Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Türkische Kunstmusik
Die türkische Kunstmusik ist stark von der klassischen arabischen und persischen Musik ... Türkische klassische Musik wird nur in Konservatorien unterrichtet. Die …
Inhalt5 Abschnitte
Einordnung und Geschichte
Die türkische Kunstmusik (Türk Sanat Müziği, kurz TSM; auch Türk Mûsikîsi „klassische türkische Musik“ oder Saray Mûsikîsi „Palast-Musik“) ist neben der türkischen Volksmusik einer der zwei Hauptzweige der türkischen Musik. Ihre Ursprünge liegen am Anfang des 14. Jahrhunderts. Sie ist stark von der klassischen arabischen und persischen Musik beeinflusst.
Ihre Geschichte wird in sechs Epochen eingeteilt: die Vorbereitende Epoche (Hazırlayıcı dönem; 1360–1435), die Frühe Klassik (İlk klasik dönem; 1640–1712), die Späte Klassik (Son klasik dönem; 1778–1846), die Neoklassik (Neoklasik dönem; 1825–1897), die Romantik (Romantik dönem; 1880–1955) und die Reform (Reform dönemi).
Tonsystem und musikalische Grundprinzipien
Ein wesentlicher Unterschied zur europäischen Musik ist die Unterteilung der Töne. Während die europäische Musik mit Ganz- und Halbtönen arbeitet, wird der Ganzton in der türkischen Kunstmusik theoretisch in neun Teiltöne, sogenannte koma, zerlegt.
Der Makam, ungefähr mit „Tonart“ oder „Tonleiter“ übersetzbar, ist ein Grundbestandteil. Das westliche G-Dur entspricht beispielsweise ungefähr der Skala Rast, g-Moll ungefähr Nihavend. Daneben gibt es Skalen, die den Kirchentonarten ähneln, sowie typisch orientalische Skalen. Insgesamt gibt es über 500 makamlar.
Jede Komposition ist zusätzlich zu ihrer melodischen Festlegung an ein rhythmisches Muster, den usul, gebunden. Charakteristisch ist die Einstimmigkeit. In der praktischen Ausführung erscheint sie als Heterophonie, bei der mehrere Stimmen dieselbe melodische Linie in leicht voneinander abweichender Form ausführen.
Formen und Instrumente
Eine wichtige improvisierte Form ist der Taksim. Dabei handelt es sich um ein kurzes Improvisationsstück vor oder innerhalb eines Liedes, das der Sänger oder ein erfahrenes Orchestermitglied hinzufügen kann. Ein gesungener Taksim heißt gazel; darin wird ein Gedicht im jeweiligen Makam vorgetragen.
Nicht improvisierte Instrumentalformen sind peşrev und saz semaîsi. Ein Aufführungszyklus, in dem instrumentale und gesungene Stücke wechseln, wird fasıl genannt.
Zu den Instrumenten gehören unter anderem Tanbur, Ud, Kanun und Ney. Die Tanbur oder Tambur ist eine seit zweitausend Jahren bekannte persische dreisaitige Langhalslaute. Die Ud ist eine Kurzhalslaute aus dem Nahen Osten und gilt als Vorläufer der europäischen Laute. Der Kanun ist der orientalische Vorläufer des Psalteriums. Die Ney ist eine Flöte mit unverwechselbarem Klang, die in der persischen, arabischen und türkischen Musik verwendet wird. Die Harfe Çeng verschwand Anfang des 18. Jahrhunderts.
Der Rhythmus hat eine große Bedeutung. Dafür werden unter anderem die Darbuka, eine Bechertrommel aus dem arabischen Raum, das Kudüm sowie große und kleine Rahmentrommeln (Def) eingesetzt, die manchmal mit Schellen (Zil) besetzt sind. Außerdem kommen Geigen, Celli, Kontrabässe, Klarinetten und weitere Instrumente zum Einsatz, die die feinen Teiltöne (koma) der türkischen Klassik erzeugen können.
Einfluss auf Europa
Der orientalische Einfluss auf die europäische Musik zeigte sich vor allem in der Militärmusik, nicht im festen Regelwerk des Makam oder in der Form des Taksim. Die osmanische Militärkapelle, auch Janitscharenkapelle genannt, machte in Europa eine neue Musikart und zuvor unbekannte Instrumente bekannt. Besonders die Verwendung von Blechbläsern und Schlaginstrumenten beeinflusste die europäischen klassischen Komponisten des 18. Jahrhunderts.
Diese Mode führte den Gebrauch von Becken, Basstrommel und Glocke in das Sinfonieorchester ein. Dadurch wurden in manchen Kompositionen dramatische und spannende Akte ermöglicht. Auch in die italienische Oper, die mit der Renaissance Ende des 16. Jahrhunderts entstand, flossen türkische Elemente ein.
Joseph Haydns Militärsinfonie und einige seiner Opern entstanden wesentlich unter dem Eindruck türkischer Instrumente. In Beethovens 9. Sinfonie wurden türkische Instrumente einbezogen. Mozarts Rondo alla turca imitiert die klirrenden Schlaginstrumente einer türkischen Janitscharenkapelle; außerdem verwendete Mozart in einigen Opern türkische Motive.
Türkische Kunstmusik heute
Türkische klassische Musik wird nur in Konservatorien unterrichtet. Die ältesten und am meisten geachteten Konservatorien befinden sich in Istanbul.
Zu den populärsten Sängerinnen zählen die verstorbenen Hamiyet Yüceses und Safiye Ayla sowie Müzeyyen Senar (geboren 1918). Senar wird „Diva der Republik“ genannt, weil sie der erste Star des türkischen Staates und nicht des Osmanischen Reiches war. Weitere bekannte Künstler sind Ahmet Özhan, Zeki Müren (verstorben 1996), Bülent Ersoy, Muazzez Ersoy, Emel Sayın, Adnan Şenses, Mustafa Keser und Hüner Coşkuner.