Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Marx’ Geldtheorie
Wesen und Funktionen des Geldes · Ware und allgemeines Äquivalent · Maß der Werte und Maßstab der Preise · Zirkulationsmittel · Wertaufbewahrungsmittel und …
Inhalt5 Abschnitte
Kern der Theorie
Marx’ Geldtheorie bezeichnet seine Auffassungen über Entstehung, Wesen, Funktionen, Umlauf und Gesetze von Metall- und Papiergeld sowie über Unterschiede zwischen Kredit- und Papiergeld. Sie ist eng mit seiner Werttheorie verbunden: Geld wird nicht als bloßes technisches Hilfsmittel verstanden, sondern als besondere Form, in der der Wert der Waren sichtbar wird.
Ausgangspunkt ist die Ware als Einheit von Gebrauchswert und Wert. Gebrauchswert bedeutet, dass ein Gegenstand ein Bedürfnis befriedigt. Wert bedeutet bei Marx ein gesellschaftliches Verhältnis zwischen Warenproduzenten, das auf Arbeit beruht. Dieser Wert muss eine Erscheinungsform erhalten. Der Preis ist der Geldausdruck des Werts. Geld ist deshalb für Marx die äußere Gestalt des Warenwerts und zugleich Ausdruck eines gesellschaftlichen Produktionsverhältnisses.
Marx sieht Geld als endogen und nicht neutral: Der Warenumlauf bestimmt den Geldumlauf. In der einfachen Form verkaufen Menschen Ware gegen Geld und kaufen damit andere Ware: W-G-W. Geld entsteht also nicht einfach durch staatlichen Beschluss oder bloße Vereinbarung, sondern aus der Entwicklung des Warentauschs und der Wertformen.
Wert, Arbeit und Geldentstehung
Nach der Arbeitswerttheorie beruht der Wert einer Ware auf abstrakter Arbeit, gemessen in Arbeitszeit. Wichtig ist nicht die individuelle Arbeitszeit eines einzelnen Produzenten, sondern die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, die unter normalen Bedingungen zur Herstellung einer Ware erforderlich ist. Der Tauschwert ist die Form, in der dieser Wert erscheint; auf einer entwickelten Stufe geht diese Form in Geld über.
Marx beschreibt die Geldentstehung als logisch-historische Entwicklung. In der einfachen, einzelnen oder zufälligen Wertform wird der Wert einer Ware in einer anderen Ware ausgedrückt, etwa: 1 Axt = 20 kg Korn. Die Axt steht in relativer Wertform, das Korn in Äquivalentform. Dabei geht es zunächst um Wertausdruck, nicht bloß um tatsächlichen Tausch.
In der totalen oder entfalteten Wertform kann eine Ware ihren Wert in vielen anderen Waren ausdrücken. Das erleichtert zwar den Vergleich, bleibt aber unübersichtlich, weil kein gemeinsamer Bezugspunkt existiert. In der allgemeinen Wertform drücken alle Waren ihren Wert in einer besonderen Ware aus. Diese Ware wird allgemeines Äquivalent: Sie ist gesellschaftlich anerkannt und gegen andere Waren austauschbar. Historisch konnten dafür verschiedene Güter dienen, etwa Vieh, Werkzeuge, Muscheln, Salz, Tee, Tabak, Metalle oder andere begehrte und haltbare Gegenstände.
Die Geldform entsteht, wenn die Rolle des allgemeinen Äquivalents dauerhaft auf eine bestimmte Ware übergeht, vor allem Gold und Silber. Gold eignet sich laut Marx besonders, weil es haltbar, teilbar, wertvoll in kleinen Mengen, qualitativ gleichartig und leicht transportierbar ist. Damit verdoppelt sich die Warenwelt in Ware und Geld. Verkauf und Kauf können zeitlich auseinanderfallen, wodurch nach Marx auch die erste abstrakte Möglichkeit einer Absatzkrise entsteht.
Geldfetisch und Funktionen
Der Geldfetisch ist die Zuspitzung des Warenfetischismus. Damit meint Marx, dass gesellschaftliche Beziehungen zwischen Produzenten als Beziehungen zwischen Dingen erscheinen. Es wirkt so, als hätten Waren oder Gold von Natur aus besondere gesellschaftliche Macht. Tatsächlich beruht diese Macht für Marx darauf, dass Geld abstrakte, gesellschaftlich anerkannte Arbeit verkörpert und als allgemeines Äquivalent gesellschaftliche Beziehungen vermittelt.
Das Wesen des Geldes verwirklicht sich in seinen Funktionen. Marx nennt vor allem: Maß der Werte und Maßstab der Preise, Zirkulationsmittel, Wertaufbewahrungsmittel beziehungsweise Schatz und Geldreserve, Zahlungsmittel und Weltgeld. Diese Funktionen hängen zusammen.
