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Marxistische Philosophie
Religionskritik. Bearbeiten. Die Kritik der Religion ist für Marx „die Voraussetzung aller Kritik“. Die Aufgabe der Philosophie muss die Emanzipation …
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Grundidee und philosophische Praxis
Marxistische Philosophie umfasst die philosophischen Annahmen von Karl Marx und Friedrich Engels sowie spätere Konzeptionen, die sich auf sie berufen. Ob sie als eigenständige Philosophie gilt, ist umstritten: Benedetto Croce meinte, Marx wolle Philosophieren durch praktische Tätigkeit ersetzen; Antonio Gramsci verteidigte die Bezeichnung, weil auch die Negation von Philosophie philosophisch erfolge. Leszek Kołakowski verstand den Marxismus vor allem als „philosophisches Projekt“, das durch ökonomische Analyse und politische Lehre präzisiert werde.
Der Artikel beschreibt Marx’ Denken als eng verknüpfte Sicht auf Mensch und Welt, Geschichts- und Wirtschaftstheorie sowie politisches Programm. Marx entwickelte seine Ansätze nicht als geschlossenes System. Er analysierte vor allem die kapitalistische Gesellschaft und die politische Ökonomie, deutete deren Zustände aber als Ergebnisse materialistisch-dialektischer Entwicklungsgesetze. Engels fasste Marx’ zentrale Entdeckungen so zusammen: Die jeweilige Produktion materieller Lebensmittel und ökonomische Entwicklungsstufe bilden die Grundlage, aus der Staat, Recht, Kunst und Religion erklärt werden; außerdem entdeckte Marx das Bewegungsgesetz der kapitalistischen Produktionsweise, insbesondere den Mehrwert.
Wichtige Anregungen kamen von Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Ludwig Feuerbach. Von Hegel übernahm Marx Dialektik, Entfremdung, die Bedeutung der Arbeit und die Auffassung, der Mensch sei ein gesellschaftliches Wesen. Marx wandte sich jedoch gegen Hegels Vorstellung eines „absoluten“ Geistes als Träger der Geschichte: Mensch und Natur sollen die wirklichen Subjekte der Geschichte sein. Feuerbachs Religionskritik und sein Ausgangspunkt beim Menschen beeinflussten Marx ebenfalls. Marx kritisierte aber, Feuerbach betrachte den Menschen zu sehr als abstraktes Individuum statt als Wesen konkreter gesellschaftlicher Verhältnisse.
Philosophie soll für Marx nicht bei der Auslegung der Welt stehen bleiben, sondern zu ihrer Veränderung beitragen. In der elften Feuerbachthese fordert er, die Welt zu verändern. Theorie ist damit eine geistige Waffe für die Emanzipation, besonders für das Proletariat; ihre Verwirklichung bedeutet zugleich, dass reine Philosophie in Praxis übergeht. Marxistische Philosophie ist nach Karl Korsch Kritik der bürgerlichen Philosophie auf Grundlage materialistischer Dialektik und zum Zweck des Klassenkampfs.
Mensch, Religion und gesellschaftliche Freiheit
Arbeit ist für Marx das „sich bewährende Wesen des Menschen“. Sie ist eine sinnlich-gegenständliche Tätigkeit: Menschen bearbeiten Naturstoffe, um Bedürfnisse zu befriedigen. Dabei verändert sich der Gegenstand, aber auch der arbeitende Mensch, der seine Fähigkeiten entfaltet und sich im Produkt vergegenständlicht. Bedürfnisse sind nicht nur materiell; der Mensch selbst ist für Marx das „erste und letzte Bedürfnis“. Mensch und Natur bilden deshalb eine Einheit: Der Mensch ist Teil der Natur, und im Produkt verbindet sich Arbeit mit ihrem Gegenstand.
Der Mensch ist zugleich wesentlich gesellschaftlich. Sein Wesen ist „das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“. Gesellschaft ist dabei keine selbständige Macht über den Individuen, sondern die Summe ihrer Beziehungen und Verhältnisse. Freiheit entsteht nach Marx nicht durch Absonderung, sondern erst in der Gemeinschaft, weil Menschen dort ihre Anlagen entwickeln können. Sie verwirklicht sich konkret auch in produktiver Tätigkeit, wenn Menschen eigene Zwecke setzen. In der bürgerlichen Gesellschaft erscheint Freiheit dagegen vor allem als negative Freiheit: als Schutzraum des isolierten Einzelnen gegenüber anderen. Die „freie Konkurrenz“ befreit nach Marx nicht die Individuen, sondern setzt das Kapital frei.
