Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Joseph E. Stiglitz

Stiglitz hat grundlegende Beiträge zur Wirtschaftswissenschaft geliefert, besonders in den Bereichen der Mikroökonomie und der Informationsökonomik. Seine …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Person und Bedeutung
  2. 2. Ausbildung und berufliche Aufgaben
  3. 3. Zentrale wirtschaftswissenschaftliche Beiträge
  4. 4. Arbeitsmarkt und wirtschaftspolitische Folgerungen
  5. 5. Globalisierung, Handel und internationale Reformen
  6. 6. Aktuelle Themen und Kontroversen

Person und Bedeutung

Joseph Eugene „Joe“ Stiglitz, geboren am 9. Februar 1943 in Gary, Indiana, ist ein US-amerikanischer Ökonom, Politikberater und Professor für Wirtschaftswissenschaft an der Columbia University. Er gehört zum Neukeynesianismus, einer wirtschaftswissenschaftlichen Richtung, die Marktversagen untersucht und staatliche Eingriffe unter bestimmten Bedingungen für sinnvoll hält. Besonders wichtig sind seine Beiträge zur Mikroökonomie und Informationsökonomik.

Stiglitz erforscht, wie unvollständige oder ungleich verteilte Informationen das Verhalten von Haushalten, Unternehmen und Märkten beeinflussen. Seine Arbeiten zeigen, weshalb reale Märkte häufig kein Pareto-Optimum erreichen, also keinen Zustand, in dem niemand bessergestellt werden kann, ohne jemand anderen schlechterzustellen. Daraus leitet er ab, dass staatliche Eingriffe oft die wirtschaftliche Effizienz erhöhen können.

Für seine Beiträge zur Theorie der Informationsasymmetrie erhielt er 2001 gemeinsam mit George Akerlof und A. Michael Spence den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften. Bereits 1979 war er mit der John-Bates-Clark-Medaille ausgezeichnet worden. Außerdem war er Chefökonom der Weltbank und Vorsitzender des Council of Economic Advisers, des Rats der Wirtschaftsberater des US-Präsidenten. Einer breiten Öffentlichkeit ist er durch seine Kritik an der Gestaltung der Globalisierung, an internationalen Finanzinstitutionen und am uneingeschränkten Vertrauen in freie Märkte bekannt.

Ausbildung und berufliche Aufgaben

Stiglitz studierte zunächst Mathematik und anschließend Wirtschaftswissenschaften. 1964 erwarb er am Amherst College den Abschluss B. A. Danach promovierte er am Massachusetts Institute of Technology, wo er Robert M. Solow und Paul A. Samuelson begegnete. Forschungsaufenthalte führten ihn an die University of Cambridge sowie nach Nairobi; dort lernte er wirtschaftliche Probleme von Entwicklungsländern kennen.

Er war Professor an der Yale University von 1970 bis 1974, an der Stanford University von 1974 bis 1976 und erneut von 1988 bis 2001, an der University of Oxford von 1976 bis 1979 sowie an der Princeton University von 1979 bis 1988. 1997 wurde er Chefökonom der Weltbank. Wegen Meinungsverschiedenheiten über deren Kurs trat er 2000 zurück. Später lehrte er an der Columbia University sowie an der École polytechnique und Sciences Po Paris.

Von 1993 an gehörte Stiglitz dem Rat der Wirtschaftsberater von US-Präsident Bill Clinton an; zwischen 1995 und 1997 leitete er ihn. 1995 wirkte er als Leitautor am Zweiten Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC mit. Im Juli 2000 gründete er die Initiative for Policy Dialogue. 2008/2009 leitete er eine UN-Expertenkommission, die Reformen des internationalen Finanzsystems vorschlug.

Daneben stand er der Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission vor. Ihr Abschlussbericht vom September 2009 behandelte bessere Maßstäbe für Wirtschaftsleistung, Lebensqualität, Umwelt und nachhaltige Entwicklung. Stiglitz war auch Mitbegründer des 2009 gegründeten Institute for New Economic Thinking. Ein Komitee zur Aufarbeitung der Panama Papers verließ er im August 2016, nachdem die panamaische Regierung den Abschlussbericht nach Darstellung des Artikels wegen unerwünschter Ergebnisse nicht veröffentlichen wollte.

