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Neukeynesianismus
Diese und andere Formen von Marktversagen können zur Folge haben, dass die Wirtschaft nicht automatisch Vollbeschäftigung erreicht. Daher argumentieren …
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Grundidee und Bedeutung
Der Neukeynesianismus (New Keynesian economics) ist eine makroökonomische Theorie, die sich zwischen den 1980er und frühen 2000er Jahren entwickelte. Sie liefert mikroökonomische Grundlagen für makroökonomische Total-Modelle der Wirtschaft und verbindet neoklassische Theorie mit Einsichten John Maynard Keynes’ über Marktversagen. Deshalb wird sie auch als neue neoklassische Synthese bezeichnet.
Zwei Annahmen sind zentral: Haushalte und Unternehmen haben rationale Erwartungen, und es gibt verschiedene Formen von Marktversagen. Besonders wichtig ist unvollkommener Wettbewerb. Dadurch entstehen Preis- und Lohnstarrheiten, das heißt, Preise und Löhne passen sich nicht flexibel an veränderte wirtschaftliche Bedingungen an. Die Wirtschaft erreicht deshalb nicht unbedingt automatisch Vollbeschäftigung.
Neukeynesianische Modelle begründen damit eine aktive Stabilisierungspolitik. Fiskalpolitik und Geldpolitik können unter bestimmten Bedingungen zu einem effizienteren makroökonomischen Ergebnis führen als eine reine Laissez-faire-Politik. Der Neukeynesianismus gilt als wissenschaftlicher Konsens des internationalen makroökonomischen Mainstreams.
Entstehung aus älteren Theorien
John Maynard Keynes entwickelte mit der Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes von 1936 eine Erklärung für die theoretischen und wirtschaftspolitischen Folgen der Weltwirtschaftskrise. John R. Hicks deutete diese Theorie 1937 im IS-LM-Modell vereinfacht. Das IS-LM-Modell wurde Bestandteil der neoklassischen Synthese.
Die neoklassische Synthese verband zwei Aussagen: Langfristig führen flexible Preise und Löhne zu Vollbeschäftigung und einem Pareto-optimalen Zustand; kurzfristig können Preis- und Lohnrigiditäten die Anpassung verhindern und Arbeitslosigkeit verlängern. Diese Synthese stimmte jedoch nur teilweise mit Keynes’ ursprünglichen Vorstellungen überein.
In den 1970er Jahren stellte die Stagflation, also das gleichzeitige Auftreten von Inflation und wirtschaftlicher Schwäche, die neoklassische Synthese vor Probleme. Der Monetarismus gewann an Bedeutung, weil er den Einfluss der Geldmenge auf die Inflation erklärte. Seine Geldmengensteuerung setzt allerdings voraus, dass die Geldumlaufgeschwindigkeit zuverlässig vorhergesagt werden kann. Seit den 1980er Jahren führten Deregulierungen des Bankensystems, Tagesgeldkonten und Finanzinnovationen zu unvorhersehbaren und teilweise extremen Schwankungen dieser Geschwindigkeit. Dadurch wurde der Zusammenhang zwischen Geldmenge und nominalem Bruttoinlandsprodukt unsicher.
Kurzzeitig wurde in den 1980er Jahren die Neue Klassische Makroökonomik dominant. Sie betonte rationale Erwartungen und effiziente Finanzmärkte und war noch stärker marktfundamental als der Monetarismus. Der Neukeynesianismus entstand teilweise als Reaktion auf diese Entwicklung und auf die Lucas-Kritik an der neoklassischen Synthese. Die Phillips-Kurve wurde um Inflationserwartungen zur neukeynesianischen Phillips-Kurve erweitert, und an die Stelle nicht ausreichend mikrofundierter Totalmodelle traten mikrofundierte Modelle. Seine heutige Bedeutung wird damit erklärt, dass sich empirische Gegenargumente gegen Monetarismus und Neue Klassische Makroökonomik sammelten und neukeynesianische Modelle die stilisierten Fakten des Konjunkturverlaufs besser erklären.
Unvollkommener Wettbewerb und Preisstarrheiten
Ein zentrales Modell des Neukeynesianismus erklärt unvollkommenen Wettbewerb durch Preisstarrheit. Märkte erreichen dann nicht unmittelbar ein Gleichgewicht, weil Unternehmen ihre Preise nicht bei jeder Veränderung der wirtschaftlichen Bedingungen anpassen. Ein Grund sind Preisanpassungskosten, also Kosten, die bei einer Preisänderung entstehen.
George Akerlof und Janet Yellen zeigten, dass Unternehmen aufgrund begrenzter Rationalität ihre Preise nur dann ändern, wenn der erwartete Nutzen die Kosten um einen kleinen Betrag übersteigt. Dadurch können Preise und Löhne starr bleiben, während die Produktion bei konstanten Preisen und Löhnen schwankt. Gregory Mankiw untersuchte die Wohlfahrtseffekte solcher Produktionsschwankungen; auch Michael Parkin befasste sich mit Preisanpassungskosten.
