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Niger-Kongo-Sprachen
Das Nomen geht seinen Ergänzungen voran, die Nominalphrasen haben also die Grundform Nomen + Genitiv, Nomen + Adjektiv, Nomen + Possessivum und Nomen + Numerale …
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Überblick und Bedeutung
Die Niger-Kongo-Sprachen sind eine Sprachfamilie von fast 1.400 Sprachen mit etwa 370–400 Millionen Sprechern. Sie werden im westlichen, zentralen, östlichen und südlichen Afrika gesprochen: von Dakar bis Mombasa und bis Kapstadt. Etwa 45 % der afrikanischen Bevölkerung sprechen eine Niger-Kongo-Sprache; rund 70 % der etwa 2.000 afrikanischen Sprachen gehören zu dieser Familie. Damit ist Niger-Kongo nach der Zahl der Sprachen die größte Sprachfamilie der Welt.
Niger-Kongo gehört zu den von Joseph Greenberg etablierten großen Spracheinheiten Afrikas, neben Afroasiatisch, Nilosaharanisch und Khoisan. Die Khoisan-Sprachen gelten dabei als Restgruppe und nicht als genetische Einheit. Die größte homogene Untergruppe sind die Bantusprachen: etwa 500 eng verwandte Sprachen mit 210 Millionen Sprechern. Sie werden im Süden des Verbreitungsgebietes von Ostnigeria bis Südafrika gesprochen.
Viele große Niger-Kongo-Sprachen sind Verkehrssprachen, also Sprachen, die auch als Zweit- oder Drittsprache zur Verständigung über örtliche Sprachgrenzen hinweg gelernt werden. Swahili wird in Ostafrika von mehr als 80 Millionen Menschen als Verkehrssprache gesprochen. Weitere große Sprachen sind Yoruba mit 20–25 Millionen Sprechern, Fulfulde mit über 20 Millionen und Igbo mit fast 20 Millionen. Zu den Sprachen mit etwa 10 Millionen Sprechern zählen Shona, Zulu, Nyanja, Lingala, Bambara, Akan beziehungsweise Twi-Fante und Wolof.
Hauptgliederung der Sprachfamilie
Die aktuelle Klassifikation nach Williamson-Blench (2000) unterscheidet sechs gleichrangige Primärzweige: Kordofanisch, Mande, Atlantisch, Dogon, Ijoid und Volta-Kongo. Deshalb wird die frühere Bezeichnung „Niger-Kordofanisch“ nicht mehr bevorzugt: Sie legt fälschlich eine Zweiteilung in Kordofanisch und alle übrigen Sprachen nahe.
Volta-Kongo ist mit etwa 1.253 Sprachen und 322 Millionen Sprechern der bei weitem größte Zweig. Es gliedert sich in Nord-Volta-Kongo mit Kru, Gur, Senufo und Adamawa-Ubangi sowie Süd-Volta-Kongo mit Kwa und Benue-Kongo. Zum Benue-Kongo gehören West-Benue-Kongo, etwa mit Yoruboid und Igboid, sowie Ost-Benue-Kongo. Dieses umfasst Platoid und Bantoid-Cross; zu Bantoid-Cross gehören Cross River und Bantoid. Bantu ist innerhalb dieser Gliederung nur eine Unter-Unter-Einheit des Bantoid.
Die weiteren Primärzweige sind wesentlich kleiner: Kordofanisch umfasst 23 Sprachen mit 0,3 Millionen Sprechern in den Nuba-Bergen im Sudan, Mande 59 Sprachen mit 21 Millionen Sprechern in Westafrika, Atlantisch 50 Sprachen mit 27 Millionen Sprechern, Dogon etwa 0,6 Millionen Sprecher in Mali und Burkina Faso sowie Ijoid zehn Sprachen mit 1,6 Millionen Sprechern im Niger-Delta Nigerias. Nicht endgültig geklärt ist, ob Benue-Kongo und Nord-Bantoid jeweils genetische Einheiten bilden.
