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Neapolitanische Schule (Musik)
Relativ oft wurde bei Stücken in Moll der Neapolitanische Sextakkord verwendet, der deshalb ab dem 19. Jahrhundert nach der neapolitanischen Schule benannt …
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Begriff und Bedeutung
Die Neapolitanische Schule bezeichnet eine Gruppe von Komponisten, die ab etwa 1650 über ungefähr hundert Jahre von Neapel ausgehend die Geschichte der Oper maßgeblich bestimmte. Im engeren Sinn steht der Begriff für einen musikalischen Stil, der besonders ab den 1720er Jahren in ganz Europa erfolgreich war. Stilistisch liegt dieser zwischen Spätbarock und Vorklassik und zeichnet sich durch Leichtigkeit und Durchsichtigkeit aus.
Ein häufiges, aber nicht ausschließlich neapolitanisches Merkmal ist der Neapolitanische Sextakkord. Er wurde relativ oft in Mollstücken verwendet und erhielt deshalb ab dem 19. Jahrhundert seinen Namen nach der neapolitanischen Schule.
Neapel war im 18. Jahrhundert die Hauptstadt des gleichnamigen Königreichs und nach Paris und London die drittgrößte Stadt Europas. Charles de Brosses bezeichnete die Stadt 1739 als „Hauptstadt der musikalischen Welt“. Die Bedeutung Neapels beruhte unter anderem auf seinen vier europaweit bekannten Konservatorien: Santa Maria di Loreto, Pietà dei Turchini, Sant’Onofrio und Poveri di Gesù Cristo. Dort erhielten einheimische und auswärtige Musiker und Komponisten eine fundierte Ausbildung oder arbeiteten als Lehrer. Die Konservatorien waren außerdem wichtige Ausbildungsstätten für junge Kastraten. Aus ihnen gingen unter anderem Matteuccio, Farinelli und Caffarelli hervor, die später in Kirchen und Opernhäusern Neapels und ganz Italiens auftraten.
Komponisten und stilistische Einordnung
Als Begründer der Neapolitanischen Schule gilt Francesco Provenzale. Häufig wird Alessandro Scarlatti als erster führender Meister angesehen. Seine Einordnung ist jedoch umstritten: Scarlatti stammte nicht aus Neapel, wuchs dort nicht auf und war auch in Rom tätig. Der Neapel-Spezialist Dinko Fabris bezweifelt deshalb sogar, dass Scarlatti als „Haupt der neapolitanischen Schule“ gelten kann. Er betrachtet ihn eher als einen inspirierenden Fremdkörper, der der neapolitanischen Theatermusik erstmals eine „internationale und europäische Dimension“ verlieh.
Zu den bedeutenden Komponisten des 18. Jahrhunderts gehören Nicola Porpora, Francesco Durante, Leonardo Vinci, Francesco Feo, Leonardo Leo, Francesco Mancini, Giovanni Battista Pergolesi und Johann Adolph Hasse. Später folgten Niccolò Jommelli, Tommaso Traetta, Niccolò Piccinni, Giovanni Paisiello und Domenico Cimarosa. Wichtige Textdichter waren Pietro Metastasio und Apostolo Zeno, deren Libretti von Komponisten der Schule vertont wurden.
Eine eindeutige Abgrenzung von anderen musikalischen Strömungen ist schwierig. Die Merkmale der neapolitanischen Oper finden sich teilweise auch bei venezianischen und anderen Komponisten, etwa Bononcini, Albinoni, Pollarolo, Vivaldi, Caldara und Galuppi. Außerdem studierten deutsche Komponisten wie Hasse und Johann Joachim Quantz in Neapel bei Alessandro Scarlatti und wurden vom Stil der jüngeren neapolitanischen Generation beeinflusst. Weniger direkt wirkten neapolitanische Einflüsse auch auf Christoph Willibald Gluck und Wolfgang Amadeus Mozart.
