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Neue Frau

Der Begriff Neue Frau (englisch New Woman) war eine feministische Idealvorstellung von einem veränderten Rollenverhältnis von Frau und Mann, …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Merkmale
  2. 2. Begriff und frühe Verbreitung
  3. 3. Entwicklung in Deutschland
  4. 4. Englischer Sprachraum, Bildung und Wahlrecht
  5. 5. Grenzen und gesellschaftliche Konflikte
  6. 6. Kultur, Flapper und Fortwirkung

Grundidee und Merkmale

Die Neue Frau war eine feministische Idealvorstellung, die im ausgehenden 19. Jahrhundert entstand. Sie beschrieb ein verändertes Rollenverhältnis von Frau und Mann und hatte großen Einfluss auf den Feminismus des 20. Jahrhunderts. Gemeint war eine Frau, die ihr Leben eigenständig gestalten wollte, Bildung und Beruf anstrebte, im öffentlichen Raum selbstbewusst auftrat und sich nicht mehr vollständig an traditionelle Erwartungen von Ehe, Familie, Kleidung und Verhalten band.

Diese Veränderung betraf nicht nur das Selbstverständnis, sondern auch sichtbare Lebensformen. Frauen bewegten sich aktiver in der Welt, etwa als Radfahrerinnen, und erweiterten dadurch ihren Handlungsspielraum. Auch Kleidung und Auftreten änderten sich: Besonders in der Weimarer Republik wurden kurze Haare, kürzere Röcke und ein eher androgyner Stil zu Zeichen eines neuen Frauenbildes. Die Neue Frau stand damit für Selbstständigkeit, Emanzipation und Modernität, blieb aber oft eher ein gesellschaftliches Ideal als eine Realität für alle Frauen.

Begriff und frühe Verbreitung

Der Ausdruck Neue Frau wurde durch Charles Reade geprägt. Er verwendete ihn in seinem Roman A Woman Hater, der zuerst als Fortsetzungsroman im Blackwood’s Magazine erschien und 1877 in drei Bänden veröffentlicht wurde. 1894 nutzte Sarah Grand den Ausdruck in einem wichtigen Artikel für unabhängige Frauen, die einen radikalen Wandel anstrebten. Maria Louisa Rame, die unter dem Pseudonym Quida schrieb, griff ihn als Überschrift eines Folgeartikels auf.

Bekannter wurde der Begriff durch Henry James. Er verwendete ihn für die wachsende Zahl feministischer, gebildeter und unabhängiger Karrierefrauen in Europa und den Vereinigten Staaten. Trotzdem blieb die Bezeichnung zunächst eher ein Randphänomen. Häufiger sprach man damals von der „Frau von heute“ oder der „modernen Frau“. In der Wissenschaft wurde der Begriff Neue Frau erst ab den 1980er Jahren stärker verwendet.

Entwicklung in Deutschland

In Deutschland wurden Frauenrechte bereits mit der Gründung des Deutschen Frauenvereins 1865 unter Luise Otto-Peters öffentlich eingefordert. Zentrale Ziele waren das Wahlrecht für Frauen sowie Gleichberechtigung beim Zugang zu Bildung und Beruf. Anita Augspurg ergänzte diese Forderungen später um eine Sexualmoral, die Frauen und Männer gleich behandelte. Proletarische Aktivistinnen wie Clara Zetkin und Adelheid Popp verbanden die Neue Frau zusätzlich mit Forderungen nach einer grundlegenden Veränderung des Gesellschaftssystems im Kaiserreich.

Der Erste Weltkrieg veränderte das Alltagsleben vieler Frauen stark. Weil Männer an der Front waren, übernahmen Frauen Aufgaben in Beruf, Familie und Gesellschaft. Nach Kriegsende trafen viele heimkehrende Männer auf Frauen, die jahrelang Verantwortung für sich, die Familie und die Wirtschaft getragen hatten. In dieser Zeit wuchs die Selbstbestimmung vieler Frauen, auch in Fragen von Partnerschaft und Sexualität. Besonders in Großstädten wandelte sich die Sexualmoral; zu Beginn der Weimarer Republik stieg die Scheidungsrate spürbar.

