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Hadith

Die große Bedeutung der Hadithe im Islam ergibt sich daraus, dass die Handlungsweise (Sunna) des Propheten normativen Charakter besitzt und nach dem Koran die …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff, Aufbau und Bedeutung
  2. 2. Warum und wie Hadithe geprüft werden
  3. 3. Überlieferung, Sammlungen und Kanon
  4. 4. Überlieferer, Auslegung und besondere Hadithe
  5. 5. Moderne Kritik und westliche Forschung

Begriff, Aufbau und Bedeutung

Ein Hadith (arabisch ḥadīṯ: „Erzählung, Bericht, Mitteilung, Überlieferung“) ist eine Überlieferung über Aussprüche und Handlungen des Propheten Mohammed sowie über Aussagen oder Handlungen Dritter, die er stillschweigend gebilligt haben soll. „Hadith“ kann einen einzelnen Bericht oder die Gesamtheit der Überlieferungen meinen. Hadithe sind wichtig, weil die Sunna, die Handlungsweise des Propheten, normativen Charakter besitzt und nach dem Koran die zweite Quelle der islamischen Normenlehre, des Fiqh, ist. Sie sollen späteren Generationen ermöglichen, sich über die Sunna zu informieren; ihre Erforschung gehört daher zu den zentralen islamischen Religionswissenschaften.

Ein Hadith hat zwei Teile: den matn, also den eigentlichen Inhalt, und den Isnād, die vorangestellte Kette der Überlieferer. Der Isnād führt die Überlieferung in zeitlicher Folge bis zur Zeit Mohammeds zurück; das letzte Glied soll ein Prophetengefährte (Sahāba) sein, der als Zeuge zitiert wird. Der Hadith ist eine besondere Form des Chabar, einer durch Gewährsleute verbürgten Nachricht über religiöse oder weltliche Ereignisse. Der Begriff Athar bezeichnet vor allem Überlieferungen von Prophetengefährten, denen in der Jurisprudenz ebenfalls normative Bedeutung zukommen kann.

Der Ausdruck hadith erscheint auch im Koran als Bezeichnung für Gottes Offenbarung, etwa in Sure 39, Vers 23. In der Tradition wird dazu kalām („Rede, Aussage“) verwendet: Die beste Rede sei Gottes Rede, die beste Leitung die Leitung Mohammeds.

Warum und wie Hadithe geprüft werden

Hadith-Kritik entstand unter anderem, weil quṣṣāṣ, als „Geschichtenerzähler“ bezeichnete Personen, angebliche Überlieferungen verbreiteten. Teilweise nutzten sie gefälschte Überliefererketten, um Geld zu erhalten, häretische Lehren zu verbreiten oder Menschen zu einem frommen Leben zu ermahnen. Deshalb sollten Inhalt, Überlieferungskette und die Personen in der Kette auf ihre Zuverlässigkeit geprüft werden. Als Beispiel für einen möglicherweise täuschend glaubwürdigen Zusatz nennt der Text den Satz: „Es wird keinen Propheten nach mir geben, es sei denn, Gott will.“ Dem steht Sure 33, Vers 40 gegenüber, nach der Mohammed „das Siegel der Propheten“ beziehungsweise „der letzte der Propheten“ ist.

Nach der Zahl der Überlieferer unterscheidet man meist mutawātira und aḥādīya; die hanafitische Rechtsschule kennt außerdem mašhūra. Mutawātira sind zu jeder Zeit von so vielen Personen überliefert worden, dass Fälschung durch Zufall oder Absprache unmöglich oder sehr unwahrscheinlich sein soll. Die nötige Zahl ist allerdings nicht genau festgelegt und wurde unterschiedlich beurteilt. Aḥādīya, auch ḫabar al-wāḥid („Nachricht des Einzelnen“), werden entlang der gesamten Kette nur von einer oder zwei Personen berichtet. Viele Rechtstheoretiker der vier sunnitischen Lehrrichtungen billigten ihnen Beweiskraft zu, wenn die Umma sie durch Beglaubigung oder Ausführung akzeptiert hat; einige Gelehrte lehnten dies ab. Mašhūra waren zunächst Einzelüberlieferungen, fanden später aber größere Verbreitung und Akzeptanz in der Umma; ihr Status wechselt damit von aḥād zu mutawātir.

Die formale Einteilung nach dem Isnād besagt zunächst nichts über die Wahrheit des Inhalts. Musnad und muttasil bezeichnen eine lückenlose, kontinuierliche Kette bis zu einem Gefährten; als Form heißt dies marfūʿ, auf den Propheten zurückgeführt. Bei mursal fehlt der Prophetengefährte oder wird als direkter Vermittler nicht anerkannt. Munqaṭiʿ bedeutet, dass an einer anderen Stelle ein Vermittler fehlt; die Form heißt maqṭūʿ. Bei muʿḍil oder muʿallaq fehlen zwei oder mehr Vermittler oder sie werden absichtlich nicht genannt. Jeder muʿḍil ist damit munqaṭiʿ, aber nicht jeder munqaṭiʿ muʿḍil.

