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Normannische Sprache

Die normannische Sprache (Eigenbezeichnung: Normaund, französisch Normand) ist eine romanische Sprache, die im Norden Frankreichs in der Normandie und auf …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Einordnung
  2. 2. Dialekte und Geschichte
  3. 3. Lautliche Abgrenzung
  4. 4. Wortschatz
  5. 5. Laute
  6. 6. Grammatik

Überblick und Einordnung

Die normannische Sprache, Eigenbezeichnung Normaund und französisch Normand, ist eine romanische Sprache. Sie wird im Norden Frankreichs in der Normandie sowie auf den Kanalinseln Guernsey, Jersey und Sark gesprochen. Die Sprecherzahl wird mit ca. 100.000 angegeben. Normannisch gilt als gefährdete Sprache.

In Frankreich hat Normannisch keinen offiziellen Status, weil die französische Sprachpolitik außer den langues régionales keine ethnischen Minderheitensprachen auf ihrem Territorium anerkennt. Auf Jersey ist dagegen die Varietät Jèrriais regionale Amtssprache.

Sprachgeschichtlich gehört Normannisch zu den Langues d’oïl. Diese gehören zusammen mit dem Frankoprovenzalischen und dem Okzitanischen zum Galloromanischen. Wie andere romanische Sprachen ist Normannisch aus dem Vulgärlatein hervorgegangen, also der gesprochenen Form des Lateins in den römischen Provinzen. Latein gehört zum italischen Zweig der indogermanischen Sprachen.

Dialekte und Geschichte

Das Normannische teilt sich in mehrere Dialekte auf. Genannt werden unter anderem cotentinais, jerriais, cauchois oder caôcheis, guernésiais, sercquiais oder serkyee sowie aurignais oder aoeur'gnaeux.

Die Entstehung der Sprache hängt mit mehreren historischen Schichten zusammen. In der Normandie verdrängte Latein, wie in vielen von Rom beherrschten Gebieten, zunehmend die dortigen keltischen Sprachen. Aus dem Vulgärlatein entwickelte sich später auch das Normannische.

Ab 840 wirkten durch die Landnahme der skandinavischen Normannen nordische Sprachen auf die dort gesprochenen Varietäten ein. Das zeigt sich besonders in skandinavischen Lehnwörtern, von denen einige bis heute erhalten sind. Nach der Eroberung Englands durch die Normannen in der Schlacht bei Hastings 1066 gelangte die Sprache an den englischen Hof. Dort entfernte sie sich zunehmend vom Festlandfranzösischen und wird als Anglonormannisch bezeichnet. Heute beeinflussen die französische Standardsprache in Frankreich und das Englische auf den Kanalinseln das Normannische.

Lautliche Abgrenzung

Die Grenzen des normannischen Sprachraums stimmen nicht einfach mit heutigen politischen Grenzen überein. Deshalb werden phonologische Merkmale, also Merkmale der Lautstruktur, genutzt, um Normannisch von benachbarten galloromanischen Dialekten abzugrenzen.

Wichtig sind drei konsonantische Isoglossen. Eine Isoglosse ist eine Grenze zwischen Sprachformen mit unterschiedlichen sprachlichen Merkmalen. Das Nordnormannische unterscheidet sich zusammen mit dem Pikardischen vom Südnormannischen und von Nachbardialekten dadurch, dass /ka/ nicht zu /ʃa/ verschoben wurde. So heißt „Katze“ im Standardfranzösischen chat /ʃa/, im gemeinen Nordnormannischen aber cat /ka/; auf Sark kommt kat /kat/ vor. Entsprechend steht bei „Kerze“ französisch chandelle neben normannisch caundelle, woraus englisch candle wurde.

Parallel dazu entwickelte sich /ga/ im Südnormannischen und Französischen zu /ʒa/, nicht aber im Nordnormannischen. Beim Wort „Garten“ steht französisch jardin neben normannisch gardin, was mit englisch garden verglichen wird. Eine zweite Konsonantenisoglosse betrifft Palatalisierungen, also Lautverschiebungen in Richtung Gaumenlaut, etwa bei spätlateinischem /ke/ und /ki/ sowie bei Gruppen wie /att/ und /apt/. Beispiele sind lateinisch *captiare, französisch chasser und normannisch cachi, dazu englisch catch; außerdem französisch cerise und normannisch cherise, verglichen mit englisch cherries beziehungsweise cherry. Diese beiden Isoglossen bilden die Joret-Linie.

Eine dritte Isoglosse verläuft durch Nordfrankreich und in der Normandie ungefähr parallel zu den anderen. Sie trennt standard- oder zentralfranzösisches /g/ von nordfranzösischem /w/ oder /v/ im Nordnormannischen.

