Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Musik der Türkei
Obwohl türkische Volksmusik einige Spuren zentralasiatischer Turkkulturen enthält, wurde sie auch stark durch viele andere Kulturen in der Region beeinflusst.
Inhalt5 Abschnitte
Vielfalt und historische Grundlinien
Die Musik der Türkei ist besonders vielfältig, weil das Land geografisch an einer Kreuzung verschiedener Kulturen liegt und auf die multikulturelle Geschichte des Osmanischen Reiches zurückgeht. Türkische Nomaden brachten Musiktraditionen aus Zentralasien nach Anatolien und verbanden sie mit Einflüssen aus persischer, byzantinischer und anderen regionalen Musikkulturen. Ab dem 16. Jahrhundert ist eine eigenständige osmanische Musiktradition nachweisbar. Gegen Ende des Osmanischen Reiches und mit der republikanischen Kulturpolitik kamen europäische mehrstimmige Musikstile hinzu.
Traditionell werden zwei große Bereiche unterschieden: türkische Kunstmusik (Türk Sanat Müziği) und türkische Volksmusik (Türk Halk Müziği). Die Kunstmusik entstand vor allem im Umfeld der osmanischen Elite. Sie wurde stark von islamischer, arabischer und persischer Musik beeinflusst und enthält außerdem Spuren indischer Musik sowie der griechisch-römischen Geschichte der Region. In der osmanischen Zeit galt sie als die authentische türkische Musik, während Volksmusik teilweise, unter anderem aus religiöser Intoleranz, unterdrückt wurde.
Die Volksmusik entwickelte sich in türkischsprachigen ländlichen Gemeinden Anatoliens, des Balkans und des Nahen Ostens. Sie enthält zwar Elemente zentralasiatischer Turkkulturen, wurde aber ebenfalls stark von den Kulturen der jeweiligen Regionen geprägt.
Nach der Gründung der Republik Türkei im Jahr 1923 sollte die Volksmusik als „eigenständige Musik des Anatoliens“ wiederbelebt werden. Die als elitär betrachtete osmanische „Palastmusik“ wurde zunächst weniger gefördert. Gleichzeitig führte die Republik westliche klassische Musik ein und unterstützte die Ausbildung türkischer Komponisten. In den 1920er und 1930er Jahren wurden auch Tango, Rumba und Foxtrott mit türkischen Texten populär. Von 1934 bis 1936/37 war türkische Volksmusik im Rundfunk verboten.
Klassische, religiöse und militärische Traditionen
Die traditionelle türkische klassische Musik verwendet überwiegend das System des Makam. Ein Makam ist ein System aus Tonarten beziehungsweise Tonleitern, Kompositionsregeln und festgelegten Möglichkeiten der Improvisation. Improvisierte Abschnitte heißen Taksim. Eine klassische Suite besteht aus Präludium, Postludium und einem Hauptteil; sie beginnt mit einem Taksim und wird durch weitere Taksim-Abschnitte unterbrochen. Auch Lieder gehören zu dieser Tradition. Einige stammen aus dem 14. Jahrhundert, während Stücke von Hacı Arif Bey (1831–1885) besondere Popularität erlangten.
Typische Instrumente sind Oud, Tanbur, Ney, Kanun und Darbuka. 1976 erlebte die türkische klassische Musik eine Renaissance. In Istanbul wurde ein Staatskonservatorium gegründet, damit klassische Musiker eine ähnliche Unterstützung wie Volksmusiker erhielten. Die Musik wird an Konservatorien unterrichtet; als besonders angesehen gilt das Üsküdar Musiki Cemiyeti in Istanbul. 1991 entstand mit Unterstützung des türkischen Kultusministeriums das Staatsensemble für klassische türkische Musik, das auch traditionelle Lieder der Sufi-Orden pflegt.
Religiöse Musik entwickelte sich unter der osmanischen Ulema, die instrumentaler Musik feindlich gegenüberstand, zunächst vor allem als mündliche Rezitation. Beispiele sind verschiedene Formen des Adhan und des Mevlids. Die Sufis waren Instrumentalmusik gegenüber aufgeschlossener und verwendeten in religiösen Zeremonien unter anderem Ney, die Doppeltrommel Kudüm und Saz. Besonders wichtig sind Gesänge zu Gedichten Dschalal ad-Din Rumis. Die langen, komplexen Kompositionen der Mevlevi-Derwische heißen Ayın.
