbkreis steht für eine aufgehende Sonne, die untere Struktur für ein aufgeschlagenes Buch oder in anderer Deutung für einen fliegenden Vogel. Hände im Zentrum symbolisieren Kollaboration, kollektives Wissen und menschliche Weiterbildung. Das UNESCO-Logo wird auch kritisch diskutiert, besonders wegen der ausführlichen Lizenzangabe unter CC BY 3.0; Alternativen stehen unter CC0-Lizenz.