Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Aleatorik

Aleatorisch steht für „würflerisch“, vom Zufall abhängig. In der Musik, wo die Aleatorik als weitgehend auf Zufälligkeit beruhende Kompositionstechnik …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Grundidee der Aleatorik
  2. 2. Kontrollierter Zufall und offene Form
  3. 3. John Cage: Zufall und Unbestimmtheit
  4. 4. Notation und Anwendung in der Kunst

Grundidee der Aleatorik

Aleatorik bezeichnet in Musik, Kunst und Literatur die Verwendung von nicht-systematischen Operationen, die zu einem unvorhersehbaren und weitgehend zufälligen Ergebnis führen. „Aleatorisch“ bedeutet: vom Zufall abhängig. Dabei kann der Zufall nicht nur ein Thema sein, sondern bestimmt den Entstehungsprozess eines Werks und gegebenenfalls auch seine konkrete Ausführung.

In der Musik entstand Aleatorik nach 1950 als Kompositionstechnik, die weitgehend auf Zufälligkeit beruht. Zufallsoperationen können bei der Komposition oder bei der Interpretation, also der Aufführung eines Werks, eingesetzt werden. Sie können etwa die Art und Anzahl der Instrumente, die Dauer, die Reihenfolge von Abschnitten oder das Tempo betreffen.

Wichtig ist der Unterschied zwischen völlig ungeplanten Ergebnissen und kontrollierter Aleatorik: Häufig legt der Komponist einen Rahmen und mögliche Varianten genau fest. Der Zufall oder die Interpretierenden entscheiden dann nur, welche der vorgesehenen Möglichkeiten tatsächlich eintritt. Die konkrete Aufführung kann deshalb jedes Mal anders sein, bleibt aber innerhalb kompositorischer Vorgaben.

Kontrollierter Zufall und offene Form

Werner Meyer-Eppler verwendete das Adjektiv „aleatorisch“ 1954 erstmals im musikalischen Zusammenhang als statistischen Terminus. Nach seiner Definition heißt ein Signal aleatorisch, wenn sein Verlauf „im groben festliegt“ und durch statistische Mittelwerte bestimmt ist, im Einzelnen aber vom Zufall abhängt.

Pierre Boulez übertrug den Begriff 1957 auf die musikalische Form. In seinem Vortrag Alea erklärte er, dass in verschiedenen Stadien und auf unterschiedlichen Ebenen einer Komposition „Chancen“ eintreten können. Das Werk soll dafür mehrere mögliche, genau vorbereitete „Fahrbahnen“ anbieten; der Zufall wirkt wie eine Weichenstellung im letzten Augenblick. Trotz des Spielraums für Zufall oder Interpretierende bleibt die Autorschaft des Komponisten erhalten, weil alle zugelassenen Möglichkeiten von ihm kontrolliert werden.

Ein Beispiel ist Karlheinz Stockhausens Klavierstück XI von 1956. Seine Teile sollen in zufälliger Reihenfolge gespielt werden. Tempo, Lautstärke und Anschlagsform eines Teils sind jeweils am Ende des vorhergehenden Teils vorgeschrieben. Das Ergebnis wirkt improvisiert oder zufällig, ist jedoch durch Regeln gesteuert. Diese Form wird auch „Offene Form“ genannt: Die Reihenfolge und damit der Verlauf sind nicht endgültig festgelegt.

John Cage: Zufall und Unbestimmtheit

John Cage setzte seit den 1950er Jahren Zufallsoperationen in seinen Kompositionen ein. Im Concerto for Prepared Piano and Chamber Orchestra von 1951 beruhen Orchesterstimmen unter anderem auf Losentscheidungen mithilfe des chinesischen Orakelbuchs I Ching und auf Münzwürfen. In anderen Werken verwendete Cage beispielsweise Eigenschaften des gerade benutzten Papiers, astronomische Atlanten, mathematische Verfahren oder Computer.

Cages Ansatz wurde vom Zen-Buddhismus beeinflusst. Für ihn sollte der Komponist die Töne nicht benutzen, um Gefühle, Ideen oder feste Ordnungen auszudrücken. Das musikalische Material sollte möglichst objektiv bleiben und nicht mit einem vom Künstler vorgegebenen ästhetischen Sinn versehen werden. Zufallsoperationen verstand Cage als Verfahren, das auf alle Bereiche einer Komposition und jedes musikalische Material anwendbar ist. Der Komponist kann dadurch seinem eigenen Werk wie ein Rezipient, also ein aufnehmender Zuhörer, begegnen, weil er dessen Verlauf selbst nicht kennt.

