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John Cage
(* 5. September 1912 in Los Angeles; † 12. August 1992 in New York City), meist John Cage genannt, war ein US-amerikanischer Komponist und Künstler. Mit seinen …
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Bedeutung und Grundideen
John Milton Cage Jr. (5. September 1912 in Los Angeles; 12. August 1992 in New York City) war ein US-amerikanischer Komponist und Künstler. Mit mehr als 250 Kompositionen gilt er als einer der einflussreichsten Komponisten des 20. Jahrhunderts und als wichtige Figur der Neuen Musik. Er schrieb außerdem grundlegende musik- und kompositionstheoretische Texte. Cage war auch für andere Kunstformen wichtig: Er gilt als Schlüsselfigur der Happeningbewegung, als Anreger der Fluxusbewegung und der Neuen Improvisationsmusik. Neben Musik beschäftigte er sich mit Malerei und mit Mykologie, der Wissenschaft von den Pilzen.
Zentrale Ideen seines Schaffens waren Stille, Zufall und die Eigenständigkeit der Ausführenden. Cage stellte die Frage, was Musik überhaupt ist. Für ihn konnten auch Alltagsgeräusche, zufällige Klänge und nicht absichtlich erzeugte Töne Teil eines musikalischen Ereignisses sein. Damit verschob er die Aufmerksamkeit weg von einer festgelegten Melodie oder Harmonie hin zum Hören selbst.
Ausbildung und künstlerischer Weg
Cage wuchs in Kalifornien auf und erhielt in Santa Monica ersten Klavierunterricht. In der Schule fiel er durch besondere Leistungen auf; 1927 gewann er einen Redewettbewerb mit einer Rede zum Panamerikanismus. Nach der Highschool studierte er zunächst Literatur am Pomona College und interessierte sich stark für die Dichtung von Gertrude Stein.
1930 ging Cage für 17 Monate nach Europa. In Paris studierte er Architektur bei Ernő Goldfinger und Klavier bei Lazare Lévy. Durch die Zeitschrift Transition lernte er die europäische Avantgarde kennen, darunter Hans Arp, Hugo Ball, Marcel Duchamp, James Joyce, László Moholy-Nagy und Kurt Schwitters. Auf Mallorca entstanden seine ersten Kompositionen.
Nach der Rückkehr in die USA studierte Cage Komposition, unter anderem bei Richard Buhlig, Adolph Weiss, Henry Cowell und Arnold Schönberg. Wichtige Anregungen erhielt er auch von Oskar Fischinger, dessen Idee ihn beeindruckte, dass Dingen eine „Seele“ innewohne, die man durch Klang befreien könne. In den späten 1930er Jahren arbeitete Cage mit Tanzklassen und lernte Lou Harrison sowie später Merce Cunningham kennen. Cunningham wurde sein wichtiger Arbeits- und Lebenspartner.
1940 komponierte Cage Bacchanale für das von ihm erfundene präparierte Klavier. Dabei werden auf Saiten und Hämmern Gegenstände wie Radiergummis, Nägel oder andere Kleinteile angebracht, sodass das Klavier neue Klangfarben erzeugt. In Living Room Music nutzte er Alltagsgegenstände aus einem Wohnzimmer als Klangquellen. 1942 zog Cage nach New York, wo er Kontakt zur Avantgarde um Künstler wie Marcel Duchamp, Piet Mondrian und André Breton fand. Ein Percussion-Konzert im Museum of Modern Art machte ihn 1943 in New Yorker Avantgarde-Kreisen bekannt.
Black Mountain College, Happening und Fluxus
Am Black Mountain College, dessen am Bauhaus orientiertes Schulkonzept Cage beeindruckte, begegnete er 1948 Josef und Anni Albers sowie Buckminster Fuller. Dort hielt er unter anderem den Vortrag Defense of Satie, in dem er Erik Satie verteidigte und Ludwig van Beethoven kritisch betrachtete. 1949 erhielt Cage ein Guggenheim-Stipendium sowie eine Auszeichnung der America Academy of Arts and Letters mit 1.000 US-Dollar Preisgeld. In Paris lernte er Pierre Boulez kennen, mit dem ihn bis 1954 ein enger Briefkontakt verband.
