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Byzantinische Kunst
Die byzantinische Kunst ist im Speziellen die Kunst des byzantinischen Reichs, das vom 4. Jahrhundert bis ins 15. Jahrhundert bestand.
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Begriff und Bedeutung
Byzantinische Kunst bezeichnet vor allem die Kunst des Byzantinischen Reiches vom 4. bis zum 15. Jahrhundert. Im weiteren Sinn umfasst sie auch das Kunstschaffen byzantinisch geprägter Nachbarländer im Vorderen Orient, im Kaukasus, auf dem Balkan, um das Kaspische Meer und in Russland. Deshalb wirkte sie über den Fall Konstantinopels hinaus fort.
Kennzeichnend sind sakrale Architektur sowie Email-, Textil-, Elfenbein- und Goldschmiedekunst; besonders verbunden wird sie mit Miniatur-, Buch-, Mosaik- und Ikonenmalerei. Sie entwickelte sich aus antiker Kunst, stand aber im Dienst eines universellen christlichen Anspruchs. Für orthodoxe Gemeinschaften Europas ist sie bis heute tief verwurzelt. Seit dem Mittelalter bildete sie zugleich einen zweiten Pol neben der romanischen und gotischen Kunst Westeuropas.
In der westlichen Kunstkritik wurde byzantinische Kunst seit Giorgio Vasari lange als starr, schematisch und ohne Entwicklung abgewertet. Auch Edward Gibbons Vorstellung eines „Tausendjährigen Verfall[s]“ des Römischen Imperiums wirkte nach. Erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die geistige Wirkung von Ikonen, Fresken und Mosaiken sowie ihr Bildaufbau und ihre Bildtypen positiver beurteilt. Andy Warhols Gold Marilyn Monroe folgt beispielsweise in Schema und Typus byzantinischer Ikonographie.
Entwicklung von der Spätantike bis zur Palaiologenzeit
Die Abgrenzung zwischen antiker und byzantinischer Kunst ist schwierig. Im „goldenen Zeitalter“ Kaiser Justinians I. blieb die Kunst stark von spätantiken Formen und imperialer Monumentalität geprägt. Die Verehrung des Kaisers als Statthalter Christi wird von manchen Forschern als Fortführung des römischen Kaiserkultes verstanden. Dies zeigt sich in Monumentalplastiken, Elfenbeinbildern, Münzen und Mosaiken, etwa in San Vitale in Ravenna. Justinian ließ auf dem Augustaion die heute verlorene Justinian-Säule mit einer überlebensgroßen Reiterdarstellung errichten. Die Hagia Sophia verbindet antike Bauteile wie Marmorsäulen antiker Tempel mit neuen christlich-orientalischen Elementen.
Vom 7. bis zum 9. Jahrhundert prägten die islamische Invasion und der Bilderstreit die mittelbyzantinische Epoche. Im Bilderstreit von 726–843 standen Ikonoklasten, die Bilder ablehnten, und Ikonodulen, die religiöse Bilder befürworteten, einander gegenüber. Nach dem Sieg der Ikonodulen wurde die religiöse Malerei nach einem Kanon geregelt; Regeln wurden auch in Malerbüchern festgehalten, besonders in der Hermeneia des Malermönchs Dionysios von Phourna. Die moderne Forschung beurteilt den Bilderstreit differenzierter; so gilt es als unwahrscheinlich, dass Leo III. jemals ein regelrechtes Bilderverbot erließ.
Unter den makedonischen Herrschern gewann das Reich im östlichen Mittelmeer wieder an Gewicht. Die Makedonische Renaissance brachte einen höfischen, schweren Stil hervor, der die mittelbyzantinische Kunst von 843 bis 1204 prägte. Nach der lateinischen Eroberung Konstantinopels 1204 verlagerten sich künstlerische Zentren nach Thessaloniki und Trabzon. Das lateinische Kaiserreich von 1204–1261 war dagegen von nachlassender Bautätigkeit und künstlerischer Entwicklung bestimmt.
In der Palaiologischen Renaissance von 1261–1453 wurde Konstantinopel erneut Kunstzentrum, doch sind viele Hauptwerke durch türkische Eroberungen verloren. Eine wichtige Rolle spielte Serbien: Durch Künstleremigration und die Übernahme byzantinischer Herrschaftsvorstellungen wurden dort Fresken wie in Mileševa und Sopoćani geschaffen. Ihre natürlichen, plastisch dargestellten Figuren gelten für diese Zeit als herausragende Leistungen. Die griechisch-orthodoxe Kunst nach 1453 heißt postbyzantinische Kunst.
