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Massaker von Babyn Jar
Das Massaker von Babyn Jar war ein nationalsozialistisches Massenverbrechen während des Zweiten Weltkriegs. Am 29./30.
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Bedeutung und Vorgeschichte
Das Massaker von Babyn Jar war ein nationalsozialistisches Massenverbrechen während des Zweiten Weltkriegs. Am 29. und 30. September 1941 ermordeten Einsatzgruppen der deutschen Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD) im Tal Babyn Jar am Stadtrand von Kiew 33.771 jüdische Männer, Frauen und Kinder. Es gilt als das größte einzelne Massaker an der jüdischen Bevölkerung während des Holocaust. Die Morde wurden überwiegend von Angehörigen des SD und Polizeieinheiten ausgeführt; die Wehrmacht leistete organisatorische und logistische Unterstützung.
Mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 begann ein rassenideologischer Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen den „jüdischen Bolschewismus“. Einsatzgruppen führten im rückwärtigen Frontgebiet systematische Massenerschießungen durch. Wegen dieser Form des Mordes wird auch vom „Holocaust durch Kugeln“ gesprochen. Der industrielle Massenmord in Gaskammern der Vernichtungslager begann dagegen erst im Frühjahr 1942 mit der „Aktion Reinhardt“.
Die deutsche Heeresgruppe Süd eroberte Kiew am 19. September 1941. Vor dem deutschen Überfall lebten dort etwa 220.000 jüdische Einwohner. Als die Wehrmacht vorrückte, floh oder evakuierte ein großer Teil der Bevölkerung, darunter etwa zwei Drittel der jüdischen Einwohner. Von den ungefähr 50.000 zurückgebliebenen Juden waren viele ältere Männer, Frauen und Kinder, weil junge Männer zur Roten Armee eingezogen worden waren.
Kiew stand unter dem Besatzungsrecht des XXIX. Armeekorps unter General Hans von Obstfelder. Generalmajor Kurt Eberhard, Chef der Feldkommandantur 195, wurde Stadtkommandant. Babyn Jar, deutsch „Weiberschlucht“, war damals eine 2,5 Kilometer lange und bis zu 30 Meter tiefe Schlucht in einem Nebental des Potschajna, außerhalb der Stadt und nahe dem jüdischen Friedhof.
Ablauf des Massakers und weitere Opfer
Am 20. September 1941 explodierte in der Kiewer Zitadelle eine vom sowjetischen Geheimdienst NKWD gelegte Zeitzündermine. Ab dem 24. September folgten weitere Bombenanschläge und Brände in Gebäuden deutscher Besatzungsstellen. Dabei starben neben Einheimischen auch deutsche Soldaten. Am 26. September berieten Kurt Eberhard, der Höhere SS- und Polizeiführer Friedrich Jeckeln, der Befehlshaber der Einsatzgruppe C Otto Rasch und der Kommandeur des Sonderkommandos 4a Paul Blobel über „Vergeltungsmaßnahmen“. Sie beschlossen, einen Großteil der Kiewer Juden zu ermorden: mindestens 50.000 Menschen aus einer auf bis zu 150.000 Personen geschätzten jüdischen Gemeinde. Die Mordaktion sollte als „Evakuierungsaktion der Juden“ getarnt werden. Generalfeldmarschall Walter von Reichenau forcierte sie persönlich.
Am 28. September wurden Jüdinnen und Juden in russischer, ukrainischer und deutscher Sprache aufgefordert, sich am nächsten Morgen mit Dokumenten, Geld, Wertgegenständen, warmer Kleidung und Wäsche am westlichen Stadtrand einzufinden. Wer nicht erscheine, werde erschossen. Mehr als 30.000 Menschen folgten der Aufforderung, weil der Eindruck einer Umsiedlung oder Evakuierung erweckt wurde. Wehrmachtssoldaten halfen, das Gelände abzusperren und zu sichern.
Die Menschen wurden in Gruppen nach Babyn Jar getrieben, mussten ihr Gepäck abgeben und sich entkleiden. Sie wurden in die Schlucht geführt, mussten sich mit dem Gesicht zum Boden auf die bereits erschossenen Menschen legen und wurden nach dem „Einsatzbefehl der Einsatzgruppe Nr. 101“ mit Maschinengewehren und Maschinenpistolen getötet. Die Leichen wurden mit Sand und Geröll bedeckt. Pioniere der Wehrmacht sprengten die Ränder der Schlucht, um Spuren zu beseitigen; dabei wurden angeschossene Überlebende lebendig begraben. Laut einer Ereignismeldung der SS-Einsatzgruppe C wurden innerhalb von 36 Stunden 33.771 Juden ermordet. Zeugenaussagen berichten außerdem von sexueller Gewalt gegen Frauen vor den Erschießungen.