Religionskritik ist für Marx „die Voraussetzung aller Kritik“. Wie Feuerbach versteht er Religion als Entfremdung, also als Zustand, in dem menschliche Kräfte als fremde Macht erscheinen. Marx sucht ihre Ursache jedoch nicht primär im religiösen Bedürfnis, sondern in einer „verkehrten Welt“ von Staat und Gesellschaft. Die Forderung lautet daher nicht nur, Illusionen aufzugeben, sondern einen Zustand zu verändern, der Illusionen benötigt. Religionskritik wird so zur Kritik von Recht und Politik.
Politische Emanzipation bedeutet die Gewährung von Menschen- und Bürgerrechten; sie beseitigt religiöse Vorrechte des Staates, verändert aber nicht notwendig private Lebensführung oder religiöses Bewusstsein. Menschliche Emanzipation wäre erst erreicht, wenn Menschen ihre gesellschaftliche Kraft nicht mehr als getrennte politische Macht gegenüber sich haben. Im Kapitalismus vergleicht Marx die Mittlerrolle des Geldes mit der von Christus: Geld vermittelt Beziehungen, wird aber zum Fetisch und beherrscht seine Urheber. Erst eine freie Vergesellschaftung mit bewusster, planmäßiger Kontrolle der Produktion könne den „religiösen Widerschein der wirklichen Welt“ überwinden.
Klassen, Bewusstsein und kapitalistische Ökonomie
Nach Marx sind Gesellschaften seit der Urgesellschaft in Klassen gegliedert. Objektiv gehören Menschen zu einer Klasse durch gemeinsame ökonomische Existenzbedingungen, Lebensweise, Interessen und Bildung. Zur handlungsfähigen Klasse wird sie erst mit Klassenbewusstsein. Die Geschichte seit der Auflösung des Gemeinbesitzes am Boden sei deshalb eine Geschichte von Klassenkämpfen: Der Konflikt zwischen herrschender und beherrschter Klasse treibe geschichtliche Entwicklung an. Marx und Engels erwarten, dass das Proletariat die Bourgeoisie revolutionär beseitigt und über eine Diktatur des Proletariats der Übergang zur klassenlosen Gesellschaft erfolgt.
Arbeitsteilung und Privateigentum gelten als zusammenhängend: „Teilung der Arbeit und Privateigentum“ seien identische Ausdrücke. Arbeit, Genuss, Produktion und Konsumtion fallen dadurch verschiedenen Menschen zu; ungleiche Verteilung und Tauschhandel entstehen. In der bürgerlichen Gesellschaft treten Menschen vor allem als Eigentümer von Tauschwerten einander gegenüber. Geld ersetzt dabei nach Marx menschliche Beziehungen durch „nacktes Interesse“ und „bare Zahlung“.
Die Basis-Überbau-These besagt: Nicht das Bewusstsein bestimmt das gesellschaftliche Sein, sondern das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein. Die materielle Produktion und Reproduktion des Lebens bildet die Basis. Zum Überbau zählen unter anderem Religion, Familie, Staat, Recht, Moral, Wissenschaft und Kunst. Marx und Engels räumten eine wechselseitige Beeinflussung von Basis und Überbau ein, hielten aber die ökonomischen Verhältnisse „in letzter Instanz“ für entscheidend. Ideologie oder „falsches Bewusstsein“ liegt vor, wenn Menschen die gesellschaftliche Bedingtheit ihrer Vorstellungen verkennen und etwa bürgerliche Freiheit, Recht oder Moral für ewige Natur- und Vernunftgesetze halten. Die herrschende Klasse kann ihre Gedanken zu den herrschenden Gedanken machen. Das klassenbewusste Proletariat habe laut Marx und Engels kein auf Besitzprivilegien gerichtetes falsches Bewusstsein mehr.
Marx unterscheidet an jeder Ware Gebrauchswert und Tauschwert. Gebrauchswert ist ihre Fähigkeit, Bedürfnisse zu befriedigen; Tauschwert ist ihr quantitatives Austauschverhältnis mit anderen Waren. Eine Sache wird erst Ware, wenn sie für den Austausch produziert wird. Den Wert bestimmt Marx durch Arbeit, genauer durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit: die durchschnittlich erforderliche Zeit unter bestimmten Produktionsbedingungen und Fähigkeiten. Konkrete Arbeit erzeugt Gebrauchswerte, abstrakte Arbeit den Tauschwert. Geld ist die Ware, die im Markt als allgemeiner Wertmesser hervortritt.