Malerei und Ikonen
Malerei als Fresko oder Tafelbild hat in der byzantinischen Kunst eine herausragende Stellung; die Ikone ist ihr wichtigstes Kennzeichen. Bilder sollten die christliche Lehre vermitteln und eine unmittelbare Verständigung zwischen Mensch und Gott ermöglichen. Die Bilderverehrung ist fast so alt wie das Christentum: Erste Äußerungen zum Bild stammen aus dem 4. Jahrhundert, als das Christentum Staatsreligion wurde; im 6. Jahrhundert wurde Bilderverehrung zur vorherrschenden und kirchlich gebilligten Sitte.
Als Ideal galt das „wahre Antlitz Christi“ auf dem Schweißtuch der Veronika. Es wurde Vera Ikon genannt, lateinisch-griechisch für „wahres Bild“, weil es der Überlieferung nach nicht von Menschen, sondern von Gott geschaffen worden sei. Solche Wunderbilder galten als fähig zu überirdischen Gunstbezeugungen. Aus der Verehrung entstand ein standardisierter Bilderkanon, etwa für Heiligendarstellungen.
Eine Ikone ist nicht allein ein Tafelbild: Sie kann auch als Mosaik oder Fresko ausgeführt sein. Seit dem 6. Jahrhundert gewann sie große Bedeutung. Kaiser Herakleios, Regierungszeit 610–641, schrieb seine Thronbesteigung der Hilfe einer Marienikone zu; 626 wurde ihr Bild zum Schutz vor den Awaren auf Stadttore gemalt. Besonders Maria mit Kind wurde seit dem 7. Jahrhundert auch privat verehrt. Vor Ikonen zündete man Weihrauch und Lampen an, kniete, wusch, kleidete und küsste sie.
Viele frühe Holztafeln gingen im Ikonoklasmus verloren oder sind wegen der schlechten Erhaltung organischer Materialien nicht erhalten. Eine erhaltene Ausnahme ist etwa die Petrus-Ikone aus dem Katharinenkloster. Andachtsikonen im Naos, dem Hauptraum der Kirche, sind seit dem 8. Jahrhundert beschrieben. Mit der sich bildenden Ikonostase, der Bilderwand zwischen Kirchenraum und Altarbereich, wuchs die Produktion von Ikonen vom 12. bis zum 15. Jahrhundert. Neben großen Ikonen gab es kostbare kleine Privatbilder aus Gold, Silber, Edelsteinen, Elfenbein und Cloisonné-Email. Großformatige Holzikonen wurden erst ab dem 12. Jahrhundert deutlich häufiger und erreichten im 14. und 15. Jahrhundert oft mehr als einen Meter.
Kirchenbau und Bauformen
Byzantinische Architektur wird als „hängende Architektur“ beschrieben: Gewölbe wirken, als würden sie von oben gestützt, während Säulen nicht als tragende Elemente, sondern wie herabhängende Wurzeln oder Arme erscheinen. Der Reichtum konzentriert sich auf den geistigen Kern des Gebäudes, nicht auf eine Fassade. Kirchen sind außen meist würfelförmig und besitzen eine Zentralkuppel oder mehrere Kuppeln, von denen die mittlere hervorragt. Erst in der palaiologischen Zeit wurden Fassaden stärker gestaltet.
Die frühbyzantinische Architektur entstand aus frühchristlichen und antiken Bautypen. Nach der Legalisierung des Christentums 313 durch das Toleranzedikt von Mailand und nach der Verlegung der Hauptstadt nach Konstantinopel stieg der Bedarf an repräsentativen Sakralbauten. Die Basilika, zuvor Versammlungsraum oder Markthalle, wurde zum wichtigsten Kirchtyp: meist mehrschiffig, mit Obergaden zur Beleuchtung, östlicher Apsis sowie westlichem Narthex und Atrium. Der Zentralbau hat dagegen einen zentralisierten, meist punktsymmetrischen Grundriss und zumeist eine Kuppel. Aus ihm entwickelte sich durch Seitenschiffe der byzantinische Zentralbau mit Kreuzgrundriss; im 5. Jahrhundert entstanden Kuppelbasilika und Kreuzkuppelkirche.
Die Kreuzkuppelkirche wurde nach dem Ende des Ikonoklasmus zur maßgeblichen Form. Die Nea Ekklesia, 876–880 unter Basileios I. errichtet, war eine Fünfkuppelkirche als Vierstützenbau und wurde stilbildend für Kreuzkuppelkirchen auf dem Balkan und in Russland. Das älteste erhaltene mittelbyzantinische Sakralbauwerk Konstantinopels ist die Konstantin-Lips-Kirche. Wichtige Bauformen blieben Kreuzkuppel-, Vierstützen- und Umgangskirche.
Klosterkirchen sind fast immer Kreuzkuppelkirchen: Ein griechisches Kreuz ist in ein Quadrat mit Eckräumen eingeschrieben. Die Kuppel ruht auf vier Bögen; vier Tonnengewölbe verlängern sie in die Kreuzrichtungen. Zusätzliche kleine Kuppeln können insgesamt fünf Kuppeln ergeben. Beim Viersäulentypus tragen Säulen statt Pfeiler die Kuppel; deshalb ist er meist kleiner, höher und ohne Emporen. Bei der Umgangskirche bilden Kreuzarme und Eckräume einen Umgang um den Hauptraum.