In der Weimarer Republik von 1918 bis 1933 wurde die Neue Frau zu einem wichtigen Leitbild. 1918 erhielten Frauen mit dem Frauenwahlrecht erstmals volle politische Mitbestimmung. Gleichzeitig entstanden in der Dienstleistungsbranche neue Angestelltenberufe, die häufig von Frauen ausgeübt wurden, etwa als Angestellte, Sekretärinnen oder Verkäuferinnen. Medien wie Illustrierte, Film und Werbung verbreiteten das Bild der berufstätigen, selbstbewussten und modernen Frau. Zeitschriften wie Das Leben, Die Dame und Elegante Welt zeigten Stilelemente wie Bubikopf, Zigaretten mit Verlängerer, knielange Röcke, Glockenhüte und spitz zulaufende Modeschuhe.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurden viele Errungenschaften aufgehoben. Frauen verloren das passive Wahlrecht, politische Gleichberechtigung war unerwünscht, und die NS-Ideologie reduzierte Frauen vor allem auf Mutterschaft und Familie. Anerkennung sollte vor allem über das Mutterkreuz erfolgen. Beruflich galten nur Tätigkeiten in Pflege, Erziehung und Haushalt als passend, auch wenn Frauen im Zweiten Weltkrieg in der Rüstungsproduktion und in Berufen eingesetzt wurden, in denen Männer fehlten. Nach 1945 trugen Frauen als Trümmerfrauen zum Wiederaufbau bei. Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland wurde Art. 3 Abs. 2 durchgesetzt: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“

Englischer Sprachraum, Bildung und Wahlrecht

Im englischen Sprachraum machte Henry James den Ausdruck New Woman bekannt. Er stellte solche Frauen in Figuren wie Daisy Miller oder Isabel Archer aus Bildnis einer Dame dar. Nach der Historikerin Ruth Bordin meinte James damit vor allem wohlhabende Ex-Amerikanerinnen in Europa, die durch ihren Wohlstand unabhängig lebten und eigenverantwortlich handeln konnten. Die Neue Frau war in diesem Verständnis persönlich, gesellschaftlich und wirtschaftlich emanzipiert.

Ein wichtiger Teil dieses Wandels war höhere und berufliche Bildung. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts konnten Frauen zunehmend höhere Bildungsabschlüsse erreichen. Immer mehr Frauen legten das Abitur ab, der Anteil an Akademikerinnen stieg, und Frauen wurden Juristinnen, Ärztinnen, Journalistinnen und Hochschullehrerinnen. Florence Bascom gilt als Beispiel: Sie erwarb 1893 als erste Frau einen Doktorgrad an der Johns Hopkins University und wurde 1894 als erste Frau in die Geological Society of America gewählt.

Auch neue Angestelltenberufe in Geschäftsleben und Verwaltung eröffneten Frauen Erwerbsmöglichkeiten. In wirtschaftlich entwickelten Ländern nahm der Anteil der berufstätigen Frauen außerhalb der Landwirtschaft kontinuierlich zu. Politisch blieb Gleichberechtigung jedoch umkämpft. In Großbritannien wurde das Frauenwahlrecht nach jahrzehntelangem Druck der Suffragetten erst 1928 durchgesetzt. In Neuseeland war es bereits 1893 eingeführt worden, in Australien 1902.

Grenzen und gesellschaftliche Konflikte

Die Neue Frau stieß auf gesellschaftliche Konflikte, besonders bei Sexualität, Ehe und Moral. Der Artikel weist darauf hin, dass der Abschnitt zu Sexualität und gesellschaftlichen Erwartungen nicht ausreichend belegt ist. Dort heißt es, Frauen konnten im England des späten 19. Jahrhunderts zwar noch nicht wählen, aber Bildungsabschlüsse erlangen, berufliche Laufbahnen einschlagen und seit 1882 persönliches Eigentum besitzen. Die Neue Frau legte zunehmend Wert auf Eigenständigkeit, auch wenn dies bei Fragen von Sitte und Moral gesellschaftlich missbilligt wurde. Sexuelle Aktivität außerhalb der Ehe galt bei Frauen des Viktorianischen Zeitalters als unmoralisch.

