Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Nonoverlapping Magisteria
Der Kreationismus sei dagegen eine Randerscheinung und beruhe auf einem Missverständnis der Bibel als einem unfehlbaren Dokument, das „buchstäblich bis auf …
Inhalt6 Abschnitte
Grundidee von NOMA
Nonoverlapping Magisteria, abgekürzt NOMA, bedeutet auf Deutsch etwa „sich nicht überschneidende Lehrgebiete“. Gemeint ist die Auffassung, dass Religion und Wissenschaft einander nicht widersprechen müssen, weil sie unterschiedliche Bereiche professioneller Zuständigkeit haben. Wissenschaft und Religion sollen demnach verschiedene Arten von Fragen behandeln.
Der Evolutionsbiologe Stephen Jay Gould prägte den Begriff in einem 1997 veröffentlichten Aufsatz mit demselben Titel. Der Grundgedanke ist aber älter: Alfred North Whitehead äußerte ihn bereits 1925 in seinem Artikel „Religion and Science“. NOMA ist also keine einzelne naturwissenschaftliche Theorie, sondern eine Position zum Verhältnis von Wissenschaft und Religion.
Aufgaben von Wissenschaft und Religion
Nach Goulds NOMA-Konzept umfasst die Wissenschaft das empirische Universum. „Empirisch“ bedeutet: durch Beobachtung, Messung und Erfahrung überprüfbar. Die Wissenschaft beantwortet Fragen danach, woraus das Universum gemacht ist, also Fragen nach Fakten, und warum es so funktioniert, also Fragen nach Theorie.
Religion ist in dieser Sichtweise dagegen auf Fragen moralischer Bedeutung und Werte gerichtet. Sie soll also nicht erklären, welche naturwissenschaftlichen Tatsachen gelten, sondern sich mit Sinn, moralischer Orientierung und Wertfragen befassen. NOMA trennt damit Fakten- und Theoriefragen von Wert- und Bedeutungsfragen.
Laut dem Artikel sei diese Auffassung sowohl unter Religionsanhängern als auch unter westlichen Wissenschaftlern die am weitesten verbreitete Sicht auf das Verhältnis von Wissenschaft und Religion.
Abgrenzung zum Kreationismus
Gould grenzt NOMA deutlich vom Kreationismus ab. Kreationismus wird im Artikel als Randerscheinung beschrieben. Er beruhe demnach auf einem Missverständnis der Bibel als unfehlbarem Dokument, das „buchstäblich bis auf jedes Jota und jedes i-Tüpfelchen wahr ist“. Eine solche streng wörtliche Auslegung wird im Artikel vor allem fundamentalistischen Teilen des amerikanischen Protestantismus zugeschrieben.
Diese buchstäbliche Interpretation sei weder im Katholizismus noch im Judentum und auch nicht in den meisten protestantischen Strömungen üblich. In diesen Traditionen gebe es keine verbreitete Praxis, die Bibel vollständig als buchstäbliche Wahrheit zu verstehen. Stattdessen werde die Bibel als erhellende Literatur verstanden, die teilweise mit Metaphern und Allegorien arbeitet. Eine Metapher ist ein bildlicher Ausdruck; eine Allegorie ist eine Darstellung, die über ihre wörtliche Bedeutung hinaus auf etwas anderes verweist. Für ein angemessenes Verständnis sei deshalb Interpretation nötig, wie in der biblischen Exegese, also der Auslegung biblischer Texte.
Goulds Selbstverständnis
Stephen Jay Gould verstand sich selbst als „jüdischen Agnostiker“. Ein Agnostiker hält die Frage nach Gott oder religiösen Wahrheiten nicht für sicher beantwortbar. Trotzdem ging es Gould bei NOMA nicht um eine bloß diplomatische Haltung gegenüber Religion.
Später warf Richard Dawkins Gould vor, NOMA sei eine Art „Appeasement“, also eine beschwichtigende Haltung gegenüber Religion. Gould selbst stellte sein Konzept jedoch anders dar: Es sei eine „prinzipielle Position auf intellektueller und moralischer Grundlage“. Er sprach von einem respektvollen oder sogar „liebenden Konkordat“. Gemeint ist ein friedliches Nebeneinander, bei dem Wissenschaft und Religion ihre jeweils eigenen Zuständigkeitsbereiche anerkennen.
Kritik an der Trennung
Die Position Goulds wurde von verschiedenen Seiten kritisiert. Die Atheisten Richard Dawkins, Jerry Coyne und Ulrich Kutschera bezeichneten sie als unrealistisch. Der Biologiehistoriker Michael Ruse bezweifelte, dass Religion sich vollständig von Aussagen über Fakten trennen lässt. Diese Kritik richtet sich gegen die Annahme, Religion behandle nur Werte und Bedeutung, aber keine Tatsachenbehauptungen.
Auch von theologischer Seite gab es Einwände. Dort wurde bemängelt, Goulds Position falle hinter Georg Simmel zurück. Simmel hatte behauptet, zwischen Wissenschaft und Religion könnten keine Spannungen entstehen, obwohl beide für die ganze Wirklichkeit zuständig seien. Sie hätten jedoch ein unterschiedliches „Sensorium“, also eine andere Art des Zugangs: „Sie könnten sich nun prinzipiell so wenig kreuzen, wie Töne mit Farben.“
Der Astrophysiker Arnold Benz unterscheidet ebenfalls verschiedene Wirklichkeitserfahrungen. Naturwissenschaft beziehe sich auf objektive Messungen, Religion auf religiöse Wahrnehmungen, an denen ein Mensch teilnimmt und in Beziehung tritt. Beide Ebenen seien verschieden, könnten sich aber zum Beispiel im Staunen und in der Ethik begegnen.
Weitere Gegenpositionen
Michael Schmidt-Salomon kritisiert NOMA aus Sicht des evolutionären Humanismus. Evolutionärer Humanismus ist hier eine Weltanschauung, die menschliche Werte und Kultur im Zusammenhang mit der natürlichen Evolution betrachtet. Nach Schmidt-Salomon ist der Versuch, zwei gegensätzliche Wissenskulturen streng zu trennen, verfehlt. Eine solche Trennung trage zur Aufrechterhaltung von Illusionen bei und bringe die Menschheit in ihrer Entwicklung nicht voran.
Er betont außerdem, Natur und Kultur seien unaufhebbar miteinander verwoben. Aussagen, die schon auf physikalischer oder biologischer Ebene falsch seien, könnten auf philosophischer Ebene nicht plötzlich richtig sein. Damit wendet er sich gegen die Vorstellung, religiöse oder philosophische Aussagen könnten unabhängig von naturwissenschaftlichen Tatsachen wahr sein.
In der Scholastik und im Thomismus wird dagegen für eine andere Lösung argumentiert: Es gebe keine „doppelte Wahrheit“. Glaube und Wissenschaft könnten zu einer Synthese verbunden werden. Besonders die Philosophie als Universalwissenschaft komme aufgrund der einen Wirklichkeit nie zu einer Wahrheit, die der Theologie widerspreche. Die päpstliche Enzyklika „Fides et ratio“ von 1998 behandelt dieses Thema.