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Oktavregel
Die Oktavregel ist eine seit dem frühen 18. Jahrhundert überlieferte Anweisung, die ursprünglich die improvisatorische Realisierung unbezifferter Basslinien …
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Grundidee und Bedeutung
Die Oktavregel ist eine seit dem frühen 18. Jahrhundert überlieferte Anleitung zur Harmonisierung von Basslinien. Ursprünglich sollte sie helfen, unbezifferte Bässe improvisatorisch auszuführen. Sie ordnet einem Basston einen üblichen Akkord zu. Entscheidend sind dabei zwei Merkmale: die Position des Basstons in der gerade geltenden Dur- oder Mollskala, also seine Tonleiterstufe, und die Frage, ob sich der Bass anschließend schrittweise aufwärts oder abwärts bewegt.
Die Regel war nicht nur für das Generalbassspiel wichtig. Bis ins 19. Jahrhundert wurden das Spielen vorgegebener Kompositionen, Generalbassspiel, Improvisation und Komposition noch nicht deutlich voneinander getrennt; deshalb gehörte die Oktavregel zur Ausbildung in allen diesen Bereichen. Seit Wolfgang Buddays „Harmonielehre Wiener Klassik“ von 2002 wird sie auch in der deutschsprachigen Hochschulausbildung wieder stärker berücksichtigt.
Akkordzuordnung und Varianten
In der bei François Campion und Fedele Fenaroli überlieferten Form wird eine Dur- oder Molltonleiter im Bass aufwärts und abwärts geführt und je nach Stufe unterschiedlich beziffert. In Moll dient melodisches Moll als Grundlage.
Besonders wichtig sind richtungsabhängige Zuordnungen:
- Die 4. Tonleiterstufe erhält bei aufwärts gehendem Bass einen Quintsextakkord, bei abwärts gehendem Bass einen Sekundakkord.
- Die 6. Tonleiterstufe erhält aufwärts einen leitereigenen Sextakkord, abwärts einen Terzquartakkord mit großer Sexte.
Ein Beispiel ist die 6. Stufe E in G-Dur. Geht E abwärts zur 5. Stufe D, sieht die Regel einen Sextakkord oder Terzquartakkord mit großer Sexte vor, also mit G, Cis und gegebenenfalls A. Geht E dagegen schrittweise aufwärts, wird ein leitereigener Sextakkord mit kleiner Sexte verwendet: E–G–C.
Andere Quellen weichen in bis zu drei Punkten von Campion und Fenaroli ab: Sie verwenden Sextakkorde statt Terzquartakkorden, auf der steigenden 4. Stufe einen Terzquintakkord statt eines Quintsextakkords oder auf der steigenden 7. Stufe einen Sextakkord statt eines Quintsextakkords. Es gibt daher keine einzige, in allen Quellen identische Form der Oktavregel.
Praktische Anwendung
Zur Anwendung wird zunächst jede Note einer Basslinie einer Dur- oder Molltonart zugeordnet. Dadurch lässt sich bestimmen, welche Tonleiterstufe vorliegt. Diese Deutung kann mehrdeutig sein: Im Beispiel könnte das D am Ende des 5. Taktes noch zu h-Moll gehören und wäre dann die 3. statt der 5. Stufe.
Anschließend wird anhand von Stufe und Bewegungsrichtung die passende Generalbassbezifferung gewählt. Das C in Takt 1 des Beispiels ist eine abwärts schreitende 4. Stufe und erhält deshalb einen Sekundakkord. Das G in Takt 3 ist dagegen eine aufwärts schreitende 4. Stufe und erhält einen Quintsextakkord. Aus den so gewonnenen Bezifferungen lässt sich eine vierstimmige Begleitung bilden. Für ein stilistisch überzeugendes Ergebnis reichen die Akkordangaben allein jedoch nicht aus: Zusätzlich müssen die Regeln der Stimmführung und Dissonanzbehandlung aus der Kontrapunktlehre beachtet werden.
In der musikalischen Praxis werden Tonart, Tonleiterstufe und Akkord nicht in getrennten Durchläufen ermittelt. Erfahrene Spieler erkennen den Tonleiterausschnitt und greifen den zugehörigen Akkord nahezu unmittelbar nacheinander. Eine zentrale Übung besteht deshalb darin, die harmonisierte Dur- und Molltonleiter aufwärts und abwärts sowie typische Ausschnitte wie die Folge 5.–6.–7.–1. Stufe in verschiedenen Tonarten zu spielen.
Nicht jede Basslinie lässt sich sinnvoll allein mit der Oktavregel harmonisieren. Basslinien können weitere Muster enthalten, etwa Sequenzen oder bestimmte Kadenzformen. Diese werden von der Oktavregel nicht erfasst und müssen gesondert gelernt werden, damit ihre Unterstimme erkannt und die passenden Oberstimmen beziehungsweise Akkordfolgen abgerufen werden können.
Historischer Zusammenhang
Die Oktavregel entstand aus dem improvisierten Kontrapunkt, dem „contrapunto alla mente“, sowie aus den römischen und neapolitanischen Generalbass- und Partimento-Traditionen des 17. Jahrhunderts. Ein einzelner Erfinder oder eine endgültige Form des Modells lässt sich nicht bestimmen. Nach Jean-Jacques Rousseau veröffentlichte Etienne Denis Delair 1700 als Erster eine entsprechende „formule harmonique“. Weitere frühe Darstellungen stammen von Francesco Gasparini (1708) und Antonio Philippo Bruschi (1711); bereits Lorenzo Pennas Generalbasslehre von 1684 enthält mehrere später in die Oktavregel eingegangene Satzmodelle.
Im 18. Jahrhundert vermittelten fast alle führenden Musiktheoretiker die Oktavregel als Grundlagenwissen. Lorenz Christoph Mizlers „Anfangs-Gründe des Generalbasses“ von 1739 belegt ihre Bedeutung im Umfeld Johann Sebastian Bachs. Carl Philipp Emanuel Bach behandelte sie in seinem „Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen“ als Teil einer umfassenden Improvisationslehre. Die Tradition reichte bis weit ins 19. Jahrhundert. Wolfgang Budday zeigte später, dass sich Oktavregel und Funktionstheorie sinnvoll ergänzen können; Ludwig Holtmeier arbeitete ihr Potenzial als eigenständige Methode der musikalischen Analyse heraus.