Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
New-Orleans-Jazz
Mit New-Orleans-Jazz (in der einschlägigen Literatur fast immer als New Orleans Jazz) bezeichnet man eine Stilrichtung des klassischen Jazz zwischen 1890 und …
Inhalt5 Abschnitte
Definition und Bedeutung
New-Orleans-Jazz ist eine Stilrichtung des klassischen Jazz, die zeitlich zwischen 1890 und 1928 einzuordnen ist, vor allem in den 1920er Jahren. Ihr Ursprungsort und wichtigstes Zentrum war New Orleans. Der Stil gilt als der erste vollausgebildete Jazzstil. Er entstand aus dem archaischen Jazz der Street Bands, dem Ragtime und afroamerikanischen Musiktraditionen.
Eine Unterart ist der Creole-Jazz aus den französisch geprägten Vierteln von New Orleans. In ihn gingen besonders spanische, französische und lateinamerikanische Tänze ein. In der Jazzforschung wird mit New-Orleans-Jazz häufig vor allem die Musik afroamerikanischer Musiker einschließlich der Kreolen bezeichnet. Die Musik weißer Bands aus New Orleans wird dagegen meist als abgeleiteter Dixieland eingeordnet. In den 1940er und 1950er Jahren erlebte der Stil zusammen mit Dixieland eine Renaissance, das New Orleans Revival.
Stilmerkmale und Improvisation
Typisch ist ein Ensembleklang, in dem mehrere Stimmen gleichzeitig eine gemeinsame musikalische Bewegung gestalten. Kornett oder Trompete tragen die Melodie. Die Klarinette spielt reich verzierte Gegenmelodien, während die Posaune rhythmische Slides ausführt und Grundtöne von Akkorden und Harmonien vorgibt. Tuba oder Kontrabass legen eine Basslinie darunter; das Schlagzeug steuert den Rhythmus bei. Vitalität und Dynamik sind wichtiger als musikalische Feinheiten.
Kennzeichnend sind Gruppen-, Tutti- oder Kollektivimprovisation, bei der mehrere Ensemblemitglieder gleichzeitig improvisieren, sowie Call-and-Response-Pattern, also musikalische Frage-und-Antwort-Muster. Hinzu kommen „dirty tones“ und Blue Notes. Beide bezeichnen absichtlich „unreine“ Töne, die afroamerikanische Gesangstechniken nachahmen. Auch Elemente des Blues, darunter das 12-taktige Bluesschema, gehören zum Stil.
Im New-Orleans-Jazz wird gewöhnlich der 1. und 3. Schlag betont. Diese „Two beat“-Spielweise unterscheidet sich von der Offbeat-Spielweise des Chicago-Jazz, bei der jeweils der 2. und 4. Schlag hervorgehoben werden.
Die Bedeutung der Improvisation im frühen New-Orleans-Jazz ist umstritten. Zeitgenössische Musiker aus New Orleans berichteten mehrheitlich, dass zunächst nicht improvisiert, sondern ausgeschmückt („embellished“) wurde; die Grenze zwischen beiden Vorgängen ist jedoch fließend. Vergleiche verschiedener erhaltener Takes, also mehrerer Aufnahmeversuche desselben Stücks, zeigen kein einheitliches Bild. Manche zweiten oder dritten Takes enthalten neue musikalische Wendungen, die meisten unterscheiden sich aber nur geringfügig in Tempo, Lautstärke oder anderen Einzelheiten. Teilweise wurde lediglich ein Fehler korrigiert oder die Aufnahme wegen der damals üblichen Plattenkapazität von nur wenig mehr als drei Minuten verkürzt.
Eine genaue Wiederholung war zudem oft unmöglich: In Orchestern, besonders in Marching Bands, wechselten die Mitwirkenden häufig, und bei New Orleans Funerals oder Mardi-Gras-Umzügen konnten beliebig viele Instrumentalisten spontan einsteigen. Viele Musiker konnten keine Noten lesen; Selbst in King Olivers Band von 1924 konnten nur Lil Hardin und mit Einschränkungen Louis Armstrong vom Blatt lesen. Deshalb orientierte man sich meist grob an Harmonien und Rhythmus und entwickelte darüber Variationen der Grundmelodie. Die Variationsbreite war im Vergleich zum modernen Jazz meist eher eng. Größere Freiheiten gab es bei kurzen, meist zweitaktigen breaks, also Antworten einzelner Instrumente auf vorhergehende Chorusse, sowie bei über fünfzehn oder zwanzig Minuten ausgedehnten Aufführungen. Freies Improvisieren im Sinn des traditionellen Jazz, also innerhalb harmonischer Grenzen, gewann wahrscheinlich erst Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre mit Starsolisten wie Louis Armstrong, Coleman Hawkins und Benny Goodman stärker an Bedeutung.
Entstehung in New Orleans
Im 19. Jahrhundert war New Orleans bis 1899 im Vergleich zu anderen amerikanischen Städten relativ wenig rassisch getrennt. Dadurch vermischten sich verschiedene Einwanderergruppen. Für die Entstehung des New-Orleans-Jazz waren vor allem zwei Gruppen schwarzer Bürger wichtig: die Kreolen mit französischen und spanischen Wurzeln und die als „amerikanisch“ bezeichneten schwarzen Afroamerikaner.
