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Nazarener (Religion)
Nazoräer ist ein neutestamentliches Synonym und oft verwendeter Beiname Jesu von Nazaret und der Name religiöser – zumeist christlicher – Gruppen. Zwischen …
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Bedeutung und Gebrauch der Bezeichnungen
„Nazarener“ und „Nazoräer“ sind im Neuen Testament Beinamen Jesu von Nazaret. Außerdem bezeichnen sie religiöse Gruppen, vor allem frühe judenchristliche Gemeinschaften. Im allgemeinen Sprachgebrauch und in vielen Bibelübersetzungen werden beide Wörter nicht unterschieden; in westeuropäischen Sprachen ist „Nazarener“ die häufigere Form. Wortgetreue Übersetzungen unterscheiden dagegen zwischen griechisch Ναζαρηνός („Nazarener“) und Ναζωραῖος („Nazoräer“).
Im etablierten Text des Novum Testamentum Graece erscheint „Nazarener“ sechsmal und „Nazoräer“ dreizehnmal, davon siebenmal in der Apostelgeschichte. Mit Ausnahme von Apg 24,5 werden beide Wörter als Bezeichnungen Jesu verwendet. Das Matthäus- und das Johannesevangelium benutzen nur „Nazoräer“, das Markusevangelium dagegen nur „Nazarener“. Auch das Lukasevangelium verwendet „Nazarener“.
Der Ort, in dem Jesus aufgewachsen sein soll, heißt in Mt 4,13 und Lk 4,16 „Nazara“ (Ναζαρά). An den übrigen Stellen steht „Nazaret“ (Ναζαρέτ oder Ναζαρέθ). Es wird angenommen, dass verschiedene Formen desselben Ortsnamens existierten.
Herkunft der Wörter
Die sprachliche Herkunft der Bezeichnungen ist nicht abschließend geklärt. Als mögliche Grundlage gelten zwei gleich geschriebene hebräische Wortstämme: Das Verb nāṣar bedeutet „beobachten“, „bewachen“ oder „hüten“. Dazu gehören nōṣrī („Wächter“, „Hüter“, „Bewahrer“) und das aramäische natsaraya. Das Nomen næṣær bedeutet „Spross“, „Trieb“ oder „Schössling“ und kann wie in Jes 11,1 eine messianische Bedeutung besitzen. „Messianisch“ bezeichnet hier den Bezug auf den erwarteten Messias. Wegen der Ähnlichkeit von nāṣar, næṣær, Nazara, Nazaret, Nazarener und Nazoräer waren außerdem Wortspiele möglich.
Einige Autoren erwägen eine Verbindung mit „Nasiräer“ (hebräisch nāzīr). Damit ist ein Gottgeweihter gemeint, der strenge Regeln einschließlich Abstinenz befolgt. Die griechische Form Ναζωραῖος lässt sich sprachlich ebenfalls mit diesem Wort in Verbindung bringen. Da mehrere Herleitungen möglich sind, bleibt die Etymologie umstritten.
Beiname Jesu
Nach der traditionellen und auch in neuerer Forschung verbreiteten Auffassung beziehen sich „Nazarener“ und „Nazoräer“ auf Jesu Herkunft und bedeuten „von beziehungsweise aus Nazaret“. Für „Nazarener“ gilt die Ableitung vom Ortsnamen als gesichert. Für „Nazoräer“ wird eine Herleitung von einer Nebenform naṣōr vorgeschlagen.
Mt 2,23 verbindet die Niederlassung Josefs in Nazaret mit der Aussage der Propheten: „Er wird Nazoräer genannt werden.“ Viele Ausleger verstehen dies als Anspielung auf Jes 11,1, wo der Messias als „Spross“ (nēṣer) Davids bezeichnet wird. Möglich ist jedoch auch ein Bezug auf mehrere prophetische Texte, etwa aus Jesaia und Jeremia.
Daneben gibt es weitere, nicht allgemein gesicherte Erklärungen. Matthias Berghorn deutet Ναζωραῖος möglicherweise als Herrschertitel für Jesus, da das zugrunde liegende Wort auch eine herausragende Gestalt oder einen Herrscher bezeichnen könne. Andere Kommentatoren vermuten, dass „Nazoraios“ zunächst eine abwertende Fremdbezeichnung war, die in den Evangelien mit Nazaret verbunden und neu gedeutet wurde. Mark Lidzbarski brachte den aramäischen Ausdruck mit Bezeichnungen für Vertreter bestimmter Lehrtätigkeiten in Verbindung. Hartmut Stegemann verstand den Namen als Hinweis auf Jesu Zugehörigkeit zum Kreis Johannes des Täufers: Johannes und seine Anhänger seien spöttisch „die Bewahrer“ genannt worden. Diese unterschiedlichen Deutungen zeigen, dass die genaue ursprüngliche Bedeutung nicht geklärt ist.
