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Matthias Schmelzer (Historiker)

Schmelzer ist ein international anerkannter Experte für Degrowth sowie die sozial-ökologische Transformation. Als Aktivist ist er bei der Gruppe Scientist …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Tätigkeit
  2. 2. Werdegang und Wachstumsparadigma
  3. 3. Wachstumskritik, Degrowth und fossile Mentalitäten
  4. 4. Klimapolitisches Engagement und Veröffentlichungen

Überblick und Tätigkeit

Matthias Schmelzer (* 1983) ist ein deutscher Wirtschaftshistoriker, Transformationsforscher, Hochschullehrer und Klimaaktivist. Er gilt als international anerkannter Experte für Degrowth und sozial-ökologische Transformation. Seit November 2024 ist er Professor für sozial-ökologische Transformationsforschung an der Europa-Universität Flensburg und leitet dort außerdem das Norbert Elias Center for Transformation Design & Research.

Sozial-ökologische Transformation bezeichnet Veränderungen von Wirtschaft und Gesellschaft, die ökologische Krisen berücksichtigen und zugleich soziale Fragen einbeziehen. Degrowth beziehungsweise Postwachstum steht für die Kritik daran, Wirtschaftswachstum als oberstes gesellschaftliches Ziel zu behandeln. Schmelzers Arbeit verbindet die Geschichte des Wachstumsdenkens mit Untersuchungen zu gegenwärtigen Bewegungen und möglichen Veränderungen hin zu einer postfossilen Gesellschaft.

Werdegang und Wachstumsparadigma

Schmelzer machte 2001 sein Abitur an der Freien Waldorfschule Heidelberg. Von 2003 bis 2008 studierte er Geschichte, Politikwissenschaft und Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie Soziologie, Wirtschaftsgeschichte und Development Studies an der University of California, Berkeley. 2013 promovierte er an der Europa-Universität Viadrina mit der Dissertation The Hegemony of Growth. The OECD and the Making of the Economic Growth Paradigm.

Die darauf beruhende Studie untersucht, wie die OECD nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges dazu beitrug, dass Wirtschaftswachstum zum bestimmenden Ziel staatlicher Wirtschaftspolitik wurde. Nach Schmelzers Darstellung verbreitete die OECD besonders in jüngerer Zeit auch das Narrativ, Wirtschaftswachstum und Klimaschutz seien miteinander vereinbar.

Nach der Promotion arbeitete Schmelzer von 2013 bis 2015 an der Universität Genf und von 2015 bis 2016 an der Universität Zürich. Von 2015 bis 2019 war er Fellow des DFG-Kollegs „Postwachstumsgesellschaften“ an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und anschließend dort bis 2023 wissenschaftlicher Mitarbeiter. Im Herbst 2023 übernahm er eine Vertretungsprofessur in Flensburg; seit November 2024 hat er die Professur dauerhaft inne. Im Februar und März 2025 war er Fellow am The New Institute und arbeitete dort unter anderem mit Kohei Saito zusammen.

Wachstumskritik, Degrowth und fossile Mentalitäten

Schmelzer gehörte zu den ersten Forschenden, die sich empirisch mit der ab 2014 auch in Deutschland aufkommenden wachstumskritischen Bewegung beschäftigten. Im Atlas der Globalisierung von 2015 unterschied er fünf Strömungen:

  • Konservative Wachstumskritik fordert einen Abbau des Sozialstaats, weil Bürger über ihre Verhältnisse lebten.
  • Sozialreformerische Wachstumskritik fordert die Abkehr vom Wachstumsparadigma, um der ökologischen Krise zu begegnen.
  • Suffizienzorientierte Wachstumskritik verlangt weitreichenden Konsumverzicht. Suffizienz bedeutet, weniger Ressourcen zu verbrauchen; diese Richtung hält eine Entkopplung von Ressourcenverbrauch und Bruttoinlandsprodukt (BIP) für nicht erreichbar.
  • Kapitalismuskritische Wachstumskritik will vor allem Eigentumsverhältnisse verändern, um globale Gerechtigkeit zu fördern.
  • Feministische Wachstumskritik lehnt dauerhaftes Wachstum ab, weil es zu einer Care-Krise führe. Damit ist eine Krise der Sorge- und Pflegearbeit gemeint, die gesellschaftliche Reproduktion gefährde.