Veränderungen im Eherecht eröffneten Frauen im späten 19. Jahrhundert häufiger die Möglichkeit zur Scheidung. Eine wachsende Zahl geschiedener Frauen heiratete erneut. Dennoch konnte eine Frau gesellschaftliches Ansehen verlieren, wenn sie solche legalen Möglichkeiten nutzte. In Henry James’ Romanen zeigt sich, dass seine Heldinnen trotz intellektueller und sexueller Selbstständigkeit oft einen Preis für ihre Entscheidungen zahlen mussten.

Die Neue Frau war außerdem stark von Klassenunterschieden geprägt. Universitätsbildung war zur Jahrhundertwende auch bei Männern noch ein Zeichen von Wohlstand; weniger als 10 Prozent der Menschen in den Vereinigten Staaten hatten eine solche Hochschulausbildung. Frauen an Hochschulen gehörten meist zur weißen Mittelklasse. Frauen der Arbeiterklasse, nicht-weiße Frauen und Immigrantinnen hatten deutlich weniger Zugang. Autorinnen aus solchen Gruppen kritisierten, dass die Standards der Neuen Frau des „Fortschrittszeitalters“ größtenteils nur von Frauen der weißen Mittelklasse erreicht werden konnten.

Kultur, Flapper und Fortwirkung

Die Neue Frau wurde in Literatur und Kunst zu einem wichtigen Thema. Henrik Ibsens Nora oder Ein Puppenheim von 1879 und Hedda Gabler von 1890 zählen zu den bedeutenden „Neue-Frauen-Stücken“. Auch Werke von Henry Arthur Jones und George Bernard Shaw griffen das neue Rollenmodell auf. In Bram Stokers Dracula wird die Neue Frau an mehreren Stellen erwähnt; Mina Harker zeigt typische Eigenschaften wie Schreibmaschinenschreiben und vernünftiges deduktives Denken. In der Weimarer Republik und im Österreich der Zwischenkriegszeit erschien die Neue Frau in Werken von Paula Schlier, Joe Lederer, Marieluise Fleißer, Irmgard Keun und Elsa Herrmann.

Auch in der bildenden Kunst wurde das Thema sichtbar. Charles Dana Gibson stellte die Neue Frau in The Reason Dinner was Late von 1912 dar: Eine junge Frau malt einen Polizisten, während das Abendessen warten muss. Um die Jahrhundertwende waren 88 Prozent der Abonnenten zahlreicher Magazine und Zeitschriften Frauen. Als Frauen Teil der Künstlergemeinschaft wurden, beschäftigten Verlage sie zunehmend als Illustratorinnen, damit sie die Welt aus weiblicher Perspektive darstellen konnten.

In den 1920er Jahren markierten die Flapper das Ende der „Ära der Neuen Frau“, die nun auch als Erste Welle des Feminismus bezeichnet wird. Flapper waren modeorientierte, oft junge Frauen, die mit Party- und Lebensstil Skandale auslösten. Kurzhaarschnitte und die Abschaffung des Korsetts setzten sich jedoch in gemäßigter Form auch bei älteren respektablen Frauen durch. Schauspielerinnen wie Clara Bow, Louise Brooks und Colleen Moore wurden durch ihre Filmrollen Vorbilder für ein Massenpublikum.

Die Weltwirtschaftskrise ab Herbst 1929 beendete die Mode und den Lebensstil der Flapper weitgehend, weil in den wirtschaftlich schweren 1930er Jahren für Hedonismus kaum Platz blieb. Dennoch führte die Entwicklung nicht zum alten Zustand zurück. Die Neue Frau war der erste Schritt zur Modernen Frau. Im 21. Jahrhundert geht es weiterhin um Selbstbestimmung vor und in der Ehe, gleiche Bildungs- und Berufschancen, „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ und volle Gleichberechtigung und Chancengleichheit.

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