Die Janitscharenmusik, türkisch Mehter müziği, war eine frühe Form der Militär- und Repräsentationsmusik der osmanischen Sultane. Sie wurde von der Mehterhâne gespielt, 1826 im Zuge einer Reform abgeschafft und durch Kapellen mit europäischem Instrumentarium ersetzt. Heute erklingt sie vor allem bei historischen Anlässen und als touristische Attraktion.
Volksmusik, Aleviten und Roma
Die türkische Volksmusik ist regional sehr unterschiedlich. Auf Anweisung Atatürks begann 1924 die systematische Einordnung und Archivierung von Aufnahmen aus Anatolien; bis 1953 wurden 10.000 Volkslieder gesammelt. Béla Bartók besuchte 1936 im Zusammenhang mit dieser Arbeit Ankara und den Südosten der Türkei.
Das wichtigste Volksmusikinstrument ist die Saz oder Bağlama, ein Zupfinstrument aus der Familie der Langhalslauten. Traditionell wird sie von reisenden Barden gespielt, die Aşık genannt werden. Heute bilden Sazorchester, teilweise zusammen mit importierten Gitarren, Bassgitarren und Schlagzeug, die Grundlage der populären Form Türkü. Bei Hochzeiten und anderen Feiern auf dem Land treten häufig Zurna und Davul als Duo auf. Weitere Instrumente sind Mey, Tulum, Elektrosaz, Darbuka und Kemençe. Volksmusik begleitet oft regionale Tänze, darunter Çiftetelli in Thrakien, Zeybek in der Ägäis, Horon an der Schwarzmeerküste sowie Halay in Ost- und Südostanatolien.
Etwa ein Fünftel der türkischen Bevölkerung sind Aleviten. Zu ihrer Musik gehören das Semah-Tanzritual und Deyiş-Lieder. Diese Lieder stammen häufig aus dem zentralen Nordosten der Türkei und enthalten mystische Offenbarungen, Bittgebete an alevitische Heilige sowie Bezüge zu Mohammeds Schwiegersohn Ali. Viele werden der Überlieferung um Pir Sultan Abdal zugeschrieben. In den frühen 1970er Jahren belebte Ruhi Su die Musik der Aşıks wieder; Künstler wie Mahsuni Şerif, Aşık Veysel und Ali İzzet verarbeiteten auch sozialpolitische Texte. Der Bozlak aus Westanatolien ist eine teilweise improvisierte Vortragsmusik, für die Neşet Ertaş bekannt ist.
Die Roma sind in der Türkei für ihr Musikantentum bekannt. Ihre Musik heißt Fasil und wird häufig mit der unteren Gesellschaftsschicht verbunden, ist aber auch in gehobenen Einrichtungen vertreten. Typische Instrumente sind Zurna und Darbuka; als berühmtester Fasil-Musikant gilt Mustafa Kandirali.
Westliche klassische Musik und kultureller Austausch
Türkische Musik beeinflusste im 18. Jahrhundert europäische Komponisten. Besonders die starken Rollen von Blechbläsern und Schlaginstrumenten in den Janitscharenkapellen wirkten anregend. Joseph Haydn bezog türkische Instrumente in seine Militärsinfonie und einige Opern ein. Ludwig van Beethoven verwendete sie in der 9. Sinfonie, Mozart in der Rondo alla turca und in weiteren Opernmotiven. Dieser zunächst modische Einfluss führte dazu, dass Becken, Basstrommel und Glocke in das Symphonieorchester aufgenommen wurden. Dave Brubecks Blue Rondo à la Turk ist später eine Hommage an Mozart und türkische Musik.
Der Einfluss europäischer klassischer Musik auf die Türkei ist dagegen erst im 19. Jahrhundert deutlich nachweisbar. 1826 wurden die Mehter-Kapellen aufgelöst und durch die europäische Marschkapelle Muzika-yi Humayun ersetzt. Giuseppe Donizetti wirkte als oberster Hofmusiker und half, westliche Musik in der Türkei zu etablieren. In Istanbul wurden italienische Opern aufgeführt; auch die Sultane des 19. Jahrhunderts gehörten zu den Zuhörern. Paul Lange leitete ab 1880 Chöre und Orchester, gründete ein Symphonieorchester und führte Werke von Beethoven und Wagner erstmals in der Türkei auf.