Warenfetischismus bezeichnet die Täuschung, Tauschwert sei eine natürliche Eigenschaft der Dinge. Tatsächlich erscheinen gesellschaftliche Beziehungen von Produzenten als Beziehungen von Sachen; Menschen werden von ihren Produkten beherrscht. Verdinglichung meint die Umwandlung von Gegenständen und menschlicher Arbeitskraft in „Dinge“, während der Tauschwert den Gebrauchswert verdrängt. Ausbeutung entsteht, weil die Arbeitskraft mehr Tauschwert erzeugt, als für ihre Produktion und Reproduktion nötig ist. Diese Differenz heißt Mehrwert. Der Arbeiter verkauft seine Arbeitskraft an den Kapitalisten und arbeitet nach dessen Plan; Produkt und Produktionsmittel gehören nicht ihm. Damit wird der Arbeiter nach Marx zur Ware beziehungsweise Sache degradiert.
Geschichte, Dialektik und Kommunismus
Der historische Materialismus ist die marxistische Geschichtsauffassung. Geschichte wird als gesetzmäßiger, aber von Menschen hervorgebrachter Prozess verstanden. Marx und Engels wenden sich gegen Hegels Vorstellung, eine „Idee“ gestalte die Geschichte. Zugleich sehen sie den Ablauf durch materielle Bedingungen geprägt: durch überlieferte Verhaltensweisen, vorhandene Produktivkräfte und das Streben nach Existenzerhaltung. Produktivkräfte sind einerseits Arbeitsproduktivität, andererseits erworbene menschliche Fähigkeiten. Historische Konflikte entstehen nach Marx und Engels aus dem Widerspruch zwischen Produktivkräften und Verkehrsform beziehungsweise Produktionsverhältnissen. Einzelereignisse können zufällig sein, werden jedoch in den allgemeinen Entwicklungsgang eingeordnet.
Die Dialektik beschreibt Entwicklung durch Widersprüche. Im Kapitalismus ist der entscheidende Gegensatz der zwischen Privateigentum beziehungsweise Reichtum und Proletariat. Beide Seiten bedingen einander. Das Proletariat entwickelt sich vom Proletariat „an sich“ zum Proletariat „für sich“, wenn es seine Lage erkennt und klassenbewusst handelt. Sein Sieg soll nicht seine eigene dauerhafte Herrschaft bedeuten: Indem es das Privateigentum aufhebt, hebt es nach dieser Vorstellung auch sich selbst als Klasse und den Gegensatz auf.
Ziel dieser Entwicklung ist die kommunistische Gesellschaft. Sie setzt einen hohen Entwicklungsstand der Produktivkräfte voraus; ohne ihn würde nach Marx und Engels nur der Mangel verallgemeinert. Mit der Aufhebung des Privateigentums sollen Selbstentfremdung, Klassen, die Trennung geistiger und körperlicher Arbeit sowie die Unterordnung unter eine feste Arbeitsteilung verschwinden. Arbeit werde dann „selbst das erste Lebensbedürfnis“. Als Formel einer höheren Phase nennt Marx: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ Menschen sollen verschiedene Tätigkeiten ausüben können, statt auf eine gesellschaftliche Detailfunktion beschränkt zu sein.
Auch der Staat soll in einer Gesellschaft freier und gleicher Assoziation der Produzenten verschwinden; übrig blieben einfache Verwaltungsfunktionen statt staatlicher Gewalt. Der Kommunismus soll außerdem ein neues Verhältnis von Mensch und Natur ermöglichen, in dem Natur nicht bloß als Nutzungs- oder Tauschobjekt erscheint. Marx deutet den Sinn der Geschichte als Bewegung durch Entfremdung und Klassenkampf auf dieses Ziel hin. Dabei bleibt Fortschritt ambivalent: Elend und Tod können nach dieser Sicht Bedingungen späterer Entwicklung sein.
