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Noise (Musik)
Noise (englisch Geräusch, Krach, Lärm) ist ein avantgardistisches, experimentelles und popkulturelles Musikgenre, das zum Ende der 1970er-Jahre aus der langen …
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Begriff und Grundidee
Noise ist ein avantgardistisches, experimentelles und popkulturelles Musikgenre, das Ende der 1970er-Jahre entstand. Geräusche, Krach und Lärm ersetzen oder ergänzen dabei Harmonie, Melodie und tonalen Klang. Es gibt kein einheitliches Klangbild und kein festes Instrumentarium: Entscheidend ist die Arbeit am Klang selbst sowie das bewusste Auslassen, Brechen oder Verfremden traditioneller Elemente wie Rhythmus, Melodie, Struktur und Harmonie.
Noise stellt die übliche Trennung zwischen musikalischen und nichtmusikalischen Klängen infrage. Er erforscht die musikalischen Möglichkeiten des Unmusikalischen und die unmusikalischen Möglichkeiten des Musikalischen. Seine Besonderheit liegt weniger in einer bestimmten Klangästhetik als in einer radikalen Haltung gegenüber Produktionsweisen, Hörgewohnheiten und Aufführungspraxis.
Wichtige Impulse sind die Erweiterung des Musikbegriffs, die Auflösung oder Pluralisierung des Formenkanons zugunsten von reinem Klang, Experiment und Improvisation sowie eine konfrontative, provokante Performance. Noise wird deshalb auch als ästhetische Praxis verstanden: Er kann sich durch Störklänge, Materialität und klangliche Überforderung immer wieder neu formen und entzieht sich festen Kategorien.
Musik, Lärm und Vorläufer
Noise steht zwischen Musik und Lärm, Popkultur, Kunst und Kulturindustrie. Als Popgenre entwickelte er sich aus Jazz sowie Pop- und besonders Rockmusik. Gleichzeitig gibt es gedankliche Parallelen zur E-Musik, etwa zum Bruitismus, zur Musique concrète und zur Neuen Musik. Eine direkte Abstammung von diesen Richtungen besteht jedoch nicht.
Der Bruitismus Luigi Russolos machte mit L’arte dei rumori (Die Kunst der Geräusche, 1913) Geräusche und Maschinenklänge zu möglichem musikalischem Material. Russolos Intonarumori erzeugten knallende, zischende und knisternde Geräusche. Im Unterschied dazu nutzt Noise Geräusche nicht vor allem als Symbol für Fortschritt oder als Ergänzung eines Orchesters, sondern als individuellen Ausdruck und unmittelbare Klangerfahrung.
John Cages 4′33″ von 1952 ist wichtig für die Vorstellung, dass Umgebungs- und Körpergeräusche durch Aufführung oder Wahrnehmung zu Musik werden können. Experimentelle Musik stellt außerdem Fragen nach fertigen Werken, Notation, musikalischem Können und den Mitteln der Klangerzeugung. Musique concrète arbeitete im Studio mit gefundenen Klängen, Collagen, Verfremdung und Tonbändern; elektronische Musik vereinfachte später Sampling, Montage und Klangbearbeitung.
Auch Free Jazz und Neue Improvisationsmusik waren prägend. Ornette Colemans Free Jazz: A Collective Improvisation ersetzte den zentralen Solisten durch Gruppenimprovisation. Musiker wie Derek Bailey nutzten etwa Rückkopplungen und veränderte Spielweisen. In der Rockmusik öffneten Verzerrung, Verstärkung und Feedback den Weg zu Klangüberschuss und Improvisation. Psychedelic Rock, Krautrock und Artrock brachen Songformen durch Jams, Collagen, Wiederholung und Tonbandexperimente auf.
Entstehung als Popgenre
Als eigenständiges popkulturelles Spektrum lässt sich Noise ab 1979 erfassen. Seine frühen Umfelder waren Industrial, Post-Punk und No Wave. Punk bot dabei den kulturellen Raum für Aufbegehren, Desillusionierung und neue Ausdrucksformen. Die Entwicklungsphase liegt in den 1970er-Jahren, die frühe Phase in den 1980er-Jahren.