Cage unterschied zwischen Chance, also Zufall, und Indeterminacy, also Unbestimmtheit. Seine Komposition 4'33" von 1952 macht dies deutlich: Für die drei Sätze lautet die einzige Spielanweisung „Tacet“ – es wird nicht gespielt. Zahl der Ausführenden und Instrumentierung können frei gewählt und etwa durch Würfeln bestimmt werden; das sind zufällige Entscheidungen aus bekannten Möglichkeiten. Die während der zufällig bestimmten Zeitdauer hörbaren, nicht absichtlich erzeugten Geräusche sind dagegen unbestimmt: Sie sind keine Auswahl aus einer vorher bekannten Gruppe von Elementen. Einige Autoren grenzen Cages „experimentelle Musik“ deshalb von Aleatorik ab; Franco Evangelisti unterscheidet zwischen unvorhersehbarem Zufall und Aleatorik als bewusstem Vorgang mit überschaubaren Möglichkeiten.

Notation und Anwendung in der Kunst

Aleatorische Kompositionen reichen von leichter Unbestimmtheit oder wenigen Zufallselementen bis zu fast vollständig freier Interpretation. In letzterer können die meisten oder sogar alle musikalischen Merkmale offenbleiben. Die Notation, also die schriftliche Festlegung eines Werks, muss diese Veränderlichkeit berücksichtigen.

Dafür werden oft mehrdeutige grafische Darstellungen verwendet. Sie können einen groben musikalischen Ablauf angeben oder zu freier Improvisation anregen. Weitere Möglichkeiten sind rein verbale Anweisungen, etwa in Stockhausens Aus den sieben Tagen, sowie Notenschrift mit zusätzlichen Sonderzeichen. Diese Verfahren können auch kombiniert werden.

Auch in der bildenden Kunst kann ein Zufallsverfahren zugleich Methode, Gegenstand und Form eines Werks sein. Manoah Metzlers W411-5 (2025) entstand aus 411 Würfen mit einem standardisierten sechsseitigen Würfel, bis erstmals fünfmal hintereinander die Zahl 3 erschien. Jeder Wurf wurde auf einem fortlaufenden Papierstreifen notiert; anschließend wurde der Streifen geknäuelt, sodass nur das Ende mit der entscheidenden Zahlenfolge sichtbar blieb. Das Objekt macht die Unvorhersagbarkeit des Zufalls sichtbar.

Zufallsoperationen in musikalischen Kompositionen gab es bereits vor der Prägung der Begriffe „aleatorisch“ und „Aleatorik“ ab den 1950er Jahren. Aleatorische Studien gibt es außerdem in den Wirtschaftswissenschaften.

Lernvideos zu Aleatorik

Weiterlesen

Latein Verben ; Perfekt- stamm · 2. Person Singular Perfekt Konjunktiv Aktiv, du habest geliebt, amāv-, -eri- ; Perfekt- stamm · 3. Person Plural Plusquamperfekt Indikativ … Musik Musik kann neben körperlichen Reaktionen auch seelische Empfindungen oder Assoziationen unterschiedlicher Art und Intensität hervorrufen. ... Da sich der … Literatur Als Literatur bezeichnet man seit dem 19. Jahrhundert den Bereich aller mündlich (etwa durch Versformen und Rhythmus) oder schriftlich fixierten … Karlheinz Stockhausen Karlheinz Stockhausen (* 22. August 1928 in Mödrath, heute zu Kerpen; † 5. Dezember 2007 in Kürten-Kettenberg) war ein deutscher Komponist. Offene Form (Musik) Offene Form ist ein Begriff, mit dem in erster Linie Kunstwerke aus dem Bereich der Literatur, Bildenden Kunst und Musik bezeichnet werden, deren formale … John Cage (* 5. September 1912 in Los Angeles; † 12. August 1992 in New York City), meist John Cage genannt, war ein US-amerikanischer Komponist und Künstler. Mit seinen … Zufall – Beim Wurf mit einem idealen Würfel tritt jeder Wert von 1 bis 6 mit gleicher Wahrscheinlichkeit auf, vor dem Werfen kann nicht vorhergesagt werden, welches … Geschichte der Musik Gliederung der europäischen Musikgeschichte · Mittelalter (ab der Hochgotik, etwa 13./14. Jahrhundert) · Renaissance (15. bis 16. Jahrhundert) · Barock (ca. 1600 … Komposition (Musik) Als Komposition (von lateinisch componere ‚zusammenfügen') (veraltet: Tonwerk) wird bezeichnet: die Schöpfung, Erarbeitung und Urheberschaft eines musikalischen … Neue Musik Neue Musik ist der Sammelbegriff für eine Fülle unterschiedlicher Strömungen komponierter westlicher Kunstmusik von etwa 1910 bis zur Gegenwart. Wolfgang Amadeus Mozart Dezember 1791 in Wien, Erzherzogtum Österreich), der selbst zumeist den Namen Wolfgang Amadé Mozart führte, war ein Komponist der Wiener Klassik. Er schuf eine …