1950 erhielt Cage von Christian Wolff das chinesische Buch der Wandlungen, das I Ging. Es wurde ein wichtiges Hilfsmittel für seine Arbeit mit Zufallsoperationen. 1951 entstand Music of Changes, sein erstes Stück, das vollständig auf einem Zufallsverfahren beruhte.
Im Sommer 1952 inszenierte Cage am Black Mountain College mit Untitled Event das erste Happening, noch bevor es dieses Wort gab. Beteiligte waren unter anderem Merce Cunningham, Charles Olson, Robert Rauschenberg, Mary Caroline Richards und David Tudor. Cage gab in der Partitur Zeiten für Handlungen, Pausen oder Stille vor; die genaue Tätigkeit blieb den Künstlern frei. Gleichzeitig liefen Vortrag, Film, Dias, Klavierspiel, Tanz und Schallplattenmusik im Raum ab.
Ab 1954 lebte Cage zeitweise in Stony Point, New York, in einer kooperativen Künstlerkommune. Er sammelte und bestimmte Pilze und beschäftigte sich mit deren Zubereitung. An der New School for Social Research unterrichtete er experimentelle Komposition und später auch Pilzbestimmung. Viele seiner Schüler und Gasthörer wurden für Fluxus wichtig, darunter George Brecht, Al Hansen, Dick Higgins, Jackson MacLow, Toshi Ichiyanagi, Yoko Ono, Allan Kaprow, George Maciunas und La Monte Young. Fluxus war eine Kunstbewegung, die Grenzen zwischen Musik, Bildender Kunst, Aktion und Alltag überschritt.
Wichtige Werke und Beispiele
Zu Cages frühen wichtigen Werkgruppen gehören die Imaginary Landscapes. Insgesamt entstanden zwischen 1939 und 1952 fünf Stücke. Imaginary Landscape No. 1 von 1939 verwendet unter anderem präpariertes Klavier, chinesisches Becken und zwei Plattenspieler mit variabler Geschwindigkeit; es war für die Wiedergabe über Radio gedacht. In Imaginary Landscape No. 4 von 1951 wurden zwölf Radios von jeweils zwei Personen bedient. Da vorher nicht bestimmbar war, welcher Sender was senden würde, setzte Cage hier Massenmedien als Instrumente ein.
Das bekannteste Werk ist 4′33″, uraufgeführt am 29. August 1952 in der Maverick Concert Hall in Woodstock, New York. Der Titel gibt die Aufführungsdauer von 4 Minuten und 33 Sekunden an. Die drei Sätze tragen die Anweisung Tacet: Es werden keine hörbaren Töne gespielt. Bei der Uraufführung zeigte David Tudor die Sätze durch Öffnen und Schließen des Klavierdeckels an. Die Zahl der Ausführenden und die Instrumente sind frei wählbar, ebenso grundsätzlich die Dauer; der Titel soll dann die Dauer in Minuten und Sekunden angeben. In der Praxis blieb die Bezeichnung 4′33″ erhalten. Da während jeder Aufführung andere Umgebungsgeräusche entstehen, klingt das Stück jedes Mal anders.
In den letzten sechs Lebensjahren, 1986 bis 1992, komponierte Cage 52 sogenannte Number Pieces für einen bis 108 Musiker. Sie heißen nach der Zahl der vorgesehenen Ausführenden; mehrere Stücke gleicher Besetzung werden durch hochgestellte Zahlen unterschieden, etwa Four² als zweites Stück für vier Musiker. Häufig arbeitete Cage mit Zeitklammern, also flexiblen Zeiträumen, in denen Klänge beginnen und enden müssen. Beispiele sind One (1987) für Klavier, Four (1989) für Streichquartett, Twenty-Six für 26 Violinen, 101, 103 und 108 für Orchester.
Kurz vor seinem Tod vollendete Cage den Film One¹¹ (1992), seinen einzigen Film. Er ist 90 Minuten lang, schwarz-weiß und hat kein erzählerisches Thema außer Licht. Die Bildsprache besteht aus Scheinwerferprojektionen; Lichteffekte, Kamerabewegungen und Schnitt beruhen auf Zufallsoperationen.
