Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Filmmusik
Paraphrasierung: „Als paraphrasierend bezeichne ich eine Musik, deren Charakter sich direkt aus dem Charakter der Bilder, aus den Bildinhalten, ableitet.“
Inhalt6 Abschnitte
Begriff und Bedeutung
Filmmusik, im Englischen auch Soundtrack oder Score genannt, ist Musik, die entweder speziell für einen Film neu komponiert oder aus vorhandenen klassischen, populären und anderen musikalischen Quellen für einen Film neu zusammengestellt wird. Entscheidend ist die funktionale und inhaltliche Verbindung zwischen Bild und Musik.
Filmmusik ist nicht nur Begleitung. Sie beeinflusst, wie Zuschauerinnen und Zuschauer das filmische Geschehen wahrnehmen und deuten. Sie kann Gefühle verstärken, Handlungen strukturieren, Figuren und Räume charakterisieren, narrative Zusammenhänge verdichten und symbolische Bedeutungsebenen erzeugen. Deshalb gilt sie als eigene ästhetische Ebene des Films.
Filmmusik ist kein festes Genre. Sie kann von klassischer Musik, populärer Musik, elektronischen Klängen oder experimenteller Klanggestaltung geprägt sein. Viele ihrer Mittel, etwa Modalharmonik, Mediantengebrauch, Leitmotivik und orchestrale Klanggestaltung, stehen in der europäischen Musiktradition, besonders der Spätromantik.
Entstehung und Produktion
Filmmusik entsteht meist in der Postproduktion, also nach einem Rohschnitt des Films. Regie und Filmkomposition entscheiden gemeinsam, an welchen Stellen Musik erscheinen soll und welchen Charakter sie haben soll. Häufig wird beim Schnitt zunächst ein temp track angelegt, also eine vorläufige Musikspur aus vorhandener Musik. Manchmal bleibt diese vorläufige Musik später erhalten, wie bei „2001: Odyssee im Weltraum“, obwohl Alex North ursprünglich Filmmusik schreiben sollte.
Die Musikeinsätze werden in einem cue sheet mit Anfangs- und Endzeiten festgehalten. Danach komponiert der Filmkomponist die Musik, die bei einem Spielfilm über eineinhalb Stunden lang sein kann. Oft entsteht zuerst ein Particell mit Melodien und Hinweisen zur Instrumentierung. Orchestratoren arbeiten daraus eine Partitur aus; Kopisten erstellen die Einzelstimmen. Heute werden viele Schritte mit Notensatzprogrammen und Computern unterstützt.
Digitale Audio-Workstations, kurz DAWs, sind in der heutigen Produktion zentral. Mit ihnen werden Aufnahmen bearbeitet und sogenannte Mock-Ups erstellt: vorläufige, oft schon klanglich ausgearbeitete Demo-Versionen der Musik. Diese dienen der Abstimmung mit Regie und Produktion und können die endgültige Musik stark beeinflussen.
Die Musik wird häufig von einem Orchester synchron zum Film aufgenommen. Der Dirigent sieht den Film dabei auf Leinwand oder Monitor. Neben speziell engagierten session orchestras werden auch feste Orchester eingesetzt, etwa das Deutsche Filmorchester Babelsberg, das London Symphony Orchestra oder das BBC Concert Orchestra. In großen Produktionen arbeiten außerdem Arrangeure, Musikeditoren und weitere Komponisten mit. Am Ende entscheiden die Produzenten in der Tonmischung, wie Musik, Dialoge, Geräusche und elektronische Effekte zusammenwirken. Heute verschwimmen zudem die Grenzen zwischen Filmmusik und Sounddesign, weil orchestrale Musik oft mit elektronischen Klängen und Geräuschanteilen verbunden wird.
Historische Entwicklung
Schon Stummfilme waren in der Aufführungspraxis meist nicht stumm. Sie wurden mit Musik oder Geräuschen aus einer außerfilmischen Quelle begleitet. Bereits 1895 präsentierten die Gebrüder Lumière in Paris kurze Filme, die ein Pianist live untermalte. Musik sollte unter anderem die irritierende Tonlosigkeit ausgleichen, das Rattern des Projektors übertönen, dunkle Vorführräume angenehmer machen und erzählerische oder stimmungsstützende Funktionen übernehmen.
