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Montessoripädagogik
Die Studie der Montessori-Vereinigung sieht Vorteile in den Fächern Mathematik und Deutsch bei den Montessori-Schülern. Für die Vergleichsstudie wurden …
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Grundidee und Lernverständnis
Die Montessoripädagogik ist ein von Maria Montessori (1870–1952) ab 1907 entwickeltes Bildungskonzept für die Zeit vom Kleinkind bis zum jungen Erwachsenen. Es wird besonders in Montessori-Schulen angewandt. Im Mittelpunkt steht das Kind als „Baumeister seines Selbst“. Der Grundsatz „Hilf mir, es selbst zu tun“ beschreibt, dass Kinder möglichst selbstständig lernen und Erwachsene sie dabei unterstützen.
Kinder sollen in einer vorbereiteten Lernumgebung frei arbeiten können. Sie wählen, soweit es ihrem Entwicklungsstand entspricht, Thema, Arbeitstempo, Wiederholungen, Materialien und Arbeitspartner selbst. Die Methode verbindet diese Freiarbeit mit genauer Beobachtung: Lehrkräfte sollen Interessen und Entwicklungsbedürfnisse erkennen und passende Lernangebote machen. Belohnungen und Strafen gelten nach Montessori als schädlich für die innere Haltung; Lernen soll aus eigener Motivation entstehen.
Ziel ist die Freude am Lernen sowie die Entwicklung zu freien, verantwortlichen und engagierten Erwachsenen. Selbstständigkeit wird unter anderem durch Übungen des täglichen Lebens gefördert. Lernen kann auch außerhalb eines vorgesehenen Materials stattfinden, etwa wenn ein Kind mathematische Erfahrungen beim Messen oder beim Bau einer Maschine macht.
Entwicklung und sensible Phasen
Montessori gliedert die Entwicklung in drei Abschnitte: das erste Kindheitsstadium von 0 bis 6 Jahren, das zweite Kindheitsstadium von 6 bis 12 Jahren und das Jugendalter von 12 bis 18 Jahren. Die erste und die dritte Phase werden jeweils nochmals in dreijährige Unterphasen geteilt.
Die Jahre von 0 bis 6 gelten als besonders prägend. Persönlichkeit und Fähigkeiten bilden sich aus; Montessori beschreibt diese Zeit als zweite embryonale Wachstumsphase von Geist und Psyche. Das Alter von 3 bis 6 Jahren dient der Weiterentwicklung intellektueller, motorischer und sozialer Funktionen. Montessori verwendet dabei den Begriff Mneme für die Fähigkeit, Erfahrungen zu speichern; solche Engramme seien weitgehend irreversibel.
Von 6 bis 12 Jahren sieht Montessori eine stabile Phase. Das Jugendalter von 12 bis 18 Jahren sei dagegen von starken körperlichen und psychischen Veränderungen geprägt. Jugendliche brauchen nach Montessori Schutz, Selbstvertrauen, Würde, soziale Beziehungen, Anerkennung und Möglichkeiten, Verantwortung zu übernehmen. Sie schlug vorbereitete ländliche Gemeinschaften vor, in denen sie abstrakt lernen, praktisch arbeiten und ihren Lebensunterhalt mitverdienen können.
Sensible oder sensitive Perioden sind Zeiten besonderer Empfänglichkeit für Umwelteindrücke, etwa für Bewegung, Sprache oder soziale Aspekte. Trifft eine Tätigkeit genau ein Bedürfnis, kann eine tiefe Konzentration entstehen: die Polarisation der Aufmerksamkeit. Montessori nennt die dadurch mögliche Entfaltung positiver Anlagen „Normalisation“; unangemessene Behandlung durch Erwachsene könne dagegen zu „Deviationen“ führen. Lernen soll deshalb über die Sinne beginnen: Greifen und Be-greifen bilden eine Einheit.
Lernumgebung, Material und Erwachsene
Die vorbereitete Umgebung richtet sich nach Entwicklungsstand und gesellschaftlicher Umgebung des Kindes. Sie soll schrittweise Unabhängigkeit ermöglichen. Kindgerechte Möbel können von Kindern getragen werden; dies fördert Motorik und Rücksichtnahme. Materialien stehen übersichtlich, attraktiv und hochwertig bereit. Die äußere Ordnung soll Orientierung geben und zu innerer Ordnung beitragen.
Montessori-Material ist Entwicklungsmaterial, nicht bloß Anschauungsmaterial. Kinder handeln zunächst konkret mit Gegenständen und erschließen anschließend deren Bedeutung und abstraktere Strukturen. Diese Entwicklung vom Konkreten zum Abstrakten heißt „materialisierte Abstraktion“. Das goldene Perlenmaterial kann beispielsweise das Dezimalsystem erfahrbar machen; eine einzelne Perle und ein Block aus 1000 Perlen vermitteln Größen von 1 und 1000 sinnlich.
