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Henri Bergson

Henri-Louis Bergson (* 18. Oktober 1859 in Paris; † 4. Januar 1941 ebenda) war ein französischer Philosoph und Nobelpreisträger für Literatur 1927.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Grundgedanke
  2. 2. Leben und akademischer Weg
  3. 3. Wichtige Werke
  4. 4. Dauer, Intuition und élan vital
  5. 5. Evolution und Wissenschaft
  6. 6. Anerkennung, Wirkung und Tod

Bedeutung und Grundgedanke

Henri-Louis Bergson (* 18. Oktober 1859 in Paris; † 4. Januar 1941 ebenda) war ein französischer Philosoph und erhielt 1927 den Nobelpreis für Literatur. Er gilt neben Wilhelm Dilthey als einer der wichtigsten Vertreter der Lebensphilosophie. Diese philosophische Richtung stellt das Lebendige, das Werden und die konkrete Erfahrung stärker in den Mittelpunkt als rein abstrakte Begriffe.

Bergsons Denken kreist besonders um die Frage, wie Zeit, Leben, Bewusstsein und Entwicklung verstanden werden können. Sein wichtigster Gedanke ist, dass die Wirklichkeit des Lebens nicht wie ein fertiger Gegenstand behandelt werden darf. Leben bedeutet für ihn Bewegung, Veränderung und schöpferisches Hervorbringen von Neuem. Deshalb kritisierte er Denkweisen, die alles Geschehen nur als mechanische Abfolge von Ursachen erklären wollen.

Leben und akademischer Weg

Bergson wurde in Paris geboren. Sein Vater Michał Bergson war ein polnischstämmiger jüdischer Komponist, seine Mutter Katherine Levison stammte aus einer jüdischen Familie aus England und Irland. Seine frühe Kindheit verbrachte er überwiegend in London; mit acht Jahren kam er nach Paris zurück.

Von 1868 bis 1878 besuchte Bergson das Lycée Fontanes. 1877 erhielt er dort einen Schulpreis für Mathematik; seine Lösung wurde sogar in einer mathematischen Fachzeitschrift veröffentlicht. Trotzdem entschied er sich nach dem Baccalauréat für Literatur und Philosophie und studierte an der École normale supérieure. 1881 bestand er die agrégation für Philosophie und arbeitete danach als Gymnasiallehrer, zuerst in Angers, ab 1883 in Clermont-Ferrand.

1889 reichte er an der Sorbonne seine Dissertation Essai sur les données immédiates de la conscience ein, die auf Deutsch als Zeit und Freiheit bekannt wurde. Nach Stationen an Pariser Gymnasien wurde er 1897 an der École Normale Supérieure maître de conférences und bald Professor. Ab 1900 lehrte er am Collège de France, zunächst Griechische Philosophie, ab 1904 Moderne Philosophie. Damit erreichte er den Höhepunkt seiner akademischen Laufbahn.

Wichtige Werke

Bergsons wichtigste Schriften verbinden Philosophie mit Fragen der Psychologie, Biologie, Physik und Gesellschaft. Essai sur les données immédiates de la conscience erschien 1889 und wurde auf Deutsch als Zeit und Freiheit veröffentlicht. Darin entwickelte Bergson zentrale Gedanken über Bewusstsein, Freiheit und Dauer.

1896 erschien Matière et mémoire, deutsch Materie und Gedächtnis. Das Werk behandelt die Beziehung zwischen Körper und Geist und entwirft eine Theorie der Wahrnehmung, die weder einfach idealistisch noch empiristisch ist. Das Gedächtnis spielt darin eine Schlüsselrolle, weil es die gelebte Zeit mit der materiellen Welt verbindet.

1900 erschien Le Rire, deutsch Das Lachen. Bergson versucht darin eine Theorie des Komischen zu entwickeln und betont zugleich die Bedeutung künstlerischer Schöpfung. 1907 folgte L’Évolution créatrice, deutsch Die schöpferische Entwicklung oder Schöpferische Evolution. Dieses Werk wurde mit 21 Auflagen in zehn Jahren sein bekanntestes Buch und war ein wichtiger Grund dafür, dass er später für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen wurde.

Weitere zentrale Werke sind L’Énergie spirituelle von 1919, Durée et simultanéité von 1922 zur Auseinandersetzung mit Einsteins Theorie, Les deux sources de la morale et de la religion von 1932 sowie La Pensée et le mouvant von 1934.

Dauer, Intuition und élan vital

Bergsons markantester Begriff ist élan vital. Er wird manchmal mit „Lebenskraft“ übersetzt, doch der Artikel betont, dass diese Übersetzung problematisch ist, weil Bergson keine „Kraft“ im einfachen Sinn annimmt. Gemeint ist eher ein „Aufschwung“ des Lebendigen: die gemeinsame Bewegung der lebendigen Dinge, also der Arten, Gattungen und Individuen. Diese Bewegung ist mit wachsender Beweglichkeit, energetischem Potenzial und kognitiver Aktivität verbunden.

