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Das Sein und das Nichts
Das Sein und das Nichts gehört zu den großen philosophischen Werken des 20. Jahrhunderts. Im Ausgang von Descartes steht es in der Tradition des französischen …
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Kern des Werkes
„Das Sein und das Nichts, Versuch einer phänomenologischen Ontologie“ ist das philosophische Hauptwerk von Jean-Paul Sartre. Es erschien 1943 im französischen Original „L’être et le néant. Essai d’ontologie phénoménologique“. Im Zentrum steht die Frage, wie Freiheit ontologisch, also vom Sein her, begründet werden kann.
Das Werk gehört zu den großen philosophischen Texten des 20. Jahrhunderts. Es steht in der Tradition des französischen Rationalismus seit Descartes und ist zugleich stark von Hegel, Husserl und Heidegger beeinflusst. Sartre untersucht nicht abstrakte Begriffe allein, sondern alltägliche Phänomene wie Liebe, Scham, Hass, Angst, Selbstlüge, Sexualität und den Blick eines anderen Menschen.
Ein Leitgedanke ist, dass der Mensch ständig versucht, ein „ens causa sui“ zu erreichen: ein Sein, das sein eigener Grund ist. Dieses Sein nennen die Religionen Gott. Für Sartre bleibt dieser Versuch jedoch ein Grundproblem menschlicher Existenz. Daraus entwickelt er am Ende eine „existenzielle Psychoanalyse“, die als Gegenentwurf zur Psychoanalyse Freuds gedacht ist.
Phänomenologie und Ontologie
Die beiden wichtigsten methodischen Begriffe des Werkes sind Phänomenologie und Ontologie. Phänomenologie ist eine philosophische Richtung des 20. Jahrhunderts, die auf Edmund Husserl zurückgeht. Sie fragt nach dem, was uns in der Wahrnehmung und im Erleben unmittelbar gegeben ist. Husserls Formel lautet: zu den Sachen selbst.
Ein Phänomen ist bei Husserl das reine Erscheinen einer Sache. Es wird nicht zuerst durch Theorien, Naturwissenschaft oder versteckte Substanzen erklärt, sondern als das genommen, was erscheint. Das Beispiel der Rose zeigt dies: Die Rose kann botanisch, chemisch, physiologisch, evolutionär oder aus Sicht eines Blumenliebhabers betrachtet werden. Die Phänomenologie gibt keiner dieser Perspektiven von vornherein den Vorrang.
Ontologie ist die Lehre vom Sein. Sie fragt danach, was Dinge, Bewusstsein und Welt grundsätzlich sind. Sartres Untertitel „Versuch einer phänomenologischen Ontologie“ bedeutet: Vom Phänomen, also vom Erscheinen her, soll nach dem Sein gefragt werden. Sartres Methode heißt regressive Analyse. Sie beginnt bei konkreten Phänomenen wie Sprache, Angst oder Freiheit und fragt nach den notwendigen Strukturen, die solche Phänomene möglich machen.
Grundbegriffe
Sartre unterscheidet zwei grundlegende Seinsbereiche: das An-sich-sein und das Für-sich-sein. Das An-sich-sein ist das Sein der Dinge. Es ist genau das, was es ist. Sartre fasst es in drei Aussagen: „Das Sein ist an sich“; „das Sein ist das, was es ist“; „das Sein ist“. Das An-sich ist unabhängig von einem Bewusstsein, nicht im Werden begriffen und ohne Bezug zu Möglichkeit, Notwendigkeit, Grund oder Bedeutung.
Das Für-sich-sein bezeichnet das Bewusstsein und damit die Existenzform des Menschen. Es ist nicht einfach mit sich identisch wie ein Ding. Sartre formuliert: Der Mensch ist ein Sein, „das nicht ist, was es ist und das ist, was es nicht ist“. Damit ist gemeint: Der Mensch ist nicht nur durch das festgelegt, was er faktisch ist, sondern bezieht sich immer auch auf Möglichkeiten.
Wichtig ist auch das präreflexive cogito. Bewusstsein ist nach Husserl immer Bewusstsein von etwas. Sartre ergänzt: Bevor ich ausdrücklich über mich nachdenke, gibt es bereits ein nicht setzendes, präreflexives Bewusstsein. Wenn ich zähle und gefragt werde, was ich tue, kann ich antworten: „Zählen!“. Also muss ich schon vor der Reflexion eine Art Bewusstsein meines Tuns gehabt haben.
Faktizität und Transzendenz sind zwei Strukturmomente des Für-sich-seins. Faktizität meint die gegebenen Bedingungen des Menschen: Herkunft, Nation, Körper und Epoche. Transzendenz meint die Fähigkeit, über das Gegebene hinauszugehen. Ein Mensch hat einen Körper und eine Situation, kann sich aber zu diesen Bedingungen verhalten. Deshalb bleibt er für seine Wahl verantwortlich.
