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Muhammad Iqbal

Er schrieb auf Persisch und Urdu und gilt heute als Nationaldichter und „geistiger Vater“ der Islamischen Republik Pakistan. Muhammad Iqbal wird auch häufig …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Lebensweg
  2. 2. Das Selbst, Liebe und Entwicklung
  3. 3. Dichtung und Goethe-Bezug
  4. 4. Religiöses Denken, Politik und Nachwirkung

Überblick und Lebensweg

Sir Muhammad Iqbal (auch Allama Iqbal oder Iqbal Lahauri) war ein muslimischer Dichter, Mystiker, islamischer Philosoph und politischer Denker indischer Abstammung. Er wurde am 9. November 1877 in Sialkot im Punjab von Britisch-Indien geboren und starb am 21. April 1938 in Lahore. Beide Orte liegen heute in Pakistan. Iqbal schrieb vor allem auf Persisch, außerdem philosophische Gedichte auf Urdu und philosophische Prosa auf Englisch. Er gilt als Nationaldichter und „geistiger Vater“ Pakistans sowie als wichtiger Vertreter modernistischen islamischen Denkens.

Seine Großeltern waren Kashmiri Pandits aus dem Sapru Clan, die zum Islam konvertiert waren. Iqbal lernte schon ab dem vierten Lebensjahr Koran und Arabisch. Nach dem Murray College in Lahore schloss er einen Master of Arts in Philosophie an. Von 1905 bis 1908 studierte er Rechtswissenschaften und Philosophie in Cambridge, München und Heidelberg. An der Universität München promovierte er bei Fritz Hommel mit der Dissertation Die Entwicklung der Metaphysik in Persien. Darin behandelte er iranische Religionsgeschichte von Zarathustra bis zu den Baha'i; die Arbeit ist noch teilweise neuhegelianisch geprägt.

Zu seinen geistigen Einflüssen gehörten islamische Mystik, Neuplatonismus, Aristotelismus, Rechtsschulenislam und die Taqlīd-kritischen Tendenzen Schāh Walīyullāh ad-Dihlawīs. Taqlīd bezeichnet die Bindung an überlieferte religiös-rechtliche Autoritäten. Zugleich setzte er sich mit Goethe, Heine, Nietzsche, William James, Bergson und deutscher Philosophie auseinander. Nach der Rückkehr 1908 forderte er eine stärkere Solidarität der Muslime, damit diese wieder zu geistigem Aufstieg gelangen könnten. Am 15. Februar 1923 erhielt er von Georg V. den Titel Knight Bachelor. 1928 hielt er Vorträge unter dem Titel The Reconstruction of Religious Thought in Islam und plädierte darin für eine Neudeutung islamischer Werte. Er starb 1938 und erlebte die Gründung Pakistans 1947 nicht.

Das Selbst, Liebe und Entwicklung

Der Zentralbegriff von Iqbals Philosophie ist das „Selbst“, auf Urdu und Persisch خودی (chudī, DMG ḫudī). Seine Entwicklung ist für ihn Sinn des Lebens und Ziel der Welt. Mit „Selbst“ meint Iqbal Individualität, jedoch nicht nur beim einzelnen Menschen: Jedes Ding besitzt ein Selbst. Besteht etwas aus Teilen, so haben auch diese Selbste niedrigerer Ordnung. Umgekehrt können die Selbste einer Familie oder Nation ein höheres Selbst bilden; dies setzt sich bis zu Menschheit, Erde, Universum und Gottes Selbst fort.

Materie und Geist beziehungsweise Selbst sind nach Iqbal zwei Aspekte jeder Sache. Dabei ist die Sache selbst ein Ereignis, keine Substanz. Zur Veranschaulichung greift er auf den Welle-Teilchen-Dualismus der Physik zurück. Das einzelne Leben soll sein Selbst stärken; die Geschichte soll das Selbst der Menschheit stärken. Den Islam betrachtet Iqbal als Avantgarde dieser Selbstverwirklichung, meint damit aber sein eigenes Islamverständnis und nicht den von ihm kritisierten Islam im Indien des frühen 20. Jahrhunderts.

Diese Stärkung erfolgt durch „Liebe“. Das Wort meint bei Iqbal nicht nur zwischenmenschliche Liebe und verlangt keine Gegenseitigkeit. Es bezeichnet allgemein die leidenschaftliche Aneignung von etwas, durch die ein Mensch wächst, etwa durch Essen oder Lernen. Iqbal knüpft damit an die islamische Mystik und an den neuplatonischen Eros an. Liebe steht für ihn über der Vernunft, weil Vernunft die Tatkraft leidenschaftlicher Liebe fehle. In Ethik und Metaphysik seien Erkenntnisse nach Iqbal nicht allein rational, sondern durch Intuition möglich; hierfür bezieht er sich auf Henri Bergson.

Wesentlich ist außerdem die ständige Höherentwicklung des Menschen. Die Prinzipienlehre des Islams soll diese Entwicklung antreiben. Iqbal verbindet sie mit dem Verlangen nach Einheit, Entwicklung und einer egalitären Gesellschaft. Dafür suchte er eine Verbindung eines Neo-Islams mit sufischer und europäischer Philosophie.

