Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Walther von der Vogelweide

Walther von der Vogelweide (* um 1170, Geburtsort unbekannt; † um 1230, möglicherweise in Würzburg) gilt als der bedeutendste deutschsprachige Lyriker des …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Quellenlage
  2. 2. Werk und Überlieferung
  3. 3. Leben als fahrender Sänger
  4. 4. Politische Dichtung
  5. 5. Minnesang und Gattungen
  6. 6. Herkunft, Grab und Erinnerung

Bedeutung und Quellenlage

Walther von der Vogelweide (um 1170 bis vermutlich spätestens 1230) gilt als bedeutendster deutschsprachiger Lyriker des Mittelalters. Er dichtete auf Mittelhochdeutsch. Sein Geburtsort ist unbekannt; als möglicher Sterbe- und Begräbnisort wird Würzburg genannt, doch ist dies nicht gesichert.

Die einzige zeitgenössische Urkunde nennt ihn am 12. November 1203 in Zeiselmauer: Der Passauer Bischof Wolfger von Erla zahlte „Walthero cantori de Vogelweide“ fünf lange Schilling für einen Pelzmantel. Die Summe entsprach ungefähr dem Wert von Pelzmänteln für enge Mitarbeiter des Bischofs und gibt einen Hinweis auf Walthers soziale Stellung.

Weitere Angaben stammen vor allem aus seinen Dichtungen und aus Äußerungen anderer Dichter. Wolfram von Eschenbach würdigte seine Dichtung trotz Spott über seine Person; Gottfried von Straßburg nannte ihn nach Reinmar von Hagenaus Tod den größten Lyriker. Kritik kam unter anderem von Thomasîn von Zerclaere wegen Walthers papstfeindlicher Haltung und von Ulrich von Singenberg. Die Bezeichnung „Herr“ beweist keine adlige Herkunft. Der Name Vogelweide spricht eher gegen hohen Adel; zudem erscheint Walther nie als Urkundenzeuge.

Werk und Überlieferung

Überliefert sind 500 Strophen in mehr als 110 Tönen, inhaltlich etwa 90 Minnelieder und 150 Sangsprüche, außerdem ein religiöser Leich. Ein Leich ist eine besonders kunstvoll gebaute, längere Liedform. Je nach zugrunde gelegter Fassung wird dieser Leich als Dreifaltigkeits- oder Marienleich verstanden. Walthers Überlieferung gehört neben der Neidharts und Frauenlobs zu den umfangreichsten des deutschen Mittelalters.

Die wichtigste Sammlung ist die um 1300 entstandene Große Heidelberger Liederhandschrift, in der Forschung mit C bezeichnet. Sie enthält 440 Strophen und den Leich sowie das berühmte Bild Walthers, das den ersten Reichsspruch aufgreift: Walther sitzt „ûf eime steine“. Weitere wichtige Handschriften sind A, die Kleine Heidelberger Liederhandschrift, B, die Weingartner Liederhandschrift, D sowie E, die Würzburger Liederhandschrift. C wollte offenbar möglichst alles damals noch Bekannte sammeln, ist aber nicht vollständig zuverlässig: Bei mündlicher Weitergabe und beim Abschreiben konnten auch kleine Wörter verändert werden.

Ob Walther selbst Niederschriften seiner Werke veranlasste oder überwachte, ist unbekannt. Da die Überlieferung zur Entstehungszeit zu einem großen Teil mündlich war, ist sie notwendigerweise ungenau. Die erste moderne Ausgabe veröffentlichte Karl Lachmann 1827; Gedichte werden bis heute nach Seite und Zeile dieser Ausgabe zitiert.

Leben als fahrender Sänger

Biographische Schlüsse aus Gedichten sind vorsichtig zu behandeln. Das „Ich“ eines Liedes ist meist ein lyrisches Ich, also eine fiktive Figur, nicht einfach der Dichter selbst. In politischen Gedichten und Streittexten kann dieses Ich zwar stärker autobiographisch geprägt sein, bleibt aber literarisch gestaltet. Sicherer datierbar sind Werke nur, wenn sie eindeutig auf politische Ereignisse verweisen.

Walther schrieb rückblickend: „ze Ôsterrîche lernt ich singen unde sagen“. Bis zum Tod Herzog Friedrichs I. von Österreich im Frühjahr 1198 wirkte er am Wiener Hof. Danach unterstützte er den staufischen Thronkandidaten Philipp von Schwaben gegen Otto, den späteren Otto IV. Um Philipps Krönung im September 1198 in Mainz entstanden politische Sprüche; auch der erste Reichsspruch „ich saz ûf eime steine“ gehört vermutlich in diese Zeit. Spätestens 1208 schloss Walther sich Otto IV. an, kritisierte aber 1212 beim Frankfurter Reichstag dessen Geiz in den drei „Herr Kaiser“-Sprüchen.

