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Karlheinz Stockhausen
Karlheinz Stockhausen (* 22. August 1928 in Mödrath, heute zu Kerpen; † 5. Dezember 2007 in Kürten-Kettenberg) war ein deutscher Komponist.
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Bedeutung und Lebensweg
Karlheinz Stockhausen (* 22. August 1928 in Mödrath, heute zu Kerpen; † 5. Dezember 2007 in Kürten-Kettenberg) war ein deutscher Komponist und eine prägende Figur der Musik des 20. Jahrhunderts. Er schuf neue Kompositionsformen, entwickelte innovative Notationszeichen und arbeitete mit elektronischen sowie räumlichen Klängen. Als Komponist, Dozent, Autor musiktheoretischer Schriften und Rundfunkmitarbeiter beeinflusste er die Neue Musik stark.
Er studierte von 1947 bis 1951 in Köln Schulmusik mit Hauptfach Klavier sowie Musikwissenschaften, Germanistik und Philosophie. Seit 1950 komponierte er. Nach zunächst eher traditionellen Vokalwerken wandte er sich ab den 1950er Jahren der seriellen Musik zu; angeregt wurde er unter anderem durch Olivier Messiaens Mode de valeurs et d’intensités (1949). Von 1953 bis 1998 arbeitete er eng mit dem Studio für Elektronische Musik des WDR zusammen. Von 1971 bis 1977 war er Professor für Komposition an der Musikhochschule Köln.
Sein Werk umfasst nach Angaben des Verlags 363, im Werkverzeichnis 370 einzeln aufführbare Werke; die abweichende Zahl hängt auch mit Bearbeitungen zusammen. Stockhausen verstand Kompositionen nicht als endgültig abgeschlossene Einzelwerke, sondern als Stationen eines fortlaufenden work in progress. Deshalb überarbeitete er manche Werke grundlegend, etwa Punkte: 1952 vorbereitet, 1962 stark umgearbeitet und bis 1993 weiter verändert.
Serielle Musik, Zeit und offene Formen
Serielle Musik organisiert musikalische Parameter nach einheitlichen Prinzipien. Bei Stockhausen betraf dies zunächst Tonhöhe, Tondauer, Artikulation, Oktavlage und Lautstärke. In Kreuzspiel (1951) setzte er diese Methode konsequent ein. Die Elektronischen Studien I und II (1952/53) sollten eine möglichst vollständige Kontrolle über Klang ermöglichen: Klänge wurden aus Sinustönen konstruiert, unabhängig von Instrumenten und Spielenden.
Die punktuelle Musik beschränkt die Organisation vor allem auf einzelne Töne. Stockhausen entwickelte dagegen die Gruppenkomposition: Nicht nur Einzeltöne, sondern Gruppen mit Eigenschaften wie Tonanzahl, Umfang und Dichte werden gestaltet. Themen und Motive sowie bereits vorhandenes Klangmaterial sollten zunächst vermieden werden; dennoch sollten hörbare musikalische Vorgänge entstehen.
Ab 1954 revidierte Stockhausen die Idee vollständiger Kontrolle. In der variablen Form beeinflussen körperliche und spieltechnische Bedingungen der Ausführenden die Musik; in Zeitmaße für fünf Holzbläser (1955/56) bestimmt etwa die Atemdauer die Tempoentwicklung. Bei mehrdeutiger Form entscheidet der Interpret teilweise über die Reihenfolge, beispielsweise in Klavierstück XI (1956) und Zyklus (1959). Dies ist keine bloße Zufallsmusik: Die Spielsituation und die Interpreten sollen musikalisch sinnvoll einbezogen werden.
Prozesskompositionen schreiben vor, wie auf eine Situation zu reagieren ist, zum Beispiel verstärkend, gegensätzlich oder zeitverzögert wiederholend; typische Zeichen sind Plus und Minus. In Spiral (1968) reagieren Spielende auf Kurzwellenradio, in Solo (1966) auf zeitverzögertes eigenes Spiel. Die Intuitive Musik, etwa Aus den sieben Tagen (1968), besteht aus kurzen Textanweisungen. Stockhausen grenzte sie von Improvisation ab, weil die Ausführenden nicht einfach auf ihr gewohntes musikalisches Repertoire zurückgreifen sollten.
Im Aufsatz … wie die Zeit vergeht … verband er Rhythmus, Metrik, Tonhöhe und Klangfarbe gedanklich. Wichtig ist seine zwölfteilige temperierte „Zeitoktave“ der Tempi, in Licht: 45 – 47,5 – 50,5 – 53,5 – 56,5 – 60 – 63,5 – 67 – 71 – 75,5 – 80 Viertel pro Minute. Überlagerte Metren können wie Teiltöne eines Klangs wirken. Daraus ergaben sich Gruppenformen und Kompositionen für mehrere Orchester mit mehreren Dirigenten.
Raum, Elektronik und Formel
Für Stockhausen war der Raum ein kompositorischer Parameter: Die Verteilung und Bewegung von Klangquellen gehört zur Musik. In Gruppen für drei Orchester (1955–1957) stehen die Orchester U-förmig um das Publikum. Gesang der Jünglinge (1955/56) arbeitet mit fünf um das Publikum angeordneten Lautsprechern. Das Kugelauditorium des deutschen Pavillons auf der Expo ’70 in Osaka konnte Klänge aus allen Richtungen hörbar machen. Solche räumlichen Wirkungen lassen sich auf Stereo-CDs nur teilweise wiedergeben.