Freiheit, Nichts und Selbstlüge
Das Nichts ist bei Sartre kein bloßes Fehlen, sondern ein konstitutives Moment menschlichen Seins. Es kommt durch das Für-sich-sein in die Welt. Das Für-sich ist nicht einfach, was es ist, sondern hat zu sein, was es ist. Darin liegt der Ursprung der Verneinung. Der Mensch kann Abstand nehmen, verneinen, Möglichkeiten sehen und sich anders entwerfen.
Daraus ergibt sich Sartres berühmte Vorstellung einer „Verurteilung zur Freiheit“. Der Mensch kann seiner Freiheit nicht entkommen, auch wenn er sie leugnet. Er wählt sich selbst innerhalb einer Situation, aber diese Situation hebt seine Verantwortung nicht auf.
Ein wichtiges Beispiel ist die Unaufrichtigkeit, französisch „mauvaise foi“, auch Selbstlüge genannt. Sartre vergleicht sie mit der Lüge. In einer normalen Lüge gibt es einen Lügner, einen Belogenen und den Gegenstand der Lüge, also die Wahrheit oder vermeintliche Wahrheit. Bei der Selbstlüge müssen diese Rollen in einer Person zusammenfallen. Sartres Frage lautet daher: Was muss der Mensch in seinem Sein sein, damit Selbstlüge möglich ist? Die Antwort hängt mit der Doppelstruktur von Faktizität und Transzendenz zusammen: Der Mensch kann sich auf feste Tatsachen reduzieren oder seine Möglichkeiten verleugnen, obwohl er beides nicht vollständig loswird.
Der Andere und der Blick
Im dritten Teil untersucht Sartre das Für-andere-sein, also die Bedeutung anderer Menschen für das eigene Selbst. Ausgangspunkt ist das Problem der Fremdexistenz: Wie kann ich wissen, dass der andere Mensch wirklich ein Mensch ist wie ich? Sartre meint, dass Idealismus und Realismus dieses Problem nicht überzeugend lösen. Auch Husserl, Hegel und Heidegger bleiben für ihn zu sehr auf der Ebene der Erkenntnis. Sartre setzt tiefer an: bei der konkreten Erfahrung des Anderen.
Berühmt ist seine Analyse des Blicks. Sartre unterscheidet zwei Haltungen: Ich kann den Anderen als Objekt betrachten, oder ich kann erleben, dass der Andere mich als Objekt betrachtet. Im Blick des Anderen erfahre ich den Anderen als Freiheit, die mich zum Objekt macht. Dadurch bekomme ich eine Außenseite, die ich selbst nicht kontrollieren kann.
Scham zeigt dieses Verhältnis besonders deutlich. Wenn es einen Anderen gibt, habe ich für ihn ein Außen; ich werde zu etwas, das gesehen und beurteilt werden kann. Sartre schreibt sinngemäß: Die Scham ist, wie der Stolz, die Wahrnehmung meiner selbst als Natur, obwohl mir diese Natur entgeht. Der Andere gibt mir also in gewisser Weise Sein, entzieht es aber zugleich meiner Verfügung.
Beziehungen, Handeln und Wirkung
Sartre beschreibt die konkreten Beziehungen zum Anderen als grundsätzlich konflikthaft und instabil. Dazu gehören Liebe, Sprache, Masochismus, Gleichgültigkeit, Begierde, Hass und Sadismus. In der Liebe will der Liebende, dass der Andere ihn frei liebt. Gleichzeitig soll diese Freiheit sich binden. Darin liegt der Widerspruch: Man will von einer Freiheit geliebt werden und verlangt zugleich, dass diese Freiheit nicht mehr frei sei. Deshalb scheitert Liebe bei Sartre immer wieder an der Spannung zwischen Freiheit und Aneignung.
Im vierten Teil, „Haben, Machen und Sein“, verbindet Sartre Handeln mit Freiheit und Situation. Handeln ist nur denkbar, weil der Mensch frei ist; Freiheit ist aber immer Freiheit in einer bestimmten Situation. Daraus folgt die Verantwortlichkeit des Menschen für sein Tun. Sartre grenzt sich vom aristotelischen Modell ab, das menschliches Handeln auf das Gute und das Glück als Ziel bezieht. Für Sartre gibt es kein vorgegebenes Wesen, aus dem solche Ziele folgen. Der Mensch setzt Werte selbst.
Die Wirkungsgeschichte des Werkes ist zwiespältig. Es wurde durch die Mode des Existentialismus nach dem Zweiten Weltkrieg sehr bekannt, ist aber ein streng fachphilosophisches und schwer zugängliches Werk. Die Einleitung ist für das Verständnis zentral, weil dort die Grundelemente von Sartres phänomenologischer Ontologie entwickelt werden. Die Kritik kommt einerseits aus der analytischen Philosophie gegen phänomenologische Ontologie überhaupt, andererseits richtet sie sich gegen methodische und inhaltliche Einzelpunkte bei Sartre.