Zentrale wirtschaftswissenschaftliche Beiträge

Bei der Risikoaversion, also der Neigung, unsichere Ergebnisse gegenüber sicheren Ergebnissen mit gleichem Erwartungswert zu meiden, entwickelte Stiglitz zusammen mit Michael Rothschild eine formale Definition. Beide untersuchten außerdem die Folgen für Konsumentscheidungen von Haushalten und Investitionen von Unternehmen.

Im Mittelpunkt seiner Informationsökonomik stehen Informationsasymmetrien: Eine Marktseite verfügt über wichtiges Wissen, das der anderen fehlt. Mit Andrew Weiss zeigte Stiglitz, wie Banken aus Zinssätzen Rückschlüsse auf Kreditnehmer ziehen. Dabei können negative Selektion – die ungünstige Auswahl besonders riskanter Kunden – oder unter bestimmten Bedingungen zusätzliche Kreditaufnahme entstehen. In beiden Fällen ist die Kreditvergabe wirtschaftlich nicht optimal.

Stiglitz und Rothschild erklärten am Beispiel von Versicherungen, weshalb Wettbewerb nicht automatisch zu einem sozial optimalen Ergebnis führt. Versicherer können Policen mit geringer Absicherung anbieten, die vor allem junge oder gesunde Menschen wählen. Die Bedürfnisse alter oder kranker Menschen bleiben dadurch unzureichend berücksichtigt; es entsteht eine Versicherungslücke.

Gemeinsam mit Sanford Grossman zeigte Stiglitz, dass selbst sehr geringe Kosten der Informationsbeschaffung vollständige Informationseffizienz an Finanzmärkten verhindern. Wenn Marktteilnehmer Informationen kostenlos aus Preisen ablesen könnten, hätten sie einen Anreiz, die kostenpflichtige Recherche anderen zu überlassen. Dieses Trittbrettfahrerproblem macht einen vollständig informationseffizienten Markt unmöglich.

Besonders bedeutend sind Stiglitz’ Arbeiten zum Screening. Dabei gestaltet ein Akteur Wahlmöglichkeiten so, dass ein anderer seine privaten Informationen durch seine Entscheidung erkennen lässt. Unternehmen können beispielsweise Verfahren der Personalauswahl und Beurteilung einsetzen, um Fähigkeiten und mögliche Risiken zu erkennen. Dies soll eine passende Beschäftigung und leistungsgerechte Bezahlung ermöglichen.

Zusammen mit Avinash Dixit entwickelte Stiglitz ein grundlegendes Modell monopolistischer Konkurrenz. In dieser Marktform bieten mehrere Unternehmen voneinander unterscheidbare Produkte an und besitzen dadurch begrenzte Marktmacht. Bei steigenden Skalenerträgen, also sinkenden Stückkosten infolge größerer Produktion, kann der Markteintritt weiterer Unternehmen schwierig sein. Bevorzugen Verbraucher jedoch Vielfalt, kann der Eintritt neuer Firmen umfangreich ausfallen. Das Modell beeinflusste unter anderem Außenhandels- und Industrieökonomik; Paul Krugman nutzte es zur Erklärung von Handelsmustern, die nicht auf komparativen Kostenvorteilen beruhen.

Arbeitsmarkt und wirtschaftspolitische Folgerungen

Das Shapiro–Stiglitz-Modell erklärt mithilfe von Effizienzlöhnen, weshalb unfreiwillige Arbeitslosigkeit auch bestehen kann, wenn ein Arbeitsmarkt als im Gleichgewicht betrachtet wird. Es beruht auf zwei Annahmen: Menschen können ihren Arbeitseinsatz selbst bestimmen, und Unternehmen können nur unter Kosten feststellen, wie viel Aufwand Beschäftigte tatsächlich leisten. Unternehmen zahlen deshalb nicht einfach den Marktlohn, sondern einen höheren Lohn, der die Produktivität steigern und eine Verringerung des Arbeitseinsatzes verhindern soll. Dadurch bleibt ein Pool unfreiwillig Arbeitsloser bestehen; das Ergebnis ist nicht pareto-effizient.