Nach der Republik wurden die musikalischen Institutionen neu organisiert. 1924 wurde das Imperiale Orchester nach Ankara verlegt und in Orchester der Präsidentschaft der Republik umbenannt. Ebenfalls 1924 entstand eine Akademie für Musiklehrer im westlichen Stil; 1926 wurde die Orientalische Musikschule von Istanbul in Konservatorium von Istanbul umbenannt. Türkische Nachwuchsmusiker studierten im Ausland. 1936 wurde mit Unterstützung Paul Hindemiths das Staatskonservatorium Ankara gegründet. Eine 1934 durch Bürokraten verursachte vollständige Verbannung osmanischer klassischer Musik wurde etwa ein Jahr später von Atatürk aufgehoben.
Ulvi Cemal Erkins Köçekce gilt als Beispiel für die Verbindung türkischer Volksmusik mit europäischer Polyphonie. Spätere Ensembles wie Sarband und das 2005 gegründete Pera Ensemble beschäftigen sich mit musikalischen Beziehungen zwischen Orient und Okzident sowie mit osmanischer Musik.
Moderne Genres
Westliche populäre Musik wurde in der Türkei in den 1960er Jahren als „westliche Musik mit türkischen Texten“ eingeführt. Mit der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Öffnung um 1990 wurde sie populär und prägt seither die Popkultur. Als wichtiger Meilenstein gilt Yonca Evcimiks Hit „Abone“ von 1991, einer der ersten schnellen Pop-Songs der Türkei. Türkischer Pop verbindet Einflüsse aus Arabeske, Volksmusik und Musik des Nahen Ostens; später kamen Dance- und Electro-Musik hinzu. Sezen Aksu gilt als erfolgreichster türkischer Popstar des 20. Jahrhunderts, international bekannt wurden unter anderem Tarkan und Mustafa Sandal.
Arabeske ist ein Bestandteil der türkischen Popmusik. Sie ist überwiegend arabischen Ursprungs und geht auf Raks Şarkı, also Bauchtanz-Musik, zurück. In den 1940er Jahren wurde sie durch Haydar Tatlıyay und andere Künstler populär. Ein 1948 erlassenes Verbot arabischsprachiger Musik blieb erfolglos, weil viele Menschen Radio Kairo empfingen. Ab Mitte der 1960er Jahre wurden Volksmusikelemente aufgenommen; später kamen durch Orhan Gencebay und andere Künstler Einflüsse des angloamerikanischen Rock ’n’ Roll hinzu. Durch die Landflucht in die Großstädte entstand ab den 1970er Jahren eine kulturelle Synthese. Arabeske wurde als Musik des Leides mit schwierigen ökonomischen und sozialen Lebensbedingungen verbunden.
Anadolu Rock verbindet Rockmusik mit türkischen musikalischen Elementen. Zu den bekanntesten Interpreten gehören Erkin Koray, Cem Karaca und Barış Manço. Nach dem Militärputsch von 1980 entwickelte die politische Linke die Özgün Müzik, ein gitarrenbasiertes Genre mit sanfter Singstimme, arabesken Einflüssen und ländlichen Melodien. Zülfü Livaneli wurde mit diesem Stil bekannt; die Texte waren im Allgemeinen nicht revolutionär.
Türkischer Hip-Hop entstand zunächst in Deutschland. Islamic Force veröffentlichte 1992 in Berlin-Kreuzberg eine der ersten türkischsprachigen Hip-Hop-Maxisingles. 1995 wurde die türkdeutsche Gruppe Cartel bekannt; beide Gruppen bezeichneten ihren Stil als Orientalischen Hip-Hop und verbanden Hip-Hop mit Musik des Nahen Ostens. In den 2000er Jahren waren unter anderem Ceza, Sagopa Kajmer und Dr. Fuchs erfolgreich. Seit dem Comeback der Rapmusik in der Türkei ab Ende der 2010er Jahre etablierten sich zahlreiche weitere Rapper.