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Meistererzählung
Eine Meistererzählung oder Metanarrativ (französisch: méta récit; englisch: grand narrative) ist eine Erzählperspektive über die Vergangenheit, die für lange …
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Begriff und Bedeutung
Eine Meistererzählung oder ein Metanarrativ ist eine über längere Zeit vorherrschende Erzählperspektive auf die Vergangenheit. Sie ordnet historische Ereignisse zu einer zusammenhängenden Geschichte und prägt, wie eine kulturelle Gemeinschaft ihre Vergangenheit und ihre Identität versteht.
Frank Rexroth bezeichnet Meistererzählungen als „Chiffren für Glaubenswahrheiten aller Art, die unbefragt hingenommen werden“. Nach Konrad Jarausch und Martin Sabrow handelt es sich um eine „kohärente, mit einer eindeutigen Perspektive ausgestattete und in der Regel auf den Nationalstaat ausgerichtete Geschichtsdarstellung, deren Prägekraft nicht nur innerfachlich schulbildend wirkt, sondern öffentliche Dominanz erlangt“. Gemeint ist damit die zu einer bestimmten Zeit in einer kulturellen Gemeinschaft dominante Erzählweise des Vergangenen.
Thomas Haye nennt vier grundlegende Strukturmerkmale: Serialität, also die Anordnung in einer Folge; Linearität, also ein geradliniger Verlauf; Eindimensionalität des Erzählten, also die Konzentration auf eine bestimmende Sichtweise; und Teleologie, also die Deutung der Geschichte von einem angenommenen Ziel her. Nach Jörn Rüsen beantworten Meistererzählungen Fragen nach der kulturellen Identität.
Kritik an traditioneller Geschichtsschreibung
Seit den späten 1970er Jahren wird der Begriff in Disziplinen verwendet, die sich mit Vergangenheit und Moderne beschäftigen. Hayden White zeigte, dass die Arbeiten von Historikern des 19. Jahrhunderts nicht nur wissenschaftliche Erklärungen enthalten, sondern zugleich erzählerisch gestaltet sind.
Claude Lévi-Strauss stellte bei seinen Untersuchungen zum Kolonialismus in Mittel- und Lateinamerika die schriftlichen Erzählungen der Kolonialherren („master narratives“) den mündlichen Überlieferungen der Unterprivilegierten („slave narratives“) gegenüber. Die schriftlichen Quellen waren fast ausschließlich aus der Perspektive der Herrschenden verfasst. Damit wurde deutlich, dass historische Darstellungen von Machtverhältnissen und bestimmten Blickwinkeln geprägt sein können.
Historiker der Annales-Schule bewerteten den Erzählcharakter der Geschichtsschreibung grundsätzlich als vor- oder unwissenschaftlich. Marc Bloch stellte der traditionellen „Erzählung“ die „Analyse“ und den „Vergleich“ gegenüber. Jacques Le Goff bezeichnete die „traditionelle politische Geschichte“ als einen „Kadaver, den es noch zu töten gilt“.
Bei der Dekonstruktion, also der kritischen Zerlegung und Überprüfung einer Meistererzählung, müssen ganze Themen und Probleme neu diskutiert werden. Häufig erhält ein zuvor besonders hervorgehobenes Phänomen anschließend einen bescheideneren Platz in einem größeren Zusammenhang. Neuere Ansätze versuchen daher, den Begriff nicht nur als Kampfinstrument gegen ältere Geschichtsbilder, sondern als wissenschaftliches Werkzeug zur Untersuchung der Praxis der Geschichtsschreibung zu verwenden.
Mittelalterbilder und ihre Korrektur
Ein wichtiges Beispiel ist die Meistererzählung vom Frühmittelalter als archaischer, finsterer und ungebildeter Zeit. Humanisten prägten das Wort „Mittelalter“ für die Epoche zwischen Antike und Renaissance und deuteten sie vor allem negativ als „finsteres Mittelalter“. Klöster galten dabei als letzte Inseln der Schriftkultur. Jacques Le Goff bestritt 1957 sogar grundsätzlich eine Intellektualität des Frühmittelalters: Bücher seien als Bußübung abgeschrieben worden, nicht um gelesen zu werden. Rosamond McKitterick zeigte dagegen anhand von 7000 erhaltenen karolingischen Handschriften, dass Schriftlichkeit auch unter Laien verbreitet war. Otto Gerhard Oexle betonte den „instrumentalen Charakter“ solcher Mittelalterbilder: Sie seien weniger Aussagen über das Mittelalter als über die jeweilige Moderne.
Das Frühmittelalter wurde außerdem als Zeit nationaler Ursprünge dargestellt. Formulierungen wie „the making“, „die Geburt“ oder „la naissance“ in Buchtiteln zeigen diese Sichtweise; die Suche nach nationalen Anfängen richtete sich häufig auf die Völkerwanderungszeit.
