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Glitch (Musik)

Die Glitch-Sounds des Genres stammen normalerweise von Störungen des Audioaufnahmegeräts oder der digitalen Elektronik, wie z. B. das Springen einer CD, …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Merkmale
  2. 2. Einordnung und verwandte Formen
  3. 3. Entwicklung
  4. 4. Produktionstechniken

Grundidee und Merkmale

Glitch ist ein Genre der elektronischen Musik, das in den 1990er Jahren entstand. Es kommt aus dem Umfeld von Noise und Electronica und wurde besonders mit Entwicklungen im Vereinigten Königreich, Japan und Deutschland verbunden. Zentral ist eine „Ästhetik der Defekte“: Geräusche, die sonst als Fehler oder Störungen gelten, werden bewusst als musikalisches Material eingesetzt.

Typische Klänge entstehen aus störungsbasierten Audiomedien und Produktionssoftware. Dazu gehören zum Beispiel springende CDs, Netzbrummen, digitale oder analoge Verzerrung, Circuit bending, Datenkompression, Hardware-Rauschen, Softwarefehler, Abstürze, Schallplattenzischen, Kratzen und Systemfehler. Oft werden dafür bereits defekte Geräte verwendet oder Geräte absichtlich beschädigt, um ungewöhnliche Klänge aufzunehmen.

Kim Cascone ordnete Glitch im Computer Music Journal als Subgenre der Electronica ein und beschrieb die Ästhetik mit dem Begriff postdigital. Damit ist hier eine Musik gemeint, die nicht die glatte, fehlerfreie Seite digitaler Technik betont, sondern gerade deren Störungen hörbar macht.

Einordnung und verwandte Formen

Glitch arbeitet mit Klangartefakten. Ein Klangartefakt ist ein Geräusch, das durch ein Medium, ein Gerät oder ein technisches Verfahren entsteht und ursprünglich nicht als musikalischer Ton gedacht ist. Im Glitch können solche Artefakte Rhythmus, Klangfarbe und Atmosphäre bestimmen.

Ein wichtiges verwandtes Genre ist Clicks & Cuts. Es bildete sich im deutschsprachigen Raum unter starkem Einfluss des deutschen Labels Mille Plateaux heraus und ähnelt Glitch in vielen Teilen. Als Subgenre wird außerdem Glitch Hop genannt.

Entwicklung

Die Ursprünge der Glitch-Ästhetik reichen bis ins frühe 20. Jahrhundert zurück. Luigi Russolos futuristisches Manifest L’arte dei rumori (Die Kunst der Geräusche, 1913) gilt als eine Grundlage der Noise-Musik. Russolo schrieb Kompositionen, die auf Geräuschen mechanischer Generatoren beruhten, darunter Risveglio di una città und Convegno di automobili e aeroplani.

Spätere Musiker und Komponisten nutzten ebenfalls fehlerhafte oder manipulierte Technik als Klangquelle. Mike Pinder von The Moody Blues arbeitete in The Best Way to Travel (1968) mit solchen Ansätzen. Christian Marclay verwendete ab 1979 beschädigte Schallplatten, um Klangcollagen zu erstellen. Yasunao Tone nutzte beschädigte CDs in seiner Techno Eden-Performance von 1985. Auf Nicolas Collins’ Album von 1992 gab es eine Komposition, in der ein Streichquartett neben dem stotternden Klang springender CDs spielte. Der Soundtrack von Yuzo Koshiro und Motohiro Kawashima für Streets of Rage 3 (1994) verwendete automatisch randomisierte Sequenzen, um „unerwartete und seltsame“ experimentelle Klänge zu erzeugen.

Als eigenständige Bewegung entstand Glitch in den 1990er Jahren in Deutschland und Japan. In Deutschland waren die musikalische Arbeit und die Labels von Achim Szepanski, besonders Mille Plateaux, wichtig. In Japan spielte Ryoji Ikeda eine bedeutende Rolle. Ovals Album Wohnton (1993) trug dazu bei, das Genre zu definieren, weil es Glitch mit Ambient-Ästhetik verband. Frühe Verwendungen des Begriffs Glitch in Bezug auf Musik sind das Lied Glitch des elektronischen Duos Autechre (1994) und das Album Worship the Glitch (1995) der experimentell elektronischen Gruppe Coil.

Produktionstechniken

Vorformen von Glitch nutzten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Verzerrungen, die oft durch manuelle Manipulation von Audiomedien entstanden. Ein Beispiel sind die „verwundeten“ CDs von Yasunao Tone: Auf CDs wurden kleine Stückchen halbtransparentes Klebeband geklebt, damit das Lesen der Audioinformationen gestört wurde.

Weitere Beispiele sind Nicholas Collins’ Modifikation einer E-Gitarre, die als Resonator für elektrische Signale fungierte, sowie seine Anpassung eines CD-Players, der während eines Live-Auftritts gespielte Aufnahmen verändern konnte. Springende CDs, zerkratzte Schallplatten, Circuit bending und andere Verzerrungen, die elektronischem Rauschen ähneln, sind wichtig für Rhythmus und Gefühl im Glitch. Aus der Verwendung solcher digitaler Artefakte leitet das Genre seinen Namen ab.

Heute wird Glitch häufig am Computer mit digitaler Produktionssoftware erzeugt. Dabei werden kleine „Schnitte“ oder Samples aus zuvor aufgenommenen Werken zusammengefügt. Diese Samples werden dann im Glitch-Stil kombiniert: Grundlage sind Beats aus Glitches, Klicks, Kratzern und anderen absichtlich falsch klingenden Geräuschen. Die Glitches sind oft sehr kurz und ersetzen häufig traditionelle Perkussion oder Instrumentierung. Genannte Programme und Systeme sind Tracker wie Jeskola Buzz und Renoise, modulare Software wie Reaktor, Ableton Live, Reason, AudioMulch, Bidule, SuperCollider, FLStudio, Max/MSP, Pure Data und ChucK sowie digitale Synthesizer wie Clavia Nord Modular G2 und Elektrons Machinedrum und Monomachine.

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