Die Abspaltung der Zweige wird so beschrieben: zuerst Kordofanisch, danach Mande und Atlantisch, anschließend Ijoid und Dogon; Volta-Kongo blieb als großer Restzweig. Das Proto-Niger-Kongo, die angenommene gemeinsame Vorgängersprache, ist mindestens 10.000 Jahre alt. Für die Entstehung der Bantusprachen wird etwa 3000 bis 2500 v. Chr. angesetzt. Absolute Zeitangaben zu den frühen Abspaltungen bleiben jedoch schwierig.
Warum Niger-Kongo als Sprachfamilie gilt
Eine genetische Sprachfamilie besteht aus Sprachen, deren Gemeinsamkeiten auf eine gemeinsame Vorgängersprache zurückgehen. Obwohl wegen der Größe der Familie noch keine vollständige Protosprache für das gesamte Niger-Kongo rekonstruiert werden konnte, bewerten Fachleute die Familie als genetische Einheit. Entscheidend sind gemeinsame Muster in Grammatik und Wortschatz, besonders Nominalklassen, Verbalerweiterungen und gemeinsamer Grundwortschatz.
Nominalklassen ordnen Substantive festen Klassen zu. Zählbare Nomen bilden meist Singular-Plural-Paare; Massenbezeichnungen, Flüssigkeiten und Abstrakta können eigene Einzelklassen haben. Klassen werden durch Affixe am Nomen markiert, überwiegend durch Präfixe, seltener durch Suffixe. Häufig erzwingt die Klasse Konkordanz: Zugehörige Wörter wie Adjektive, Zahlwörter, Possessiva und Demonstrativa sowie oft auch das Verb tragen dann passende Kennzeichen. Besonders deutlich ist dies in Bantusprachen; in anderen Zweigen wurde das System reduziert, umgestaltet oder ganz verloren, etwa in den Mande-Sprachen.
Die formähnlichen Klassenaffixe in verschiedenen Zweigen gelten als wichtiges Indiz für gemeinsames Erbe. Beispielsweise entsprechen sich in mehreren Zweigen Formen der Personenklassen wie Proto-Bantu mu-/u- für Klasse 1 und ba- für deren Plural Klasse 2. Die Klasse eines Nomens ist meist ein lexikalisches Merkmal und lässt sich nicht zuverlässig aus seiner Bedeutung vorhersagen. Eine wichtige Tendenz sind Personenbezeichnungen in Klasse 1 im Singular und Klasse 2 im Plural.
Verbalerweiterungen sind Suffixe am Verbalstamm, mit denen Bedeutungsvarianten entstehen, etwa Kausative, Reziproke, Benefaktive, Reflexive oder Passive. Der reziproke Marker -ana ist in Bantusprachen erhalten, zum Beispiel Swahili pend-ana und Lingala ling-ana „sich gegenseitig lieben“ sowie Zulu bon-ana „sich gegenseitig sehen“. Auch mehrere hundert gesicherte Wortgleichungen über die Hauptzweige hinweg stützen die Verwandtschaft.
Sprachliche Strukturen und Beispiele
Für Proto-Niger-Kongo wird als typische Wurzelstruktur KVKV angenommen, wobei K für Konsonant und V für Vokal steht. Daraus ergeben sich Grundformen wie Nomen (K)V-KVKV und Verb KVKV[-KV]. Für Proto-Volta-Kongo wurden unter anderem die stimmlosen Verschlusslaute p, t, c, k und kp sowie die stimmhaften b, d, j, g und gb rekonstruiert.
Für Proto-Niger-Kongo wird ein System von bis zu zehn Vokalen angenommen; Proto-Bantu bewahrte sieben. Weit verbreitet ist Vokalharmonie: Vokale in Affixen passen sich der Vokalfärbung des Wurzelvokals an. Vokalnasalierung ist ebenfalls häufig und bedeutungsunterscheidend. Die meisten Zweige sind Tonsprachen, bei denen zwei oder drei Tonhöhen Bedeutungen unterscheiden; in Ausnahmefällen kommen bis zu fünf Tonstufen vor. Über 95 % der Bantusprachen sind Tonsprachen, während Swahili eine Ausnahme bildet. Einige südliche Bantusprachen übernahmen durch Kontakt mit Khoisan-Sprachen Klicklaute, darunter Zulu mit 12 und Xhosa mit 15 Klicks.