Post-Punk bezeichnet nach Simon Reynolds das „lange ‚Nachspiel‘ des Punk bis 1984“ und umfasst sehr unterschiedliche Stile. Im Unterschied zum Punk, der Rock ’n’ Roll in einfacher Direktheit erneuerte, wollten Post-Punk-Musiker Rockmusik dekonstruieren und neu denken. Sie vermieden Klischees und Soli, nutzten Einflüsse aus Funk, Reggae und Dub sowie Synthesizer, Sequenzer und maschinelle Rhythmen. Diese kreative Offenheit beeinflusste Noise-Rock, No Wave, Japanoise und Power Electronics.
Industrial entstand aus Ideen der Aktionskunst und des Psychedelic Rock. Zunächst meinte der Begriff vor allem die kurze Aktivität von Industrial Records von 1976 bis 1981 und direkt verbundene Interpreten. Throbbing Gristle gilt als Ur-Band. Statt musikalischem Können und festem Stil sollten Inhalt, Authentizität, Energie und Experiment zählen. Industrial überwand typische Band- und Popsong-Strukturen, nutzte Klangcollagen, Rückkopplung, Alltagsmaterial und provokative Themen.
No Wave entstand 1977 in New York als Reaktion auf Punk, ohne einen einheitlichen Stil zu bilden. Die Szene lehnte Rock-Stereotype ab, obwohl sie oft mit Rockband-Instrumenten arbeitete. Kennzeichnend waren Lautstärke, Disharmonie, bohrende Gitarren, unkonventionelle Spielweisen und extreme Performances. Die 1978 von Brian Eno produzierte Kompilation No New York dokumentierte mit DNA, Contortions, Mars und Teenage Jesus and the Jerks die kurzlebige Szene.
Frühe Noise-Stile
Zu den ersten Noise-Genres zählen Noise-Rock, Power Electronics und Japanoise. Sie entstanden nach 1979 bis in die Mitte der 1980er-Jahre und wurden zunächst oft noch Industrial, Post-Industrial oder Post-Punk zugerechnet.
Noise-Rock überträgt Noise-Elemente in die Rockmusik. Anders als bei vielen Industrial- und Post-Industrial-Projekten steht meist das Gitarrenspiel im Mittelpunkt. Gemeinsame Merkmale sind der Bezug zu Art-, Kraut- und Psychedelic Rock, ungewöhnliche Spielmethoden, Störgeräusche und der Wille zur Konfrontation. Bedeutende Gruppen waren unter anderem Big Black, Swans und Sonic Youth. Später beeinflusste Noise-Rock unter anderem Industrial Rock, Grunge sowie Überschneidungen von Noise, Metal und Hardcore Punk.
Power Electronics entstand in London unter dem Einfluss von Industrial. Die Musik arbeitet mit extremer Lautstärke, übersteuerten Synthesizern, rückgekoppelten Mikrofonen, hochfrequenten Klangwänden und aggressivem geschrienem oder gebelltem Gesang. Whitehouse, das Projekt Come und das 1979 von William Bennett gegründete Label Come Organisation prägten den Stil. Whitehouse verzichtete auf klassische Songstrukturen und setzte auf atonalen Lärm, Verzerrung und Texte oder Samples zu Brutalität, sexueller Gewalt, Serienmord und Faschismus. Die provokante Verwendung solcher Themen wurde unterschiedlich verstanden: Befürworter betonen Dekonstruktion und die Auseinandersetzung mit Macht und der „Banalität des Bösen“, während die mögliche Nähe zu Rechtsextremismus in Teilen der Rezeption auch affirmative Formen annahm.
Japanoise ist kein einheitlicher Klangstil, sondern eine heterogene ästhetische Haltung aus Japan. Häufig sind Disharmonie, Klangcollagen, Übersteuerung, Verzerrung und extreme Lautstärke. Das Spektrum reicht von Noise-Rock über verfremdeten Punk und Grindcore bis zu elektronischem Noise. In Osaka und Kyōto entstand ab Ende der 1970er- und besonders zwischen 1982 und 1985 eine kleine Szene aus Livehouses, Kassettenlabels und Fanzines. Merzbow wurde besonders mit elektronischen Verzerrungen, Bandschleifen und Feedback verbunden; Hijokaidan mit chaotischen Lärm-Improvisationen und extremen Performances. Inhaltlich besitzt Japanoise keine festgelegte ideologische oder emotionale Botschaft, sondern betont Klangenergie, körperliche Erfahrung und die Frage, was ein Genre überhaupt ist.