Im Kinderhaus für 3- bis 6-Jährige gibt es Material für Übungen des täglichen Lebens, Sinneserfahrungen, Mathematik, Sprache und kosmische Erziehung; auch Tier- und Pflanzenpflege gehören dazu. Für 6- bis 12-Jährige gewinnen kulturgeschichtliche Themen sowie physikalische und chemische Experimente an Bedeutung. Materialgestütztes Arbeiten nimmt ab, während selbstständige Recherche in Büchern und anderen Medien sowie Exkursionen zunehmen.
Material steht frei zugänglich in Greifhöhe und ist jeweils nur einmal vorhanden. Dies soll Wertschätzung und Rücksichtnahme fördern. Der Erwachsene führt ein Kind bei festgestelltem Interesse in das Material ein, oft mit einer Drei-Stufen-Lektion, und zieht sich danach zurück. Er ist Helfer und Beobachter, nicht derjenige, der den Erkenntnisprozess übernimmt. Der individuelle Lehrplan orientiert sich an den sensiblen Phasen und Interessen des Kindes.
Kosmische Erziehung
Die Kosmische Erziehung ist das Modell der Montessoripädagogik für 6- bis 12-Jährige. Maria und Mario Montessori entwickelten es insbesondere während ihrer Zeit in Indien. Es geht von der Vorstellung aus, dass der Mensch als Mikrokosmos Teil eines größeren Ganzen, des Makrokosmos, ist. Alles habe sich entwickelt und sei miteinander vernetzt.
Der Mensch verändert Natur zu Kultur und soll seine besondere Verantwortung bewusst wahrnehmen, ohne auf Kosten anderer zu handeln. Große und kleine kosmische Erzählungen behandeln beispielsweise die Entstehung des Universums, die Entwicklung der Erde und des Lebens, Menschen, Zahlen, Schrift und Technik. Die Inhalte werden nicht nach einzelnen Fächern unterrichtet, sondern als universaler Lehrplan innerhalb der Freien Arbeit. Einige von Mario Montessori in den 1950er und 1960er Jahren formulierte Große Erzählungen greifen auch ein Gottesbild auf; wie zeitgemäße Große Erzählungen gestaltet werden sollen, wird diskutiert.
Verbreitung, Forschung und Kritik
Aus der ersten Casa dei Bambini, die Montessori ab 1907 in San Lorenzo in Rom leitete, entwickelte sich ein weltweit verbreiteter Ansatz. In Deutschland arbeiten über 600 Krippen und Kitas nach Montessori-Prinzipien; Ende 2012 gab es 225 Montessori-Grund- und 156 Montessori-Sekundarschulen. Weltweit bestanden laut „Global Diffusion of Montessori Schools“ (Journal of Montessori Research, 2022, Band 8, Ausgabe 2) in 154 Ländern etwa 15.700 Montessori-Institutionen. Integration und Inklusion sowie gemeinsames Lernen in altersgemischten Gruppen sind heute in vielen Einrichtungen wichtig.
Die wissenschaftliche Bewertung ist nicht einheitlich. Kritiker beanstanden eine unzureichende historische Einbettung von Montessoris Arbeiten, ihre Nähe zu Positivismus, evolutionären und biologischen Konzepten sowie Sozialeugenik. Helmut Lukesch hält ihre entwicklungspsychologischen und pädagogisch-psychologischen Aussagen für nicht vereinbar mit dem heutigen Wissensstand; Erwin Hufnagel kritisiert eine fehlende wissenschaftliche Systematik. Auch die Selbstbezeichnungen „wissenschaftlich“, „experimentell“ und „naturwissenschaftlich“ werden von Kritikern als rhetorische Floskeln bewertet. Sabine Seichter verortet einen geistigen Ursprung der Pädagogik in rassistischem sowie naturalistisch-eugenischem Denken.
Es gibt auch Untersuchungen zur Anwendung: Gottfried Biewer beobachtete Anfang der 1990er Jahre eine Klasse mit geistig behinderten Schülern über ein Schuljahr und hielt den Ansatz für diese Gruppe für anwendbar. Eine 2004 an VERA 2004 angelehnte Untersuchung der deutschen Montessori-Vereinigung sah bei Viertklässlern Vorteile in Mathematik und Deutsch. Ihre Aussagekraft wird jedoch angezweifelt, weil die Schulen ihre eigenen Schüler korrigierten und bewerteten. Die Milwaukee-Studie „The early years: Evaluating Montessori Education“ von 2005 wurde am 29. September 2006 in Science veröffentlicht. Eine Studie von 2005 an einer öffentlichen Montessorischule in Buffalo unterstützte nicht die Hypothese höherer akademischer Leistungen durch den Besuch einer Montessori-Schule.