Im Swahili zeigt sich Klassenkonkordanz klar: m-tu „Person“ hat den Plural wa-tu „Leute“, ki-tu „Ding“ den Plural vi-tu „Dinge“. In der Nominalphrase passen sich weitere Wörter an: ki-kapu ki-dogo ki-le bedeutet „jener kleine Korb“, vi-kapu vi-dogo vi-tatu vi-le „jene drei kleinen Körbe“. Auch das Verb kann die Klasse des Subjekts aufnehmen: ki-kapu ki-kubwa ki-me-fika bedeutet „der große Korb ist angekommen“. Gleiche Klassenpräfixe an mehreren Wörtern heißen Alliteration.
Die Satzstellung ist in vielen Zweigen SVO, also Subjekt–Verb–Objekt. Dogon, Ijoid und Mande verwenden dagegen SOV, Subjekt–Objekt–Verb. Kwa-Sprachen können serielle Verbalkonstruktionen besitzen: Mehrere Verben derselben Tempus-Modus-Aspekt-Funktion stehen nacheinander und teilen Subjekt und Objekt, die nur beim ersten Verb markiert werden.
Wichtige Untergruppen und Forschungsstand
Die Untergruppen unterscheiden sich stark. Mande-Sprachen besitzen keine Nominalklassen, gelten aber wegen anderer gemeinsamer Merkmale als Teil des Niger-Kongo. Zu ihnen gehören Bambara und Jula. Die atlantische Gruppe umfasst unter anderem Fulfulde und Wolof; ihre ursprünglichen Nominalklassen wurden häufig abgeschliffen oder durch Suffixe und Augmente ersetzt. Dogon ist ein isolierter eigener Primärzweig. Ijoid bildet im Niger-Delta, abgesehen vom Defaka, weitgehend ein Dialektkontinuum und besitzt ungewöhnlicherweise bei Pronomina ein Genussystem mit Maskulinum, Femininum und teilweise Neutrum.
Im Nord-Volta-Kongo stehen unter anderem Gur-Sprachen wie Mòoré, Kru, Senufo und Adamawa-Ubangi. Gur-Sprachen haben meist etwa elf, überwiegend durch Suffixe markierte Nominalklassen und zwei bis drei Tonhöhen; Bariba unterscheidet sechs bedeutungsrelevante Tonvarianten. Adamawa-Ubangi hat ein reduziertes Klassensystem; Sango ist eine auf Ngbandi basierende Kreolsprache und Verkehrssprache der Zentralafrikanischen Republik. Im Süd-Volta-Kongo gehören Akan und Ewe zu Kwa, Yoruba und Igbo zu West-Benue-Kongo sowie die Bantusprachen zu Ost-Benue-Kongo.
Joseph Greenberg fasste seit 1948 die westsudanischen Sprachen und Bantu auf lexikalischer Grundlage zur genetischen Einheit Niger-Kongo zusammen. Seine Methode des lexikalischen Massenvergleichs war umstritten, doch seine Grundgliederung wurde weitgehend bestätigt und später im Detail verändert. Heute wird die genetische Einheit des Niger-Kongo in der relevanten Forschung nicht mehr bezweifelt; der innere Aufbau bleibt bei einzelnen Gruppen offen.
Die von Edgar Gregersen vorgeschlagene Makrofamilie „Kongo-Saharanisch“, welche Niger-Kongo und Nilosaharanisch vereinigt, wird weiterhin diskutiert. Sie stützt sich auf morphologische und lexikalische Ähnlichkeiten sowie auf die Sonderstellung des Songhai. Die Mehrheit der Afrikanisten geht jedoch weiterhin von zwei eigenständigen Sprachfamilien aus.