Dichtung und Goethe-Bezug

Iqbal war der erste Dichter, der philosophische Themen auf Urdu in Gedichtform behandelte. Er erweiterte den strengen Kanon der Urdu-Lyrik durch selbstgeschaffene Metonymien, also Bezeichnungen, die über einen sachlichen Zusammenhang etwas anderes meinen. Dadurch eröffnete er späteren Dichtern Möglichkeiten zu freirhythmischen Gedichten und selbstgewählten Themen. Zuvor konzentrierte sich die Lyrik vor allem auf geistliche und weltliche Liebe, Heldenepos und gereimte moralische Anekdoten. Iqbal schrieb außerdem die ersten Kindergedichte auf Urdu.

Er unterschied drei Schaffensphasen: eine bis 1905 reichende Frühphase unter Einfluss englischer Romantiker, eine nationalromantische Übergangsphase von 1905 bis 1908 und eine philosophische Phase seit 1908. Voll ausgeprägt erscheint seine Philosophie mit Asrar-i-Khudi („Die Geheimnisse des Selbst“) von 1915. Seit der zweiten Phase schrieb er auch Persisch, weil die Sprache ein höheres Ansehen besaß, für Philosophie geeigneter schien und ein internationales islamisches Publikum erreichen sollte.

Seine Gedichte gestalten besonders das dynamische Selbst und geistliche Liebe. Traditionelle Bilder deutete er um: Ein Regentropfen soll sich nicht im Meer auflösen, sondern in einer Muschel zur Perle werden. Dem Falter, der in der Flamme verbrennt, stellt er das aus sich selbst leuchtende Glühwürmchen gegenüber. Diese Gegenbilder galten in der Urdu-Poesie der 1920er und 1930er Jahre als revolutionär.

Goethe hatte für Iqbal formal, gedanklich und als Dichterideal eine besondere Bedeutung. Sein Heidelberger Gedicht Ein Abend (In Heidelberg, am Ufer des Neckars) knüpft deutlich an Goethes Wandrers Nachtlied an. In Goethes Faust sah Iqbal ein Werk höchster schöpferischer Kraft, einen „systematischen Ausdruck des letzten Ideals der Menschen“, der „kaum geringer als ein göttliches Werk“ sei. Payam-i-Mashriq („Die Botschaft des Ostens“, 1923) schrieb Iqbal als Antwort auf Goethes West-östlichen Diwan. Er nutzte darin in mehreren persischen Gedichten westliche Vers- und Reimformen.

Religiöses Denken, Politik und Nachwirkung

Iqbal setzte sich für Ijtihâd ein, also das eigenständige Bemühen um eine begründete Auslegung des Islams. Gegenüber der bloßen Bindung an Rechtsschulen sollte Ijtihâd einen dynamischeren Islam ermöglichen. Vernunft und Offenbarung seien dabei vereinbar; auch Analogieschlüsse könnten angewendet werden. Iqbal vertrat, die Autorität des iğtihād solle von einzelnen Vertretern der Rechtsschulen auf eine gesetzgebende muslimische Versammlung übertragen werden. Dies ermögliche in der modernen Zeit auch Beiträge sachkundiger Laien zu rechtlichen Diskussionen.

In seinem theoretischen Hauptwerk Die Wiederbelebung des religiösen Denkens im Islam verbindet er Neuplatonismus und Aristotelismus zu einer Metaphysik. Er wollte unter anderem Bergson, Whitehead, Leibniz und Nietzsche als mit dem Islam vereinbar darstellen sowie Kants und al-Ghazālīs Erkenntnistheorien kritisieren. Tauḥīd, die Einheit Gottes, setzt er als Bedingung der Möglichkeit des Begrenzten. Mit Diltheys Ansatz verknüpft er Natur- und Geisteswissenschaften durch die gemeinsame Interpretation von Erfahrung. Nach Iqbal sind zentrale Einsichten westlicher Denker bereits in Koran und Hadith angelegt. Am liberalen Christentum kritisierte er die Trennung von Spiritualität, Religion und Naturwissenschaft; der Islam könne Materielles und Spirituelles verbinden.

Politisch engagierte sich Iqbal für Muslime in Indien und war 1930 Präsident der Konferenz der All-India-Muslim League. Er befürwortete ein muslimisch geprägtes Staatengebilde innerhalb Indiens. Seine als „Pakistan-Rede“ bekannte Ansprache verlangte jedoch nicht zwingend einen eigenen Nationalstaat. Die religiöse Prägung sollte vor allem ein allgemeiner ethischer Einfluss sein. Ziel war eine egalitäre Gesellschaft, in der sich die Menschheit höherentwickelt. Muhammad Ali Jinnah griff seine Gedanken später auf und entwickelte sie weiter.

Iqbal wurde besonders durch Annemarie Schimmel ins Deutsche übersetzt und kommentiert. In Heidelberg erinnern das etwa 1200 Meter lange Iqbal-Ufer an der B37 sowie eine Gedenktafel an seinem früheren Wohnhaus in der Neuenheimer Landstraße 58 an ihn. In München steht am Habsburgerplatz ein Denkmal. Seit Januar 2017 erforscht die Muhammad Iqbal Forschungsstelle an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster unter Leitung von Ahmad Milad Karimi systematisch sein Werk und Denken.

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