Zunächst nutzte man bekannte Musikstücke aus Opern und Operetten. Für typische Szenen wurden oft feste Stücke verwendet, etwa der Hochzeitsmarsch von Felix Mendelssohn Bartholdy für Hochzeitsszenen oder der Liebestraum von Franz Liszt für Liebesszenen. Es entstanden Kinotheken, also Sammlungen von Musikstücken für die Filmuntermalung. Später wurde in einzelnen Fällen eigene Musik für bestimmte Filme komponiert. In großen Kinos begleiteten vor dem Ersten Weltkrieg Kinoorchester mit bis zu 80 Musikern die Aufführungen. Nach dem Krieg setzte sich stärker eigens komponierte synchrone Orchestermusik durch, zum Beispiel 1924 bei F. W. Murnaus „Der letzte Mann“, 1926 bei Sergej Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ und 1927 bei Abel Gances „Napoleon“.
1927 präsentierten Warner Bros. mit „Der Jazzsänger“ den ersten langen Tonspielfilm. Die Musik verlagerte sich damit vom Kinosaal ins Studio. Der frühe Hollywoodsound orientierte sich an der Orchestermusik des ausgehenden 19. Jahrhunderts und wurde stark von europäischen, besonders deutschen, österreichischen und russischen, Komponisten geprägt, darunter Bernhard Kaun, Erich Wolfgang Korngold, Dimitri Tiomkin und Max Steiner.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen Einflüsse aus Jazz und Unterhaltungsmusik hinzu. Um 1950 wurden Rock-, Pop- und Jazzmusik wichtiger; Mitte der 1950er Jahre wurden Titelmelodien auch als Einzeltitel oder Soundtrack vermarktet. Bernard Herrmanns Musik zu Hitchcocks „Psycho“ (1960), die sich auf Streichorchester beschränkte, gilt als wichtiger Schritt zur Idee, jedem Film einen eigenen Klang zu geben. Um 1960 ersetzte aktuelle Popularmusik in vielen Fällen die orchestrale Filmmusik, etwa bei „Die Reifeprüfung“ (1967) mit Musik von Simon & Garfunkel oder bei „Easy Rider“ (1969). Ab den 1970er Jahren kehrten große Sinfonieorchester und Leitmotiv-Technik stärker zurück. Wichtige Marksteine waren John Williams’ Kompositionen für „Der weiße Hai“ und die „Star-Wars“-Filme ab 1977. Heute ist Filmmusik auch Teil des Marketings, etwa über Tonträger, Downloads und Klingeltöne.
Techniken und Formen
Drei wichtige Kompositionstechniken sind Leitmotiv-Technik, Underscoring und Mood-Technik. Die Leitmotiv-Technik stammt aus der Oper und besonders aus den Musikdramen Richard Wagners. Dabei erhalten wichtige Figuren, Gegenstände oder Erzählstränge eigene musikalische Motive. Diese Leitmotive werden wiederholt, verändert und in die Gesamtmusik eingebaut. So kann Musik Vorahnungen, Veränderungen einer Situation oder Rückverweise vermitteln.
Underscoring bedeutet, dass Musik die auf der Leinwand gezeigten Geschehnisse und Gefühle annähernd synchron nachvollzieht. Sie unterstützt und verstärkt die optischen Eindrücke. Eine extreme Form ist das Mickey-Mousing: Einzelne Bewegungen, etwa Schritte, werden musikalisch genau verdoppelt. Diese Technik wurde intensiv in Cartoons verwendet und wirkt oft komisch. Außerhalb von Zeichentrickfilmen und Komödien wird Underscoring heute eher selten eingesetzt.
Die Mood-Technik unterlegt Szenen mit musikalischen Stimmungsbildern. Sie verdoppelt eine Szene nicht einfach, sondern „färbt“ sie emotional ein. Dadurch bekommt die Szene einen bestimmten expressiven Stimmungsgehalt.
