Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Old-Time Music
Der Begriff Old-Time Music bezeichnet eine Musikrichtung der Folkmusik aus Nordamerika. Sie wird oft auch mit einem Spottwort für Hinterwäldler als …
Inhalt5 Abschnitte
Definition und musikalische Wurzeln
Old-Time Music ist eine Musikrichtung der nordamerikanischen Folkmusik und gehört zur American Roots Music. Sie war grundlegend für die spätere Entwicklung der Country-Musik. Die Musik entstand aus der Folklore europäischer und afrikanischer Einwanderer. Besonders wichtig waren englische, irische und schottische Traditionen; regional gab es außerdem deutsche und französische Einflüsse, etwa in der Cajun-Musik. Ein starker Anteil afroamerikanischer Musikkultur gelangte durch die Sklaven aus Afrika in die Musik.
Viele Tanzmelodien gehen auf alte mitteleuropäische Formen wie die Gigue oder den Reel zurück. Zusammen mit der Musik indigener nordamerikanischer Völker zählt Old-Time zu den ältesten Musikformen der USA. Im 19. und 20. Jahrhundert kamen auch Einflüsse von Tin Pan Alley und Ragtime hinzu.
Im 18. und 19. Jahrhundert war Old-Time in den gesamten Vereinigten Staaten verbreitet. Im 20. Jahrhundert konzentrierte sich ihre Verbreitung vor allem auf die Appalachen, darunter Gebiete in New York State, Pennsylvania, Ohio, Maryland, Virginia, West Virginia, North Carolina, South Carolina, Kentucky, Tennessee, Georgia, Alabama und Mississippi. Bei Fiddler’s Conventions trafen sich Musiker, vor allem Banjospieler, Gitarristen und Fiddler, um alte, seit der Kindheit gelernte Stücke gemeinsam zu spielen. Die Plattenindustrie ignorierte diese Musik zunächst, weil sie als veraltet und hinterwäldlerisch galt.
Erste Schallplatten und kommerzieller Durchbruch
Die vermutlich ersten Aufnahmen traditioneller Stücke ländlicher Bevölkerung machte der Violinist Don Richardson aus North Carolina zwischen 1914 und 1919. Er nahm unter anderem Arkansas Traveler, Mississippi Sawyer, Soldier’s Joy und Miss McLeod’s Reel für Columbia Records, OKeh Records, Silvertone Records, Phonola und Little Wonder auf. Obwohl Richardson der erste Musiker war, der Old-Time-Stücke aufnahm, wird er in der Fachwelt und Fachliteratur kaum berücksichtigt.
Im Sommer 1922 nahmen Eck Robertson und Henry Gilliland in New York City als erste ländliche Musiker Platten auf. Robertsons Solostück Sallie Gooden erschien im April 1923 bei Victor Records. Diese Aufnahmen gelten trotz Richardsons früherer Tätigkeit als kommerzieller Anfang der Old-Time Music und der späteren Country-Musik.
Am 1. Juni 1923 spielte Fiddlin’ John Carson in einem mobilen Aufnahmestudio die Stücke The Little Old Log Cabin in the Lane und The Old Hen Cackled and the Rooster’s Going to Crow für OKeh ein. Von der Platte OKeh 4890 wurden zunächst 500 Exemplare gepresst, die sich unerwartet gut verkauften. Ebenfalls 1923 wurde Wendell Halls It Ain’t Gonna Rain No Mo’ bekannt. Hall war kein ländlicher Musiker, und die Ukulele war kein typisches Old-Time-Instrument; dennoch gilt das Stück als Country-Titel.
Henry Whitter nahm Ende 1923 Lonesome Road Blues und Wreck of the Old Southern ’97 auf. Die Anfang 1924 veröffentlichte Platte verkaufte sich gut. Vernon Dalhart verband Wreck of the Old ’97 mit The Prisoner’s Song und erzielte damit den ersten Millionen-Seller der Country-Musik.
Radio und die goldenen Jahre
Der Hörfunk spielte von Beginn an eine entscheidende Rolle. 1922 ging WSB in Atlanta auf Sendung. WBAP aus Fort Worth übertrug im Januar 1923 eine Art Barn Dance aus dem Studio. 1925 organisierte George D. Hay den National Barn Dance in Chicago, der landesweit über WLS gesendet wurde. 1926 wechselte Hay zu WSM in Nashville und gründete dort eine ähnliche Sendung, aus der die Grand Ole Opry hervorging. Der National Barn Dance war eher eine Varieté-Show mit Künstlern verschiedener Genres; die Opry konzentrierte sich von Anfang an auf ländliche Musiker. Zu den frühen Mitwirkenden gehörten Uncle Jimmy Thompson, DeFord Bailey, Uncle Dave Macon und Dr. Humphrey Bate and his Possum Hunters.
Zwischen 1925 und 1929 erkannten Frank Walker von Columbia Records und Ralph Peer, zunächst bei Okeh und später bei RCA Victor, das große wirtschaftliche Potenzial von Old-Time, Hillbilly und Mountain Music. Walker entdeckte 1924 Gid Tanner und Riley Puckett. Beide wurden später Mitglieder von Gid Tanner and his Skillet Lickers, die in den 1920er-Jahren zu den populärsten Old-Time-Bands gehörten. 1926 schlossen sich ihnen Clayton McMichen und Fate Norris an. Die Skillet Lickers waren bis 1930 die führende Gruppe der Stringbands.
