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Neuhumanismus

Neuhumanismus bezeichnet die Wiedererweckung der (literatur-)humanistischen Bewegung etwa ab 1750 in Deutschland. Den Begriff prägte der Schulhistoriker …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Grundidee
  2. 2. Entstehung im 18. Jahrhundert
  3. 3. Abgrenzung zur Aufklärungspädagogik
  4. 4. Bildungsprogramm und Schulreform
  5. 5. Sprache, Griechisch und ganzheitliche Bildung
  6. 6. Wirkungen und Kritik

Begriff und Grundidee

Neuhumanismus bezeichnet die Wiedererweckung der literaturhumanistischen Bewegung etwa ab 1750 in Deutschland. Der Begriff wurde 1885 vom Schulhistoriker Friedrich Paulsen geprägt. Im Mittelpunkt stand die Vorstellung, dass der Mensch durch Bildung zu einer harmonischen Entfaltung seiner geistigen und seelischen Kräfte gelangen könne.

Der Neuhumanismus knüpfte an den klassischen Humanismus des späten Mittelalters und der Renaissance an. Dieser hatte sich intensiv mit römischer und griechischer Literatur beschäftigt und die Antike als Vorbild für menschliche Bildung verstanden. Während im älteren Humanismus das Lateinische und besonders Cicero eine zentrale Rolle spielten, rückte der Neuhumanismus stärker die griechische Sprache und Kultur in den Vordergrund. Die Antike, besonders Griechenland, galt als Ideal einer umfassenden menschlichen Bildung.

Entstehung im 18. Jahrhundert

Mehrere Entwicklungen führten zur Entstehung des Neuhumanismus. Altphilologen wie Johann Matthias Gesner, Johann August Ernesti, Christian Gottlob Heyne und Friedrich August Wolf erneuerten die Altertumswissenschaft. Wolf wurde unter anderem durch die Homerische Frage bekannt, also durch die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Entstehung der homerischen Epen.

Auch die Kunstgeschichte und Archäologie wirkten mit: Johann Joachim Winckelmann prägte 1755 eine idealistische Sicht auf die griechische Kunst. Zugleich wurde die Idee der „Humanität“ zu einem zentralen Anliegen der deutschen Klassik. Autoren wie Gotthold Ephraim Lessing, Johann Gottfried Herder, Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller und Friedrich Hölderlin suchten, angeregt durch Rousseaus Frage nach der menschlichen „Natur“, wieder den Bezug zur Antike und besonders zu den Griechen. Diese Griechenbegeisterung wird Philhellenismus genannt.

In Preußen gab Friedrich Gedike dem altsprachlichen Unterricht eine neue Ausrichtung, unter anderem am Friedrich-Werderschen Gymnasium und am Berlinischen Gymnasium zum Grauen Kloster. Wilhelm von Humboldt entwickelte 1793 in „Über das Studium des Alterthums und des Griechischen insbesondere“ die Vorstellung, griechische Sprache und Kultur könnten ein Weg zu mustergültigem Menschsein sein. Für Teile des deutschen Bürgertums bot der Neuhumanismus außerdem eine Chance auf gesellschaftliche Emanzipation durch persönliche Bildung.

Abgrenzung zur Aufklärungspädagogik

Der Neuhumanismus entstand auch als Gegenbewegung zu Tendenzen der Aufklärung. Die fortschrittsbewusste Aufklärung verringerte den maßgeblichen Stellenwert der Antike zugunsten moderner Wissenschaft und Literatur. Sprachlich zeigte sich dies in der wachsenden Vorherrschaft des Französischen in Westeuropa.

In der deutschen Schulpädagogik, besonders im Philanthropismus, wurde die einseitige Dominanz der alten Sprachen kritisiert. Gefragt wurde stärker nach dem Nutzen des Unterrichts für die Entwicklung Jugendlicher und für die Gegenwart. Der Schulkanon wurde in Richtung Nützlichkeit, Gegenwartsbezug und teilweise auch Standes- und Berufserziehung verändert. Der Neuhumanismus stellte dem die Idee entgegen, dass Bildung nicht zuerst nach praktischem Nutzen oder beruflicher Verwertbarkeit beurteilt werden solle.

Bildungsprogramm und Schulreform

Friedrich August Wolf formulierte das neuhumanistische Ideal mit den Worten: „Studia humanitatis … umfassen alles, wodurch rein menschliche Bildung und Erhöhung aller Geistes- und Gemütskräfte zu einer schönen Harmonie des inneren und äußeren Menschen befördert wird.“ Damit meinte er eine Bildung, die den ganzen Menschen formen sollte, nicht nur einzelne berufliche Fähigkeiten.

Nach dem politischen Zusammenbruch des Heiligen Römischen Reiches zogen Friedrich Immanuel Niethammer in Bayern 1808 und Wilhelm von Humboldt in Preußen Konsequenzen für das Bildungswesen. Humboldt wurde 1809 im Zuge der Preußischen Reformen für 16 Monate Leiter der Sektion des Kultus und der Bildung. In seinem Königsberger und Litauischen Schulplan entwarf er ein neues Bildungskonzept. Daraus entstand das humanistische Gymnasium, das im 19. Jahrhundert den Zugang zur Universität wesentlich regelte.