Opernformen und Theater
Die zunächst bestimmende Gattung war die Opera seria. Ihre Handlungen stellten idealisierte mythologische Helden oder Könige in den Mittelpunkt. Die musikalische Abfolge war meist festgelegt: Das Rezitativ diente der Handlung, während die Da-capo-Arie vor allem einen seelischen Zustand darstellte. Als Ouvertüre wurde eine dreiteilige Sinfonia verwendet. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden diese eher starren Formen zugunsten größerer Dramatik erweitert. Dazu dienten häufiger orchesterbegleitete Accompagnato-Rezitative und die Verbindung einzelner Nummern zu größeren Szenen. Diese Merkmale waren jedoch weder ausschließlich noch grundsätzlich typisch für Neapel.
Die Neapolitaner spielten außerdem eine wichtige Vorreiterrolle beim Erfolg der Opera buffa. Als Schlüsselwerk gilt Pergolesis La serva padrona, das ursprünglich als heiteres Intermezzo zwischen den Akten einer Opera seria aufgeführt wurde. Später entwickelte sich die Opera buffa zu einer eigenständigen Gattung. Ihre international anerkannten Meister waren besonders Piccinni, Cimarosa und Paisiello.
Eine typisch neapolitanische Opernform des frühen 18. Jahrhunderts war die Commedia per musica, auf Neapolitanisch „Commeddeja pe mmuseca“. Die Handlung spielt gewöhnlich in der damaligen Gegenwart in der Umgebung Neapels. Die Szene ist meist unverändert eine Straße zwischen zwei Landhäusern. Die Figuren stammen entweder aus der Commedia dell’arte oder sind verliebt. Häufig gibt es ein unerkannt aufgewachsenes Findelkind, das von mehreren Personen geliebt wird. Gegen Ende wird seine wahre Identität als enger Verwandter der meisten Verehrer aufgedeckt, sodass nur ein Bewerber übrig bleibt. Burleske Elemente verbinden sich mit Anspielungen auf die Opera seria und das gesellschaftliche Leben.
Musikalisch wird in dieser Form häufig die schlichte, oft strophische „canzona“ verwendet. Meist beginnt die Oper mit einer solchen Canzona im Sicilianorhythmus. Der neapolitanische Dialekt war ebenfalls typisch, wurde aber ab 1720 allmählich zurückgedrängt und blieb zunehmend auf die Buffo-Partien beschränkt. Beispiele sind Vincis Li zite ’ngalera von 1722, Pergolesis Lo frate ’nnamorato von 1734 und Il Flaminio von 1735 sowie Leonardo Leos L’Alidoro aus dem Jahr 1740, die Anfang des 21. Jahrhunderts wiederentdeckt wurde.
Das wichtigste Theater war zunächst das 1621 gegründete San Bartolomeo. Nach einem Brand wurde es 1681 vollständig neu aufgebaut. Ab 1737 wurde es durch das Teatro San Carlo abgelöst. In beiden Häusern wurde fast ausschließlich die aristokratische Opera seria gepflegt, abgesehen von Intermezzi. Für komische Opern, die besonders beim einfacheren Volk beliebt waren, entstanden seit Beginn des 18. Jahrhunderts weitere Bühnen: das Teatro dei Fiorentini 1707, das Teatro della Pace 1724 und das Teatro Nuovo.
Kirchenmusik und Instrumentalmusik
Die Neapolitanische Schule darf nicht auf die Oper beschränkt werden. Bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts bildete die Kirchenmusik sogar den Schwerpunkt der neapolitanischen Musik. Bedeutende Komponisten wie Provenzale, Scarlatti, Francesco Durante, Pergolesi und Jommelli schufen auch in diesem Bereich wichtige Werke. Das herausragende und berühmteste Beispiel ist Pergolesis Stabat Mater.
Reine Instrumentalmusik spielte im Schaffen der meisten neapolitanischen Komponisten keine oder nur eine geringe Rolle. Eine Ausnahme bilden die Cembalosonaten von Domenico Scarlatti. Wegen ihrer Originalität und ihrer stilistischen Eigenständigkeit gilt Domenico Scarlatti jedoch ohnehin als Einzelerscheinung, auch wenn seine Musik neapolitanische und später iberische Einflüsse zeigt.