Mit dem Soziologen Dennis Eversberg befragte Schmelzer Teilnehmende der Internationalen Degrowth-Konferenz 2014 zu ihren Motiven für eine Postwachstumsgesellschaft. Die Untersuchung stellte Konfliktpunkte innerhalb der Bewegung fest, aber auch gemeinsame Grundüberzeugungen: Industrienationen müssten künftig ökonomisch schrumpfen, um eine weitere Eskalation des Klimawandels zu verhindern; außerdem verstehe sich die Bewegung als feministisch, pazifistisch und radikaldemokratisch.

2019 veröffentlichten Schmelzer und Andrea Vetter den deutschsprachigen Übersichtsband Degrowth/Postwachstum zur Einführung. Darin steht unter anderem die strukturelle Wachstumsabhängigkeit zentraler Institutionen wie Arbeitsmarkt, Rentensystem und Banken im Mittelpunkt.

Neuere Arbeiten fragen, wie die jahrzehntelange Nutzung fossiler Brennstoffe die Vorstellungen der Bevölkerung in Industrienationen geprägt hat. Schmelzer und Mitautorinnen und Mitautoren vertreten die These, dass sich „fossile Mentalitäten“ herausgebildet hätten: Weltbilder, in denen ein unbegrenzter Zugriff auf Energie als selbstverständlich erscheint. Eine sozial-ökologische Transformation setze deshalb auch postfossile Mentalitäten voraus.

Klimapolitisches Engagement und Veröffentlichungen

Neben der Forschung ist Schmelzer aktivistisch tätig. Er war Mitorganisator der Internationalen Degrowth-Konferenz 2014 in Leipzig und ist bei Scientist Rebellion aktiv. Er hält die gegenwärtigen Politiken der Länder des globalen Nordens für nicht ausreichend, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, und fordert einen radikalen Kurswechsel in reicheren Ländern.

Nach seiner Auffassung ist ziviler Ungehorsam legitim, um einen grundlegenden Politikwechsel zu erreichen. Im Herbst 2022 beteiligte er sich mit Scientist Rebellion an einer Besetzung des deutschen Finanzministeriums. Die Gruppe verlangte gemeinsam mit anderen Klimagruppen einen Schuldenschnitt für Länder des globalen Südens: Diese seien besonders stark von Klimawandelfolgen betroffen, während Staaten des globalen Nordens die Hauptverantwortung für die Krise trügen. Nach eigener Aussage beteiligte sich Schmelzer auch an Protestaktionen von Ende Gelände und Am Boden bleiben.

Schmelzer erklärte zudem, es gebe gegenwärtig keine Mehrheiten für wirksame Klimapolitik. Klimapolitik müsse daher zugleich Sozialpolitik sein und Menschen mit geringem Einkommen entlasten. Als Beispiele nannte er ein Maximaleinkommen, mehr Umverteilung und kostenfreien Nahverkehr.

Zu seinen wichtigen Veröffentlichungen zählen The Hegemony of Growth (2016), Degrowth/Postwachstum zur Einführung (2019, mit Andrea Vetter), The Future is Degrowth (2022, mit Andrea Vetter und Aaron Vansintjan) sowie Der neue sozial-ökologische Klassenkonflikt (2024, mit Dennis Eversberg, Martin Fritz und Linda von Faber). Im Film Der laute Frühling (Labournet.tv, 2024, 62 Minuten) ist er mit Interview-Beiträgen vertreten.

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