Ein weiterer Grundbegriff ist die Dauer, französisch la durée. Bergson unterscheidet sie von der messbaren physikalischen Zeit. Naturwissenschaft misst nach Bergson eigentlich Bewegung im Raum, also Veränderungen räumlicher Lage. Diese Zeit ist in Abschnitte zerlegt. Die Dauer des Lebendigen ist dagegen nicht teilbar: Sie ist ein unvorhersehbares, irreversibles Anders-Werden.

Bergson veranschaulicht die Dauer mit dem Gedankenexperiment, dass Zucker in einem Wasserglas gelöst wird. Das Warten auf das Auflösen zeigt eine Zeitlichkeit, die nicht nur eine mechanische Messung ist, sondern ein Erleben des Geschehens. Auch anorganische Materie hat für Bergson eine Dauer, etwa im Prozess der Entropie. Besonders im Lebendigen besteht Entwicklung aber im ununterbrochenen Schaffen von Neuem.

Zur Erkenntnis unterscheidet Bergson zwei Zugänge: Der analytische Verstand erfasst Raum und anorganische Materie. Die philosophische Methode der Intuition soll dagegen Dauer und Leben verstehen. Intuition bedeutet bei Bergson keine bloße Eingebung, sondern eine präzise Methode, die Prozesse aus ihrer Bewegung heraus begreifen soll.

Evolution und Wissenschaft

Bergson setzte sich genau mit dem Darwinismus und anderen Evolutionstheorien seiner Zeit auseinander. Er bezeichnete Darwinismus, Neodarwinismus, Neolamarckismus und Neofinalismus als „mechanistisch“, weil sie nach seiner Kritik das Neue nicht wirklich denken könnten. Für ihn sehen solche Theorien „alles als gegeben“ an und erklären Zufall nur als Stellvertreter kausaler Prozesse.

Anstelle eines rein mechanistischen Evolutionsverständnisses schlägt Bergson die Theorie der „schöpferischen Entwicklung“ vor. Damit meint er keine Ablehnung der Evolutionsbiologie: Der Artikel betont, dass Bergson stets sagte, er stehe „absolut“ auf dem Boden der Evolutionsbiologie. Er wollte dieselben empirischen Phänomene aber anders deuten, nämlich als offenes Werden, in dem wirklich Neues entsteht.

Bergson trennt Materie und Leben nicht vollständig. Leben braucht anorganische Materie und nutzt deren Energie. Gleichzeitig stehen sie für ihn in Spannung zueinander: Anorganische Materie bedeutet Energieverfall, Leben dagegen Aufschwung.

Anerkennung, Wirkung und Tod

Bergson wurde international bekannt. 1908 traf er in London William James, der seine Ideen in der anglophonen Welt bekannter machte. 1911 sprach Bergson in Bologna über philosophische Intuition und erhielt in Oxford seine erste Ehrendoktorwürde. 1913 hielt er Vorträge an der Columbia University und in weiteren amerikanischen Städten.

1914 wurde er in die Académie française aufgenommen, zum Vorsitzenden der Académie des sciences morales et politiques gewählt und zum Offizier der Ehrenlegion ernannt. 1920 erhielt er den Ehrendoktortitel der Universität Cambridge. 1921 war er Gründungsmitglied und erster Präsident der Commission Internationale de la Coopération Intellectuelle, einer Vorläuferinstitution der UNESCO im Rahmen des Völkerbundes. 1927 erhielt er den Nobelpreis für Literatur, konnte ihn wegen Krankheit aber nicht persönlich in Stockholm entgegennehmen.

Seine Rezeption war wechselhaft. Frühe Leser missverstanden Bergsons Philosophie teils als „Antiintellektualismus“ oder „Antirationalismus“. Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet er zunächst in Vergessenheit. Später wurde sein Denken unter anderem durch Gilles Deleuze neu interpretiert und wieder stärker beachtet, besonders als Beitrag zu einer Philosophie des biologischen Zeitalters.

In seinen letzten Jahren näherte Bergson sich christlich-mystischen Vorstellungen an und erwog eine Konversion zum Katholizismus. Wegen des zunehmenden Antisemitismus lehnte er es jedoch ab, sich vom Judentum zu distanzieren. 1940 verzichtete er demonstrativ auf Auszeichnungen, Titel und Mitgliedschaften. Beim stundenlangen Anstehen für die vorgeschriebene Registrierung als Jude zog er sich eine Lungenentzündung zu und starb daran am 3. Januar 1941; als Sterbedatum wird eingangs der 4. Januar 1941 genannt.

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