Elektronische Musik entstand für Stockhausen nicht durch seine konkrete Tonband-Etude in Paris 1952, die Klaviersaitenklänge verarbeitete, sondern durch die Arbeit im Kölner Studio im selben Jahr. In Gesang der Jünglinge verband er eine aufgezeichnete Singstimme mit elektronischen Klängen und organisierte auch Verständlichkeit und Verfremdungsgrad der Stimme seriell. Kontakte (1960) verwendet elektronisch erzeugte Klangkonzepte wie Holz-, Metall- und Fellklang und existiert auch für elektronische Klänge, Klavier und Schlagzeug.
In den 1960er Jahren wurde Live-Elektronik zentral: Mikrofone, Filter, Ringmodulatoren und Verzerrer verändern Instrumentalklänge während der Aufführung. In Mikrophonie I wird ein Tamtam durch Mikrofonbewegungen und Klangregler verfremdet; Mixtur verbindet unveränderte und veränderte Instrumentalklänge. Telemusik und Hymnen verarbeiten dagegen vorproduzierte Weltmusik beziehungsweise Nationalhymnen; die Zitate bleiben oft erkennbar und modulieren sich gegenseitig, statt nur collageartig aneinandergefügt zu werden.
Um 1970 entwickelte Stockhausen die Formelkomposition. Eine Formel ist ein detailliert ausgearbeitetes musikalisches Thema mit Rhythmus, Dynamik und Vortragsarten, das durch Veränderungen wie Spiegelung, Spreizung, Ausschnitt oder Projektion das Material eines ganzen Werks liefert. Mantra (1970) war die erste Formelkomposition. Inori verbindet diese Struktur mit Gebetsgesten und szenischer Musik, also bewusst komponierten Körperbewegungen der Mitwirkenden. Stimmung und Sternklang beruhen auf der Obertonreihe und zugleich auf seriellen Methoden.
Großzyklen und ausgewählte Werke
Stockhausens größtes Projekt ist Licht, die sieben Tage der Woche: eine Heptalogie, also ein Zyklus aus sieben Opern, an dem er von 1977 bis 2003 arbeitete und den er 2005 vollendete. Die insgesamt 29 Stunden Musik beruhen auf einer „Superformel“ aus drei Melodien für die Hauptfiguren Michael, Eva und Luzifer. Das Werk verbindet religiöse, mystische und autobiographische Themen mit Musiktheater, Raum und Bild. Zu den ungewöhnlichen Ideen gehören ein Streichquartett in vier fliegenden Hubschraubern sowie zwei gleichzeitig in getrennten Räumen gespielte 35-minütige Stücke für Chor und Orchester. Als Gesamtwerk wurde Licht nicht aufgeführt.
Klang war der letzte, unvollendete Zyklus. Vorgesehen waren 24 Kompositionen für die 24 Stunden des Tages, für unterschiedliche Solisten oder Besetzungen, teils mit Live-Elektronik. Stockhausen griff darin wieder die Verbindung von Rhythmus und Klang aus … wie die Zeit vergeht … auf. Durch seinen Tod 2007 wurden nur 21 von 24 Teilen vollendet.
Zu den besonders einflussreichen Werken zählen Kreuzspiel als erstes serielles Werk, die Studien I/II als elektronische Musik, Gruppen als Verbindung von Zeitorganisation, Gruppenform und Raummusik, Klavierstück XI als vieldeutige Form, Gesang der Jünglinge als Verbindung von Elektronik, religiösem Text, Raum und Momentform sowie Hymnen als elektronisches Werk mit Nationalhymnen. Das 1969 uraufgeführte Fresco für vier Orchestergruppen führte wegen Konflikten mit Orchestermusikern zu einem Skandal; die Aufführung endete nach 4 Stunden und 20 Minuten, weil Musiker ihre Mitwirkung einstellten.
Weltsicht, Kontroverse und Nachwirkung
Stockhausen war zunächst im rheinischen Katholizismus verwurzelt und sah sich als Komponist berufen, eine göttliche Weltordnung darzustellen und zu erforschen. Anfang der 1960er Jahre löste er sich vom Katholizismus. Später beeinflussten ihn Gotthard Günther, Sri Aurobindo und ab 1971 das Buch Urantia. Diese Einflüsse prägten besonders Inori, Sirius, Licht und Klang. Seine religiös-esoterischen Aussagen und seine exzentrische Selbstdarstellung waren umstritten.
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 nannte Stockhausen das Geschehen zunächst das „größte Kunstwerk, was es je gegeben hat“. Die Aussage wurde überwiegend abgelehnt. Am 19. September 2001 erklärte er schriftlich auf Englisch, er habe im Sinne der Opernfigur Luzifer gesprochen, distanzierte sich vom Terroranschlag und schrieb, er schließe die Opfer in seine Gebete ein.
2007 unterzeichnete er einen Aufruf für eine Parlamentarische Versammlung bei den Vereinten Nationen als Schritt zu einem Weltparlament. Zu seinen Auszeichnungen gehören das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse (1974), der Ernst von Siemens Musikpreis (1986) und der Polar Music Prize (2001). Nach seinem Tod führen Suzanne Stephens und Kathinka Pasveer das Vermächtnis mit Konzerten, Archiv, Stiftung sowie Stockhausen-Kursen in Kürten fort.