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Obergermanisch-Raetischer Limes
Der Obergermanisch-Raetische Limes (ORL) ist ein 550 Kilometer langer Abschnitt der ehemaligen Außengrenze des Römischen Reichs zwischen Rhein und Donau.
Inhalt6 Abschnitte
Grenze zwischen Rhein und Donau
Der Obergermanisch-Raetische Limes (ORL) war ein 550 Kilometer langer Abschnitt der Außengrenze des Römischen Reiches. Er verlief von Rheinbrohl im Norden beziehungsweise Westen bis zum Kastell Eining an der Donau im Süden beziehungsweise Osten. Als südliche Fortsetzung des Niedergermanischen Limes verband er die natürlichen Flussgrenzen an Rhein und Donau. In den Provinzen Germania superior (Obergermanien) und Raetia (Rätien) bestand die Grenze dagegen überwiegend aus künstlichen Anlagen wie Palisaden, Gräben, Wällen, Mauern, Wachtürmen und Kastellen.
Der lateinische Begriff „Limes“ bedeutete ursprünglich Grenzweg oder Schneise. Die römischen Limites waren räumlich klar festgelegte und im Gelände erkennbare Außengrenzen eines Herrschaftsbereichs. Der ORL bildete die längste Landgrenze im europäischen Limesgebiet; nur zwischen Großkrotzenburg und Miltenberg folgte er für wenige Kilometer dem Main.
Der Limes war keine undurchdringliche Verteidigungslinie. Nach älterer Auffassung diente er hauptsächlich der militärischen Abgrenzung und Abwehr. Die jüngere Forschung betrachtet ihn eher als überwachte Wirtschafts- und Kontrollgrenze. Er demonstrierte römische Macht, sollte Schmuggel verhindern und ermöglichte kontrollierten Grenzverkehr sowie die Erhebung von Zöllen und Steuern. Für die Abwehr größerer Angriffe reichten die dort stationierten Truppen nicht aus. Zahlreiche Übergänge erlaubten einen regen Handel; römische Funde bis nach Jütland und Skandinavien belegen weitreichende Kontakte. Durch Bündnisse, die Anwerbung von Auxiliarsoldaten und gelegentliche Ansiedlungen ehemaliger Legionäre reichte der römische Einfluss über die Grenze hinaus.
Verlauf, Aufbau und Infrastruktur
Die Reichs-Limeskommission teilte den Verlauf nach den Verwaltungsgrenzen des 19. Jahrhunderts in 15 Strecken ein. Die Route führte unter anderem durch Westerwald, Taunus, Wetterau, entlang des Mains, durch Odenwald und Neckargebiet sowie über Lorch, Aalen, Gunzenhausen, Weißenburg und Kipfenberg bis Eining. Im Rotenbachtal bei Schwäbisch Gmünd endete der obergermanische und begann der raetische Abschnitt.
Die Wachtürme standen durchschnittlich rund 800 Meter auseinander und hatten Sichtverbindung. Etwa alle zehn Kilometer lagen kleinere Kastelle für Hilfstruppen, sogenannte Auxiliartruppen. Sie stellten die Turmbesatzungen und konnten bei Zwischenfällen alarmiert werden. Bedeutende Beispiele sind Saalburg, Kleiner Feldberg und Kapersburg im Taunus. In Aalen befand sich ein besonders großes Kastell für eine berittene Einheit, eine Ala. Bei größerer Gefahr konnten die Grenztruppen Verstärkung von den Legionen in den Provinzhauptstädten anfordern.
Um die Kastelle entstanden meist zivile Siedlungen, lateinisch vici. Dort lebten Angehörige der Soldaten sowie Händler, Handwerker und Gastwirte. Manche Orte entwickelten sich zu bedeutenden Civitas-Hauptorten, etwa Nida im heutigen Frankfurt-Heddernheim. Ein Straßen- und Wegenetz verband militärische Stützpunkte und zivile Versorgungseinrichtungen. Bewachte Durchlässe dienten der Kontrolle des Grenzverkehrs.
Eine Besonderheit war Waldgirmes im Lahntal, jenseits des späteren Limes. Die römische Stadt mit repräsentativem Forum war offenbar als Verwaltungszentrum geplant, möglicherweise für die von Augustus vorgesehene Provinz Germania magna zwischen Rhein und Elbe. Nach der Varusschlacht 9 n. Chr., spätestens nach dem Ende der Expansionspolitik unter Tiberius 17 n. Chr., wurde sie aufgegeben.