Die judenchristlichen Nazoräer
Die Nazoräer waren eine frühjüdisch-christliche beziehungsweise judenchristliche Gruppierung der Spätantike. Eine judenchristliche Gruppe erkannte Jesus als Messias an, hielt aber zugleich an jüdischen Gesetzen und Traditionen fest. Die Nazoräer befolgten insbesondere das Gesetz der Tora und legten möglicherweise große Teile des Neuen Testaments aus jüdischer Sicht aus. Sie dürfen nicht mit den Nasiräern des Tanach beziehungsweise Alten Testaments verwechselt werden.
Die Quellenlage ist knapp und teilweise widersprüchlich. Die Nazoräer wurden häufig mit den Ebioniten verwechselt. Anders als diese lehnten sie vermutlich weder die jungfräuliche Geburt Jesu ab noch verstanden sie Jesus ausschließlich als Menschen. Um 404 schrieb Hieronymus an Augustinus, die Nazoräer glaubten an Jesus Christus, an seine Geburt durch Maria sowie an Kreuzigung und Auferstehung, befolgten aber gleichzeitig jüdische Regeln.
Die meisten Nachrichten stammen von Kirchenvätern, besonders von Epiphanius von Salamis im 4. Jahrhundert. Er berichtet von Nazoräern in Syrien, in der Decapolis um Pella, in Batanäa um Kochabe sowie in Bereia, dem heutigen Aleppo, und im Gebiet um Basan. Nach seiner Darstellung sah sich die Gruppe als Nachfolger jener Juden, die kurz vor der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 aus Jerusalem geflohen waren. Ihre messianischen, also christlichen Lehren betrachteten sie nicht als Widerspruch zu ihrer weiterhin praktizierten jüdischen Religion. Spuren der Gruppe lassen sich bis ins 5. Jahrhundert verfolgen.
Die patristische Literatur, also die christliche Theologie und Philosophie der Kirchenväter vom 1. bis zum 7. beziehungsweise frühen 8. Jahrhundert, verwendet die Namen allerdings nicht einheitlich. Hieronymus zitierte um 395 aus dem Nazaräerevangelium der „Nazarener“ von Berea. Epiphanius unterschied zudem zwischen unterschiedlich bewerteten Gruppen und erwähnte eine angeblich vorchristliche jüdische Gemeinschaft namens Nasaraioi, aus der später die Mandäer hervorgegangen seien. Diese Angaben erlauben wegen ihrer Unschärfe keine eindeutige Abgrenzung aller genannten Gruppen.
Bezeichnungen für religiöse Gemeinschaften
Für die Anhänger Jesu verwendet das Neue Testament dreimal das Wort Christianoi („Christen“), nach Apg 11,26 erstmals in Antiochia. Nazoraioi („Nazoräer“) bezeichnet sie dort nur einmal: In Apg 24,5 beschuldigt der römische Ankläger Tertullus Paulus von Tarsus, ein Anführer der „Sekte der Nazoräer“ zu sein und unter den Juden Unruhe zu stiften.
Juden, die Jesus nicht als „den Christus“ bezeichnen wollten, verwendeten nach Tertullian und Eusebius häufig „Nazarener“ für Christen. Das hebräische nōṣrīm (נצרים) ist bis heute eine Bezeichnung für Christen; auch Jesus wird entsprechend bezeichnet. Franz Delitzsch übersetzte Christianoi in seinem hebräischen Neuen Testament dagegen mit „Messianische“.
In der arabischen Welt und im Koran heißen Christen bis heute Naṣārā; die Einzahl lautet naṣrānī. Der Plural wird als syrisch-aramäische Ableitung von Nazaret verstanden. Syrische und arabische Christen verwenden daneben die Selbstbezeichnung masīḥī. In der mandäischen Schrift Haran Gawaitha ist „Nazoräer“ auch als Bezeichnung für Mandäer überliefert.
Im Juni 2014 markierten Mitglieder der Organisation Islamischer Staat in den von ihnen kontrollierten Gebieten des Irak Häuser von Christen mit dem arabischen Buchstaben Nūn (ن), dem Anfangsbuchstaben von naṣrānī. Seit dem 18. Jahrhundert wird der Name „Nazarener“ außerdem von evangelikalen Freikirchen verwendet.