Aus seinen Forschungen folgert Stiglitz, dass Märkte bei unvollständiger Information häufig versagen und staatliche Eingriffe deshalb die Effizienz verbessern können. In Die Roaring Nineties untersuchte er kritisch die US-Wirtschaft der 1990er Jahre, darunter den Fall Enron, und empfahl Eingriffe in das Marktgeschehen. Für Deutschland befürwortete er eine staatliche Nachfragepolitik nach keynesianischem Vorbild.

Während der Finanzkrise kritisierte er im März 2009 den Bankenrettungsplan der Regierung Barack Obama als „Ersatzkapitalismus – die Privatisierung der Gewinne und die Verstaatlichung der Verluste“ und sprach von einem „Sozialismus für Reiche“. Anfang 2012 verwies er auf lang anhaltende Arbeitslosigkeit, erschöpfte Ersparnisse und mehr als sieben Millionen US-Familien, die ihr Heim verloren hätten. Er verlangte Konjunkturmaßnahmen statt einer ausschließlich auf Sparen gerichteten Politik sowie eine progressivere Besteuerung, um Ungleichheit abzubauen und Gesamtnachfrage und Beschäftigung zu erhöhen.

Globalisierung, Handel und internationale Reformen

Stiglitz kritisiert nicht die Globalisierung an sich, sondern ihre bestehende Organisation. Sein Ziel ist eine Form der Globalisierung, die ihre Wohlstandsversprechen besser erfüllt und besonders die Armut in Entwicklungsländern bekämpft. Er fordert dafür einen neuen globalen Gesellschaftsvertrag und eine faire Handelsordnung.

Beim Internationalen Währungsfonds und bei der Weltbank sollen die Stimmrechte verändert werden, weil Entwicklungsländer unterrepräsentiert seien und die USA beim IWF faktisch ein Vetorecht hätten. Nicht nur Finanz- und Handelsminister, sondern auch Vertreter der am wenigsten entwickelten Länder und kleiner Agrarexporteure sollen an Verhandlungen beteiligt sein. Internationale Institutionen sollen transparenter werden, Interessenkonflikte besser regeln, breitere Mitspracherechte ermöglichen und stärker Rechenschaft ablegen. Evaluationen sollten nicht allein eigene Mitarbeiter von IWF oder Weltbank durchführen, sondern die Vereinten Nationen. Hinzukommen sollen ein unabhängiges globales Gericht und eine bessere Durchsetzung internationalen Rechts.

Das auf US-Dollar und US-Schatzwechseln beruhende System der Weltwährungsreserven hält Stiglitz langfristig für nicht tragfähig. Als Lösung schlägt er einen „Weltdollar“ vor, den eine von der Staatengemeinschaft geführte Institution nach sozialen Maßstäben ausgeben soll. Entwicklungsländer sollen außerdem Zugang zu Wissen und preiswerten lebensrettenden Medikamenten erhalten; ihr traditionelles Wissen müsse berücksichtigt werden. Industrieländer sollten ihre Zusage erfüllen, 0,7 % des Bruttoinlandsprodukts für Entwicklungshilfe bereitzustellen.

Seine handelspolitischen Empfehlungen unterscheiden sich je nach Lage. In den 1990er Jahren forderte er, reiche Länder sollten Zölle und Kontingente auf Waren aus Entwicklungsländern abschaffen. Später empfahl er europäischen Ländern Import- und Exportzertifikate, um Handelsdefizite gegenüber Deutschland zu begrenzen. Deutsche Überschüsse schwächten seiner Auffassung nach die Gesamtnachfrage in den Defizitländern; zudem verhindere der Euro eine Aufwertung des deutschen Wechselkurses. Den USA rät er dagegen von Zöllen zum Schutz industrieller Arbeitsplätze ab: Protektionismus helfe der Gesamtwirtschaft nicht, und die Folgen der Deindustrialisierung ließen sich damit nicht rückgängig machen. Diese unterschiedlichen Positionen stehen im Artikel nebeneinander.