Entstehung und Ausbau
Die Vorgeschichte begann 9 n. Chr. mit der Varusschlacht. Germanen unter Arminius vernichteten drei römische Legionen des Feldherrn Varus. Danach zogen sich die Römer auf die linke Rheinseite und an die rechte Seite der oberen Donau zurück. Rund ein Jahrhundert später verkürzte Rom die Grenze zwischen Rhein und Donau und gliederte wirtschaftlich interessante Gebiete wie die Wetterau ein.
Der ORL entstand schrittweise aus einem Postenweg in einer Waldschneise. Im Odenwald wurden 107/110 beziehungsweise 115 etwa zehn Meter hohe hölzerne Wachtürme gebaut, die von Erdwällen umgeben waren. Der Ausbau verlief regional unterschiedlich: In Obergermanien setzte er etwa 40 Jahre früher ein als in Rätien. Die Palisade bei Marköbel wird auf den Winter 119/120 oder das Frühjahr 120 n. Chr. datiert. Rätische Palisadenhölzer stammen unter anderem aus Mönchsroth von 160, aus Gunzenhausen von 162 sowie aus Schwabsberg von 165 n. Chr. Für die Gründungsphase des Lagerdorfs am Kastell Buch liegt eine Datierung auf Mai/Juni 161 n. Chr. vor.
Am Limestor Dalkingen sind fünf Ausbauphasen nachweisbar. Anfangs bestand dort vermutlich ein einfacher Flechtwerkzaun; ein Grabenkarree wird einem Holzturm zugerechnet. Die zeitliche Einordnung des Zauns ist umstritten: Dieter Planck ordnete ihn der frühen Phase zu, andere Forscher der Zeit nach dem Verfall der Palisade. Später ersetzten Steintürme die verwitterungsanfälligen Holztürme.
In Rätien entstand unter Kaiser Septimius Severus statt Palisade, Wall und Graben eine durchgehende, massive und bis zu drei Meter hohe Steinmauer. Hölzer ihres Pfahlrostfundaments bei Dambach wurden im Winter 206/207 geschlagen und wahrscheinlich im Frühjahr 207 verbaut. Die rätische Holzpalisade bestand demnach ungefähr 45 Jahre. Unterschiede zwischen beiden Provinzen sprechen dafür, dass die jeweilige Provinzverwaltung für den Unterhalt zuständig war. Der Grenzverlauf wurde mehrfach verlegt; vermutlich handelte es sich teilweise um Begradigungen. So wurde der etwa 60 Jahre verwendete Odenwaldlimes einige Kilometer nach Osten verschoben.
Mehrere obergermanische Abschnitte wurden mit der Groma, einem römischen Vermessungsinstrument, außergewöhnlich gerade angelegt. Von Walldürn bis zum Haghof südlich von Welzheim verläuft eine 81,259 Kilometer lange Trasse, die längste geradlinige Strecke der Antike. Auf 50 Kilometern weicht die Mitte des Grabens nur 90 Zentimeter ab. Als Vermessungspunkt könnte der ungewöhnlich große Sechseckturm WP 9/51 bei Pfedelbach-Gleichen gedient haben.
Krise und Aufgabe im 3. Jahrhundert
Der Limes ging nicht, wie lange angenommen, durch einen einzigen Germanenangriff 259/260 n. Chr. unter. Archäologische Befunde zeigen einen länger dauernden, regional unterschiedlichen Niedergang. Seit dem späten 2. Jahrhundert nahm der Druck auf die Nordgrenze zu. Commodus ließ um 185 Grenzanlagen erneuern, Caracalla führte 213 einen Feldzug jenseits des Limes.
Entscheidend war auch, dass Rom wegen des 224 gegründeten persischen Sassanidenreiches Truppen aus dem Grenzgebiet abzog. 232 zog Severus Alexander mit seiner Mutter Julia Mamaea gegen die Sassaniden, ohne einen Sieg oder Friedensvertrag zu erreichen. Alamannen nutzten 233 die geschwächte Grenze für Plünderungszüge bis zum Rhein und ins Alpenvorland. Zerstörungen sind etwa im Kastell Osterburken nachweisbar.
235 bezog Severus Alexander in Mogontiacum sein Hauptquartier. Weil Julia Mamaea mit den Germanen verhandeln wollte, revoltierten die Truppen und erhoben Maximinus Thrax zum Kaiser. Severus Alexander und seine Mutter wurden im März 235 vermutlich in Bretzenheim ermordet. Maximinus führte im Sommer 235 einen Feldzug weit in germanisches Gebiet; anschließend wurden Befestigungen repariert und verstärkt.