1810 gründete Humboldt die Berliner Universität. Sie sollte den Bildungsgang fortsetzen und zugleich ein Modell für eine neue Wissenschaftskonzeption sein. Dort wurde auch der neue Beruf des Gymnasiallehrers durch das Studium der Klassischen Philologie vorbereitet. Das 1810 eingeführte „examen pro facultate docendi“ gilt als Vorläufer des heutigen Staatsexamens. Zu Humboldts Mitstreitern gehörten unter anderem Johann Wilhelm Süvern, August Ferdinand Bernhardi, Reinhold Bernhard Jachmann und Friedrich Schleiermacher.

Sprache, Griechisch und ganzheitliche Bildung

Im Zentrum des neuhumanistischen Programms stand die Individualität jedes Einzelnen. Bildung sollte ganzheitlich sein und nicht unmittelbar nach gesellschaftlichen oder aktuellen Bedürfnissen ausgerichtet werden. Sprache galt als Zentrum des Menschseins. Durch formale sprachliche Bildung sollte der Mensch zu sich selbst gelangen.

Besonders wichtig war das Lernen der alten Sprachen, vor allem des Griechischen. Nach Humboldt konnten diese Sprachen die Strukturen von Sprache besonders rein zeigen. Deshalb sollte ihr Studium nicht nur für Gelehrte nützlich sein, sondern grundsätzlich für jeden Menschen, sogar für einen künftigen Tischler. In der späteren Schulgeschichte blieb dieser Anspruch allerdings weitgehend theoretisch.

Über die griechische Sprache sollte der Lernende außerdem Zugang zu einer als ideal verstandenen Kultur erhalten. Diese Kultur wurde als geistige Inspirationsquelle und als Gegenbild zu einer zerrissenen, gefährdeten und antihumanen Gegenwart gesehen. Humanistische Bildung sollte Freiheit ermöglichen und den Menschen befähigen, dem bloß Aktuellen geistig zu widerstehen. Berufliche Ausbildung sollte nach Humboldt erst später erfolgen. Im humanistischen Gymnasium standen daher die alten Sprachen im Vordergrund. Aus praktischen schulischen Gründen wurde aber bald wieder Latein vor Griechisch gestellt, besonders durch die Süvernsche Reform von 1816/19.

Wirkungen und Kritik

Das humanistische Gymnasium behielt im deutschsprachigen Raum trotz seiner Distanz zur modernen Welt lange hohes Prestige, teilweise bis in die Gegenwart. Auch im übrigen Europa blieb klassische Bildung anerkannt, obwohl sie im Schulwesen stärker zurückging. Positiv wurde hervorgehoben, dass antike Texte helfen konnten, die eigene Zeit aus kritischer Distanz zu betrachten und ihre Maßstäbe zu relativieren.

Viele ursprüngliche Ziele des Neuhumanismus gingen im 19. Jahrhundert bei der praktischen Schulpolitik verloren. Staat und Eltern setzten häufig andere Ansprüche durch, etwa Untertanengeist, Nationalismus, Kostensenkung und Nützlichkeit. Friedrich Nietzsche kritisierte diese Entwicklung früh. Viele Schüler erlebten das Gymnasium als pedantische und lebensferne Paukschule. Im 20. Jahrhundert stellte die Reformpädagogik Alternativen dazu auf.

Ein wichtiger Einschnitt war die Abschaffung des lateinischen Schulaufsatzes 1890, auf die Kaiser Wilhelm II. persönlich Einfluss nahm. Das Zugangsmonopol des humanistischen Gymnasiums zu allen Universitätsstudiengängen endete in Preußen erst 1900. Seitdem erhielten auch Absolventen des Realgymnasiums und der Oberrealschule mit weniger oder ohne Lateinunterricht ein allgemein anerkanntes Abitur.

Grundsätzlich wurde der Neuhumanismus wegen seines aristokratisch-elitären Zuges kritisiert. Da höhere Bildung faktisch vielen jungen Menschen nicht offenstand, konnte Bildung zu einem äußeren Unterscheidungsmerkmal gegenüber den „Massen“ werden und gesellschaftliche Ausgrenzung verstärken. Kritisiert wurde außerdem die Orientierung an einem später als verfehlt angesehenen Bild der Antike, das durch die Altertumswissenschaft stark revidiert wurde. Im industriellen Zeitalter schien diese Bildung vielen kaum real-praktischen Wert zu besitzen, besonders für die Naturwissenschaften. Aus diesen kamen daher scharfe Kritiker, wobei bedeutende Naturwissenschaftler wie Planck, Heisenberg oder Weizsäcker auch gegenteilige Ansichten vertraten. Weitere Kritik betraf den Verbalismus, also die starke Konzentration auf Sprache, und die formale Bildungsauffassung, die Sprache gegenüber Realien und aktiver Kommunikation in den Mittelpunkt stellte. Der Fachdidaktiker Friedrich Maier löste später eine Kontroverse aus, als er die pädagogische Wirkung der humanistischen Gymnasien im NS-Staat teilweise bezweifelte.

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