Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Großstadtlyrik
Großstadtlyrik bezeichnet Lyrik, die das Leben in einer Großstadt thematisch behandelt und/oder in ihrer Form von diesem geprägt ist.
Inhalt4 Abschnitte
Begriff und Merkmale
Großstadtlyrik ist Lyrik, die das Leben in einer Großstadt thematisiert und/oder deren Form durch Erfahrungen des städtischen Raums geprägt ist. Die Großstadt ist somit nicht nur Gegenstand, sondern kann auch die sprachliche und formale Gestaltung eines Gedichts beeinflussen.
Typische urbane Erfahrungen sind Pluralismus, also das Nebeneinander verschiedener Lebensweisen und Perspektiven, Simultanität, also das gleichzeitige Auftreten vieler Eindrücke, sowie Vermassung und Anonymisierung. Solche neuartigen und oft widersprüchlichen Wahrnehmungen fördern moderne Darstellungsweisen. Dazu gehören die Polyperspektivität, bei der mehrere Blickwinkel zusammenkommen, und das Fragment, das Wirklichkeit nur ausschnitthaft oder bruchstückhaft zeigt.
Entwicklung im deutschsprachigen Raum
Die deutschsprachige Großstadtlyrik entwickelte sich bereits in den 1880er Jahren während des Naturalismus; der Begriff selbst entstand um 1900. Naturalistische Autoren wie Otto Erich Hartleben und Johannes Schlaf stellten anhand der Großstadt moderne Lebensgefühle und Wahrnehmungen dar. Im Mittelpunkt standen Vermassung, soziales Elend und das gegenüber seinen Lebensbedingungen ohnmächtige Individuum. Die Naturalisten bemühten sich dabei um eine möglichst objektive Darstellung.
1903 veröffentlichte Heinz Möller die erste Anthologie zur Großstadtlyrik. Sie enthielt jedoch überwiegend Gedichte aus Gegenbewegungen zum Naturalismus, die sich stärker am individuellen Empfinden orientierten. Erst die zweite deutschsprachige Lyrikanthologie nahm vor allem naturalistische Gedichte auf.
Expressionistische Großstadtlyrik erschien 1920 in der Sammlung „Menschheitsdämmerung“. Im Expressionismus wurde die Stadt zum Zentrum subjektiver Bewusstseinsstrukturen. Frühe Gedichte von Gottfried Benn oder Georg Trakl verbanden den städtischen Erfahrungsraum sowohl mit Endzeitgefühlen als auch mit Fortschrittsvisionen.
Eine weitere Anthologie von 1931 enthielt unter anderem Gedichte von Bertolt Brecht, Erich Kästner und Joachim Ringelnatz. Die Autoren der Neuen Sachlichkeit behandelten politische, soziale und wirtschaftliche Themen mit Blick auf Aktualität und praktische Anwendbarkeit. Diese Zeit gilt als Hochphase der Großstadtlyrik und brachte auch Autoren wie Mascha Kaléko hervor. Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten endete diese Phase. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Großstadt erneut zum lyrischen Thema und stand nun symbolisch für die vom Krieg hinterlassenen Ruinenfelder.
Neuere Entwicklungen und europäischer Zusammenhang
An der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert wurden Themen und Formen der Großstadtlyrik erneuert und erweitert. Ende der 1980er Jahre aktualisierte Durs Grünbein die traditionelle Großstadtlyrik mit seinen Berlin-Gedichten. Thomas Kling verwandelte in sprachbewussten Texten die Stadtlandschaft in eine Sprachlandschaft und setzte dies besonders anhand von Düsseldorf, Köln und Wien um. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts verschiebt sich der Blick vom Lokalen zum Globalen: Neuere Großstadtlyrik betrachtet den urbanen Raum verstärkt in seiner weltweiten Dimension.
In Europa setzte die Modernisierung im Verlauf des 18. Jahrhunderts ein und war mit zunehmender Verstädterung verbunden. Da diese Prozesse zuerst England und Frankreich erfassten, wurden besonders London und Paris früh Gegenstände englisch- und französischsprachiger Lyrik. Charles Baudelaire gilt manchen aufgrund seines Gedichts „Spleen de Paris“ von 1859 als erster Großstadtlyriker der Weltliteratur. Die deutschsprachige Entwicklung begann später, entsprechend der gegenüber England und Frankreich verzögerten Industrialisierung und Verstädterung.
Florian A. Henke betont am Beispiel französischsprachiger Großstadtlyrik die formale Wirkung des urbanen Raums. Die komplexe Wirklichkeit der Stadt lasse sich sprachlich nicht mehr eindeutig festlegen. Dynamisiertes Sehen und neue Wahrnehmungsformen führten zu Kontextsimultaneität, also dem gleichzeitigen Auftreten verschiedener Zusammenhänge, zu Polyperspektivität und zum Fragment. Im Text überlagern sich dadurch Wahrnehmung und Reflexion.
Kritische Einschätzungen und Beispiele
Die Bedeutung gegenwärtiger Großstadtlyrik wird unterschiedlich beurteilt. Ellen Lissek-Schütz bezeichnete sie 1989 als „langweilig“. Waltraud Wende sah sie dagegen weiterhin als „Impulsgeber für eine reiche Palette poetischer Artikulationsversuche“. Burkhard Meyer-Sickendiek schlug vor, die stark vom Expressionismus geprägten Bewertungskriterien zu verändern. Besonders das Konzept der „Ich-Dissoziation“, also der Auflösung oder Spaltung des wahrnehmenden Ichs, solle bei postmoderner Lyrik durch Vorstellungen einer stärker „immersiven“ Erfahrung ersetzt werden, bei der das Individuum in den urbanen Raum eintaucht.
Rainer Maria Rilke hebt die Bedeutung vielfältiger Stadterfahrungen für das Dichten hervor: „Um eines Verses willen, muß man viele Städte sehen[.]“
Erich Kästner stellt dagegen die Bedeutungslosigkeit des Einzelnen in der Metropole heraus: „Er saß in der großen Stadt Berlin | an einem kleinen Tisch. | Die Stadt war groß, auch ohne ihn. | Er war nicht nötig, wie es schien. | Und rund um ihn war Plüsch.“