Trotzdem setzte ein wirtschaftlicher Niedergang ein. Zivilsiedlungen, Bäder, Wirtschaftsgebäude und manche Kastelle wurden nur verkleinert oder notdürftig wiederhergestellt. Bürgerkriege, häufige Kaiserwechsel, Geldmangel und weitere Truppenabzüge schwächten die Grenzregion. Da Soldaten wichtige Kunden für Handel, Handwerk und Dienstleistungen gewesen waren, führte ihre Verringerung auch zu Bevölkerungsverlusten. Zugleich verstärkten Bevölkerungsbewegungen aus dem eurasischen Raum und innerrömische Konflikte den Druck.
Der raetische Limes wurde möglicherweise bald nach 254 unter Kaiser Valerian aufgegeben; das Lagerdorf des Kastells Buch brannte im Frühsommer 254 nieder. Teile des südlichen obergermanischen Abschnitts bestanden wohl einige Jahre länger. Germaneneinfälle von 259 und 260 führten schließlich zur Aufgabe des gesamten ORL. Davon zeugen Hortfunde wie Neupotz, Hagenbach und Otterstadt sowie der Augsburger Siegesaltar zum Vorstoß der Juthungen nach Italien. Da nur wenige Kastelle Kampfspuren zeigen, nehmen viele Forscher eine weitgehend planmäßige Räumung an. Einige Kastelle wurden wahrscheinlich von römischen Truppen selbst verbrannt.
Rom zog sich auf Rhein und Donau zurück und errichtete den Donau-Iller-Rhein-Limes. In einigen ehemaligen Lagerdörfern lebten Menschen weiter; eine vollständige Räumung des rechtsrheinischen Dekumatlands und eine Deportation der Zivilbevölkerung sind nicht belegt. Der endgültige Soldatenabzug erfolgte wohl um 275. Um 300 hieß das Gebiet in römischen Quellen Alamannia. Römische Kaiser hielten jedoch bis ins späte 4. Jahrhundert an Ansprüchen fest; Gratian unternahm 377 den letzten Feldzug in das frühere Dekumatland.
Erforschung und Erhaltung
Das wissenschaftliche Interesse erwachte in Renaissance und Humanismus neu. Johann Alexander Döderlein beschrieb als Erster den Verlauf im Raum Eichstätt, deutete 1723 seine Bedeutung richtig und veröffentlichte 1731 eine wissenschaftliche Schrift. Nach der deutschen Reichsgründung wurden systematische Untersuchungen möglich. 1892 entstand unter Theodor Mommsen die Reichs-Limeskommission mit Sitz in Berlin. Sie bestimmte den Verlauf, benannte und nummerierte Kastelle und Wachtürme und veröffentlichte ihre Ergebnisse von 1894 bis zu ihrer Auflösung 1937 in dem fünfzehnbändigen Werk „Der obergermanisch-raetische Limes des Roemerreiches“: sieben Bände behandeln die Strecken, acht die Kastelle.
Nach der Römerzeit verfielen die Anlagen über Jahrhunderte. Noch 1780 waren lange Mauerabschnitte sichtbar, später verwendeten Anwohner viele Steine als Baumaterial. Die Funktion geriet teilweise in Vergessenheit; die rätische Mauer hieß im Volksmund „Teufelsmauer“. Der Grenzverlauf blieb jedoch oft als Grundstücks-, Gemeinde- oder Verwaltungsgrenze erhalten.
Heute ist der ORL ein Bodendenkmal von internationaler Bedeutung. Wall und Graben sind besonders in den Wäldern von Westerwald und Taunus erhalten. In Rätien kennzeichnen häufig gerade Schuttstreifen oder Feldgehölze die frühere Mauer; kleine Hügel markieren Turmstellen. Rekonstruktionen und Museen befinden sich unter anderem an der Saalburg und im Kastell Aalen. Straßen-, Rad- und Wanderwege erschließen den Verlauf touristisch.
UNESCO-Welterbe
Am 15. Juli 2005 nahm die UNESCO den Obergermanisch-Raetischen Limes nach den Kriterien (ii), (iii) und (iv) als Kulturerbe in die Welterbeliste auf; die Referenznummer lautet 430. Die Urkunden wurden am 5. Juli 2006 in Aalen an Rheinland-Pfalz, Hessen, Baden-Württemberg und Bayern übergeben. Die Länder gründeten zur Abstimmung die Deutsche Limeskommission. Zum geschützten Bereich gehören die Hauptlinie in ihrem umfassenden Ausbauzustand und Teile der rückwärtigen Infrastruktur.
Der ORL ist Teil der Welterbestätte „Grenzen des Römischen Reiches“. Deren erster Bestandteil war der 1987 aufgenommene Hadrianswall in England; 2008 kam der Antoninuswall in Schottland hinzu. Langfristig sollen die erhaltenen römischen Grenzanlagen weiterer europäischer Staaten in dieses gemeinsame Welterbe einbezogen werden.