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Polysynthetischer Sprachbau
In polysynthetischen Sprachen wird ein Satz oder Satzteil gebildet, indem ein zentrales lexikalisches Morphem (meist das Verb) mit einer Vielzahl gebundener …
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Grundprinzip des polysynthetischen Sprachbaus
In polysynthetischen Sprachen wird ein Satz oder Satzteil durch die Verbindung eines zentralen lexikalischen Morphems, meist eines Verbs, mit vielen gebundenen Morphemen gebildet. Gebundene Morpheme sind sprachliche Einheiten, die nicht selbstständig vorkommen können, sondern als Affixe an andere Einheiten gebunden werden. Dadurch werden mehrere lexikalische und grammatische Elemente zu einem komplexen Wort verbunden. Im Extremfall entspricht ein solches Wort einem ganzen Satz in einer Sprache mit einem anderen Sprachbautyp.
Typisch ist ein hoher Synthesegrad, also eine große Zahl von Morphemen pro Wort. Viele polysynthetische Sprachen markieren außerdem die zentralen Aktanten, also die an einer Handlung beteiligten Personen oder Dinge, obligatorisch durch Pronomen am Verb. Diese Eigenschaft wird Polypersonalität genannt.
Typische Beispiele
Ein Beispiel aus dem Yupik lautet:
tuntussuqatarniksaitengqiggtuq tuntu-ssur-qatar-ni-ksaite-ngqiggte-uq Rentier-jagen-FUT-sagen-NEG-nochmal-3SG.IND
Die Bedeutung ist: „Er hat nicht nochmal gesagt, dass er Rentiere jagen geht.“ Außer tuntu „Rentier“ kann keines der anderen Morpheme isoliert stehen. Das Element -ssur- ist hier nicht das selbstständige Verb „jagen“, sondern ein denominales Wortbildungselement mit der Bedeutung „N jagen“.
Einige polysynthetische Sprachen erlauben zusätzlich die Nominalinkorporation, also die Aufnahme eines Nomens in den Verbalkomplex. Im klassischen Aztekischen bedeutet ninacacua (ni-naca-cua: 1sSUBJ-Fleisch-essen) „Ich esse Fleisch“, im Sinne von „Ich bin Fleischesser“.
Das Koyukon-Beispiel kk'oaɬts'eeyhyee'oyh (kk'o-aɬts'eeyh-y-ee-'oyh) bedeutet „Der Wind weht es herum“. Hier ist 'oyh ein finites Verb mit der Bedeutung „einen kompakten Gegenstand bewegen“. aɬts'eeyh „Wind“ bezeichnet das Agens, also den Ausführenden der Handlung. Damit unterscheidet sich das Beispiel vom Yupik-Wort, bei dem das Element für „jagen“ kein selbstständiges finites Verb ist.
Polysynthese und Inkorporation
Polysynthese und Inkorporation werden heute häufig fälschlicherweise gleichgesetzt. Inkorporation bezeichnet inzwischen nur die Nominalinkorporation und ist nicht mit Polysynthese insgesamt identisch. Polysynthese kann also auch ohne Nominalinkorporation vorkommen.
Die begriffliche Verwirrung hängt unter anderem mit Wilhelm von Humboldts Bezeichnung „einverleibende Sprachen“ zusammen. Seine beiden aztekischen Beispiele zeigen unterschiedliche Strukturen:
- niccua in nacatl (ni-c-cua in naca-tl: 1sSUBJ-3sOBJ-essen ART Fleisch-NOM) bedeutet „Ich esse das Fleisch.“ Das Objekt wird durch ein gebundenes Objektpronomen markiert.
- ninacacua (ni-naca-cua: 1sSUBJ-Fleisch-essen) bedeutet „Ich esse Fleisch“, also „ich bin Fleischesser“. Hier wird das Nomen naca „Fleisch“ in den Verbalkomplex aufgenommen.
Da Humboldt seine Beispiele nicht näher kommentierte, blieb zunächst unklar, ob sich „Einverleibung“ auf die heute als Polysynthese bezeichnete Gesamtstruktur, auf Nominalinkorporation oder auf gebundene Objektpronomen bezog.
Herkunft und Verbreitung
Peter Stephen Du Ponceau prägte den Begriff „polysynthetisch“ 1819 zur Beschreibung amerikanischer Sprachen, die viele „Ideen“ in wenigen Wörtern verbinden. Diese frühe Beschreibung war eurozentristisch, weil europäische Vorstellungen als allgemeiner Maßstab dienten. Wilhelm von Humboldt verwendete 1836 den Ausdruck „einverleibende Sprachen“. Die Begriffe „synthetisch“ und „polysynthetisch“ als Gegensatzpaar verwendete Edward Sapir erstmals 1921.
Nominalinkorporation findet sich vor allem in Nordamerika. Bis auf die Penuti-Sprachen Kaliforniens sind nach dem Artikel alle indigenen nordamerikanischen Sprachen inkorporierend. Weitere Beispiele gibt es in Sibirien bei den tschuktschischen und niwchischen Sprachen sowie in Papua-Neuguinea, etwa beim Yimas.
Polysynthese ohne Nominalinkorporation kommt in den Eskimo-Sprachen vor. Ein weiteres Gebiet ist der nordwestliche Kaukasus, vertreten durch nordwestkaukasische Sprachen wie das Abchasische.
Der Synthese-Index
Der Synthese-Index dient dazu, polysynthetische Sprachen gegenüber agglutinierenden Sprachen abzugrenzen. Er misst, wie viele Morpheme durchschnittlich auf ein Wort entfallen. George A. Greenberg definierte seinen Synthese-Index als Zahl der Morpheme (M) geteilt durch die Zahl der Wörter (W) eines Textes oder Textausschnitts: S = M/W. Hohe Werte weisen auf lange Wörter hin, in denen viele semantische und syntaktische Beziehungen durch gebundene Morpheme ausgedrückt werden.
In der von Georgi Georgijewitsch Silnizki veröffentlichten Tabelle mit 31 Sprachen reichen die Werte von Arabisch 3.14, Japanisch 2.71, Telugu 2.61, Sanskrit 2.60, Swahili 2.51, Tschuktschisch 2.33, Koreanisch 2.31, Türkisch 2.15, Russisch 2.11, Mongolisch 2.10, Mari 2.02, Jiddisch 2.00, Mandschurisch 1.85, Tibetisch 1.75, Burmesisch 1.73 und Hindi 1.70 über Urdu 1.68, Tadschikisch 1.67, Persisch 1.67, Deutsch 1.57, Chinesisch 1.56, Französisch 1.54, Indonesisch 1.50, Khmer 1.50, Thai 1.46, Vietnamesisch 1.46, Tagalog 1.42 und Tangutisch 1.32 bis zu Englisch 1.30, Altchinesisch 1.26 und Maninka 1.16. In dieser Ordnung stehen am Anfang die stärker polysynthetischen und am Ende die stärker analytischen Sprachen.
Die Werte sind nicht unabhängig von der Auswertung. Beim Arabischen zählt Greenberg Wortformen auf Grundlage eines Wurzelkonsonanten als unterschiedliche Morpheme; diese Entscheidung ist umstritten. Für Eskimo nennt Greenberg den noch höheren Wert S = 3.72. Auch Textsorte und Stil beeinflussen das Ergebnis: Für Deutsch gibt Horne S = 1.58 für Lyrik und S = 1.71 für Prosa an. Für drei wissenschaftliche Texte nennt Greenberg S = 1.90, S = 1.92 und S = 2.11; der letzte Wert gehört zu einem philosophischen Text.