Das Konzept wurde von Olivier Blanchard und Nobuhiro Kiyotaki auf Löhne ausgeweitet. Huw Dixon und Claus Hansen zeigten, dass Preisanpassungskosten in einem kleinen Wirtschaftssektor die übrige Wirtschaft beeinflussen können. Dann reagieren auch die Preise anderer Bereiche schwächer auf Nachfrageänderungen.
Laurence M. Ball und David Romer zeigten 1990, dass reale und nominale Starrheiten zusammen ein erhebliches Ungleichgewicht erzeugen können. Reale Starrheiten liegen vor, wenn sich die Kosten eines Unternehmens nur langsam verändern, etwa wegen Marktmacht oder vertraglich festgelegter Kosten für Betriebsmittel und Löhne. Zusammen mit den Kosten von Preisänderungen kann dies Unternehmen davon abhalten, ihre Preise auf ein markträumendes Niveau zu senken.
Auch bei vollständig flexiblen Preisen kann unvollkommener Wettbewerb die Wirkung der Fiskalpolitik beeinflussen. Huw Dixon und Gregory Mankiw entwickelten unabhängig voneinander allgemeine Gleichgewichtsmodelle, nach denen der Fiskalmultiplikator mit dem Grad des unvollkommenen Wettbewerbs auf dem Produktionsmarkt steigen kann.
Koordinationsversagen als Erklärung für Krisen
Koordinationsversagen bezeichnet eine Situation mit mehreren möglichen Gleichgewichten, in der Unternehmen gemeinsam ein besseres Gleichgewicht erreichen könnten, ihre Entscheidungen aber nicht koordinieren. Dadurch kann die Wirtschaft in einem weniger effizienten Zustand mit niedrigerer Produktion oder höherer Arbeitslosigkeit bleiben.
Im Modell trifft ein repräsentatives Unternehmen eᵢ seine Produktionsentscheidung auf Grundlage des durchschnittlichen Outputs aller Unternehmen (ē). Wenn eᵢ = ē gilt, befindet sich die Wirtschaft im Gleichgewicht. Die Entscheidungskurve schneidet die 45-Grad-Linie an drei Gleichgewichtspunkten. Die Unternehmen könnten sich auf das optimale Niveau B einigen; ohne Koordination können sie jedoch im weniger effizienten Gleichgewicht A oder C bleiben.
Russell Cooper und Andrew John entwickelten 1988 ein allgemeines mathematisch-spieltheoretisches Modell mit mehreren Gleichgewichten. Es knüpfte unter anderem an Peter Diamonds Kokosnussmodell von 1982 an. In Diamonds Modell produzieren Unternehmen eher, wenn sie beobachten, dass auch andere produzieren. Mehr mögliche Handelspartner erhöhen die Wahrscheinlichkeit, einen Handelspartner zu finden. Es handelt sich um eine „Thick-Market-Externalität“: Märkte funktionieren besser, wenn mehr Menschen und Unternehmen teilnehmen.
Eine weitere Ursache können selbsterfüllende Prophezeiungen sein. Erwartet ein Unternehmen einen Nachfragerückgang, stellt es möglicherweise weniger Arbeitskräfte ein. Der Mangel an freien Arbeitsplätzen verunsichert Arbeitnehmer, die daraufhin ihren Konsum senken. Der erwartete Nachfragerückgang tritt dann tatsächlich ein, wird aber durch das Verhalten des Unternehmens und der Arbeitnehmer mitverursacht.
Versagen von Arbeitsmärkten
Auf einem völlig flexiblen Arbeitsmarkt würden sinkende Löhne bei zunehmender Arbeitslosigkeit so lange fortgesetzt, bis Arbeitsnachfrage und Arbeitsangebot übereinstimmen. Arbeitslos wären dann im Wesentlichen nur Personen zwischen zwei Arbeitsplätzen sowie Menschen, die wegen zu niedriger Löhne freiwillig nicht arbeiten. Neukeynesianische Modelle erklären dagegen, warum willige Arbeitssuchende auch bei vorhandenen Arbeitswünschen arbeitslos bleiben können.
Die Insider-Outsider-Theorie erklärt, wie ein kurzfristiger Anstieg der Arbeitslosigkeit dauerhaft werden kann. Dieses Phänomen heißt Hysterese. Es zeigte sich nach dem Ölpreisschock von 1979 und den Rezessionen Anfang der 1980er Jahre: Die Arbeitslosigkeit sank nach der wirtschaftlichen Erholung nicht wieder auf die frühere natürliche Arbeitslosenquote, sondern blieb höher.
Olivier Blanchard und Lawrence Summers erklärten 1986 zusammen mit Ansätzen von Assar Lindbeck und Dennis Snower diese Entwicklung durch Insider-Outsider-Modelle. Insider sind bereits beschäftigte Arbeitnehmer. Sie wollen ihre eigenen Löhne eher hoch halten, als durch Lohnsenkungen die allgemeine Beschäftigung zu erhöhen. Arbeitslose Outsider haben in Lohn- und Tarifverhandlungen keine Stimme. Nach einer Rezession bleibt ein größerer Teil der Arbeitslosen deshalb auch bei einer Erholung ausgeschlossen. Hysterese erhöht die Bedeutung von Geld- und Fiskalpolitik, weil Stabilisierungspolitik verhindern kann, dass kurzfristige Schocks zu dauerhaft höherer Arbeitslosigkeit führen.