Beteiligt waren das Sonderkommando 4a unter Paul Blobel, die Einsatzgruppe C, das Polizeibataillon 303, die Geheime Feldpolizei, ukrainische Hilfspolizisten und die Wehrmacht. Die Beteiligung der sogenannten „Bukowiner Kurin“ ist umstritten: Karel C. Berkhoff nennt sie als mögliche Beteiligte, Vitaly Nachmanovytsch widerspricht mit dem Hinweis, sie sei frühestens Anfang November in Kiew eingetroffen. Auch die genaue Zahl beteiligter ukrainischer Hilfspolizisten lässt sich wegen undifferenzierter Quellenangaben nicht sicher bestimmen.
Babyn Jar blieb bis Herbst 1943 eine Tötungsstätte. Dort wurden Tausende Juden und Nichtjuden ermordet, darunter Patienten einer psychiatrischen Einrichtung, Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene und Zivilisten. Im April 1942 errichteten die Besatzer wenige hundert Meter entfernt das Konzentrationslager Syrez. Dort waren sowjetische Kriegsgefangene, Partisanen, Juden und Überlebende der Massenerschießungen inhaftiert; von 10.000 Häftlingen starb mehr als die Hälfte. Insgesamt werden für die Tötungen in Babyn Jar unterschiedliche Opferzahlen von 150.000 bis 200.000 genannt.
Vertuschung und juristische Aufarbeitung
Beim Rückzug aus der Sowjetunion sollten die Spuren der deutschen Verbrechen beseitigt werden. Im Juli 1943 kehrte Paul Blobel als Verantwortlicher des Sonderkommandos 1005 nach Babyn Jar zurück und befahl die sogenannte „Enterdungsaktion“. 327 Gefangene aus dem KZ Syrez mussten unter Bewachung von zehn SD-Männern und 30 deutschen Polizisten in vier Wochen etwa 40.000 bis 45.000 Leichen aus den Massengräbern ausgraben. Die Toten wurden auf Scheiterhaufen aus mit Benzin getränkten Eisenbahnschwellen verbrannt; Knochenreste wurden in einer Knochenmühle zu Staub zermahlen. Den Opfern wurden nachträglich Wertgegenstände abgenommen. Anschließend erschoss man die Zwangsarbeiter als Mitwisser. Einige entkamen und berichteten nach dem Krieg über die Verbrennungen.
Nach der Befreiung Kiews Anfang November 1943 untersuchten sowjetische Behörden die Verbrechen. Im Januar 1946 wurden im Kriegsverbrecherprozess von Kiew fünfzehn Deutsche angeklagt. Babyn Jar konnte ihnen nicht unmittelbar zur Last gelegt werden, wurde aber ausführlich behandelt, um die deutsche Besatzungspolitik zu charakterisieren. Das Massaker war auch ein Anklagepunkt in den Nürnberger Nachfolgeprozessen. Paul Blobel wurde im Einsatzgruppen-Prozess wegen des Mordes an 60.000 Personen, darunter den Opfern von Babyn Jar, zum Tode verurteilt und am 7. Juni 1951 in Landsberg gehängt.
1968 verurteilte das Landgericht Darmstadt im Callsen-Prozess sieben Mitglieder des Sonderkommandos 4a zu Zuchthausstrafen. 1971 wurde im Regensburger Prozess der Polizeimajor und SS-Sturmbannführer Engelbert Kreuzer wegen Beihilfe zum Massenmord von Babyn Jar zu sieben Jahren Haft verurteilt. Verfahren gegen andere Beschuldigte wurden wegen attestierter Verhandlungsunfähigkeit eingestellt oder unterbrochen. Kein Wehrmachtsoffizier, der an Vorbereitung, Durchführung oder Vertuschung beteiligt war, musste sich vor Gericht verantworten.