Später wandte er sich Friedrich II. zu. Noch vor dessen Kaiserkrönung 1220 erhielt Walther ein Lehen. Damit war er nicht mehr darauf angewiesen, ständig kurzfristige Engagements als fahrender Sänger zu suchen; Lage und Art des Lehens nennt er jedoch nicht. Er hatte außerdem Verbindungen zu Höfen und Fürsten, etwa in Wien, Thüringen, Passau, Meißen, Kärnten, Köln und zu Friedrich II. Am thüringischen Hof Hermanns I. geriet er offenbar in Konflikte und verlor einen Streit um ein erschossenes Pferd gegen Gerhard Atze aus Eisenach.

Das letzte datierbare Lied ist die Elegie aus dem Herbst 1227. Sie ruft die Ritterschaft zur Teilnahme am Kreuzzug Friedrichs II. von 1228/29 auf. Daher wird Walthers Tod bald danach, vermutlich spätestens 1230, angenommen.

Politische Dichtung

Zentrales Thema ist die Reichspolitik und der Konflikt zwischen Kaiser und Papst nach dem Wormser Konkordat. Von dem Streit zwischen Philipp und Otto ab 1198 bis zum Kreuzzugsappell von 1227 stand Walther meist auf der Gegenseite des jeweiligen Papstes. Er griff zunächst Papst Innozenz III. im zweiten Reichsspruch an. Im Unmutston warf er ihm vor, für einen Kreuzzug gesammelte Gelder tatsächlich für den Ausbau des Laterans und damit für die Vorbereitung der Lateransynode von 1215 einzusetzen.

Im Kreuzzugsappell von 1227 betonte Walther, der Kreuzzug sei Sache der Ritter und der Kaiser sei sein Anführer. Hintergrund war der Streit zwischen Friedrich II. und Papst Gregor IX.: Nach einer Seuche und Friedrichs schwerer Erkrankung verschob der Kaiser den Aufbruch, während der Papst den Termin beanspruchte und Friedrich bannte. Walther blieb Gegner der päpstlichen Forderung, der Kaiser müsse dem Papst untergeordnet sein. In seinen religiösen Gedichten erscheint die Auffassung, König und Rittertum seien für Rechtsprechung und Schutz der Christenheit maßgeblich und dem Papst darin nicht unterstellt.

Ein weiteres Thema ist die Schelte geiziger Gönner. Besonders scharf verspottete Walther Markgraf Dietrich von Meißen, Kaiser Otto IV. und Herzog Bernhard von Kärnten. Ob jeweils wirklich zu geringe Bezahlung oder politische Gegensätze den Bruch verursachten, lässt sich nicht entscheiden.

Minnesang und Gattungen

Walthers Minnesang lässt sich kaum sicher datieren, weil die Lieder meist keine historischen Ereignisse nennen. Frühere Lieder stehen häufig in der Tradition Reinmars von Hagenau und der „Hohen Minne“: Ein Ritter liebt dabei eine sozial höher stehende Dame, ohne dass die Liebe erfüllt wird. Walther führte mit Reinmar eine scharfe Fehde, die sowohl um unterschiedliche Vorstellungen von Liebe als auch persönlich geführt wurde.

Dem setzte Walther die „ebene Minne“ entgegen: Liebe soll nicht vom Stand abhängen, sondern wechselseitig, erfüllt und zwischen Gleichrangigen sein. Seine oft als „Niedere Minne“ oder „Mädchenlieder“ bezeichneten Lieder handeln von erfüllter Liebe zu einem Mädchen, das offenbar nicht adlig gedacht ist. Das Lied „Under der linden“ (L. 39,11) schildert das Liebeserlebnis eines anscheinend einfachen Mädchens mit einem höfischen Geliebten in freier Natur. Es wurde auch daraufhin untersucht, ob es Merkmale einer Pastorelle besitzt.

Die Grenzen zwischen Hoher, Niederer und ebener Minne sind fließend. Carl von Kraus fasste einige spätere wirkende Lieder als „Neue Hohe Minne“ zusammen; seine Deutung dieser Gruppen als chronologische Entwicklung wurde besonders von Günther Schweikle kritisiert.