Nach Authentizität gelten ṣaḥīḥ als authentisch und ḥasan als allgemein akzeptierte, normativ verwendbare Traditionen. ḍaʿīf bedeutet „schwach“: Ahmad ibn Hanbal wollte solche Hadithe in bestimmten Fällen vor dem Analogieschluss Qiyās anwenden, doch diese Ansicht setzte sich in der Hadithkritik nicht durch; ein schwacher Hadith ist im Fiqh kein Argument (ḥuǧǧa). Nach an-Nawawī darf ein schwacher Hadith ohne Isnād nicht als sicheres Prophetenwort formuliert werden, sondern nur etwa mit „es wird über ihn überliefert“. Mauḍūʿ bezeichnet einen gefälschten Hadith, bei dem matn und Isnād erfunden sind. Ein mutawātir-Hadith gilt als authentisch, wenn er zugleich über mehrere glaubwürdige Ketten auf den Propheten zurückgeht.

Überlieferung, Sammlungen und Kanon

Hadithe wurden zunächst überwiegend mündlich weitergegeben. Wahrscheinlich im Zweiten Bürgerkrieg von 680–692 n. Chr. trat der Isnād als neues Phänomen auf. Vollständige Ketten wurden erst nach dem zweiten islamischen Jahrhundert besonders wichtig, um Texte zu sichern. Muslimische Quellen verbinden frühe Sammlungen mit dem umaiyadischen Kalifen ʿUmar ibn ʿAbd al-ʿAzīz, Abū Bakr ibn Hazm und Ibn Schihāb az-Zuhrī, gestorben 741/2. Frühe Aufzeichnungen hießen Ṣaḥīfa („Schriftrolle“) oder Dschuzʾ („kleines Heft“); die erhaltenen Abschriften der auf das 7. und 8. Jahrhundert zurückgeführten Sammlungen entstanden allerdings etwa 500 Jahre später. Außerkoranische Papyrusschriften reichen bis ins frühe 8. Jahrhundert zurück. Die schriftliche Fixierung war in der Frühzeit auch umstritten, obwohl ʿAbdallāh ibn ʿAmr Mohammeds Aussprüche nach dessen Erlaubnis bereits zu dessen Lebzeiten notiert haben soll.

Musannaf-Werke ordnen Hadithe nach Sachthemen, etwa Reinheit, Gebet, Pilgerfahrt, Ehe, Scheidung sowie Vertrags- und Kaufrecht. Sunan-Werke sind eine Untergruppe und konzentrieren sich besonders auf Regeln des Alltags. Der Muwattā von Mālik ibn Anas steht diesem Typ nahe, kann aber auch als Rechtscorpus der medinensischen Schule verstanden werden, da er längere juristische Abschnitte und Raʾy, also Meinung, enthält. At-Tirmidhīs fünfbändiges Werk hebt sich durch kritische Hinweise zu Isnāden und durch die Nennung der Ansichten von Rechtsschulen hervor.

Musnad-Werke sind dagegen nach den Gefährten Mohammeds geordnet, die in den Isnāden als direkte Überlieferer auftreten; auch anonyme Gefährten können darin erscheinen. Eine Besonderheit des Musnad von Ahmad ibn Hanbal ist, dass sein letzter Band Mohammeds Frauen und weitere Frauen nennt, die vom Propheten überliefern konnten.

Seit dem 11. Jahrhundert erhielten bestimmte Sammlungen im sunnitischen Islam kanonischen Rang. Die beiden Sammlungen mit „gesunden“ Hadithen von al-Buchārī und Muslim ibn al-Haddschādsch bilden zusammen mit den vier Sunan-Werken von Ibn Mādscha, Abū Dāwūd as-Sidschistānī, at-Tirmidhī und an-Nasāʾī die sechs Bücher des klassischen sunnitischen Kanons. Bei den Zwölfer-Schiiten wurden vier Bücher zu kanonischen Traditionssammlungen erhoben. Spätere Zawāʾid-Werke ergänzten die sechs Bücher um weitere Hadithe. Daneben wurden thematische Vierziger-Sammlungen beliebt; an-Nawawīs Sammlung enthält vor allem moralische Hadithe, und seine Riyad as-Salihin dient moralisch-erzieherischen Zwecken.

Überlieferer, Auslegung und besondere Hadithe

Die ʿIlm ar-ridschāl, die „Wissenschaft über die Männer“, untersucht nicht hauptsächlich Texte oder die äußere Form der Ketten, sondern die Lebensumstände und wissenschaftlichen Fähigkeiten der Überlieferer. Sie wurde schon in der zweiten Hälfte des 2. muslimischen Jahrhunderts, also Ende des 8. Jahrhunderts, zur Grundlage der Hadithkritik. Die daraus entstandenen kutub ar-ridschāl enthalten Lebensläufe, Kontakte zu Gelehrten und kritische Urteile. Besonders wichtig war das Lehrer-Schüler-Verhältnis, weil sich dadurch Quellen, schriftliche Aufzeichnungen und Zuverlässigkeit kontrollieren ließen.