Klassische Phase und Hybride
Ende der 1980er- und zu Beginn der 1990er-Jahre wurde Japanoise international bekannt. Diese Zeit gilt als klassische Phase des Noise: Lokale Szenen beeinflussten sich gegenseitig, während sich unterschiedliche Spielweisen weiter ausdifferenzierten. Harsh Noise, Death Industrial, Dark Ambient und fortgeführter Power Electronics gehören zu dieser Phase. Auch Drone Doom, Jazzcore, Digital Hardcore, Glitch und Clicks & Cuts wurden teilweise mit Noise verbunden.
Harsh Noise wurde als Bezeichnung für die besonders radikale, vor allem mit Merzbow verbundene elektronische Klangwelt wichtig. Elektronische Verzerrungen, Bandschleifen, Rückkopplungen, Störgeräusche und Übersteuerung bilden seinen Kern. Harsh Noise wurde in der öffentlichen Wahrnehmung oft zum paradigmatischen Klang des gesamten Noise, obwohl Noise wesentlich vielfältiger ist.
Dark Ambient und Death Industrial entstanden als Post-Industrial-Stile. Dark Ambient verbindet düstere Klanglandschaften, synthetische Klangflächen, Field Recordings und Samples mit Rückkopplungen, Dröhnen und verzerrten Klangfragmenten. Diese Elemente werden jedoch zu einer bedrohlichen, oft harmonisch wirkenden Atmosphäre geordnet. Death Industrial verbindet Post-Industrial, Noise und Dark Wave; typisch sind schleppende Rhythmen, dröhnende Flächen, aggressive Samples sowie Verzerrung und harsche Texturen. Roger Karmanik prägte den Begriff für Brighter Death Now.
Im Techno entstanden zwei unterschiedliche Richtungen. Glitch und Clicks & Cuts verwenden durch Mikro-Editing, Sampling oder manipulierte Musikdateien erzeugte Störartefakte und fragen nach Wahrnehmung, Zeit, Raum und den Grenzen der Musik. Die Begriffe wurden ab 2000 durch die Reihe clicks and cuts des Labels Mille Plateaux verbreitet. Digital Hardcore entstand Mitte der 1990er-Jahre um Digital Hardcore Recordings, Atari Teenage Riot und Alec Empire. Der Stil verbindet schnelle verzerrte Beats, Thrash-Metal-Gitarren, Shouting, weißes Rauschen und eine rohe Noise-Ästhetik mit einem anarchistischen, antifaschistischen und antikapitalistischen Anspruch.
Gegenwärtige Entwicklung
Seit der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre entstanden nur selten neue, klar abgegrenzte Noise-Genres. Noise-Ideen wirkten jedoch in zahlreiche Popmusikstile hinein und wurden mit Ambient, experimenteller Soundkunst und Extreme Metal verbunden.
Als bedeutende neue Spielart entstand Ende der 1990er-Jahre Harsh Noise Wall. Dieses direkt vom Harsh Noise abgeleitete Subgenre wird mit The Rita, Vomir und Richard Ramirez verbunden. Es entwickelte sich nicht als regionale Szene, sondern weltweit über soziale Netzwerke und Fanzines. Bis 2016 werden drei Generationen von Künstlern genannt.
Harsh Noise Wall grenzt sich bewusst vom chaotisch-dynamischen Harsh Noise und Japanoise ab. Die Musik besteht aus statischen, überlagerten Klangflächen, die etwa mit Effektgeräten, Verzerrern oder manipulierten Mikrofonaufnahmen erzeugt werden. Stücke sind meist durchgehend laut, monoton, verzerrt und ohne Entwicklung oder Variation. Im Mittelpunkt steht eine einzelne, ununterbrochene Klangtextur. Manche Interpreten verstehen dies als nihilistisches Statement über Leere und Bedeutungslosigkeit, andere betonen allein die körperliche Erfahrung des Rauschens.