Auch die Einteilung in Gattungen ist nicht eindeutig. Mittelalterliche Dichter beachteten offenbar Gattungskonventionen, verfügten aber nicht über eine ausgearbeitete Terminologie. Als Lied gelten meist mehrstrophige Texte, als Spruch einzeln verständliche Strophen; in der Altersdichtung verwischt diese Trennung. Fasst man Lyrik über die musikalische Aufführung mit Saiteninstrument, zählt auch Walthers Spruchdichtung zur Lyrik.

Herkunft, Grab und Erinnerung

Walthers Geburtsort ist ungeklärt. „Vogelweide“ konnte im Mittelalter einen Ort bezeichnen, an dem Falken für die Jagd gehalten wurden; solche Orte gab es vielfach. Deshalb erlaubt der Name keine eindeutige Zuordnung. Als mögliche Herkunftsorte wurden unter anderem Lajen in Südtirol, Frankfurt am Main, Feuchtwangen, Würzburg, Dux, die Stollburg bei Oberschwarzach und Orte im österreichischen Waldviertel vorgeschlagen.

Für eine Herkunft aus dem österreichischen Donauraum sprechen sprachliche Eigenheiten und die Aussage „ze Ôsterrîche lernt ich singen unde sagen“. Gegen dieses Argument wird eingewendet, dass es nur den Ausbildungsort nennt. Die Waldviertel-These verbindet Walther mit einem bei Schönbach belegten Vogelweidhof; Helmut Birkhan schätzte Walter Klomfars These auf 70 % gegenüber allen anderen Theorien. Auch die Südtirol-These wurde mit dem Vogelweider Hof bei Lajen und Beziehungen zum Stift Neustift begründet, bleibt aber umstritten.

Über ein Grab in Würzburg berichten erst Angaben Michael de Leones, der 1355 starb. Danach sei Walther beim Neumünster im „grasehoue“ begraben worden und habe ein lateinisches Epitaph besessen. Manche Forschende bezweifeln diese Nachricht. Im Würzburger Lusamgärtchen steht seit 1930 ein Denkmal an der vermuteten Grabstelle. Weitere Denkmäler oder Darstellungen befinden sich unter anderem in Bozen, Duchcov, Würzburg, Halle, St. Veit an der Glan und in der Walhalla in Donaustauf.

Lernvideos zu Walther von der Vogelweide

Weiterlesen

Mittelalter Als Mittelalter wird in der europäischen Geschichte die Epoche zwischen dem Ende der Antike und dem Beginn der Neuzeit bezeichnet, also etwa die Zeit … Mittelhochdeutsche Sprache Die meisten mittelhochdeutschen Kurzvokale in offenen Silben entsprechen neuhochdeutschen gedehnten Langvokalen (Dehnung in offener Tonsilbe). Beispiele … Willehalm Der Willehalm (französisch Guillaume), auch Willehalm von Orlens, ist eine Verserzählung Wolframs von Eschenbach, welche unter anderem den Krieg zwischen … Magdeburg Die Stadt liegt an der Elbe und ist eines der drei Oberzentren des Landes. Mit 244.494 Einwohnern (Stand 31. Dezember 2025) ist sie die größte Stadt Sachsen- … Vierter Kreuzzug Der Vierte Kreuzzug von 1202 bis 1204, an dem hauptsächlich französische Ritter sowie venezianische Seeleute und Soldaten beteiligt waren, … Ir sult sprechen willekomen Ir sult sprechen willekomen ist eine strophische Dichtung Walthers von der Vogelweide. Thematisch gehört sie weder völlig dem Minnesang noch der … Lehnswesen Das Lehnswesen war kennzeichnend für den Feudalismus und das politisch-ökonomische System des europäischen Mittelalters. Aber auch in anderen Kulturen … Albigenserkreuzzug Der Albigenserkreuzzug (1209 bis 1229) war ein von Papst Innozenz III. initiierter Kreuzzug gegen die von der katholischen Kirche als ketzerisch betrachtete … Kreuzzug von Damiette Der Kreuzzug von Damiette in den Jahren 1217 bis 1221 war ein von der Kirche geförderter Kreuzzug zur Rückeroberung Jerusalems von den muslimischen … Kreuzzug Friedrichs II. Der Kreuzzug Friedrichs II. war der Kreuzzug des römisch-deutschen Kaisers Friedrich II. nach Jerusalem in den Jahren 1228 bis 1229. Investiturstreit Jahr 1077 erfolgten Bußgang nach Canossa. Die weitere Entwicklung der Auseinandersetzung vom Bußgang nach Canossa an bis zu Tod Gregors VII. Gang nach Canossa … Wormser Konkordat Das Wormser Konkordat, auch als Pactum Calixtinum sive Heinricianum bezeichnet, ist ein am 23. September 1122 in Worms öffentlich ausgetauschtes Konkordat …