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Musical-Orchester
Inhaltsverzeichnis · Aufbau und Generelles · Unterschiede zum großen Symphonieorchester · Beispiele für Besetzungen · Vergrößerte Musical-Ensembles · Literatur.
Inhalt6 Abschnitte
Wesen und Aufgaben
Ein Musical-Orchester, englisch auch „Musical Pit Band“, ist ein meist kleines Ensemble oder eine Band im Orchestergraben eines Theaters. Es begleitet die Gesangs- und Spielszenen eines Musicals. Die Musik wird gewöhnlich bei jeder Vorstellung live gespielt. Bei manchen Aufführungen stammt die Begleitung der Gesangsstimmen jedoch als Playback von einem Tonträger.
Musical-Orchester sind meist mit 5 bis 30 Musikern besetzt. Große Symphonieorchester umfassen dagegen häufig 60 bis 100 Musiker oder noch mehr. Die kleinere Besetzung hat mehrere Gründe: Theatergräben bieten oft nur begrenzt Platz, die unverstärkten Gesangsstimmen mussten verständlich bleiben, und eine große Orchesterbesetzung wäre deutlich teurer. Seit dem Fortschritt der Tontechnik im 20. Jahrhundert konnten die Ensembles teilweise weiter verkleinert werden. Für Andrew Lloyd Webbers Das Phantom der Oper werden etwa 27 Spieler gefordert, für Elton Johns Aida 12 und für Stephen Schwartz’ Godspell nur 4 Ensemblemitglieder.
Besetzung und Instrumentation
Ein wichtiges Merkmal ist der häufige Einsatz von Multiinstrumentalisten. Besonders Holzbläser wechseln zwischen Saxophonen, Flöten und Klarinetten. Sie spielen also nicht nur verwandte Instrumente, wie etwa Flöte und Piccolo, sondern Instrumente verschiedener Gruppen. In Musical-Partituren werden sie deshalb häufig nicht einzeln als Flöte, Oboe oder Klarinette bezeichnet, sondern als Reed I, Reed II, Reed III usw. „Reed“ ist das englische Wort für Holzblasinstrument. Musicals haben häufig 3 bis 5 Reed-Spieler.
Zusätzlich können ungewöhnliche Kombinationen verlangt werden, etwa Klarinette, Oboe und Fagott, die sämtlich Rohrblattinstrumente sind, oder Posaune, Violoncello und Fagott als sogenannte Bassinstrumente. Ein extremes Beispiel ist Leonard Bernsteins West Side Story: Der erste Holzbläser muss dort zwischen Piccolo- und Querflöte, Altsaxophon sowie B- und Bassklarinette wechseln.
Blechbläser sind meist fester besetzt. Häufig gehören 2 Hörner, 2 Trompeten und 1 bis 2 Posaunen dazu. Bei einer eher Big-Band-artigen Partitur können es jeweils 3 bis 4 Trompeten und Posaunen sein. Auch hier sind einzelne Wechsel möglich, beispielsweise von Trompete zu Flügelhorn oder Kornett sowie zwischen Tenor- und Bassposaune oder zur Tuba.
Die Streicher sind im Vergleich zum klassischen Orchester sehr dünn besetzt und werden oft durch synthetische Streichersounds der Keyboards unterstützt. Bratschen können fehlen und durch Violinen ersetzt werden. Eine Musicalproduktion verwendet manchmal nur wenige Violinen, ein bis zwei Celli und meist einen Kontrabass oder E-Bass. Ein Streich- oder Symphonieorchester benötigt dagegen im Mittelwert etwa 40 bis 60 Streicher.
Heute sind drei oder mehr Keyboards nicht unüblich. Sie erweitern den Klang, besonders den der Streicher, teilweise auch den der Blech- und Holzbläser. Außerdem können sie mit moderner Sampletechnik Instrumente nachahmen, die im Graben nicht vorhanden sind, etwa Orgel, Cembalo, Perkussions- oder Blasinstrumente. Wegen dieser vielfältigen Anforderungen wird die Instrumentation meist von einem Orchestrator oder Arrangeur vorgenommen, der nicht unbedingt der Komponist ist.
Unterschiede zum Symphonieorchester
Musical-Orchester unterscheiden sich vom groß besetzten Symphonieorchester vor allem durch ihre geringere Größe und ihre flexible Zusammensetzung. Neben klassischen Orchesterinstrumenten werden besonders häufig Instrumente aus Pop, Rock und Jazz eingesetzt: Keyboards, Drum-Kit, E-Bass, E-Gitarre und Saxophone, vor allem Sopran-, Alt-, Tenor- und Baritonsaxophon. Auch Instrumente aus der Blasmusik wie Kornett, Bariton-, Tenor- und Flügelhorn kommen auffallend oft vor.