Nationalliberale Historiker des 19. Jahrhunderts erklärten die verspätete Entstehung des deutschen Nationalstaates mit Entwicklungen des Mittelalters. Das Reich der Ottonen, Salier und Staufer erschien als mächtige europäische Vormacht. Danach hätten die Fürsten den König und die Zentralgewalt geschwächt, sodass das Spätmittelalter seit dem 13. Jahrhundert als Zerfallszeit galt. Bis in die ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik wurde die römisch-deutsche Kaiserzeit bis zum Ende der Staufer als glorreiche Vergangenheit beschrieben.
Neuere Forschung relativierte dieses Bild. Die Fürsten waren am Fortbestand des Reiches interessiert, und ihre Verantwortung für das Reich verstärkte sich im 10. und 11. Jahrhundert. Gerd Althoff zeigte, dass die frühmittelalterliche Gesellschaft ausgearbeitete „Spielregeln“ zur Konfliktführung und Gewaltvermeidung besaß. Das Verhältnis zwischen König und Großen beruhte teilweise auf Konsens. Bernd Schneidmüller bezeichnete dies als konsensuale Herrschaft und korrigierte damit das ältere Bild eines starken, allein bestimmenden Königs- und Kaisertums.
Althoff entwarf zudem das Modell einer ottonischen „Königsherrschaft ohne Staat“: Sie kam weitgehend ohne Schriftlichkeit, feste Institutionen, geregelte Zuständigkeiten, Instanzenzüge und Gewaltmonopol aus. Rituale, Gesten und Spielregeln hielten das Reich zusammen. Johannes Fried stellte für Herrscher und Gelehrte der Karolingerzeit ein fehlendes Staatsbewusstsein fest. Walter Pohl forderte, das Frühmittelalter nicht nur im Verhältnis zu anderen Epochen zu deuten, sondern „aus sich selbst heraus zu verstehen, in all seiner Vielfalt und Widersprüchlichkeit“.
Spätestens nach den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 wurde die ältere Erzählung vom abendländisch-christlichen Mittelalter durch eine Perspektive ergänzt, die das Mittelalter als Mit- und Gegeneinander dreier monotheistischer Kulturen beschreibt.
Weitere Formen und Anwendungsfelder
Meistererzählungen treten in vielen Bereichen auf und verändern ihre Bedeutung mit der jeweiligen Gegenwart. Seit Edward Gibbons The History of the Decline and Fall of the Roman Empire wurde der Untergang Roms vor allem als erklärungsbedürftiger „Fall“ behandelt. Alexander Demandt bündelte 1984 die in der Forschung genannten Ursachen.
Rolf Hammel-Kiesow zeigte, wie die Hanse jeweils anders zur Sinnstiftung verwendet wurde: in den ersten Jahren des Deutschen Kaiserreiches als „Statthalter des Reichs und Vorläufer des deutschen Nationalstaats im Norden“, unter Wilhelm II. als Ausdruck „deutscher Flottenherrlichkeit zur See“, in der nationalsozialistischen Geschichtsschreibung als Teil der „Ausdehnung des deutschen Lebensraumes nach Osten“ und in der DDR als Beispiel für die „geschichtsbildende Rolle der Volksmassen“. Nach Michail A. Bojcov folgte die Darstellung der russischen Geschichte in sowjetischer wie postsowjetischer Zeit der Grundstruktur eines Zaubermärchens, die russische Historiker im 19. Jahrhundert aus Frankreich übernommen hatten.
Auch Literaturgeschichten beruhen auf solchen Großdeutungen. Die lateinische Literatur des Mittelalters galt wahlweise als Ideengeber der volkssprachlichen Literatur, Grundlage europäischer Einheit, Bestandteil einer neuen Epoche oder Hindernis auf dem Weg zur aufgeklärten Moderne. Thomas Haye verweist auf typische Gegensätze wie „modern“ und „archaisch“, „fortschrittlich-innovativ“ und „konservativ-traditionell“ sowie „antikisierend“ und „genuin mittelalterlich“. Häufig beschreiben biologistische Metaphern Literatur als Wachstum, Blüte und Absterben. Wilhelm Scherer nahm 1863 einen regelmäßigen Wechsel von Blüte und Niedergang im Abstand von 300 Jahren an und setzte Höhepunkte um 600, 1200 und 1800 an. Dieses Modell blieb lange einflussreich.
Die marxistische Meistererzählung bot eine alternative Sicht auf die Vergangenheit. Sie sollte die Erinnerung an die Kämpfe der Arbeiterklasse bewahren und vermittelte dem Proletariat durch einen fortschrittsorientierten Handlungsverlauf Hoffnung: Trotz aller Rückschläge galt der Fortschritt der Menschheit als unaufhaltsam.