Stille, Zufall und Ausführung
Cage vertrat die Auffassung, dass es keine absolute Stille im gewöhnlichen Sinn gibt. Ein prägendes Erlebnis war ein Besuch in einem schalltoten Raum Ende der 1940er Jahre. Auch dort hörte er Geräusche: seinen Herzschlag, das Rauschen des Blutes und vom Nervensystem erzeugte Frequenzen. Daraus entwickelte er die Idee, dass Stille nicht völlige Geräuschlosigkeit bedeutet, sondern eher das Fehlen absichtlich produzierter Töne.
Für Cage waren Stille und Lärm durch Absichtslosigkeit verbunden. Er interessierte sich besonders für einen Zustand, in dem Klänge nicht durch die Absicht eines Komponisten hervorgehoben werden. 4′33″ schafft deshalb einen Rahmen, in dem Zuhörer auf Umgebungsgeräusche, zufällige Töne und eigene Geräusche achten können.
Zufallsoperationen dienten Cage dazu, nicht-intentionale Ereignisse zu ermöglichen. Seit Anfang der 1950er Jahre setzte er sie in seinen Musiken ein. Dabei ging es nicht um bloßes Chaos, sondern darum, Klängen und Ereignissen mehr Autonomie zu geben. Besonders wichtig war das I Ging, dessen 64 Hexagramme Cage zur Beantwortung vorher festgelegter kompositorischer Fragen nutzte. Zufälle konnten zum Beispiel durch Münzwürfe entstehen.
Cage übertrug Zufallsverfahren auch auf das präparierte Klavier. Materialien wurden in Kategorien eingeteilt: P für Plastik, Knochen, Glas und Ähnliches, M für Metall, S für Stoff, Fasern und Gummi, H für Holz und Papier, X für anderes Material, besondere Umstände oder freie Wahl. Auch Veränderungen wie Positionswechsel, Hinzufügen oder Entfernen von Objekten konnten zufällig bestimmt werden.
Zugleich stärkte Cage die Rolle der Interpreten. Manche Partituren konnten nicht einfach direkt gespielt werden, sondern mussten erst realisiert werden. In Werken wie Concert for Piano and Orchestra (1957/58) und Fontana Mix (1958) gab Cage Regeln oder grafische Vorgaben, aus denen die Ausführenden die Musik erst entwickeln mussten.
Späte Jahre und Nachwirkung
In den 1960er und 1970er Jahren veröffentlichte Cage wichtige Textsammlungen wie Silence (1961), A Year From Monday (1967), M. Writings '67-'72 (1973), Empty Words (1979) und X. Writings '79-'82 (1986). 1965 begann er das Textprojekt Diary: How to improve the world (You will only make matters worse), dessen Struktur durch Zufallsoperationen bestimmt wurde. Er war außerdem Präsident der Cunningham Dance Foundation und Direktor der Foundation for Contemporary Performance Arts.
Cage wurde vielfach geehrt. 1968 wurde er in die American Academy of Arts and Letters aufgenommen, 1978 in die American Academy of Arts and Sciences, 1983 zum Ehrenmitglied der International Society for Contemporary Music gewählt. 1989 erhielt er den Kyoto-Preis.
In seinen letzten Jahren arbeitete Cage weiter an Musik, Grafik und Film. 1987 wurde anlässlich seines 75. Geburtstags ein 24-stündiger NachtCageTag des Westdeutschen Rundfunks veranstaltet. Im selben Jahr entstand für die documenta 8 die Klanginstallation Writings through the Essay: On the Duty of Civil Disobedience. 1992 schuf er mit Without Horizon seine letzten grafischen Arbeiten und beendete den Film One¹¹. Sein letztes Musikwerk konzipierte er mit Michael Bach: ONE13 für Violoncello mit Rundbogen und drei Lautsprecher. Drei Wochen vor seinem 80. Geburtstag starb John Cage in New York an einem Schlaganfall.
Einige Werke werden bis heute besonders sichtbar aufgeführt oder ausgestellt. Die Klang-Licht-Installation Essay ist seit 1998 dauerhaft in der Kunsthalle Bremen zu sehen. Eine Realisation von ORGAN²/ASLSP (As Slow as Possible) läuft seit dem 5. September 2001 in der St.-Burchardi-Kirche in Halberstadt und soll bis zum 4. September 2640 dauern, insgesamt 639 Jahre.