Sowjetischer Umgang und Gedenken
In der Sowjetunion blieb das Massaker lange Zeit in der breiteren Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Die Regierung verschwieg oder veränderte die Erinnerung daran und vermied besonders den Hinweis, dass fast ausschließlich Juden ermordet worden waren. Eine sowjetische Pressemitteilung vom 19. November 1941 hatte die Opfer noch als ausschließlich jüdisch bezeichnet. Der offizielle Bericht vom Februar 1944 sprach dagegen nur von „sowjetischen Bürgern“. Das von Wassili Grossman und Ilja Ehrenburg herausgegebene Schwarzbuch über den Mord an den Juden wurde zensiert beziehungsweise nicht ausgeliefert; auch die Beteiligung von Kollaborateuren sollte unerwähnt bleiben.
1957 wurde ein Denkmal erwogen, doch das ukrainische Zentralkomitee entschied zunächst, den Ort möglicherweise mit einem Sportstadion zu überbauen. Nach Protesten wurde ein Park mit Denkmal angekündigt, aber die Pläne wurden nicht weiterverfolgt. Stattdessen pumpte man ab 1960 Schlamm und Wasser in die Schlucht. Am 13. März 1961 brach der Damm; nach Angaben der New York Times starben 145 Menschen. Mitte der 1960er Jahre wurde der jüdische Friedhof eingeebnet, um einen Fernsehturm zu errichten. Ab 1966 fanden geduldete Gedenkmärsche statt. Das 1976 eingeweihte Denkmal erwähnte nicht, dass die Opfer vor allem Juden waren, sondern sprach von „Bürgern der Stadt Kiew“ und „Kriegsgefangenen“.
Am 29. September 1991 wurde das jüdische Denkmal „Menorah“ im Park Babyn Jar öffentlich übergeben. Später entstanden weitere Denkmale, unter anderem für Juden, Roma, Insassen des KZ Syrez, ukrainische Nationalisten und die Opfer der Schlamm lawine von Kureniwka. Der Historiker Andrej Kotljarchuk bezeichnete die konkurrierenden Erinnerungen als „Opferkonkurrenz“.
Bei der Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag am 6. Oktober 2021 in Kiew nahmen Wolodymyr Selenskyj, Jitzchak Herzog und Frank-Walter Steinmeier teil. Steinmeier verband die Erinnerung an die deutschen Verbrechen mit einer Warnung vor Hass, Nationalismus, Antisemitismus und Rassenwahn. Bei seinem Besuch in Babyn Jar am 12. und 13. September 1995 gedachte der israelische Ministerpräsident Jitzchak Rabin der ermordeten Kiewer Juden und der zerstörten jüdischen Welt.
Literatur, Film und öffentliche Erinnerung
Das Massaker wurde in Literatur, Musik, Film, Ausstellungen und Hörspielen verarbeitet. Zum 20. Jahrestag schrieb Jewgeni Jewtuschenko das Gedicht „Babyn Jar“. Es erinnerte erstmals in der Sowjetunion öffentlich an den Massenmord an den Kiewer Juden und verband die Anklage gegen die deutsche Tat mit der sowjetischen Verweigerung eines jüdischen Gedenkens. Das Gedicht erschien am 13. September 1961 in der Zeitschrift Literaturnaja gaseta. Dmitri Schostakowitsch vertonte es 1962 als ersten Satz seiner 13. Sinfonie in b-Moll op. 113; die Uraufführung fand am 18. Dezember 1962 im Moskauer Tschaikowsky-Konservatorium statt.
Bereits 1944 hatte Ilja Ehrenburg ein Gedicht über Babyn Jar verfasst. Anatoli Kusnezow schilderte das Massaker im Dokumentar-Roman „Babyn Jar – Die Schlucht des Leids“ anhand eigener Nähe zum Geschehen und von Überlebendenberichten. Weitere literarische Darstellungen finden sich unter anderem in „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell, in Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“ und in Natascha Wodins Roman „Nastjas Tränen“ aus dem Jahr 2021.
Zu den filmischen Darstellungen gehören zwei Folgen der Miniserie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“ von 1979, die Fortsetzung „Feuersturm und Asche“ von 1995, „Babij Jar – Das vergessene Verbrechen“ von 2003 und Sergei Losnizas Dokumentation „Babyn Jar. Kontext“ von 2021. Eine Ausstellung über Massenerschießungen im Holocaust war 2016/2017 in der Berliner Topographie des Terrors zu sehen. 2023 wurde außerdem das zweiteilige Dokumentarhörspiel „Babyn Jar“ von Fabian von Freier und Andreas von Westphalen ausgestrahlt.