Die Multiinstrumentalisten sparen Personal, haben dadurch aber häufig deutlich kürzere Pausen. In einem klassischen Orchester wechseln Bläser ebenfalls gelegentlich, jedoch meist nur innerhalb derselben Instrumentengattung, etwa vom Fagott zum Kontrafagott oder von der Querflöte zum Piccolo beziehungsweise zur Altflöte. Im Musical kann dagegen ein Wechsel von einer Querflöte zu einer B-Klarinette verlangt werden.
Die genaue Instrumentierung hängt stark vom Stil und Genre des Musicals sowie von seiner Machart und den finanziellen Möglichkeiten ab. Möglich sind beispielsweise Pop-, Rock- oder Swing-orientierte Besetzungen. Bei Big-Band-, Pop- oder Funk-Musik werden von Trompetern teilweise sehr hohe Töne bis über die mittlere dreigestrichene Oktave und höher erwartet. Außerdem kommen typische Big-Band-Techniken wie Falls, Doits und Turns zum Einsatz: Falls sind herabfallende Töne, Doits herabfallende Figuren und Turns eine Art kurzer Triller.
Beispiel: Anything Goes und Oklahoma!
Cole Porters Musical Anything Goes, 1934 am New Yorker Broadway uraufgeführt und hauptsächlich von Hans Spialek instrumentiert, hatte ursprünglich folgende Besetzung: Reed I spielte Oboe, Englisch Horn, Bassoboe und Celesta. Reed II wechselte zwischen Flöte, Klarinette, Bassklarinette, Altsaxophon und Baritonsaxophon. Reed III spielte Piccoloflöte, Flöte, Oboe, Klarinette, Bassklarinette und Altsaxophon. Reed IV wechselte zwischen Flöte, Klarinette und Tenorsaxophon. Dazu kamen 3 Trompeten, Posaune, Schlagzeug, Klavier, Violinen auf 3 Pulten, Bratsche mit Gitarre, Violoncello und Kontrabass.
Richard Rodgers’ Oklahoma!, 1943 am Broadway uraufgeführt und von Robert Russell Bennett orchestriert, besitzt dem Stil entsprechend ein eher „klassisches“ Orchester. Reed I spielte Flöte und Piccolo, Reed II Oboe und Englisch Horn, Reed III Klarinette und Bassklarinette, Reed IV Klarinette und Reed V Fagott. Außerdem waren 2 Hörner, 2 Trompeten, Posaune, Schlagzeug, Klavier, Gitarre mit Banjo, Harfe und Streicher vorgesehen.
Beispiel: Evita
Die elektroakustische Verstärkung aller Stimmen führte seit den 1960er Jahren zu grundlegenden Veränderungen. Das Klavier wurde durch Keyboards ersetzt, elektrische Gitarren und Bassgitarren kamen hinzu, und die Holzbläser mussten zwischen weniger Instrumenten wechseln.
Andrew Lloyd Webbers Musical Evita, 1978 in London uraufgeführt und von Hershy Kay orchestriert, hatte im Original 3 Reed-Spieler, die jeweils Flöte, Klarinette und Saxophone beherrschten. Die weitere Besetzung umfasste 2 Hörner, 2 Trompeten, Posaune, 2 elektrische Gitarren, E-Bass, Harfe, Schlagzeug, Perkussion, 2 Keyboards, 6 Violinen und 3 Violoncelli. Das Beispiel zeigt die Verbindung klassischer Instrumente mit elektronischen und aus Popmusik bekannten Klangmitteln.
Vergrößerte Ensembles
Musicalmusik ist nicht grundsätzlich auf kleine Ensembles beschränkt. Besonders Filmmusicals und Filme mit vielen Musicalnummern verwenden normalerweise vollbesetzte Orchester, weil dort Budget und räumliche Bedingungen einer großen Besetzung nicht in gleicher Weise entgegenstehen. Der Artikel nennt als Beispiele zahlreiche Disneyfilme, alte MGM-Produktionen aus der Nachkriegszeit, den Film La La Land sowie Fernsehserien wie Family Guy und Die Simpsons.
Klein besetzte Musical-Orchestrierungen werden außerdem für besondere Anlässe zu größeren Orchesterfassungen erweitert. Das geschieht häufig bei Preisverleihungen wie den jährlich stattfindenden Tony Awards und Olivier Awards oder bei Konzerten wie den Proms, einer großangelegten Sommerkonzertreihe in London. Seltener werden solche Bearbeitungen für Jubiläumsausgaben oder Neuauflagen angefertigt, etwa für Miss Saigon: Complete Symphonic Recording aus dem Jahr 1995.