Charlie Poole und die North Carolina Ramblers erzielten mit Don’t Let Your Deal Go Down / Can I Sleep in Your Barn Tonight, Mister? mehr als 100.000 Verkäufe. Pooles Drei-Finger-Banjostil beeinflusste später den Bluegrass; mehrere seiner Stücke wurden dort zu Standards. Zusammen mit den Skillet Lickers löste Poole einen „Hillbilly-Boom“ aus, durch den zahlreiche weitere Musiker und Gruppen Plattenverträge erhielten.
Bristol Sessions, Depression und Ende der Ära
Im Sommer 1927 fuhr Ralph Peer nach Bristol, Tennessee, und richtete in einer alten Lagerhalle ein Aufnahmestudio ein. Nach anfänglich geringer Resonanz kamen aufgrund von Berichten über die hohen Einnahmen Ernest Stonemans Dutzende Musiker zu den Aufnahmen. Zu den Entdeckungen gehörten Jimmie Rodgers und die Carter Family sowie Blind Alfred Reed, Dock Boggs, B. F. Shelton und die Bull Mountain Moonshiners. Rodgers trat schließlich allein auf, nachdem er sich mit seiner Band zerstritten hatte. Er und die Carter Family wurden zu prägenden Stars der Country-Musik. Rodgers’ Blue Yodel No. 1 wurde ein Million-Seller; die Carter Family hatte 1928 mit Bury Me Neath the Willow Tree und Wildwood Flower Hits.
Der Börsencrash von 1929 und die weltweite Wirtschaftskrise trafen die Schallplattenindustrie schwer. Viele Menschen konnten keine Platten mehr kaufen, Labels mussten schließen, und die Verkäufe der Old-Time Music gingen zurück. Jimmie Rodgers geriet in finanzielle Schwierigkeiten, vielen Musikern wurde gekündigt. Charlie Pooles letzte Session fand 1929 statt; die Skillet Lickers lösten sich 1931 endgültig auf. Die Carter Family musste um 1929 zeitweise pausieren und war 1933 für einige Zeit auseinandergebrochen. Riley Puckett blieb vergleichsweise erfolgreich, obwohl auch seine Verkäufe seit 1928 zurückgingen.
Weil Radio kostenlos war, gewann es während der Depression stark an Bedeutung. In den 1930er-Jahren entstanden überall Barn-Dance-Shows. Gleichzeitig verdrängten Western Swing, Cowboy Music und Honky Tonk die einfache Old-Time Music zunehmend. Erfolgreich blieben unter anderem Bruder-Duos wie die Monroe Brothers, Shelton Brothers, Blue Sky Boys, Delmore Brothers und Carlisle Brothers. Gid Tanner erzielte 1934 mit einer neuen Besetzung der Skillet Lickers und Down Yonder noch einmal mehr als eine Million Verkäufe.
1939 gilt allgemein als Ende der traditionellen Old-Time Music. In diesem Jahr trat Bill Monroe mit den Bluegrass Boys der Grand Ole Opry bei; die alte Musik ging im Bluegrass auf. Spätestens mit Beginn des Zweiten Weltkriegs dominierten urbanere Stile, und die Musik nahm allmählich den Namen Country an.
Begriffe und Nachwirkung
„Hillbilly“ wurde ab 1925 für traditionelle ländliche Musikformen weißer Bewohner verwendet. Ralph Peer griff den Ausdruck auf, nachdem Al Hopkins und die Buckle Busters sich bei einer Victor-Session als „Hillbillies“ bezeichnet hatten. In den 1930er- und 1940er-Jahren wurde der Begriff auch auf Honky Tonk, Country Boogie und Bluegrass angewandt und ist deshalb heute unpräzise. Mit Old-Time Music ist heute meist die traditionelle Folk-Musik der 1920er- und 1930er-Jahre gemeint.
In den frühen 1960er-Jahren wandten sich viele Jugendliche in den USA wieder traditioneller und akustischer Musik zu. Das Folk-Revival brachte spezialisierte Festivals hervor. Musiker wie Bob Dylan, Pete Seeger, Doc Watson und die New Lost City Ramblers spielten Old-Time; auch ältere Künstler wie Buell Kazee, Clarence Ashley, Dock Boggs, Cliff Carlisle, Clayton McMichen und besonders Bill Monroe wurden wieder bekannt.
Heute treten Old-Time-Bands vor allem auf Bluegrassfestivals und Fiddler’s Conventions auf, die im Süden der USA weiterhin verbreitet sind. Zu den genannten Gruppen gehören Old Crow Medicine Show, Phil Tanner’s Skillet Lickers, die Earl Brothers, die Yonder Mountain String Band und die Georgia Potlickers. Veranstaltungen finden unter anderem in Rosine, Kentucky, in Weiser, Idaho, sowie beim Suwannee Old Time Music Weekend und bei der Florida Old Time Music Championship statt.