Aktuelle Themen und Kontroversen

In der Klimapolitik befürwortet Stiglitz einen Klimazoll. Dieser soll Staaten oder die Europäische Union vor Produkten aus Ländern schützen, die nur geringe Anstrengungen beim Klimaschutz unternehmen.

Ein von ihm geleiteter Sonderausschuss der G20 empfahl 2025 in einem vorab bekannt gewordenen Bericht die Einrichtung eines „Internationalen Gremiums für Ungleichheit“. Stiglitz bezeichnete die globale Ungleichheit neben der Klimakrise als eine weitere Krise, die politische Führungskräfte beunruhigen müsse.

Kontrovers diskutiert wurde seine frühere Einschätzung Venezuelas. In Making Globalization Work lobte er 2006 das Ziel von Präsident Hugo Chávez, Wachstum zu erreichen und dessen Erträge breiter zu verteilen. Zugleich erklärte er ausdrücklich, es sei noch offen, ob die Regierung dieses Versprechen erfüllen werde; bis dahin sah er Erfolge bei Bildung und Gesundheit in Armenvierteln. Aaron Patrick kritisierte 2018, Stiglitz habe sich damit am internationalen Lob für Chávez’ massive Eingriffe in die Wirtschaft beteiligt. Patrick verwies dabei auf Venezuelas spätere Depression, Hyperinflation, Versorgungsprobleme und die Flucht von seit 2015 drei Millionen Menschen. Die Kritik gibt Stiglitz’ Aussage allerdings nur teilweise wieder und steht seiner vorsichtigen Einschränkung gegenüber.

Weiterlesen

Neukeynesianismus Diese und andere Formen von Marktversagen können zur Folge haben, dass die Wirtschaft nicht automatisch Vollbeschäftigung erreicht. Daher argumentieren … Politikberatung Politikberatung bezeichnet den gesamten Komplex politischer Beratungstätigkeit, vom Wissenstransfer aus der Wissenschaft in die politische Praxis bis hin … Wirtschaftswissenschaft Die Wirtschaftswissenschaft (auch Ökonomie und vereinzelt auch Ökonomik) ist eine Wissenschaft, die versucht, wirtschaftliche Zusammenhänge zu beschreiben, … Präsident der Vereinigten Staaten Der Präsident ernennt Minister (englisch secretaries), die zusammen mit ihm die Regierung bilden. Sie bedürfen der Bestätigung durch den Senat. Ähnlich verhält … Vereinigte Staaten Vereinigte Staaten ; Amtssprache · Englisch ; Hauptstadt · Washington, D.C. ; Staats- und Regierungsform · föderale präsidentielle konstitutionelle Republik. Mikroökonomie Ein zentrales Konzept ist das Marktgleichgewicht, welches sich durch die Preisbildung einstellt. Das zweite wichtige Teilgebiet der Wirtschaftswissenschaft ist … Marktversagen Marktversagen bezeichnet in der Wohlfahrtsökonomik eine Situation, in der die Koordination über den Markt nicht zu einer Pareto-effizienten Allokation der … Globalisierung Der Begriff Globalisierung bezeichnet den Vorgang, bei welchem weltweite Verflechtungen in unter anderem den Bereichen Wirtschaft, Politik, Kultur, … Internationaler Währungsfonds Der Internationale Währungsfonds (IWF; englisch International Monetary Fund, IMF; auch bekannt als Weltwährungsfonds) ist eine rechtlich, … Laissez-faire Er dient insbesondere als Schlagwort des Wirtschaftsliberalismus des 19. Jahrhunderts für eine von staatlichen Eingriffen freie Wirtschaft sowie als Schlagwort … Harvard University Die Harvard University (kurz Harvard) ist eine amerikanische Privatuniversität in Cambridge im Großraum Boston in Massachusetts. Sie gilt als eine der … Judentum Das jüdische Volk entstand ab etwa 1200 v. Chr. und entwickelte den JHWH-Monotheismus, aus dem später die weiteren abrahamitischen Religionen Christentum und …