Auch Vokale unterscheiden Dialekträume. Eine Vokalisoglosse trennt den normannischen vom pikardischen Sprachraum und betrifft die Entwicklung des lateinischen Langvokals ē. Östlich dieser Linie entwickelte sich der mittelalterliche Diphthong ei weiter zu /we/ und schließlich im heutigen Französischen zu /wa/. In Westfrankreich blieb er erhalten. Innerhalb des Normannischen trennt eine weitere Grenze östliche Dialekte von westlichen „niedernormannischen“ Dialekten: Der vulgärlateinische Kurzvokal ŏ vor /k/ entwickelte sich dort zu /ie/, östlich davon und im Standardfranzösischen zu /ɥi/. Das zeigt sich an französisch nuit /nɥi/ und Jèrriais niet /njɛ/ für „Nacht“. In der Forschung gibt es dazu unterschiedliche Einteilungen; Suchier nahm 1893 vier Hauptdialektgruppen an.

Wortschatz

Der Wortschatz des Normannischen enthält Elemente aus mehreren Sprachschichten. Aus den früher in Frankreich gesprochenen gallischen Dialekten haben sich einige Lehnwörter erhalten. Ihr Anteil beträgt ungefähr 2 % des Gesamtwortschatzes. Sie bezeichnen vor allem Natur und Naturereignisse.

Durch germanische Stämme im 5. Jahrhundert gelangten viele germanische, meist altfränkische Wörter ins Französische allgemein und damit auch ins Normannische. Außerdem gibt es altenglische Entlehnungen, besonders aus dem Bereich der Seefahrt, die auf angelsächsische Raubzüge zurückgeführt werden.

Mit der Invasion der Normandie durch die Normannen ab 840 sowie weiteren Eroberungen durch Rollo und seinen Nachfolger Wilhelm Langschwert ab 911 kamen viele altnordische Begriffe ins Normannische. Sie betreffen besonders Seefahrt und abstrakte Begriffe. Daneben bewahrte das Normannische einige altfranzösische Wörter, die im heutigen französischen Standard verloren gegangen sind. In der Gegenwart kommen vermehrt französische Wörter hinzu; auf den Kanalinseln, besonders auf Jersey und Sark, auch englische Wörter, vor allem für neue technische Errungenschaften.

Laute

Das Normannische besitzt ein System von Vokalen und Konsonanten. Zu den Monophthongen, also einfachen Vokalen, gehören vorne unter anderem /i/, /y/, /ɪ/, /ʏ/, /e/, /ø/, /ɛ/, /œ/ und /a/, zentral /ə/ sowie hinten /u/, /ʊ/, /o/ und /ɑ/. Die Vokale [ɛ œ ɔ ɑ] können auch nasalisiert vorkommen, also mit Luftstrom durch die Nase: [ɛ̃ œ̃ ɔ̃ ɑ̃]. Mit Ausnahme des Schwas [ə] und [œ] können alle Vokale, nasal wie oral, auch lang auftreten.

Bei den Konsonanten kommen unter anderem Plosive wie /p b t d k g/, Nasale wie /m n ɲ/, Frikative wie /f v s z ʃ ʒ h/, Approximanten wie /ɥ j w/ und laterale Approximanten wie /l ʎ/ vor. Der stimmhafte dentale Frikativ [ð] kommt nur im Jèrriais vor. Im Gegensatz zum Französischen besitzt Normannisch den stimmlosen glottalen Frikativ [h]. Er ist dort erhalten geblieben und tritt dort auf, wo in der französischen Schriftsprache ein h geschrieben wird, steht aber in Variation mit [ʀ].

Grammatik

Das Normannische ist wie das Französische eine synthetische Sprache mit polysynthetischen Tendenzen. Synthetisch bedeutet hier, dass grammatische Informationen oft durch Wortformen ausgedrückt werden. Polysynthetische Tendenzen bedeuten, dass Formen mehrere Bedeutungs- oder Grammatikbestandteile verbinden können.

Das normannische Verb kennt fünf Konjugationen. Konjugation bedeutet die Beugung von Verben nach grammatischen Merkmalen. Es gibt jeweils die vier Tempora Präsens, Imperfekt, Futur und Aorist. Außerdem gibt es die Modi Subjunktiv im Präsens und Imperfekt, Konditional und Imperativ. Verben unterscheiden Person sowie Singular und Plural. Weitere Zeiten und Formen, nämlich Perfekt, Plusquamperfekt, Passé antérieur, Konditional Perfekt und das Passiv, werden mit Hilfsverben gebildet.

Beim normannischen Nomen gibt es zwei Genera, Maskulinum und Femininum, sowie zwei Numeri, Singular und Plural. Der Kasus wird wie in fast allen romanischen Sprachen nicht morphologisch markiert. Er wird also nicht durch eine besondere Endung am Nomen ausgedrückt, sondern durch Präpositionalkonstruktionen.

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