Hansjörg Pauli unterschied 1976 drei Formen der Filmmusik, auch wenn er dieses Modell 1994 als unzureichend verwarf. Paraphrasierung bedeutet, dass sich der Charakter der Musik direkt aus den Bildern ableitet und das Geschehen nachvollzieht. Polarisierung bedeutet, dass Musik neutrale oder mehrdeutige Bilder in eine klare Ausdrucksrichtung schiebt. Kontrapunktierung bedeutet, dass die Musik dem eindeutigen Charakter der Bilder widerspricht; dadurch kann Ironie oder Verfremdung entstehen.
Funktionen im Film
Filmmusik ist funktional: Sie unterstützt und verdeutlicht Visuelles, beeinflusst Gefühle und lenkt die Wahrnehmung. Nach Kloppenburg lassen sich mehrere Funktionen unterscheiden.
Die syntaktische Funktion hilft beim strukturellen Verstehen. Musik kann Sequenzen verbinden, Übergänge weicher machen oder Szenen deutlich voneinander trennen. Sie kann auch Einstellungswechsel verdeutlichen, zum Beispiel den Wechsel vom Point of View einer Figur zu dem einer anderen.
Die expressive Funktion verstärkt die Wahrnehmung des Geschehens. Musik lässt eine Szene romantischer, trauriger, bedrohlicher oder angespannter wirken. Sie hilft, das Gesehene in einer bestimmten Weise zu verstehen und zu interpretieren. Nick und Ulner beschreiben, dass Musik eingesetzt wird, um „die Atmosphäre des Films zu generieren, zu verdichten und den Schauplatz vertiefend zu charakterisieren.“
Die dramaturgische Funktion zeigt sich besonders bei Motivtechnik. Musik kann Personen charakterisieren, ihre Stimmung ausdrücken oder stellvertretend für sie erklingen. Sie kann Spannung erzeugen, auf Vergangenes verweisen oder dem Geschehen eine kommentierende Bedeutung geben.
Neuere Ansätze betonen zusätzlich die semantische und weltkonstituierende Funktion. Filmmusik kann filmische Welten strukturieren, Bedeutungszusammenhänge stabilisieren und symbolische Deutungen anbieten. Sie verbindet narrative, emotionale und kulturelle Aspekte und trägt so zur Wahrnehmung filmischer Wirklichkeiten bei.
Komponisten und Stilvielfalt
Seit der Stummfilmzeit haben zahlreiche Komponisten für den Film gearbeitet. Eine der ersten Originalmusiken ohne Fremdmusik schrieb Camille Saint-Saëns 1907 für den etwa zwölfminütigen Film „Die Ermordung des Herzogs von Guise“. In der Stummfilmzeit waren außerdem Giuseppe Becce, Hans Erdmann, Leo Spies, Ernst Krenek, Wolfgang Zeller und Hugo Riesenfeld wichtig. Hans Erdmann und Gottfried Huppertz verwendeten in der deutschen Filmmusik früh die Leitmotivik Richard Wagners.
In der frühen Tonfilmzeit prägten sehr unterschiedliche Musiker das neue Medium: Operetten- und Schlagerkomponisten, frühere Kinokapellmeister und klassisch ausgebildete Komponisten. In Frankreich schrieben Mitglieder der Gruppe Le Six wie Auric, Milhaud und Honegger Filmmusik; in der Sowjetunion arbeiteten unter anderem Sergei Prokofiev und Dmitri Schostakowitsch für den Film.
Der Hollywood-Klang der 1930er Jahre wurde stark durch emigrierte europäische Komponisten geprägt, darunter Max Steiner, Bernhard Kaun, Franz Waxman und Erich Wolfgang Korngold. Spätere und zeitgenössische bekannte Vertreter sind unter anderem Bernard Herrmann, Miklós Rózsa, Elmer Bernstein, Maurice Jarre, Ennio Morricone, John Williams, Howard Shore, Alan Silvestri, James Newton Howard, Danny Elfman, James Horner, Thomas Newman, Hans Zimmer, Rachel Portman, Alexandre Desplat, John Powell und Michael Giacchino. Auch Vertreter zeitgenössischer Musik sowie Pop- und Rockmusiker schreiben Filmmusik, darunter Michael Nyman, Philip Glass, Daft Punk, Pink Floyd, Peter Gabriel, Queen, Vangelis und andere.