Die Effizienzlohntheorie erklärt Arbeitsmarktungleichgewichte durch Löhne, die oberhalb des markträumenden Niveaus liegen und die Produktivität maximieren. Unternehmen können höhere Löhne zahlen, damit Beschäftigte sich ausreichend ernähren, loyaler und motivierter sind oder weniger Arbeit vermeiden (Shirking).
Carl Shapiro und Joseph Stiglitz entwickelten 1984 ein Modell, in dem Beschäftigte ohne Überwachung dazu neigen, Arbeit zu vermeiden. Ein Unternehmen kann dies durch die Drohung mit Arbeitslosigkeit begrenzen. Bei Vollbeschäftigung könnte ein entlassener Shirker jedoch sofort eine neue Stelle finden. Deshalb zahlt das Unternehmen eine Lohnprämie. Beschäftigte arbeiten dann eher, weil sie bei Entlassung nicht nur einen niedrigeren Lohn, sondern auch den Verbleib im Pool der Arbeitslosen riskieren. Da jedes Unternehmen mehr als den markträumenden Lohn zahlt, bleibt der aggregierte Arbeitsmarkt im Ungleichgewicht: Einige arbeitswillige Menschen bleiben arbeitslos. 2000 entwickelten Christopher Erceg, Dale Henderson und Andrew Levin ein makroökonomisches Modell für Arbeitsmärkte mit Gewerkschaften.
DSGE-Modelle und Geldpolitik
DSGE-Modelle gelten als aktueller Stand der makroökonomischen Modellbildung und werden unter anderem von Zentralbanken verwendet. Die Europäische Zentralbank nutzt beispielsweise das Smets–Wouters-Modell, um die Wirkungen ihrer Geldpolitik auf die Eurozone zu untersuchen.
DSGE steht für „dynamisch-stochastisches allgemeines Gleichgewicht“:
- Dynamisch: Gegenwärtige Entscheidungen beeinflussen zukünftige Unsicherheiten; Erwartungen der Akteure sind für makroökonomische Ergebnisse wichtig.
- Stochastisch: Zufällige Schocks und ihre Übertragung auf die Wirtschaft sowie die daraus folgenden Konjunkturschwankungen werden berücksichtigt.
- Allgemein: Das Modell betrachtet die gesamte Wirtschaft.
- Gleichgewicht: Es erfasst die Wechselwirkung zwischen politischen Maßnahmen und dem anschließenden Verhalten der wirtschaftlichen Akteure.
Gemeinsame Bestandteile wichtiger DSGE-Modelle sind beharrliche Gewohnheiten, sodass der Grenznutzen des Konsums vom vergangenen Konsum abhängt, sowie Calvo-Preise auf Produktions- und Produktmärkten. Werden Preise und Löhne nicht ausdrücklich neu festgesetzt, werden sie durch Indexierung inflationsbereinigt aktualisiert. Hinzu kommen Kapitalanpassungskosten, variabler Kapitaleinsatz, exogene Schocks, Nachfrageschocks und Aufschlagsschocks. Nachfrageschocks beeinflussen den Grenznutzen des Konsums; Aufschlagsschocks verändern den gewünschten Abstand des Preises zu den Grenzkosten. Die Geldpolitik wird meist durch eine Taylor-Regel beschrieben, und die Modelle werden mit bayesschen Schätzmethoden ausgewertet.
Neukeynesianer stimmen mit der Neuen Klassischen Makroökonomik darin überein, dass langfristig die klassische Dichotomie gilt: Veränderungen der Geldmenge sind neutral. Kurzfristig kann eine höhere Geldmenge oder ein niedrigerer Zinssatz wegen starrer Preise jedoch die Produktion erhöhen und die Arbeitslosigkeit senken. Einige Modelle zeigen unter bestimmten Bedingungen auch eine Nicht-Neutralität des Geldes.
Eine expansive Geldpolitik soll nach neukeynesianischer Auffassung nicht dauerhaft kurzfristige Produktions- und Beschäftigungsgewinne erzeugen. Sie würde die Inflationserwartungen erhöhen und später Probleme verursachen. Geldpolitik soll vor allem stabilisieren. Trifft ein unerwarteter externer Schock die Wirtschaft und sinkt dadurch das Konsumentenvertrauen, können eine Ausweitung der Geldmenge oder niedrigere Zinssätze die Produktion erhöhen und zugleich Inflation sowie Inflationserwartungen stabilisieren. Untersuchungen konzentrieren sich deshalb auf Zinsregeln wie die Taylor-Regel, die festlegen, wie eine Zentralbank den Nominalzinssatz auf Veränderungen von Inflation und Produktion anpassen soll. Die Modelle zeigen, dass eine Steuerung der Inflation unter den jeweiligen Modellbedingungen zugleich Produktion und Arbeitslosigkeit optimieren kann. Blanchard und Galí nennen dies den „göttlichen Zufall“.