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Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Kollektivimprovisation

Kollektivimprovisation beschreibt ein Stilmerkmal des Jazz, das auch in der zeitgenössischen Improvisationsmusik verwendet wird.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee
  2. 2. Früher Jazz
  3. 3. Typisches Zusammenspiel
  4. 4. Swing bis Cool Jazz
  5. 5. Free Jazz und freie Kommunikation

Grundidee

Kollektivimprovisation ist ein Stilmerkmal des Jazz und wird auch in der zeitgenössischen Improvisationsmusik verwendet. Gemeint ist, dass nicht nur ein einzelner Musiker ein Solo improvisiert, sondern die ganze Gruppe gemeinsam über ein bestimmtes Gerüst improvisiert, zum Beispiel über ein harmonisches Gerüst. Dadurch entsteht eine mehrstimmige, gemeinsame Improvisation.

Wichtig ist der Gegensatz zur Soloimprovisation, die in vielen Jazzstilen im Vordergrund steht. Kollektivimprovisation war besonders im New Orleans Jazz verbreitet und wurde viel später im Free Jazz wieder sehr wichtig.

Früher Jazz

Im frühen Jazz muss man den Begriff vorsichtig verwenden. Im New Orleans Jazz wurde, wenn improvisiert wurde, meist noch relativ eng an der Melodie entlang gespielt. Eine freiere Improvisation über Harmonien entwickelte sich erst später. Außerdem waren die Übergänge von Ragtime, Blues, Spiritual, zeitgenössischer Tanzmusik und Jazz fließend. Viele Bands spielten das, was beim Publikum gerade gefragt war. Darum waren typische Merkmale des frühen Jazz, darunter Improvisation, nicht überall gleich stark ausgeprägt.

Bei manchen Bands spielte Improvisation vor Publikum kaum eine Rolle. Das galt besonders, wenn eine Band lange in derselben Besetzung spielte, ihre Mitglieder Noten lesen konnten oder intensiv probten. Fate Marable, bei dem viele später berühmte New-Orleans-Musiker lernten, verbot Improvisation grundsätzlich oder ließ nur wenige Ausnahmen zu, etwa beim jungen Louis Armstrong. Jelly Roll Morton ließ nach Aussage des Kornettisten George Mitchell vor Plattenaufnahmen jedes Detail genau einstudieren und gab Musikern sogar Vorgaben für ihre Soli. Ein Beispiel ist Omer Simeons über mehrere Takte gehaltener Klarinettenton im berühmten „Dr. Jazz“-Solo, der auf Mortons Anweisung gespielt wurde.

Typisches Zusammenspiel

Bei Bands ohne lange gemeinsame Erfahrung, intensive Proben oder sichere Notenkenntnisse musste Kollektivimprovisation eine größere Rolle spielen. In New Orleans sprach man auch von „Ausschmückung“.

Idealtypisch war die Kollektivimprovisation im New Orleans Jazz so organisiert: Die Lead-Stimme lag beim Kornettisten oder Trompeter. Sie paraphrasierte die vorgegebene Melodie, also spielte sie in enger Anlehnung daran verändert weiter. Die anderen Melodieinstrumente bezogen sich gleichzeitig und wechselnd darauf. Dies geschah in Ketten von Call and Response, also in Ruf-und-Antwort-Mustern, die einander folgen oder sich überlagern konnten.

Die Posaune reagierte meist mit einer einfachen, rhythmisch betonten Bassstimme. Die Klarinette und eventuell weitere Blasinstrumente spielten freiere Zusatzstimmen. Diese Zusatzstimmen lassen sich eher als Arpeggien verstehen, also als nacheinander gespielte Töne eines Akkords über den Akkorden, die dem Thema zugrunde lagen. Ab dem Chicago-Stil wurde die Improvisation einzelner Solisten immer wichtiger, ohne dass die polyphone Kollektivimprovisation ganz verschwand. Polyphon bedeutet hier: mehrere selbstständige Stimmen erklingen gleichzeitig.

Swing bis Cool Jazz

Im Swingstil erhielt Kollektivimprovisation einen stärker strukturierten Raum durch sogenannte Head Arrangements. Das sind vereinbarte oder im Kopf behaltene Arrangements, die nicht unbedingt vollständig ausgeschrieben sind. Ob die Musik stärker einstudiert oder stärker improvisiert war, hing vom Anlass, von der Stimmung der Musiker und vom Bandleader ab.

Ein Beispiel ist die klassische Live-Aufnahme von „Sing, Sing, Sing“ aus Benny Goodmans berühmtem Carnegie-Hall-Konzert. Sie entstand, weil der Schlagzeuger Gene Krupa nach dem planmäßigen Ende des Stücks weiterspielte. Die einzelnen „sections“ der Band reagierten spontan mit kurz untereinander signalisierten Riffs, also kurzen wiederholten musikalischen Figuren, und auch Solisten wie Jess Stacy gingen darauf ein.

Auch im Swing, Bebop und Cool Jazz gab es Kollektivimprovisation in einem eingeschränkten Sinn: Nicht nur Soli, sondern meist auch die Begleitstimmen der Rhythmusgruppe wurden improvisiert. Trotzdem stand hier gewöhnlich das Solo im Vordergrund, nicht das Gesamterlebnis gleichberechtigter Stimmen. Ausnahmen waren einige kleinere Besetzungen, bei denen der Gesamteindruck des Zusammenspiels wichtiger wurde, zum Beispiel manche Piano-Trios wie das von Bill Evans.

Free Jazz und freie Kommunikation

Eine eigentliche Renaissance erlebte die Kollektivimprovisation erst im Free Jazz. Besonders deutlich wurde das bei Ornette Colemans Aufnahme „Free Jazz: A Collective Improvisation“ von 1961, die stilbildend wirkte. Ein weiterer Höhepunkt war John Coltranes „Ascension“ von 1965.

Vorformen gab es bei Musikern wie Charles Mingus und George Russell, dort jedoch noch stark auf Polyphonie und vorgegebene Schemata bezogen. Eine besondere Ausnahme bilden zwei Aufnahmen der Band von Lennie Tristano aus dem Jahr 1949: „Intuition“ und „Disgression“ gelten im Artikel als die ersten strukturell offenen Kollektivimprovisationen.

Erst im Free Jazz wurde die gleichzeitige improvisierte Kommunikation der Musiker als eigentliche Struktur der Stücke verstanden. Dabei wurden Reaktionsmuster wichtig, wie sie Vinko Globokar für die aus der Neuen Musik entstehende freie Improvisation beschrieben hat: nachahmen, das Gegenteil spielen, Ideen vorschlagen, annehmen und gemeinsam entwickeln. Die klassische Arbeitsteilung zwischen Solisten und Begleitern wird dabei aufgegeben.

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