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Neomerkantilismus
Handelsdefizite zugunsten einer Produktion von Gütern und Dienstleistungen im eigenen Land zu minimieren. Vielfach haben neomerkantilistisch orientierte Staaten …
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Begriff und Bedeutung
Neomerkantilismus bezeichnet eine seit dem 19. Jahrhundert praktizierte interventionistische Wirtschaftspolitik. Der Staat greift dabei lenkend in wirtschaftliche Prozesse ein und richtet seine Handelspolitik auf Exportförderung, einen Handelsbilanzüberschuss, Protektionismus oder sogar Autarkie aus. Protektionismus bedeutet den Schutz der heimischen Wirtschaft vor ausländischer Konkurrenz; Autarkie bezeichnet eine möglichst weitgehende wirtschaftliche Selbstversorgung.
Diese Politik erinnert besonders durch ihre Zollpolitik an den historischen Merkantilismus. Anders als dieser gehört der Neomerkantilismus jedoch in einen modernen Zusammenhang: Kapitalismus und Liberalismus haben den Feudalismus ersetzt, konstitutionell geordnete Nationalstaaten sind die vorherrschende Staatsform, und Aktiengesellschaften sowie Finanzmärkte beeinflussen die wirtschaftliche Entwicklung.
Moderner wirtschaftlicher Rahmen
Neomerkantilistische Politik findet heute in einer globalisierten Wirtschaft statt. Weltweit verbundene Märkte, komplexe Lieferketten und effizienzsteigernde Technologien prägen Produktion und Handel. Zudem wirken starke Einflüsse der Finanzmärkte auf die Realwirtschaft, also auf die tatsächliche Produktion und Bereitstellung von Waren und Dienstleistungen.
Nationale und internationale Normen binden die Handelspolitik in umfassendere politische Zusammenhänge ein. Deshalb werden Handelsfragen auch unter Gesichtspunkten wie Arbeits- und Umweltstandards, Gesundheit, öffentlicher Sicherheit, Tradition, kultureller Identität und internationalen Beziehungen behandelt.
Grundgedanken und Entwicklung
Als Begründer des Neomerkantilismus gelten Alexander Hamilton mit dem „Infant Industry Argument“ von 1791, Johann Gottlieb Fichte mit „Der geschlossene Handelsstaat“ von 1800 sowie Friedrich List, Wilhelm Roscher und Gustav von Schmoller.
Neomerkantilisten des ausgehenden 18. und des 19. Jahrhunderts befürworteten einen autarken Staat oder eine protektionistische Schutzzollpolitik, wenn die inländische Wirtschaft gegenüber dem Ausland Schwächen zeigte. Freihandel hielten sie dagegen für sinnvoll, sobald die heimische Wirtschaft stark genug war, am internationalen Wettbewerb teilzunehmen.
Ziele und Maßnahmen
Heute gelten etatistische, also stark staatlich gelenkte, Strategien als neomerkantilistisch, wenn sie einen Exportüberschuss bei Waren und Dienstleistungen anstreben oder Handelsdefizite durch mehr Produktion im eigenen Land verringern sollen.
Typische Maßnahmen sind:
- Zölle und restriktive Importvorschriften, die Einfuhren erschweren,
- Subventionen für heimische Wirtschaftszweige,
- die Abwertung oder Unterbewertung der eigenen Währung, damit heimische Waren im Ausland günstiger und damit wettbewerbsfähiger werden,
- Einfluss auf die Lohnpolitik mit dem Ziel einer maßvollen Lohnentwicklung.
Diese Instrumente sollen Importe begrenzen, Exporte fördern und die einheimische Produktion stärken.
Aktuelle Einordnung
Der Ökonom Dani Rodrik ordnete die Wirtschaftspolitik des US-Präsidenten Donald Trump während dessen zweiter Präsidentschaft als heutige Variante des Merkantilismus beziehungsweise als Neomerkantilismus ein. Diese Bewertung ist nicht unumstritten: Andere Volkswirte, darunter Heiner Flassbeck, betrachten Trumps Politik lediglich als nachvollziehbare Reaktion auf ein vorausgegangenes merkantilistisches Verhalten anderer Staaten, beispielsweise Deutschlands.