Die spätbyzantinische Architektur behielt diese Formen, baute aber kleiner, unregelmäßiger und mit größeren Kuppeln. Fassaden wurden durch Lagen von Ziegeln und Hausteinen, Friese, Fensterrahmen und Rosetten farbig und ornamentreich gestaltet. Neu war unter anderem ein Umgang an drei Seiten der Kirche.
Weiterwirkung in orthodoxen Ländern und im Osmanischen Reich
Besonders dauerhaft wirkte byzantinische Kunst bei den südslawischen Völkern des Balkans und bei den Ostslawen Russlands. Während der Spätphase verlagerte sich die Kunstproduktion nach Serbien, Bulgarien und Russland. Dort entstanden lokale Formen, die dem byzantinischen Zentralbau mit einer, seltener fünf Kuppeln, grundsätzlich treu blieben. Russische und serbische Kirchen wie Gračanica, Visoki Dečani und Kalenić betonen jedoch häufig stärker die Vertikale. Sie übernahmen auch romanische und gotische Einflüsse. Die Raška-Schule zeigt besonders im Kloster Studenica einen stärkeren romanischen Grundriss, wurde gegen Ende des 13. Jahrhunderts aber durch den Kreuzkuppelbau verdrängt.
Die serbische Morava-Schule erreichte im 14. und 15. Jahrhundert einen eigenständigen, für Nachbarländer wie Moldau und Walachei vorbildhaften Baustil. Ihre Bauten verstärkten Farbigkeit und Vertikalität. In der Malerei entstanden in Serbien zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert bedeutende Fresken: Studenica von 1170 und Sopoćani von etwa 1265 wurden von griechischen Malern geschaffen. Später brachten Kalenić und Manasija eine neue Qualität. Die Ikonenmalerei blieb stärker an byzantinische Vorbilder gebunden; Andrei Rubljow entwickelte in Russland mit der Dreifaltigkeitsikone einen Stil, der als dogmatisch vorbildlich nachgeahmt werden sollte.
Nach dem Fall Konstantinopels 1453 beeinflusste die byzantinische Architektur wichtige osmanische Moscheen. Die Sultan-Ahmed-Moschee folgt dem Vorbild der Hagia Sophia. Auch die imperialen Moscheen des 16. Jahrhunderts, darunter Beyazid-II.-Moschee, Şehzade-Moschee, Süleymaniye-Moschee und Edirne Selimiye-Moschee, setzen sich mit der Kunst der justinianischen Zeit auseinander. Sinan schuf unter Sultan Süleyman dem Prächtigen daraus eigenständige architektonische Meisterwerke.
Einfluss auf Venedig und Westeuropa
Byzantinische Kunst beeinflusste auch Westeuropa, besonders Italien, Frankreich und das Deutsche Reich. In Italien war sie vor allem in Tafelmalerei und Mosaikkunst bis in die Renaissance neben Romanik und Gotik präsent. Venedig war durch frühere Zugehörigkeit, Handel und Besitzungen in der Levante eng mit Byzanz verbunden. Nach der Eroberung Konstantinopels 1204 gelangten Künstler und Kunstschätze nach Venedig, darunter die Quadriga aus dem Hippodrom, heute auf dem Markusdom, und die Pala d’oro.
Der Markusdom wurde zunächst im frühbyzantinischen Stil des 6. Jahrhunderts als Heiligenschrein errichtet. Sein heutiger Bau aus dem 11. Jahrhundert orientiert sich an Kirchen Justinians I. in Konstantinopel und Ephesos. Er wurde Vorbild für weitere Bauten in Norditalien und für Kuppelkirchen in Aquitanien. Byzantinische Künstler arbeiteten zudem lange in Süditalien, etwa an der Palastkapelle in Palermo. Im Norden zeigen die Pfalzkapelle im Aachener Dom, nach San Vitale in Ravenna gestaltet, und ottonische Bauten die Wirkung. Romanische Kirchen in Köln wie Groß St. Martin und St. Aposteln verwenden byzantinische Zentralbauformen.
Im 19. Jahrhundert kam es in der Romantik zu einer Wiederbelebung. In München entstanden unter Ludwig I. Bauten mit byzantinischen Stilmitteln, etwa die Allerheiligenhofkirche und das Hauptgebäude der Universität; für Ludwig II. wurde der Thronsaal von Schloss Neuschwanstein gestaltet. Die Basilika Sacré-Cœur in Paris verbindet romanische und byzantinische Elemente. Die Isaakskathedrale in Sankt Petersburg wurde 1818–1858 von Auguste de Montferrand mit griechisch-byzantinischen Stilelementen erbaut; ihre Kuppel erreicht 102 m.