Engels weitete den Ansatz zu einer allgemeinen materialistischen Erkenntnis- und Naturlehre aus. Materie ist für ihn die „wirkliche Einheit der Welt“; ihre wesentliche Eigenschaft ist Bewegung, verstanden als Veränderung überhaupt. Die Dialektik der Natur umfasst drei Gesetze: die Durchdringung der Gegensätze, den Umschlag von Quantität in Qualität und die Negation der Negation. Das zweite Gesetz erläutert Engels etwa durch Aggregatzustände: Bestimmte Temperaturänderungen führen zu qualitativen Veränderungen. Denken ist für Engels Produkt des menschlichen Hirns und von der Außenwelt abhängig; Erfahrung ist der Ausgangspunkt von Erkenntnis.
Wirkungsgeschichte und Kritik
Marxistisches Denken wirkte zunächst in der Arbeiterbewegung und wurde durch Lenin und Stalin zur Doktrin der Kommunistischen Partei ausgearbeitet. Lenin zufolge kann die Arbeiterklasse aus eigener Kraft nur gewerkschaftliches Bewusstsein entwickeln; wissenschaftliches Klassenbewusstsein müssten Intellektuelle vermitteln. Er verlangte die Zerschlagung des bürgerlichen Staatsapparats und eine von der Kommunistischen Partei geführte Diktatur des Proletariats. Stalin prägte später den Marxismus-Leninismus, erhob den Dialektischen und Historischen Materialismus 1938 zur Staatsdoktrin und vertrat den Aufbau des Sozialismus in einem Land. Der Artikel bezeichnet seine Schreckensherrschaft auf dieser Grundlage als Stalinismus.
Andere Richtungen unterschieden sich davon. Der Austromarxismus wollte historische Materialismus, parlamentarische Demokratie und Mehrheitsherrschaft mit sozialer Revolution verbinden. Neomarxismus entstand nach dem Ersten Weltkrieg als Kritik an sozialdemokratischen und sowjetkommunistischen Auslegungen und bezog besonders die frühen Schriften von Marx ein. Die Frankfurter Schule entwickelte eine kritische Theorie der Gesellschaft und kritisierte auch die UdSSR; sie analysierte technologische und bürokratische Zwänge sowie „instrumentelle Vernunft“. Gramsci verstand Marxismus als „Philosophie der Praxis“. Maoismus verlagerte in unterentwickelten Gesellschaften den Träger der Revolution auf das ländliche Proletariat und nahm an, der Klassenkampf könne sich nach der Errichtung der Diktatur des Proletariats noch verschärfen.
Die wissenschaftstheoretische Kritik, insbesondere von Karl Popper, bezeichnet Marxismus als Pseudowissenschaft, wenn er nach fehlgeschlagenen Vorhersagen durch Immunisierungsmechanismen gegen Widerlegung geschützt werde. Albert Camus bestritt seinen Wissenschaftsanspruch ebenfalls und kritisierte einen „wissenschaftlichen Messianismus“. Joseph Maria Bocheński sah Marxismus als auf Klassikertexte gestützten Glauben und Dogma. Rupert Lay beanstandete einen Selbstwiderspruch: Wenn jede Philosophie vom ökonomischen Überbau bestimmt sei, müsse dies auch für die marxistische Theorie gelten.
Weitere Kritik richtet sich gegen die Religionskritik, das Menschenbild, Werttheorie und Geschichtsphilosophie. Aus christlicher Sicht beziehe sich Marx vor allem auf entstellte Religionsformen und übersehe etwa Liebe und Opfer. Kritiker werfen dem Marxismus vor, den gegenwärtigen Einzelnen zugunsten einer „Zukunftsmenschheit“ zu vernachlässigen sowie Leid, Tod, Schuld und das Böse unzureichend zu berücksichtigen. Popper hielt die Arbeitswerttheorie für metaphysisch und entbehrlich; Angebot und Nachfrage genügten seiner Ansicht nach zur Erklärung von Preisen. Gegen den historischen Materialismus wird eingewandt, objektive Geschichtsgesetze seien wissenschaftlich nicht gesichert, Ökonomie werde überbetont und Politik sowie Ideen würden unterschätzt. Kritiker bezeichnen das kommunistische Ziel als unbelegte Utopie. Popper kritisierte zudem dialektischen und historischen Materialismus als mögliche Grundlage einer „geschlossenen Gesellschaft“, während Lay bezweifelte, dass komplexe Wirklichkeit und nichtmaterielle Phänomene auf Materie zurückgeführt werden können.