Positive Urteile über Tradenten sind thiqa („glaubwürdig, zuverlässig“), mutqin („genau“), ḥuǧǧa („beweiskräftig“), ʿadl („gerecht, korrekt“) und ḥasan al-hadith („guter Überlieferer von Hadithen“). Negative Urteile sind ḍaʿīf („schwach, nicht glaubwürdig“), kaḏḏāb („Lügner“) und sāriq al-hadith („Hadith-Dieb“). Ein mudallis verfälscht Isnāde, indem er schwache Überlieferer durch glaubwürdige ersetzt. Hadithe mit schwachen Überlieferern gelten als verpönt; ihre Namen und Überlieferungen wurden in Büchern über schwache Traditionare gesammelt.

Weitere Fachgebiete behandeln scheinbare Widersprüche zwischen Hadithen oder erklären seltene und schwierige Wörter. Die philologischen, häufig alphabetischen Sammlungen heißen ġarīb al-ḥadīṯ; sie nutzen neben sprachlichen Erklärungen auch arabische Poesie als Beleg für Wortgebrauch und Bedeutung. Ibn as-Salāhs Muqaddima, entstanden von 1181 bis 1245, gilt bis heute als Standardwerk der Hadithkritik.

Der überwiegende Teil der Hadithe gilt als nabawī, also prophetischen Ursprungs. Ein Hadīth qudsī („heiliger Hadith“) wird dagegen als unmittelbar göttlichen Ursprungs angesehen, gibt Gottes Worte aber nur sinngemäß und durch Mohammed weiter, nicht wortwörtlich wie der Koran. Er kann durch Inspiration (ilham) oder Traum entstehen und ist von der Koranoffenbarung (wahy), dem reinen Gotteswort nach muslimischem Glauben, unterschieden. Seine Ablehnung führt nicht wie die Ablehnung der Offenbarung zum Vorwurf des Unglaubens; außerdem darf er nicht im Ritualgebet gesprochen werden. Die ersten Sammlungen dieser Traditionen stammen erst aus dem 13. und 15. Jahrhundert.

Moderne Kritik und westliche Forschung

Moderne muslimische Kritik richtet sich teils gegen einzelne Überlieferungen, teils gegen die grundsätzliche Stellung der Hadithe. Muhammad Nāsir ad-Dīn al-Albānī (1914–1999) beanstandete bei rund zwei Dutzend Hadithen in Muslims Sammlung mangelhafte Gewährsmännerketten und lehnte den Gebrauch schwacher Hadithe grundsätzlich ab. Koranisten wie Rashad Khalifa, Kassim Ahmad und Edip Yüksel verwerfen Hadithe vollständig als Grundlagentexte. Sie begründen dies damit, dass der Koran nicht auffordere, Hadithe als zweite theologische Quelle anzunehmen. Aufforderungen, Gott und dem Gesandten zu gehorchen, etwa in 3:132 und 4:69, deuten sie als Aufforderung, dem durch Mohammed übermittelten Koran zu folgen.

In der westlichen Forschung waren Ignaz Goldzihers Muhammedanische Studien von 1889–1890 ein frühes Grundlagenwerk. Arent Jan Wensinck schuf ab den 1930er Jahren eine Konkordanz zum Auffinden von Hadithen in den großen sechs Sammlungen sowie bei Mālik ibn Anas und Ibn Hanbal. Joseph Schacht und besonders Gautier H. A. Juynboll untersuchten Isnāde kritisch. Juynboll beschrieb häufig das Muster eines zunächst einzigen Überlieferungsstrangs vom Propheten bis zu einem Common-Link-Überlieferer; erst von diesem „Knotenpunkt“ aus verzweigt sich die Kette zu einem Bundle. Je stärker diese Verzweigung, desto wahrscheinlicher sei nach Juynboll die Rückführung auf den Common Link. Die Historizität des davorliegenden Teils der Kette stellte er in Frage.

Harald Motzki kritisierte die Skepsis von Schacht und Juynboll gegenüber muslimischen Überlieferern als übertrieben und arbeitete mit einer breiteren Textbasis, besonders mit dem elfändigen Musannaf von ʿAbd ar-Razzāq ibn Hammām, erstmals 1970 in Beirut ediert. Umstritten bleibt der genaue Zeitpunkt schriftlicher Fixierung und Sammlung von matn und Isnād. Als wahrscheinlich gilt heute, dass schon im ersten muslimischen Jahrhundert, dem 7. Jahrhundert n. Chr., Prophetentraditionen nach mündlicher Weitergabe in kleinen Schriftrollen oder Heften notiert wurden; über deren Inhalte sagen die frühen Nachrichten jedoch nur wenig Verwertbares aus.

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