Ein amerikanisches Gesetz von 1889, im Volksmund „Black Code“ genannt, erklärte die Kreolen in Louisiana zu zweitklassigen „Farbigen“. Zuvor hatten sie stärker an einer bürgerlichen, europäisch geprägten Kultur teilhaben können. In der Folge musizierten Afroamerikaner und Kreolen gemeinsam. In Street Bands und anderen Kapellen trafen nach Gehör spielende, improvisierende Musiker auf Kollegen, die notengetreu spielten. Gemeinsam interpretierten sie Ragtime, Märsche, Hymnen, (Negro) Spirituals, Blues und europäische Tänze. Der erste zentrale Musiker dieser Entwicklung war Buddy Bolden.
Kreolen wie Lorenzo Tio, Alphonse Picou, Peter Bocage und Freddie Keppard waren stark vom Ragtime geprägt und teilweise nach europäischem Vorbild musikalisch ausgebildet. Afroamerikanische Musiker wie Bunk Johnson, Johnny Dodds und Joe King Oliver orientierten sich deutlicher am Blues. Der große Stellenwert der Klarinette im New-Orleans-Stil wird besonders dem Einfluss der Kreolen zugeschrieben, weil dieses Instrument im damaligen Frankreich sehr beliebt war.
Besetzungen und musikalische Rollen
Eine typische Band wird in Melodie- und Rhythmusgruppe geteilt. Die Melodiegruppe hat häufig drei Mitglieder, die Rhythmusgruppe oft vier. Insgesamt ergibt sich daher trotz wechselnder Besetzungen sehr oft eine Gruppe von sieben Musikern. Bei dieser Größe bleibt der Gesamtklang während einer Gruppenimprovisation meist noch unterscheidbar; bei größeren Ensembles kann er leichter zu einem undifferenzierten Mischklang verschmelzen.
Zur Melodiegruppe gehören meist Kornett oder Trompete für die Melodie, Klarinette für verzierte Gegenmelodien und Posaune für rhythmische Slides oder die Grundtöne von Akkorden und Harmonien. Saxophon wird nur selten eingesetzt.
Die Rhythmusgruppe kann aus Klavier, Banjo und gegebenenfalls Gitarre bestehen. Bass oder Tuba übernehmen die Basslinie; selten kommt dafür ein Basssaxophon zum Einsatz. Das Schlagzeug liefert den rhythmischen Grundimpuls.
Verbreitung, Revival und wichtige Beispiele
Das Vergnügungsviertel Storyville bot den Jazzmusikern von New Orleans zunächst gute Auftrittsmöglichkeiten. Wegen Zwischenfällen mit der Marine wurde es 1917 geschlossen. Daraufhin wanderten viele Musiker aus New Orleans, darunter Joe Oliver und Jelly Roll Morton, in Städte des Nordens aus, besonders nach Chicago und New York City. Ihnen folgten unter anderem Kid Ory, Jimmie Noone, Johnny Dodds, Baby Dodds, Henry „Red“ Allen, Johnny St. Cyr, Zue Robertson und Louis Armstrong. Erst in den Städten des Nordens entstanden die ersten Schallplattenaufnahmen dieser Musik.
Die Musik der Migranten modernisierte sich spätestens Ende der 1920er Jahre und vermischte sich mit nachfolgenden Jazzstilen. In Louisiana blieb der Stil der dort gebliebenen Musiker zunächst unverändert. Zu den wichtigen Formationen gehörten die „Tuxedo Band“ um Papa Celestin und die Band von Sam Morgan. Jüngere Musiker wie Kid Howard, Dede Pierce, Kid Thomas Valentine und George Lewis waren teilweise für Einflüsse der Swingmusik offen. Rückkehrer wie Johnny St. Cyr und Paul Barbarin brachten ebenfalls stilistische Neuerungen mit.
Reimer von Essen unterscheidet drei zeitlich versetzte Revivals. Ende der 1930er Jahre suchten Jazzkritiker und Plattensammler nach den Anfängen des Jazz und nach einem „authentischen Jazz“. Dadurch wurden unter anderem George Lewis, Sidney Bechet, Tommy Ladnier, Bunk Johnson und Kid Ory wiederentdeckt. 1953 erklärte der britische Trompeter Ken Colyer nach einem Besuch in New Orleans, der dort gehörte Jazz sei „ganz anders“. Besonders in Großbritannien entwickelte sich daraufhin der Traditional Jazz als modischer Stil, der sich vom gleichzeitig in New Orleans gespielten Jazz unterschied, aber international Anerkennung fand. Ab Mitte der 1960er Jahre regten Platten aus New Orleans eine neue Generation aus Europa, Australien, Japan und Nordamerika an, die Szene gründlicher zu studieren. Die Umgebung der Preservation Hall wurde gestärkt; Musiker wie Louis Nelson und Captain John Handy wurden entdeckt. Als Sprecher dieses dritten Revivals gilt mittlerweile der Klarinettist Michael White.
Wichtige Bands und Formationen sind Louis Armstrong and His Hot Five beziehungsweise „Hot Seven“, Joe King Olivers „Creole Jazz Band“, Kid Orys „Olympia Band“, Jelly Roll Mortons „Red Hot Peppers“ und die „New Orleans Rhythm Kings“. Bekannte Kompositionen sind „At the Jazz Band Ball“, „The Darktown Strutters’ Ball“, „Gettysburg March“, Jelly Roll Mortons „King Porter Stomp“, W. C. Handys „Memphis Blues“ und „St. Louis Blues“, „Tiger Rag“ sowie „When the Saints Go Marching In“.