Als Maß der Werte misst Geld den Wert der Waren und verwandelt ihn ideell in Preise. Dafür muss Geld nach Marx selbst Wert haben oder Wert repräsentieren. Der Maßstab der Preise ist davon zu unterscheiden: Er misst bestimmte Mengen des Geldmaterials, etwa Goldgewichte, und wird staatlich festgelegt. Als Zirkulationsmittel vermittelt Geld den Austausch: Aus direktem Tausch W-W wird Verkauf W-G und Kauf G-W. In dieser Funktion kann Geld durch Zeichen, Münzen oder Papiergeld vertreten werden. Als Wertaufbewahrungsmittel muss es Werthaltigkeit besitzen; Geld kann aus der Zirkulation herausfallen und als Schatz oder Reserve dienen. Als Zahlungsmittel tritt Geld auf, wenn Ware und Zahlung zeitlich auseinanderfallen, etwa beim Kreditkauf. Dadurch entstehen Gläubiger und Schuldner sowie eine zweite abstrakte Möglichkeit von Krisen. Als Weltgeld übernimmt Geld seine Funktionen auf dem Weltmarkt; historisch trat es dabei besonders als Gold auf, später auch über Devisen und internationale Kreditformen.
Geldumlaufgesetz
Das einfache Geldumlaufgesetz fragt, wie viel Geld für die Warenzirkulation nötig ist. Wenn jede Geldeinheit nur einmal verwendet wird, muss die Geldmenge der Preissumme des Güterangebots entsprechen. Wird eine Geldeinheit mehrfach verwendet, sinkt die nötige Geldmenge. Die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes ersetzt also Menge. Die einfache Formel lautet: M = QP ÷ V. Dabei ist M die Geldmenge, Q die Gütermenge oder das Handelsvolumen, P das Preisniveau und V die Geldumlaufgeschwindigkeit.
Marx wendet sich gegen die Vorstellung, die Warenpreise würden einfach durch die Geldmenge bestimmt. Er steht näher bei der Banking-Theorie von Thomas Tooke und John Fullarton als bei der Currency-Theorie. Nach der Banking-Interpretation sind Preisniveau und Handelsvolumen der Ausgangspunkt; die Geldmenge passt sich dem Bedarf der Wirtschaft an. Die Currency-Interpretation sieht dagegen die zahlungswirksame Geldmenge als Ursache der Preissumme.
Das erweiterte Geldumlaufgesetz berücksichtigt zusätzlich die Funktion des Geldes als Zahlungsmittel. Dann zählen nicht nur die Preise der aktuell zirkulierenden Waren, sondern auch fällige Zahlungen aus früheren Perioden, künftige Zahlungen, sich gegenseitig aufhebende Forderungen und Vorschüsse. Die präzisierte Gleichung lautet: MV = QP + fZV - fZN - AZ + VS. Dabei bedeutet fZV fällige Zahlungen für Leistungen aus Vorperioden, fZN künftig fällige Zahlungen für Leistungen der aktuellen Periode, AZ sich ausgleichende Zahlungen und VS Vorschüsse.
Kritik und Kontroversen
Die Marxsche Geldtheorie ist umstritten. Kritiker behaupten, Marx habe keine geschlossene Geldtheorie entwickelt oder sei hinter Ricardo zurückgefallen. Andere lehnen die Verbindung von Arbeitswerttheorie und Geld grundsätzlich ab. In nominalistischen Theorien gilt Geld eher als Produkt des Staates oder der Rechtsordnung. Georg Friedrich Knapp und John M. Keynes werden in diesem Zusammenhang genannt. In neuerer Zeit wird die Modern Monetary Theory erwähnt, nach der der Staat Geld weitgehend aus dem Nichts schaffen könne. Dagegen kritisieren Autoren wie Georg Quaas, Stephan Krüger, Ingo Stützle und Klaus Müller, dass Geld nicht von realen Ressourcen, Arbeit, Wert und Kapitalverwertung abgekoppelt werden könne.
Auch innerhalb marxistischer Debatten gibt es Streit. Helmut Reichelt, Hans-Georg Backhaus, Michael Heinrich und andere bezweifeln oder verändern die Bedeutung der Wertformanalyse. Strittig ist, ob Marx damit eine historische Entstehung des Geldes erklären wollte oder vor allem eine logische Analyse des Geldbegriffs lieferte. Weitere Einwände betreffen die Frage, ob es vor dem Geld bedeutenden Tausch gab und ob Geld eher aus Tausch oder aus Kreditbeziehungen hervorging.
Umstritten bleibt außerdem die Rolle von Gold. Manche marxistische Autoren meinen, Gold sei trotz Ende der juristischen Bindung nationaler Währungen an Gold weiterhin Geldware oder letzte Sicherheit, auch wegen der weltweiten Zentralbankreserven von etwa 30 000 bis 35 000 Tonnen. Andere halten Zentralbanknoten selbst für echtes Geld oder sehen das moderne Geld als Zeichen abstrakter Arbeit. Ebenfalls diskutiert wird, wie Geld heute die Wertmaßfunktion erfüllt, wenn Waren mit Geldzeichen statt mit Gold ausgepreist werden.